Jacob | Leben danach | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 680 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Jacob Leben danach

Lebensgeschichten zweier jüdischer Familien aus Deutschland
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-77863-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Lebensgeschichten zweier jüdischer Familien aus Deutschland

E-Book, Deutsch, 680 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-77863-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was ist aus den jüdischen Deutschen geworden, die zwar den Holocaust überlebten, aber von den Nazis aus ihrer Heimat vertrieben wurden oder sich verstecken mussten? Wie und wo haben sie überlebt? Unter welchen Bedingungen gelang es ihnen, die ja unsere ehemaligen Nachbarn oder vielleicht sogar Freunde waren, in anderen Teilen der Welt oder, nach dem Krieg, wieder in Deutschland sesshaft zu werden? Steffen Jacob, Sohn jüdisch-kommunistischer Eltern aus der ehemaligen DDR, hat über einen Zeitraum von 7 Jahren die (auffindbaren und gesprächsbereiten) Verwandten in acht Ländern auf vier Kontinenten aufgesucht und ihre Lebensgeschichten aufgenommen. Besonders interessierte ihn, wie die Menschen, nachdem die Frage des Überlebens nicht mehr akut war, ihr Leben nun gestalteten. Die familiäre Nähe öffnet dabei Fenster in Lebensräume, die sonst in Biografien meistens verborgen bleiben.

Steffen Jacob, Jahrgang 1952, arbeitet seit 1977 als Diplompsychologe in verschiedenen Praxisfeldern, seit 2006 im klinischen Bereich. Nebenberuflich schreibt er Lebensgeschichten (www.mein-leben-aufgeschrieben.de).
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Weitere Infos & Material


Henny und Norbert Jacob

Unsere Gedanken und Gefühle waren nach vorne gerichtet

Berlin und Bergfelde, April 1994 – Juni 1995

Henny, geb. Feit

Ich war damals nicht wenig mutig

Die Familie meiner Mutter kam aus Polen, aus Galizien. Sie lebte unter anderem in Zernica, da wurde auch meine Mutter geboren, und in Baligrod, das ist der Geburtsort ihrer Schwester Cilly. Einige Geschwister hatten den Nachnamen Weitmann, andere hießen Felder. Die unterschiedlichen Nachnamen kamen zustande, weil es damals unter den Ostjuden nicht üblich war, standesamtlich zu heiraten. Aber dann kam ein Prikas1 oder ein Gesetz, nach dem diese Amtshandlung nachzuholen war. Die Kinder aus der Vorprikaszeit hatten dadurch also einen anderen Nachnamen als diejenigen, die später zur Welt kamen. Meine Mutter beispielsweise ist eine geborene Felder, während Cilly und Senta, die jüngsten Schwestern den Familiennamen Weitmann haben. Meine Cousins in Amerika, die Söhne von Chaim, dem einzigen Bruder meiner Mutter, heißen auch Felder - Mendel Felder und Baruch Felder.

Die Geburtstage meiner Mutter und ihrer Geschwister sind nicht sehr exakt aufgezeichnet. Familien, die weitab vom nächsten größeren Ort wohnten, meldeten ihre Kinder en bloc beim Standesamt an. Oft waren die genauen Geburtstage nicht mehr bekannt, und man erinnerte sich nur, daß der eine um Pessach2, der andere um Chanukka3 herum zur Welt kam - und verpaßte ihnen dann ein Geburtsdatum, das etwa in dieser Zeit war. Meiner Tante Cilly hatte man das Datum 20. November gegeben, und sie meinte oft scherzhaft, daß sie ja vielleicht jünger sei. Sie war mit dem Datum auch nicht so recht einverstanden, weil es in dieser Zeit immer regnete und trübe war.

Um den 1. Weltkrieg herum ist Chaim als erster nach Deutschland gekommen. Die Gründe dafür und die näheren Umstände kenne ich nicht. Er hat sich Stück für Stück etabliert und ist ein bißchen wohlhabend geworden. Die Schwester Fanny war bei ihm; sie hatte als Kind mal einen Unfall und hinkte seitdem. Chaim hoffte, in Berlin eine Klinik für sie zu finden, aber die Ärzte konnten ihr nicht helfen.

