Jablinski | SECRET | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Jablinski SECRET

Die Geschichte vom Einhandsegler, Katzen und Schmetterlingen ...
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95765-826-5
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Geschichte vom Einhandsegler, Katzen und Schmetterlingen ...

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-95765-826-5
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Josephine ist eine obdachlose Porträtzeichnerin und entpuppt sich als blinde Passagierin auf Peters Jacht, als dieser sich von Split aus auf den Weg ins Ionische Meer macht. Peter akzeptiert Josephines Anwesenheit und gemeinsam befahren sie das östliche Mittelmeer, besuchen Inseln wie Kreta, Rhodos und Zypern. Im Laufe der Zeit öffnen sie sich einander und erzählen sich ihre Lebensgeschichten, die große Ähnlichkeiten aufweisen und doch völlig unterschiedlich zu erzählen sind. Und am Ende der Reise landen sie auf Malta ... Die Geschichte vom Verlust geliebter Menschen, von Obdachlosigkeit und dem Kontrast zwischen arm und reich ist schließlich auch die Geschichte einer Liebe zwischen zwei Menschen - und zum Meer.

Anke Jablinski wurde 1962 in Berlin geboren und ist seit 1980 in vielen Bereichen künstlerisch tätig. Neben vielen anderen Auslandsreisen reiste sie 1987 nach Malta, ein Land, das in den kommenden dreißig Jahren zu ihrer zweiten Heimat wurde. In den Jahren 1987 bis 2010 bewanderte sie den maltesischen Archipel exzessiv, hielt in Deutschland Vorträge über Malta und gab Lesungen. Sie lernte an der Universität von Bremen Malti, die maltesische Sprache, initiierte 2015 die erste deutsch-maltesische Kulturwoche in Berlin und gründete ein T-Shirt-Label mit selbst entworfenen Motiven der Inselgruppe. Heute betreibt sie einen Onlinehandel mit Produkten aus Malta, und schreibt und malt, wenn sie Malta und Gozo besucht. Anke Jablinski ist Mitglied der Deutsch-Maltesischen Gesellschaft und erhielt nach ihrem fünfzigsten Aufenthalt auf Malta vom Fremdenverkehrsamt Malta in Zusammenarbeit mit der Botschaft von Malta einen Gutschein für eine weitere Reise.
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Josephine


Die Jacke war ihr viel zu groß. Sie gefiel ihr auch nicht und stank nach Nikotin und Hund. Aber alles war besser, als weiter zu frieren, wie in der letzten Nacht, die sie am Ende auf der Parkbank verbracht hatte. Sie krempelte die Ärmel ein wenig hoch, fluchte in griechischer Sprache über den defekten Reißverschluss, durch den die Lederjacke keinen Schutz vor dem Dauerregen bot, spuckte einen Kaugummi aus und überlegte, was zu tun war.

Josephines letztes Quartier war abgerissen worden, wahrscheinlich rechtzeitig, bevor die Touristen in Strömen kamen und diese verfallenen und uralten Baracken zu Gesicht bekamen, die am Stadtrand von Split lagen. Wie geleckt sollten die Straßen aussehen, und reich das Land, in dem die Bevölkerung doch so arm war, und die Arbeitslosigkeit höher als in fast allen anderen europäischen Ländern.

Bald wird hier dasselbe passieren, wie in Griechenland, dachte sie, aber für Politik interessierte sie sich schon lange nicht mehr.

Es gab Wichtigeres. Ein neuer Schlafplatz musste her, ein Platz, wo sie keiner finden würde, vielleicht sogar einer, der Wärme spendete oder zumindest vor dem Regen schützte, der nun schon drei Wochen lang anhielt. Sie spuckte auf den Asphalt, blickte zum Hafen hinüber und lief zu einem Café, um sich dort wie gewohnt drei Flaschen Bier zu kaufen.

Der Kellner kannte sie seit vielen Wochen, suchte nach einer Plastiktüte, in die er die beiden anderen Flaschen steckte, die erste Flasche öffnete, und sie Josephine mit teils mitleidvollem, teils angewidertem Blick reichte, wie jedes Mal.

»Sechzig Kuna, wie immer«, sagte der junge Kellner, und Josephine murmelte »hvala«, bevor sie es sich unter einer Palme der schrecklich hübschen Promenade gemütlich machte, sich die Plastiktüte über den Kopf stülpte und das erste Bier hastig hinunterkippte.

