Jacob / Witkowski | Alltagsminiaturen Band 2 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2, 200 Seiten

Reihe: Alltagsminiaturen

Jacob / Witkowski Alltagsminiaturen Band 2


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-9391-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 200 Seiten

Reihe: Alltagsminiaturen

ISBN: 978-3-7578-9391-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wunderbare Geschichten, bei denen uns auch ein kleiner Schauer über den Rücken laufen kann. Das Leben fließt mit all seinen Veränderungen. Diese Alltagsminiaturen sind Momentaufnahmen einer Gedankenwelt, die wir zu kennen glauben, wenn wir genau in uns hineinhören. Kleine Exkursionen in Innere Welten mit feinem Humor.

Ralph Jakob, geb. 1949, ist Arzt und Psychotherapeut. Betreibt mit seiner Frau im Westerwald eine Gemeinschaftspraxis. Vatter von drei Kindern, naturverbunden, Musikliebhaber.

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Perseiden oder die Tränen des Laurentius
Er hörte die schnellen Schritte sich nähern, und noch ehe er sich umdrehen konnte, „Hallo Rollo!“ Sandra. Sie strahlte ihn an, brachte erst einmal kein Wort mehr heraus, so sehr rang sie nach Luft. „Meine Güte, hast du einen Schritt drauf, ich hätte dich fast nicht eingeholt. Ich hab dich aus dem Bus steigen sehen.“ „So schnell sieht man sich wieder.“ Noch während er das sagte, hätte sich Rolando ohrfeigen können. Konnte ihm nicht etwas Besseres zur Begrüßung einfallen! Ein paar Tage zuvor hatten sie einander im Zug gegenüber, gesessen und während der mehrstündigen Fahrt kaum hochgeblickt von ihren Handys und Laptops. Sandra hatte Rolando nach seinem Ziel gefragt, viel zu spät. Ein paar Worte hatten sie noch gewechselt. Um ein Haar wären sie wortlos auseinandergegangen. „Du hast mich gefragt, wie ich heiße. Rollo hab ich nicht gesagt, so nennen mich meine Freunde. Ich hab Rolando gesagt.“ „Du hast so viel telefoniert im Zug, da konnte mir das nicht entgehen. Was machst du jetzt?“ „Nichts weiter. Ich hab Ferien und wollte durch die Stadt bummeln.“ „Ich mach auch nichts weiter. Wir könnten ja zusammen nichts weiter machen, vielleicht als erstes mal ein Eis essen gehen.“ Die Eisdielen waren überfüllt an diesem traumhaften Hochsommertag. Der schattige Platz am Fluss unter den hohen Platanen eignete sich ohnehin besser zum Plaudern. Bei guter Laune flogen die Worte hin und her. Unvermittelt sagte Sandra: „Heute fliegen die Perseiden.“ Rolando war Lateinlehrer. Sie konnte also nicht erwarten, dass er von Insekten Ahnung hatte. Insekten würden es schon sein, danach klang das Wort. Er tippte auf Libellen oder Eintagsfliegen. Wenn Sandra betonte, heute flögen sie, dann hätte er wohl mit seiner Vermutung recht. „Hast du Lust zum Gucken?“ Mit dieser Frau würde er auch Eintagsfliegen gucken gehen. „Ja. Wann, jetzt?“ Ihr helles Lachen schallte über den Fluss, und von der Eisdiele guckten sie herüber. „Nein, jetzt sicher nicht, bei Tag sieht man sie ja nicht. Heute Nacht, am besten, nachdem der Mond untergegangen ist.“ Amseln flüchteten zeternd vor ihren Lachsalven. „Gib zu, du weißt gar nicht, was die Perseiden sind, oder?“ Er versuchte, nicht ganz so blöd dazustehen. „Heute Nacht fliegen sie, hast du gesagt, also irgendwelche Nachttiere, ich nehme an Glühwürmchen, Leuchtkäfer oder so was. Was anderes sieht man ja nicht.“ „Tut mir leid, du hast wirklich keinen blassen Dunst“, sagte sie, nachdem sie zu Ende gelacht hatte. „Ich erklär dir‘s und versuch es ganz einfach zu machen, okay? Frag mich, wenn du nicht mitkommst. Sternschnuppen kennst du. Zumindest hast du davon gehört. Das sind solche Streifen oder Punkte am Nachthimmel, die aufglühen und wieder verschwinden. Einen Gasbrenner zum Schweißen kennst du auch. Da kommt vorn so eine Stichflamme von brennendem Gas raus, wissenschaftlich sagt man, die Gasmoleküle glühen. Nichts anderes sind Sternschnuppen, eine riesige Menge an glühenden Gasmolekülen. Hast du noch Lust zuzuhören?“ Eigentlich nicht, aber Rollo nickte. „Mach weiter.“ „Okay, jetzt muss ich dir erklären, was Kometen sind. Auch schon mal gehört, oder. Du weißt, wie Kaulquappen aussehen. Oder Spermien. Kopf und Schwanz. Ein Komet sieht ähnlich aus, Kopf und Schweif heißt das hier. Der Kopf ist nicht besonders groß, ein paar Kilometer vielleicht, und der ist sowas wie ein schmutziger Schneeball aus Eis und Staub. Aber der Schweif kann fünfhundert Millionen Kilometer lang sein, auch nur Staub und Gas. Lass das mal auf der Zunge zergehen, fünfhundert Millionen Kilometer. Einen Kometen bekommen wir selten zu sehen. Einen Kometenschweif kennst du?