Der Vater meiner Mutter hieß Baruch. Nach ihm wurden zwei Enkel benannt: Baruch Felder und Baruch Billig. Übrigens heißen meine Cousine Henny-Chaya4 und ich nach der Mutter meiner Mutter, Henny. Es war in jüdischen Familien üblich, Kindern Namen der verstorbenen Großeltern zu geben. Mein Name ist also keine HenrietteVerkürzung. Mein Name war immer Henny; er ist heute selten. Manche finden ihn ganz hübsch und wollen ihn wieder einführen. Wer ihn kennt, erinnert sich meistens an die Schauspielerin Henny Porten. Aber das nur nebenbei.

Ich habe meine Großeltern nie kennengelernt, nicht von der mütterlichen Seite und nicht von der väterlichen. Meine Mutter schilderte ihren Vater als einen sehr frommen Juden, der, wie es üblich war in diesen Familien, nur gelernt hat. Er soll ein sehr hübscher Mann gewesen sein, dunkel und mit Bart. Die Mutter meiner Mutter hat hart gearbeitet. Ob sie Besitz hatten oder nicht, das weiß ich nicht. Ich glaube, auch die Geschwister sind sich in dieser Sache nicht einig gewesen: Senta erzählte, sie stamme aus einer Gutsbesitzerfamilie. Darüber hat sich Cilly halb krank gelacht und gesagt: „Die hat aber aufgeschnitten, das stimmt nicht.“ Was stimmt, weiß ich nicht, ich kenne es nur aus Erzählungen. Fakt ist, daß man von allen Geschwistern gehört hat: Der Vater hat gelernt und die Mutter gearbeitet.

Meine Großmutter hatte wohl ursprünglich elf Kinder - jedenfalls wurde immer von elf gesprochen - aber ich kenne nicht die Namen von allen. Die jüngste Tochter starb an Diphtherie auf der Flucht während des ersten Weltkriegs. Wo der Vater da war, weiß ich nicht. Meine Mutter erzählte immer, daß diese Schwester sehr an ihr gehangen habe und sie deshalb bis zum Schluß bei ihr war. Das hat sie nie vergessen, es war sehr schlimm für sie …

Die Geschwister waren immer zwei Jahre auseinander; sie hießen Chaim, Rosa5, Sara, das war meine Mutter, dann kam Pilla6 - die soll ich als Kind so getauft haben, richtig hieß sie Sprinze. Das war die Schwimmerin der Familie, und sie ist mit mir manchmal - ich saß auf ihrem Rücken - übern Grunewaldsee geschwommen. Ah, die Pilla war toll! Sie ist übrigens so wie sie gelebt hat auch gestorben: im Meer ertrunken; sie ging in Israel jeden Tag schwimmen - sie wohnte mit ihrer Familie in der Nähe des Meeres - und starb an einem Herzanfall im Wasser.

Nach Pilla kam Fanny, die dann in Frankreich gelebt hat und auch dort gestorben ist, dann Senta7 und später Cilly. Die Älteste hieß Malka, sie ist bei einem Autounfall gestorben.

Die Geschwister zogen so nach und nach nach Berlin, nicht alle zur gleichen Zeit. Chaim unterstützte sie anfangs ein bissel - bis sie auf eigenen Beinen stehen konnten. Fünf von den Schwestern wohnten in Berlin-Mitte in der Rückerstraße 5, das war ein Eckhaus. Ob Chaim das organisiert hat oder Fanny, das weiß ich nicht - jedenfalls die Geschwister untereinander haben das organisiert und wohnten da zusammen. Später haben meine Eltern, mein Bruder und ich da gewohnt. Und aus dieser Zeit stammt auch meine verdammte Abneigung gegen diese ganze Gegend.