Ihr Magen knurrte laut und erinnerte sie daran, dass sie heute noch gar nichts gegessen hatte. Sie war von den Abrissbaggern geweckt worden, mitten in der Nacht, wie es ihr vorgekommen war. Sie hatten ihre schöne, alte Bruchbude niedergewalzt, einfach so, ohne sie darauf vorzubereiten. »Scheiße«, nuschelte sie, »alles Scheiße!«

Die alte Lederjacke hatte einem Kollegen gehört, der sie in dem verfallenen Steinhaus ein- oder zweimal zum Trinken besucht hatte, und der diese zuletzt in einer Ecke des Zimmers hatte liegen lassen, nachdem er in Windeseile eine ganze Flasche Wodka getrunken hatte. Wenn sie sich begegnen würden, würde er die Jacke erkennen und zurückhaben wollen, das war ihr klar.

Schon wieder von vorne anfangen, dachte sie, wieder neue Klamotten besorgen, neue Möbel, neue Bilder malen, irgendwo einen schönen Platz finden, den keiner kennt oder leicht entdecken kann. Sie hatte sich in der alten Baracke liebevoll eingerichtet, es hatte mehrere bunte Klappstühle, einen Metalltisch, ein Regal aus sechs Holzbrettern und viele Kerzen gegeben, diverse Decken und natürlich eine Matratze und die Staffelei, die beiden wichtigsten Gegenstände in ihrem Leben. Als die Männer kamen, machten sie alles dem Boden gleich, ohne Rücksicht auf ihre Bilder aus Bleistift und Kohle, die lebenswichtig für sie waren, zu nehmen. Sie hatten sich lustig über sie gemacht, und so hatte sie lieber nur rasch die Jacke und die Flucht ergriffen, bevor Schlimmeres passierte.

Der Regen ließ ein wenig nach, und einmal blinzelte sogar die Sonne zwischen den Wolken hervor. Das Bier war ausgetrunken, und der Bauch, der immer dicker wurde, blähte sich auf und sah von oben aus wie der Bauch einer Hochschwangeren. Sie zog die Bluse provokant nach oben, zeigte ihren Bauch und lachte laut.

Schwerfällig stand sie auf, warf die leeren Flaschen in den Mülleimer, an dessen Kante sie die zwei anderen Flaschen geöffnet hatte, und zählte ihr verbliebenes Geld, das sie immer in einer Gürteltasche bei sich trug. Na, wenigstens etwas, murmelte sie in sich hinein, fast dreihundertfünfzig Kuna befanden sich zerknittert in den Ecken des kleinen, schwarzen Ledertäschchens.

Sie taumelte hinüber zu den Restaurants an der Promenade, von denen einige schon geöffnet hatten, obwohl die Saison noch nicht begonnen hatte. Lediglich zwei kroatische Paare saßen tapfer am Mittagstisch unter einem Schirm und trotzten der kühlen Aprilluft. Sie ging zur Toilette, schaute in den Spiegel und sah eine verwahrloste Gestalt. Ihre Haare waren längst zu Dreadlocks geworden, heute aber standen sie wüst in alle Richtungen; vom einst schönen kastanienbraunen Haar war nichts mehr zu sehen. Fast schon durch und durch grau sah das Haar aus, und das mit Anfang vierzig!

Sie wusch sich die Achseln, den Hals und das Gesicht. Ihre Hände blieben schwarz, vor allem Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand wurden nicht mehr sauber. »Scheiße«, sagte sie wieder, »alles Scheiße, und du bist alt und hässlich geworden, meine Liebe«, verließ die Toilette und bestellte sich eine Pizza mit Meeresfrüchten zum Frühstück.

Seit einigen Monaten aß sie mit Ausnahme von Soßen und Suppen alles mit den Fingern und hatte sich den Umgang mit Messer und Gabel gänzlich abgewöhnt. Sie zog die Blicke auf sich, wenn sie mit ihren kohlschwarzen Fingern die Pizza in Stücke riss wie ein Tier, aber es kümmerte sie nicht. Auch, dass der Kellner ihr den Platz zugewiesen hatte, wo man sie kaum sehen konnte, nahm sie gleichgültig zur Kenntnis. Ihr war alles egal, alles, was zählte, war eine neue Unterkunft zu finden, die sie vor der Nässe schützte. So lief sie nach dem Frühstück von der Altstadt zum Busbahnhof, um sich in der Peripherie von Split auf die Suche zu machen.

