Jachina | Wolgakinder | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 592 Seiten

Jachina Wolgakinder

Roman
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8412-1859-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 592 Seiten

ISBN: 978-3-8412-1859-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Gusel Jachina fesselt ihre Leser von der ersten bis zur letzten Seite.' Neue Zürcher Zeitung.

In der Weite der Steppe am Unterlauf der Wolga siedeln seit dem achtzehnten Jahrhundert Deutsche.1916 führt Jakob Bach in dem kleinen Dorf Gnadental ein einfaches Leben als Schulmeister, das geprägt ist von den Rhythmen der Natur. Sein Leben ändert sich schlagartig, als er sich in Klara verliebt, eine Bauerntochter vom anderen Ufer der Wolga. Doch ihre Liebe kann sich den Ereignissen nicht entziehen, die die Revolution und die Gründung der Deutschen Republik an der Wolga mit sich bringen ...



Gusel Jachina, geboren 1977 in Kasan (Tatarstan), russische Autorin und Filmemacherin tatarischer Abstammung, studierte an der Kasaner Staatlichen Pädagogischen Hochschule Germanistik und Anglistik und absolvierte die Moskauer Filmhochschule. Ihr erster Roman 'Suleika öffnet die Augen' wurde in 31 Sprachen übersetzt. Mit 'Wolgakinder', bisher in 14 Sprachen übersetzt, legt die international erfolgreiche Autorin ihren zweiten Roman vor. Gusel Jachina lebt mit ihrer Familie in Moskau. Helmut Ettinger, Dolmetscher und Übersetzer für Russisch, Englisch und Chinesisch. Übersetzte Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, Polina Daschkowa, Darja Donzowa, Sinaida Hippius, Michail Gorbatschow, Henry Kissinger und viele andere ins Deutsche.
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1


Die Wolga teilte die Welt in zwei Hälften.

Das linke Ufer war niedrig und gelb; flach lag es da und ging in die Steppe über, aus der jeden Morgen die Sonne heraufstieg. Die Erde schmeckte bitter und war von Zieselmäusen durchwühlt, das Gras wuchs dicht und hoch, die Bäume hingegen waren niedrig und selten. Getreide- und Melonenfelder bis zum Horizont, farbenprächtig wie eine baschkirische Bettdecke. Am Ufer klebten die Dörfer. Der Steppenwind war heiß und würzig, er roch nach den Wüsten Turkmeniens und dem Salz des Kaspischen Meeres.

Wie es am anderen Ufer aussah, wusste niemand. Über der rechten Seite des Flusses erhoben sich mächtige Berge, die senkrecht, wie mit einem Messer abgeschnitten, in den Fluss stürzten. An der Kante rieselte zwischen den Steinen Sand herunter, doch die Berge sanken nicht ein, sie wurden Jahr um Jahr nur steiler und fester – von blaugrünem Wald bedeckt im Sommer und tief verschneit im Winter. Hinter diesen Bergen ging die Sonne unter. Auch dort wuchsen kühle Laub- und finstere Nadelwälder. Dahinter lagen die großen russischen Städte mit ihren weißen Kremlburgen, Sümpfe und glasklare blaue Seen mit eiskaltem Wasser. Vom rechten Ufer her wehte es immer kalt; der Wind musste von der fernen Nordsee kommen. Manch einer nannte sie nach alter Sitte noch immer das Deutsche Meer.

Schulmeister Jakob Iwanowitsch Bach spürte diese unsichtbare Trennlinie, die mitten durch die Wolga lief, wo das Wasser wie Stahl und schwarzes Silber schimmerte. Doch die wenigen Menschen, zu denen er von seinen merkwürdigen Gedanken sprach, schauten ihn befremdet an, denn sie sahen das heimatliche Gnadental eher als Mittelpunkt ihres kleinen, von der Wolgasteppe umschlossenen Universums, nicht als einen Grenzort. Bach stritt nicht mit ihnen, denn jede Unstimmigkeit bereitete ihm seelische Schmerzen. Er litt schon, wenn er im Unterricht einem faulen Schüler die Leviten lesen musste. Wahrscheinlich hielt man ihn deswegen auch nur für einen mittelmäßigen Lehrer. Bach sprach mit leiser Stimme, war spindeldürr und von so unscheinbarem Äußeren, dass niemand darüber je ein Wort verlor. Wie auch über sein ganzes Leben.

