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E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Jackson Die Lotterie - und andere dunkle Erzählungen
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98676-088-5
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-98676-088-5
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Shirley Jackson ist die »Queen of Horror«, die wichtigste Autorin unheimlicher Literatur und literarisches Vorbild für Stephen King, Neil Gaiman und viele andere Autoren. Shirley Jackson wurde 1916 in Kalifornien geboren. Als der New Yorker 1948 ihre Kurzgeschichte ?The Lottery? veröffentlichte, waren viele Leser so entsetzt, dass sie ihre Abonnements kündigten und Hassbriefe sendeten. The Union of South Africa verbot die Veröffentlichung dieser Geschichte sogar. Inzwischen gilt sie als eine der berühmtesten Erzählungen Amerikas. Ihre dunklen, brillanten Romane haben viele Autoren beeinflusst. The Haunting of Hill House und We Have Always Lived in the Castle sind ihre Meisterwerke. Shirley Jackson starb 1965. Stephen King: »The Haunting of Hill House ist einer der wirklich großen, unheimlichen Romane der vergangenen hundert Jahre.«
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Die Lotterie
Der Morgen des 27. Juni war klar und sonnig, mit der frischen Wärme eines Hochsommertags; überall blühten die Blumen und das Gras war von einem satten Grün. Gegen zehn Uhr fingen die Leute des Dorfs an, sich auf dem Platz zwischen Post und Bank zu versammeln; in einigen Orten gab es so viele Menschen, dass die Lotterie zwei Tage dauerte und am 26. Juni beginnen musste. Doch in diesem Dorf, wo nur etwa 300 Menschen wohnten, dauerte die ganze Lotterie weniger als zwei Stunden, weshalb sie um zehn Uhr morgens anfangen konnte und trotzdem pünktlich zu Ende war, damit die Dorfleute zum Mittagessen nach Hause gehen konnten.
Die Kinder kamen natürlich zusammen. Vor Kurzem hatte die Schule wegen des Sommers geschlossen, und angesichts der plötzlichen Freiheit war den meisten von ihnen ein wenig unbehaglich zumute; häufig versammelten sie sich zunächst eine Weile ruhig, bevor sie in lärmende Spiele ausbrachen, und ihre Unterhaltungen drehten sich noch immer um den Unterricht und die Lehrer, um Bücher und Ermahnungen. Bobby Martin hatte sich bereits die Taschen mit Steinen gefüllt, und die anderen Jungen folgten schon bald seinem Beispiel, indem sie die glattesten und rundesten Steine auswählten. Bobby und Harry Jones und Dickie Delacroix – dessen Namen die Dorfleute »Dellacroy« aussprachen – fügten die Steine schließlich in einer Ecke des Platzes zu einem großen Haufen zusammen und bewachten ihn gegen Raubzüge anderer Jungen. Die Mädchen standen abseits, unterhielten sich nur miteinander und sahen über die Schulter nach den Jungen, und die ganz kleinen Kinder rollten im Staub herum oder hielten ihre älteren Geschwister bei der Hand. Schon bald begannen die Männer, sich zu versammeln, wobei sie ihre eigenen Kinder im Auge behielten und über Aussaat und Regen, Traktoren und Steuern sprachen. Sie standen etwas entfernt vom Steinhaufen in der Ecke beieinander und machten nur leise Witze und lächelten eher, anstatt zu lachen. Die Frauen, die verblasste Hauskleider und Pullover trugen, kamen kurz nach ihren Männern. Sie grüßten einander und tauschten ein wenig Tratsch aus, während sie zu ihren Männern gingen. Nachdem die Frauen neben ihre Männer getreten waren, fingen sie schon bald damit an, ihre Kinder zu rufen, und die Kinder kamen so widerwillig, dass die Mütter ihre Rufe vier- oder fünfmal wiederholen mussten. Bobby Martin duckte sich weg unter dem Griff seiner Mutter und rannte lachend zum Steinhaufen zurück. Sein Vater ermahnte ihn in scharfem Ton, und Bobby kam rasch wieder und nahm seinen Platz zwischen seinem Vater und seinem ältesten Bruder ein.