“ Rollo leckte erst einmal zerlaufenes Eis vom Finger. „Das, was man immer auf den Weihnachtsbildern sieht, was der Stern von Bethlehem hinter sich herzieht, oder?“ Rolando galt als kundig auf vielen Gebieten. Daher behagte es ihm nicht, dass Sandra bereits beim ersten Gespräch und so schnell auf eine Lücke seiner Bildung stieß. „So ungefähr. Wie gesagt, nur Staub und Gas, aber davon eine gigantische Menge. Und wenn so ein Kometenschweif unsere Erdatmosphäre berührt, fangen die Teilchen an zu glühen. Und jedes Jahr im August fliegt die Erde durch den Schweif von einem bestimmten Kometen hindurch, die Teilchen beginnen zu glühen, und weil das so viele sind, können wir das sehen. Das sind die vielen Sternschnuppen. Alle zusammen heißen sie Perseiden. Es gibt das Sternbild des Perseus. Früher nahm man an, dass die Sternschnuppen aus diesem Sternbild, also Perseus, kommen, daher hat man sie Perseiden genannt, capito?“ „Das war jetzt Astrologie für Dummies“, sagte Rolando. Das war zu viel. Sandras Gesicht zuckte; es fiel ihr schwer, nicht schon wieder loszulachen. „Eigentlich nennen wir das Astronomie, Sternenkunde. Das, was du meinst, Astrologie, ist Sterndeutung, Horoskop und so.“ Wenn sie doch bald aufhören würde, dachte Rollo. Vor Erklären kam Sandras Eis zu kurz, jetzt lief es auch ihr über die Hand. „Ich bin gleich fertig. Die Perseiden heißen auch Laurentiustränen. Das sollst du noch wissen. Laurentius war ein Märtyrer und sein Namenstag ist der 12. August. Den haben sie auf einem glühenden Rost zu Tode geschmort und dabei hat er geweint, würd ich auch. Um den 12. August herum, also dem Namenstag des Laurentius, sieht man die Perseiden, deshalb heißen sie Laurentiustränen. So, jetzt bin ich fertig. Wir wollen mal hören, ob du alles verstanden hast, Herr Lehrer. Kannst du das Gehörte bitte wiedergeben, oder möchtest du noch mehr wissen? Soll ich’s wiederholen?“ „Aha.“ Rollo war sprachlos. Er hielt sich für gebildet, aber das war ihm alles neu. Sandra hatte im Zug erzählt, sie sei Erzieherin, Kindergärtnerin. Wie kam sie an dieses Wissen? „Der beste Tag, um die Perseiden zu sehen, ist heute. Wir haben einen klaren Himmel, 10. August, ideal. In drei Tagen ist alles rum, und Regen haben sie auch gemeldet, da siehst du nichts.“ „Hast du nicht gesagt, du arbeitest in einer Kita? Und jetzt kommst du mit solchem Fachwissen daher. Erklär dich, Kindergärtnerin!“ „Ich hab mir gedacht, ich sag dir erst mal, ich arbeite im Kindergarten. Stimmt ja auch, nebenher. Und wenn du dich für mich interessierst, hab ich gedacht, erzähl ich dir den Rest.“ „Und, hast du das Gefühl, ich interessiere mich für eine Kindergärtnerin?“ „Ja, ich hab schon den Eindruck, du bist dir als Lateinlehrer nicht zu fein dafür.“ „Also?“ „Ich mach gerade meinen Master in Geophysik und Klimatologie. Jetzt muss ich noch kurz nach Hause. Holst du mich ab? Dreiundzwanzig Uhr? Vorher geht’s nicht, da hab ich noch zu tun.“ „Liebhaber, nehm ich an?“ „Erraten.“ „Und wo geht’s dann hin?“ „Wir fahren hoch auf den Berg, machen‘s wie die Ägypter vor zweitausend Jahren, legen uns auf den Rücken und gucken in den Himmel. Ich versprech dir, das wird toll. Der ganze Himmel voller Glühkugeln und Sternschnuppen.“ Das Gras war immer noch warm. Sie starrten in den Himmel. Um diese Zeit ging Rollo gewöhnlich zu Bett. Das Himmelgucken in die undurchdringliche Schwärze hinein war ermüdend, jede Menge Sterne, jedoch keine Schnuppe. Aber mit Sandra an seiner Seite hielt ihn der Hormonsturm wach, und würden die Perseiden in dieser Nacht woanders fliegen, wäre er nicht enttäuscht. Niemand in der Nähe, und dennoch flüsterten sie nur noch. „Rat mal, wie alt Kometen sind.“ „Ich hab keine Lust zu raten.“ „Los, sag irgendwas.“ „Paar Tausend Jahre?“ „Leg noch was drauf!“ „Million?“ „Sagen wir, paar Milliarden.“ Rollo war es gleichgültig, ob Millionen oder Milliarden. Sandra interessierte ihn, aber dieses Himmelszeug doch nicht. Mit ihr wäre er auch durch die Kanalisation von London gewandert. „Guck mal, da ist der Große Wagen. Siehst du die sieben hellen Sterne?“ „Wo?“ „Da!“ Sie dachte wohl, im Dunkeln könnte er sehen, wohin sie zeigte. „Aha.“ „Du guckst gar nicht hin.“ Er guckte auch nicht hin. Ständig beschäftigte ihn der Gedanke, ob er Sandras Hand nehmen sollte oder sie gleich küssen, ohne Umwege. Allein die Vorstellung, dass am Ende der Nacht ein Liebhaber sie erwartete, hielt ihn zurück. An das spektakuläre Himmelsereignis glaubte er ohnehin nicht mehr. Sollten sie doch fortbleiben, die blöden Perseiden. Sie mit einem Grashalm im Ohr zu kitzeln, das reizte...



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