Wenn morgens am Himmel noch die Sterne leuchteten, erwachte Bach unter seinem Federbett aus Entendaunen und lauschte den Klängen der Welt. Das Gewirr der Laute fremden Lebens, das um ihn herum und über ihn hinweg strömte, beunruhigte ihn. Um die Dächer fegte der Wind – stürmisch, mit Schnee und Graupel vermischt im Winter, böig, mit Feuchtigkeit und himmlischer Spannung geladen im Frühling, träge und trocken, von Staub und den leichten Flugsamen des Steppengrases durchsetzt im Sommer. Hunde begrüßten ihren Herrn, wenn er vor die Tür trat, mit freudigem Gebell. In tiefem Bass brüllten die Rinder auf dem Weg zur Tränke – ein guter Bauer ließ seinen Ochsen oder sein Kamel niemals abgestandenes Wasser oder getauten Schnee aus dem Eimer saufen, sondern führte sie stets zur Wolga, und das, bevor er sich zum Frühstück niedersetzte oder an andere Arbeiten ging. Hier und da ließ eine Frau auf dem Hof ein gedehntes Lied erklingen, um sich den kalten Morgen zu verschönern oder einfach, um nicht wieder einzuschlafen. Die Welt atmete, ratterte, pfiff, muhte, trappelte mit den Hufen, tönte und sang mit vielen Stimmen.

Die Laute seines eigenen Lebens waren so dürftig und unbedeutend, dass Bach sie gar nicht mehr wahrnahm. Das einzige Fenster seines Zimmers klapperte im Wind. Schon im vergangenen Jahr hätte er die Scheiben besser am Rahmen befestigen und die Ritzen mit Kamelwolle abdichten sollen. In dem lange nicht gereinigten Rauchabzug knackte es hin und wieder. Manchmal ließ eine graue Maus hinter dem Ofen ihren Pfiff hören. Vielleicht war es auch nur die Zugluft zwischen den Dielen, die Maus war längst tot und von den Würmern vertilgt. Mehr gab es von Bach nicht zu berichten. Viel interessanter war es hingegen, dem Leben draußen zu lauschen. Dabei vergaß Bach manchmal, dass er selbst zu dieser Welt gehörte, dass er seine Schwelle überschreiten und sich diesem vielstimmigen Chor anschließen konnte – ein lautes, übermütiges Lied anstimmen wie das von den deutschen Siedlern so geliebte »Ach, Wolga, Wolga!«, seine Tür krachend zuschlagen oder wenigstens einmal geräuschvoll niesen. Doch Bach hörte lieber zu.

Um sechs Uhr morgens stand er, fertig angezogen und gekämmt, bereits an der Schulglocke, die Taschenuhr in der Hand. Wenn die beiden Zeiger genau übereinanderlagen, der kleine auf die Sechs und der große auf die Zwölf zeigte, zog er mit aller Kraft an dem Seil, und weithin hallte der Ton der Bronzeglocke. In all den Jahren erlangte Bach in dieser Übung eine solche Meisterschaft, dass dies genau in dem Augenblick geschah, da der Minutenzeiger den höchsten Stand erreichte. Einen Moment später, das wusste Bach genau, wandte sich jeder Bewohner des Dorfes der Glocke zu, nahm die Kopfbedeckung ab und murmelte ein kurzes Gebet. In Gnadental begann ein neuer Tag.

Zu den Pflichten des Schulmeisters gehörte es, die Glocke jeden Tag dreimal zu läuten – um sechs Uhr morgens, zu Mittag und um neun Uhr abends. Dieses Ritual galt Bach als sein einziger würdiger Beitrag zu der Sinfonie des Lebens, die um ihn herum erklang.

Bach wartete ab, bis auch der letzte Ton der Glocke verstummt war, und lief dann ins Schulhaus zurück. Dieses hatte man aus festen Kanthölzern erbaut, welche die Dorfbewohner den Flößern abkauften, die vom Shiguli-Gebirge oder gar aus dem Gouvernement Kasan die Wolga herunterkamen. Das Fundament bestand aus Steinen, die man für größere Haltbarkeit mit Lehm verschmiert hatte. Das Dach war nach der neuen Mode mit Blech gedeckt, das erst seit Kurzem die ausgedörrten Bretter ersetzte. Fensterrahmen und Tür strich Bach jedes Frühjahr in strahlendem Himmelblau.