»Josephine, Josephine, hola, qué tal?«, rief ihr ein alter Mann zu, den hier am Bahnhof alle nur den Spanier nannten. Er war einer der Gestrandeten von Split, die sich gegenseitig alle kannten, mit oder ohne Namen. Der Spanier saß bei Regen oft hier, um sich auf einer Bank der Haltestelle gegen die Nässe zu schützen. Josephine sah eine Frau neben ihm aufstehen und nahm deren Platz ein. Sie unterhielten sich in spanischer Sprache, der Josephine mächtig war.

»Reichlich feucht heute. Die blöde Jacke lässt sich nicht schließen, und ich brauche eine neue Unterkunft.«

Der Spanier lachte dreckig und hustete.

»Die brauchen wir alle, Schätzchen. Aber wo? Wo nur? Die alten Häuser werden alle abgerissen. Du weißt ja, wo ich zurzeit wohne«, sagte er, zeigte hinüber zum Berg Marjan und grapschte nach Josephines weicher, fülliger Brust.

»Ja, ja, weiß ich, Spanier, aber ich ziehe nicht bei dir ein, sonst vergewaltigst du mich jede Nacht.«

Der Spanier krümmte sich vor Lachen, trank einen Schluck Rotwein aus einer Flasche und reichte sie Josephine, die dankend ablehnte. Scheiß Billigfusel, dachte sie. Die Frau, die vorher auf ihrem Platz gesessen hatte, stieg in einen Bus und vergaß ihren Schirm, der neben der Bank stand. Josephine nahm ihn an sich, verabschiedete sich vom Spanier, stieg in den Bus Nummer 60 ein, und fuhr in eine Gegend, in der sie erst kürzlich leer stehende Häuser gesichtet hatte.

Sie hatte kein Glück gehabt, keins der Häuser hatte sich als bewohnbar herausgestellt. Die meisten waren bereits abgerissen worden, bei einigen war kein Dach mehr vorhanden, und bei wieder anderen störte sie die Nähe zu Menschen, die zur Miete wohnten. Sie war daraufhin in die Stadt zurückgekehrt, um sich in dem einzigen guten Geschäft für Künstlerbedarf neues Handwerksgerät zu kaufen, das sie dringend benötigte, um Geld zu verdienen. Sie war sehr wählerisch und pingelig und brachte die Verkäuferin fast zum Wahnsinn, die vor sich nichts als eine Irre sah. Von ihrem letzten Geld kaufte sie schließlich einen DIN-A3-Block, Radiergummi und Anspitzer, Kohlestifte und Bleistifte in vier unterschiedlichen Härten, für mehr reichte das Geld nicht, was sie verärgerte.

»Ja, ja, ich brauche unbedingt eine Tüte, Sie sehen ja, ich habe keine Tasche, geben Sie mir bitte drei Tüten, oder vier«, befahl sie der arroganten Verkäuferin genervt, die ihr schließlich mit herablassenden Augenaufschlag und zusammengepressten Lippen drei Plastiktüten mit auf den Weg gab.

»Koza«, stöhnte sie, blöde Ziege, womit die junge, arrogante Verkäuferin gemeint war. Josephine lief durch ihren neuen Regenschirm gut geschützt an der Kathedrale vorbei und fand in der Altstadt einen schönen Platz unter einem Torbogen, der sie vor dem Regen schützte und an dem sie ein wenig versteckt sitzen und zeichnen konnte. Bei Besichtigung der Baracken hatte sie sich an einem Kiosk eine Flasche Wasser und ein Boulevardmagazin gekauft, in dem die Promis von heute abgebildet waren, die sie keine Spur interessierten, die sie aber als Reklamebilder brauchte, wenn sie Touristen oder Kroaten porträtieren und Geld verdienen wollte. Miley Cyrus sah sie beim Durchblättern und Mario Mandzukic, den kroatischen Fußballhelden, der jetzt für Bayern kickte, oder auch Cate Blanchett kam infrage. Drei Bilder sollten für das Erste reichen, die blöde Cyrus mit herausgestreckter Zunge in Bleistift, die anderen beiden Promis in Kohle. Mit dem Rücken zu den Passanten begann sie mit den unterkühlten Augen von Miley und stellte mit Schrecken fest, dass bei ihren eigenen Augen die Sehschärfe nachließ. Auch das noch, dachte sie, erst der Rücken, dann der Dauerhusten und das penetrante Sodbrennen, die Zähne und jetzt auch noch die Augen, mein Kapital!

Sie hatte wegen des trockenen Hustens bereits das Rauchen aufgegeben. Einen Arzt konnte sie nicht aufsuchen, da sie nirgends gemeldet und somit auch nicht versichert war.

Als sie mit den drei Porträts fertig war, fand sie diese zwar gelungen, hatte aber nicht bedacht,...



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