Wie Squaredance-Veranstaltungen, der Teenage-Club und das Programm zu Halloween wurde die Lotterie von Mr. Summers geleitet, der über Zeit und Energie verfügte, die er gemeinschaftlichen Aktivitäten widmen konnte. Er war ein rundgesichtiger, jovialer Mann, der das Kohlegeschäft unter sich hatte, und er tat den Leuten leid, denn er hatte keine Kinder und seine Frau war eine wahre Xanthippe. Als er mit der schwarzen Holzkiste auf dem Platz ankam, begannen die Dorfbewohner einander zuzuraunen, und er hob winkend die Hand und rief: »Ich bin heute ein bisschen spät dran, Leute.« Mr. Graves, der Postmeister, folgte ihm mit einem dreibeinigen Hocker in der Hand, und dann wurde der Hocker in die Mitte des Platzes gestellt, und Mr. Summers stellte die schwarze Kiste darauf ab. Die Dorfleute achteten darauf, ihr nicht zu nahe zu kommen und stets genügend Platz zwischen sich und dem Hocker zu lassen, und als Mr. Summers sagte: »Könnte mir vielleicht jemand helfen?«, zögerten zunächst alle, bis zwei Männer, Mr. Martin und sein ältester Sohn Baxter, vortraten und die Kiste auf dem Hocker festhielten, während Mr. Summers die Papierstreifen, die sich darin befanden, durchmischte.
Die ursprünglichen Requisiten der Lotterie waren schon vor langer Zeit verloren gegangen, und die schwarze Kiste, die jetzt auf dem Hocker ruhte, war bereits in Gebrauch genommen worden, bevor der alte Warner, der älteste Mann im Ort, geboren wurde. Oft sprach Mr. Summers mit den Dorfleuten darüber, eine neue Kiste anzufertigen, aber niemand mochte auch nur in einem solch bescheidenen Umfang gegen die Tradition verstoßen, die die schwarze Kiste repräsentierte. Man erzählte sich sogar, dass bei der Herstellung der gegenwärtigen Kiste einige Teile der vorhergehenden verwendet worden waren – jener Kiste, die angefertigt worden war, als die ersten Menschen sich hier niederließen und das Dorf gründeten. Jedes Jahr nach der Lotterie begann Mr. Summers wiederum, von einer neuen Kiste zu sprechen, doch jedes Jahr ließen die Leute das Thema schließlich auf sich beruhen, ohne dass irgendetwas unternommen worden wäre. Die schwarze Kiste wurde jedes Jahr schäbiger, und inzwischen war sie nicht einmal mehr überall schwarz, sondern ihre Farbe war an einer Seite stark abgesplittert, wodurch das ursprüngliche Holz sichtbar wurde, und an einigen Stellen war sie verblasst oder fleckig.
Mr. Martin und sein ältester Sohn Baxter hielten die schwarze Kiste auf dem Hocker fest, bis Mr. Summers die Papierstreifen gründlich mit seiner Hand durchmischt hatte. Weil so große Teile des Rituals vergessen oder aufgegeben worden waren, hatte Mr. Summers durchsetzen können, dass Papierstreifen die Holzstücke ersetzten, die viele Generationen hindurch benutzt worden waren. Die Holzstücke, hatte Mr. Summers argumentiert, waren angemessen gewesen, solange das Dorf noch sehr klein war, aber jetzt, da die Bevölkerung auf mehr als 300 Einwohner angewachsen war und wohl auch noch weiterwachsen würde, war es notwendig geworden, etwas zu benutzen, das leichter in die schwarze Kiste passte. In der Nacht vor der Lotterie hatten Mr. Summers und Mr. Graves die Papierstreifen angefertigt und in die Kiste gelegt, und dann war die Kiste in den Safe von Mr. Summers’ Kohlebetrieb gebracht und dort eingeschlossen worden, bis Mr. Summers bereit war, sie am nächsten Morgen auf den Platz zu bringen. Für den Rest des Jahres wurde die Kiste irgendwo verstaut, manchmal an einem Ort, manchmal an einem anderen; ein Jahr hatte sie in Mr. Graves’ Schuppen verbracht und ein weiteres Jahr unter dem Fußboden im Postamt, und manchmal wurde sie in eines der Regale im Lebensmittelgeschäft der Martins geschoben und dort stehen gelassen.