Das Schulhaus war langgestreckt und hatte sechs Fenster auf jeder Seite. Der Klassenraum füllte es fast zur Gänze aus; nur an der Stirnseite war für den Lehrer eine kleine Kammer als Schlafraum mit Kochnische abgetrennt. An der Zwischenwand stand der große Ofen. Da er für das Heizen des ganzen Hauses im Winter nicht ausreichte, hatte man an den Wänden drei weitere gusseiserne Kanonenöfchen platziert. Daher roch es im Klassenzimmer ewig nach Eisen – im Winter nach glühendem und im Sommer nach feuchtem. Am entgegengesetzten Ende des Raumes stand das Pult des Schulmeisters, vor dem sich die Bänke für die Schüler aufreihten. In der ersten Reihe, der für die »Esel«, hatten die jüngsten Schüler und jene ihren Platz, deren Verhalten oder geringer Fleiß dem Lehrer Sorge bereiteten. Dahinter gruppierten sich die älteren Jungen und Mädchen. Außerdem gab es im Klassenzimmer eine große Tafel, einen Schrank mit Schreibpapier und Landkarten, ein paar gewichtige Lineale, die in der Regel nicht nach ihrer eigentlichen Bestimmung, sondern für erzieherische Zwecke benutzt wurden. Außerdem ein Bild des Zaren von Russland, das dort hing, weil das Schulamt das angeordnet hatte. Das Bild bereitete nur zusätzliche Scherereien. Seit es in der Schule aufgetaucht war, musste Dorfvorsteher Peter Dietrich eine Zeitung beziehen, um, was Gott verhüte, die Nachricht von einem Wechsel des Herrschers im fernen Petersburg ja nicht zu verpassen und sich vielleicht vor der nächsten Kommission zu blamieren. Zuvor hatten die Geschehnisse im russischen Russland die deutsche Ansiedlung mit einer Verspätung erreicht, als läge sie nicht im Herzen des Wolgagebietes, sondern im letzten Winkel des Reiches, was ein derartiges Vorkommnis durchaus als möglich erscheinen ließ.

Einst hatte Bach davon geträumt, das Klassenzimmer mit dem Konterfei des großen Goethe zu schmücken, aber aus dieser Idee wurde nichts. Müller Julius Wagner, der geschäftlich häufig in Saratow zu tun hatte, versprach ihm, »ein Porträt des Dichters zu beschaffen, falls es denn irgendwo in einem Laden herumliegen sollte«. Da der Müller aber von der Dichtkunst wenig hielt und vom Aussehen des genialen Landsmanns nur eine sehr vage Vorstellung hatte, ließ er sich leicht übers Ohr hauen. Statt Goethe drehte ihm eine verschlagene Krämerseele das zweitklassige Bildnis eines blutarmen Aristokraten mit albernem Spitzenkragen, üppigem Schnauzer und Spitzbart an. Der hätte zur Not als Cervantes durchgehen können, aber auch das nur bei trübem Licht. Der Gnadentaler Kunstmaler Anton Fromm, der mit seinen Arbeiten vor allem Truhen und Geschirrregale schmückte, bot Bach an, beide Bärte zu übermalen und unter dem Spitzenkragen Goethes Namen in Großbuchstaben hinzuzufügen. Aber auf eine solche Fälschung wollte sich Bach nicht einlassen. So blieb das Schulhaus ohne Goethe. Das Unglücksbild überließ Bach dem Maler, der es sich zur Anregung seiner Phantasie erbat.

Nachdem Bach pflichtgemäß die Glocke geläutet hatte, ging er daran, die Öfen zu heizen, damit es die Schüler bei ihrem Eintreffen warm hatten, und lief dann in sein Kämmerchen, um zu frühstücken. Was er des Morgens aß und trank, hätte er selbst nicht recht sagen können, weil er dem nicht die geringste Bedeutung beimaß. Eines stand jedoch fest: Statt Kaffee trank Bach »ein rotbraunes Gebräu, das an Kamelpisse erinnert«. So die Worte von Dorfvorsteher Dietrich, der den Schulmeister vor fünf, sechs Jahren frühmorgens in einer wichtigen Angelegenheit aufgesucht und mit ihm dessen frugales Mahl geteilt hatte. Seitdem war weder Dietrich noch ein anderer je wieder zum Frühstück bei ihm erschienen, aber die Worte hatte sich Bach gemerkt. Betroffen machten sie ihn allerdings nicht, denn für Kamele empfand er eine ausgesprochene Sympathie.

Die Kinder erschienen um acht Uhr morgens im...



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