E-Book, Deutsch, Band 1, 200 Seiten
Reihe: Alltagsminiaturen
Jacob / Witkowski Alltagsminiaturen Band 1
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-6489-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurzgeschichten
E-Book, Deutsch, Band 1, 200 Seiten
Reihe: Alltagsminiaturen
ISBN: 978-3-7578-6489-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wunderbare Geschichten, bei denen uns auch ein kleiner Schauer über den Rücken laufen kann. Das Leben fließt mit all seinen Veränderungen. Diese Alltagsminiaturen sind Momentaufnahmen einer Gedankenwelt, die wir zu kennen glauben, wenn wir genau in uns hineinhören. Kleine Exkursionen in Innere Welten mit feinem Humor.
Ralph Jakob, geb. 1949, ist Arzt und Psychotherapeut. Betreibt mit seiner Frau im Westerwald eine Gemeinschaftspraxis. Vatter von drei Kindern, naturverbunden, Musikliebhaber.
Autoren/Hrsg.
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Erleuchtung
Umstehende sahen verwundert auf den Mann, der, ohne erkennbaren Grund, sich am Fuß der Treppe plötzlich auf die Knie niederließ und begann, den Boden abzutasten, Handbreit für Handbreit, wie auf der Suche nach dem Lichtschalter im nachtdunklen Zimmer. Die Drei am Aufzug verfolgten sein Tun, bis sich die Tür hinter ihnen schloss. Neben der Treppe hatte er Rucksack und Sturzhelm abgelegt. Stoßweise kamen die Mitarbeiter aus den Büros herab, in Grüppchen zumeist, manche einzeln, es war Mittagspause. „Was verloren“, antwortete er im Hochblicken, wenn jemand fragte und machte mit der Hand eine entschuldigende Geste, weil er als Hindernis im Weg kniete und die scharweise Herabkommenden sich an ihm vorbei teilen mussten. Mitunter blieb einer stehen, bot an zu helfen. Dann hielt er inne und verneinte kopfschüttelnd. „Danke, ich hab’s gleich.“ Bisweilen machte er auf der untersten Stufe Pause, schaute in der leeren Eingangshalle umher und setzte das Tasten am Boden fort, sobald er wieder eine Gruppe die Treppen herabkommen hörte. Er spürte am Vibrieren des Bodens den Aufzug näherkommen, die Fahrt verlangsamte sich, er hielt, dann schwang die Tür zurück, eine einzelne junge Frau, sein Alter vielleicht, verließ ihn. Aus den Augenwinkeln verfolgte er, wie sie sich näherte. Hinterher hätte sie nicht sagen können, warum sie auf den jungen Mann am Boden zugegangen war, denn der Weg zum Ausgang führte nicht an ihm vorbei. Jetzt stand sie neben ihm, trat aber sogleich einen Schritt zurück, sobald sie seinen verstohlenen Blick gewahrte, wie er an ihren Beinen hoch glitt, kurz verweilte an der Stelle, wo sie in dem gelben Rock verschwanden, dann weiter aufwärts, und schließlich suchten seine Augen ihre. Es war unbehaglich, als berührten und begutachteten Hände sie überall, und sie konnte sich dem nicht entziehen. Ihre Augen trafen sich, und sogleich verzog er sein Gesicht zu einem schelmischen Grinsen. Die wortlose Stille wurde ihr unangenehm, daher fragte sie: „Suchen Sie was?“ „Kontaktlinse rausgefallen.“ „Oh, hier auf dem Marmor, das wird schwierig sein.“ Sie ließ sich auf die Fersen nieder und presste die Knie zusammen. Vorüberkommende verfolgten belustigt das Tun der Beiden, wie sie mit den Handflächen vorsichtig den Boden abtasteten. Bisweilen fiel eine launige Bemerkung. Der junge Mann rutschte auf den Knien über die Fliesen, die Frau setzte nach Art der Gänse einen Fuß vor den anderen. „Das ist aussichtslos hier auf dem gesprenkelten Untergrund“, sagte sie nach wenigen Augenblicken und machte sich daran aufzustehen. Im selben Moment rief er „Hier!“ Triumphierend balancierte er das winzige Stück Plastik auf der Spitze seines Zeigefingers, und damit sie es auch wirklich sähe, hielt er es ihr unter die Nase. „Sie haben mir Glück gebracht, Prinzessin.“ Und wieder hatte sein Lächeln dieses Schalkhafte. „Ich wär ganz schön aufgeschmissen gewesen. Ohne bin ich fast blind.“ „Wie ein Nacktmull“, setzte er im Aufstehen hinzu. Sein lautes Lachen erfüllte die Halle. Nacktmull kannte sie nicht, wollte auch nicht fragen, da ihr das Wort unanständig erschien. Warum sonst lachte er so? Sein ein-dringlicher Blick machte sie verlegen, wie er versuchte, seine Augen in ihren zu versenken, dann ging das Lachen in Lächeln über und an seinen Wangen entstanden Grübchen. Verschämt wendete sie sich ab. „Ich trag auch Linsen“, sagte sie, und es klang verwundert. „Mir ist noch nie eine rausgefallen, wie ist das passiert, ausgerechnet hier?“ Augenscheinlich hatte er die Frage nicht gehört. „Danke fürs Mitsuchen, Prinzessin.