Im Krieg ist viel kaputtgegangen auf dieser Seite, es blieb nicht allzuviel erhalten und dieses Haus auch nicht. Es hatte einen großen Hauseingang von der einen Seite und von der anderen einen kleineren. In der Linienstraße gab es ein Lebensmittelgeschäft, in dem wir meistens eingekauft haben. Wir wohnten in einer dieser traditionellen Wohnungen hinten auf dem Hof, parterre, die Toilette war außerhalb der Wohnung. Es gab keinen Korridor, du kamst sofort rein in ein großes Berliner Zimmer, und von dort ging die Küche ab.

Als Kind dort zu wohnen, war sehr bedrückend. Es trieb sich allerhand Gesindel herum, Exibitionisten und ähnliche Typen, die versteckten sich oft in den Hausfluren und Kellereingängen. Es kam soweit, daß ich mich fast nicht mehr traute in ein Haus zu gehen, wenn ein Kerl in der Nähe war … Und ich hatte große Angst vor einem Kindermörder, der sich damals in ganz Deutschland herumgetrieben haben soll; die Erwachsenen hatten sich über den unterhalten, und ich hatte davon natürlich etwas aufgeschnappt. Aus meinem Bett konnte ich aus dem Fenster zum Hof sehen, und ich sah immer nur Dunkel … Seitdem habe ich zwei Vorurteile: Das eine ist dagegen, parterre zu wohnen, und das andere gegen Katzen, da sie ständig vor unsere Wohnungstür pinkelten. Bis heute - es wird mir keiner verübeln - habe ich eine Aversion gegen Katzen, weil ich immer noch diesen Geruch in der Nase habe!

Meine Mutter wurde so etwas wie der Mittelpunkt für die Familie. Sie konnte gut kochen, backen konnte sie auch, nur Rosa konnte es noch besser.

Wann meine Mutter meinen Vater geheiratet hat, weiß ich nicht. Chaim wird dafür gesorgt haben, daß seine Schwester durch eine Ehe abgesichert ist und einen Heiratsvermittler eingeschaltet haben. Das war damals so üblich. Bei Rosa hatte er seine Hand ja auch im Spiel, bloß bei ihr verlief die Ehe anders.

Von meinem Vater und seiner Familie kann ich wenig erzählen. Von denen weiß ich so gut wie nichts. Seine Verwandten waren in Dukla, Polen, in seinem Geburtsort, und dort ging er 1938 wieder hin. Da lebten noch seine Eltern, das weiß ich - aber wieviel Geschwister er hatte, das weiß ich nicht …

Die Familie meiner Mutter spielte eine viel größere Rolle in meinem Leben, fast all ihre Geschwister lebten ja hier in Berlin. Das war schon ein Unterschied. Aber ich hab meinen Vater mindestens genauso gern gehabt wie meine Mutter und auch beide gleichermaßen geschätzt.

Wir lebten in sehr ärmlichen Verhältnissen. Meine Eltern kamen finanziell gerade so über die Runden. Beiden hast du immer angemerkt, daß es eine Ehe war, wie ich sie mir nie gewünscht hätte. Sie haben sich nicht verstanden, waren völlig anderen Charakters; jeder für sich war´n Prachtkerl, bloß beide zusammen konnten sie nicht …

Mein Vater, der übrigens mit Vornamen Iro hieß, war für mein Empfinden ein sehr begabter Mensch - Rechnen und all sowas war seine Sache, aber er hatte nie etwas gelernt, hatte keinen festen Beruf. Also hat er mal dieses gemacht, mal jenes, und ist als Hausierer gegangen … Mein Vater war gutmütig, aber manchmal so jähzornig.

Ich kann mich an verschiedene Situationen aus dieser Zeit noch sehr gut erinnern. Vordringlich waren immer die Geldsorgen in unserer Familie. Mein Vater konnte meiner Mutter nur ein geringes Wirtschaftsgeld geben - nicht aus Geiz, sondern weil er nicht mehr hatte - so um die fünf Mark. Das mußte dann reichen. Oft konnte sie damit nicht einmal „den Gasometer füttern“; wenn die Mutter kochen wollte, mußte sie immer erst einen Groschen in den Gasometer reinschmeißen, sonst funktionierte der Gasherd nicht. Und wenn sie den Groschen nicht hatte, hatten wir eben kein Gas und kein...



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