Es gab eine Menge zu erledigen, bevor Mr. Summers die Lotterie eröffnen konnte. Listen mussten angefertigt werden – von den Oberhäuptern aller Familien, den Haushaltsvorständen aller Familien und den Mitgliedern jedes Haushalts jeder Familie. Mr. Summers als Leiter der Lotterie legte gegenüber dem Postmeister einen förmlichen Eid ab; früher, so erinnerten sich einige Leute, gab es eine Art Vortrag, der vom Leiter der Lotterie gehalten wurde, ein flüchtiger, tonloser Sprechgesang, der jedes Jahr der Form halber heruntergerattert worden war; einige meinten, dass der Leiter der Lotterie dabei an einer bestimmten Stelle stand, während er sprach oder sang; andere glaubten, dass er dabei zwischen den Leuten umherzugehen hatte, doch schon viele Jahre zuvor ließen Leute zu, dass dieser Teil des Rituals übersprungen wurde. Ebenso hatte es früher eine rituelle Form der Begrüßung gegeben, die der Leiter der Lotterie gegenüber jedem benutzen musste, der vortrat, um einen Papierstreifen aus der Kiste zu ziehen, doch auch das hatte sich mit der Zeit geändert, weshalb man es inzwischen nur noch für nötig hielt, dass der Leiter der Lotterie mit jedem sprach, der herantrat. Mr. Summers war sehr gut in all diesen Dingen; in seinem weißen Hemd und seinen Bluejeans, die eine Hand lässig auf der schwarzen Kiste ruhend, wirkte er sehr korrekt und wichtig, während er sich scheinbar endlos mit Mr. Graves und den Martins unterhielt.
Gerade als Mr. Summers das Gespräch schließlich beendete und sich den versammelten Dorfleuten zuwandte, kam Mrs. Hutchinson den Weg entlang zum Platz geeilt; sie hatte ihren Pullover über die Schulter geworfen und suchte sich eine Stelle hinten in der Menge. »Hab doch glatt vergessen, welcher Tag heute ist«, sagte sie zu Mrs. Delacroix, die neben ihr stand, und beide lachten leise. »Ich dachte, mein Mann ist irgendwo hinter dem Haus, um Holz zu hacken«, fuhr Mrs. Hutchinson fort, »und als ich aus dem Fenster gesehen habe und die Kinder verschwunden waren, ist mir eingefallen, dass heute der 27. ist, und ich bin so schnell wie möglich hergekommen.« Sie trocknete ihre Hände an ihrer Schürze ab, und Mrs. Delacroix sagte: »Aber Sie haben es noch rechtzeitig geschafft. Die reden da vorn immer noch.«
Mrs. Hutchinson reckte ihren Hals, um durch die Menge zu spähen, und sah, dass ihr Mann und die Kinder fast ganz vorn standen. Sie tippte Mrs. Delacroix zum Abschied auf den Arm und begann, durch die Menge zu gehen. Die Leute machten ihr gutmütig Platz, und zwei oder drei von ihnen sagten gerade so laut, dass man sie in der Menge hören konnte: »Hier kommt deine Missus, Hutchinson« und »Sie hat es doch noch geschafft, Bill«. Mrs. Hutchinson erreichte ihren Mann, und Mr. Summers, der gewartet hatte, sagte gut gelaunt: »Ich dachte schon, wir müssten ohne dich anfangen, Tessie.« Mrs. Hutchinson sagte grinsend: »Du würdest doch nicht wollen, dass ich mein Geschirr einfach in der Spüle stehen lasse, oder, Joe?«, und ein leises Gelächter hallte durch die Menge, während die Leute wieder an ihre Plätze rückten, nachdem Mrs. Hutchinson angekommen war.
»Nun«, sagte Mr. Summers in nüchternem Ton, »ich glaube, wir sollten besser anfangen und die Sache hinter uns bringen, damit wir wieder an die Arbeit gehen können. Fehlt irgendjemand?«
»Dunbar«, sagten mehrere Leute. »Dunbar, Dunbar.«
Mr. Summers konsultierte seine Liste. »Clyde Dunbar«,...