“ Während er sich nach Helm und Rucksack bückte, strich sie den Rock glatt, und wie selbstverständlich begleitete er sie zum Ausgang. „Was ist mit der Linse?“ fragte sie. Er klopfte auf seine Hosentasche. Sie hatte wahrgenommen, wie er sie achtlos hineingesteckt hatte. „Erst sauber machen.“ Zufällig hatten sie denselben Weg. Richtig wohl fühlte sie sich nicht in seiner Begleitung. Er wirkte auf sie etwas heruntergekommen, nein, vielleicht das nicht, aber ungepflegt, ein bisschen schlampig. Sie selbst und die Menschen aus ihrer Umgebung legten Wert auf eine ansprechende Erscheinung, schon ihr Beruf erforderte es. Aber er lachte so schön, und erst sein Lächeln! Das hatte es ihr an-getan, schon beim ersten Sehen. Auf den Wangen entstanden Grübchen und Fältchen seitlich der Augen. Und er sagte spaßige Sachen mit einer Stimme wie die des Tagesschausprechers, den sie verehrte. „Hier gehe ich mittags meistens hin“, sagte sie und blieb an der Tür des Thai stehen. „Das trifft sich. Da wollte ich auch gerade rein, für thailändisch lasse ich jede Currywurst stehen.“ Höflich hielt er die Tür auf. „Nach Ihnen, Gnädigste.“ Die Mittagspause war viel zu kurz, und über dem angeregten Plaudern wurde das Essen kalt. Wiederholt griff sie zur Serviette und fing die Lach-tränen ab, bevor sie die Wangen hinab liefen. Selten hatte sie jemand so witzig unterhalten. Was, wenn sie in der Abteilung anrief, eine Migräne vorgab und den Nachmittag mit ihrem neuen Bekannten verbrachte? Undenkbar! „Kein Käffchen, Madame?“ Sie war bereits aufgestanden. Am nächsten Mittag sah sie durch die Glastür des Restaurants seinen Rücken, die abgeschabte Lederjacke und neben ihm Rucksack und Sturzhelm, vor ihm ein Tässchen. „Was für ein Zufall!“ Im Nu hatte er den Nebenstuhl freigeräumt, doch sie zog den Platz ihm gegenüber vor, so konnte sie sein Lächeln sehen. „Ich hab Sie noch nie hier gesehen“, sagte sie im Ton einer Frage. „Harald, Prinzessin“, sagte er und reichte ihr die Hand über den Tisch. Sein Griff war schmerzhaft. Er ließ nicht los, sie spürte die rissige Haut und sah die bräunlichen Fingernägel. Schmutzig waren sie. „Simone.“ Sie zog die Hand zurück. „Ich hab dich noch nie hier gesehen, Harald.“ „Hab grad in der Gegend zu tun.“ „Verstehe, und was machst du so?“ „General Purpose Manager.“ „Nie gehört, das klingt wichtig, was ist das?“ „Ich mach dies und das, alles Mögliche.“ Als hätten sie sich gerade erst gesetzt, war die halbe Stunde Mittagspause verflogen. „Ich muss wieder. Hast du noch länger hier zu tun?“ fragte sie im Aufstehen. „Hängt davon ab.“ Simone ließ sich die Enttäuschung nicht anmerken. Konnte er nicht ein-fach ja sagen, sie hatte darauf gehofft. Hängt davon ab. Mit „Also dann, mach’s gut“ verließ sie das Lokal. Am nächsten Mittag klopfte ihr Herz mit jedem Schritt schneller, bis sie um die Ecke bog und in das Innere des Restaurants sehen konnte. Da war er wieder! Sie hatte es sich so gewünscht. Auf demselben Platz, neben ihm Sturzhelm und Rucksack, die Lederjacke hatte sie sogleich erkannt. Auch tags darauf, dann wieder und alle folgenden Tage das gleiche Bild, wie er da saß, eine kleine Tasse vor sich und auf dem Nebenstuhl seine Aus-rüstung. Wieder sagte er „Prinzessin“, so hatte sie niemand genannt. Alle bemerkten die Veränderung. Es war, als hätte Simones gleichförmiger Tagesablauf bunte Tupfen bekommen, Sie kleidete sich adrett wie eh und je, schminkte sich dezent wie immer, duftete Tag für Tag nach demselben Parfum und trug die gleiche Frisur, und doch strahlte sie etwas aus, das keiner benennen konnte, etwas Neues „Simone ist irgendwie anders, habt ihr das auch bemerkt?“ „Das ist die Aura.“ „Ich glaube, das hängt mit dem Typen zusammen, den sie jetzt jeden Mittag trifft.“ „Wie heißt der nochmal?“ „Hat sie nicht gesagt, Heinz? Heißt der nicht Heinz oder so?“ „Kennt den Eine von euch?“ „Ich hab den das erste Mal da unten in der Halle gesehen, als er auf dem Boden rumgekrochen ist.“ „Mir kommt der komisch vor, also ganz geheuer ist er mir nicht.“ „Was du hast, ich finde, der tut ihr gut.“ „Aber der passt doch überhaupt nicht zu ihr.“ „Ich find ihn auch strange.“ „Eklig, die Tätowierungen am Hals.“ „Ja, Mensch, habt ihr den Löwenkopf am Arm gesehen?“ „Tattoos haben jetzt alle, guck doch die Fußballer an! Du hast doch auch so ein Arschgeweih.“ „Das Goldkettchen am Handgelenk, wie der Bundeskanzler damals.“ „Wie ein Zuhälter.“ „Fehlt nur noch die Rolex.“ „Und ein Kampfhund.“ „Was für ‘n Auto gehört eigentlich zu so einem?“ „Mein Nachbar hat mal gesagt, jeder, der ein größeres Auto fährt als er,...




