E-Book, Deutsch, Band 3, 200 Seiten
Reihe: Alltagsminiaturen
Jacob / Witkowski Alltagsminiaturen Band 3
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-6793-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 200 Seiten
Reihe: Alltagsminiaturen
ISBN: 978-3-7578-6793-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wunderbare Geschichten, bei denen uns auch ein kleiner Schauer über den Rücken laufen kann. Das Leben fließt mit all seinen Veränderungen Diese Alltagsminiaturen sind Momentaufnahmen einer Gedankenwelt, die wir zu kennen glauben, wenn wir genau in uns hineinhören. Kleine Exkursionen in Innere Welten mit feinem Humor.
Ralph Jacob, geb. 1949, ist Arzt und Psychotherapeut. Betreibt mit seiner Frau im Westerwald eine Gemeinschaftspraxis. Vater von drei Kindern, naturverbunden, Musikliebhaber.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Bettgeschichten
Die kurze Geschichte einer langen Zweisamkeit Sie wartete bis gegen fünf, bis die Blase sie aus dem Bett trieb, dann hatte sie endlich einen Grund aufzustehen. Zuvor lag sie schon lange wach, hätte aufstehen können, aber was tun? Gegen halb sechs hörte sie die Klappe vom Briefkasten schlagen. Die Zeitung war da. Damit begann endlich der Tag. Schon lange schlief sie schlecht und führte einen aussichtlosen Kampf gegen die aufdringlichen Gedanken. „Nimm doch vorm Schlafengehen eine warme Milch mit Honig.“ Wie sie diese Tipps hasste. „Ich hab Zucker.“ „Ein warmes Bad mit Kräuterzusatz!“ Sie hatte nicht einmal eine Badewanne. Bisweilen zählte sie die Blumen an der Tapete, so lange, bis die Augen brannten, löste Rechenaufgaben im Kopf, aber niemand kontrollierte das Ergebnis. Als Edmund noch lebte, konnte sie seinen unregelmäßigen Atemzügen und dem Schnarchen zuhören. Gleichwohl schlief sie nicht, aber es lenkte von den Gedanken ab. Sie hatte sich damit abgefunden und klagte nicht, stand gegen fünf Uhr auf und lauschte auf das Eintreffen der Zeitung. Bis auf die Sonntage, wenn keine kam, begann so jeder Tag. Zuerst die Todesanzeigen, das andere interessierte sie kaum, nur die Überschriften der lokalen Nachrichten überflog sie noch. „Bauer ertränkt Waschbär“, „Hamsterfell in Brot gefunden“, „Unfall am Kreisel.“ Na und? Wen interessierte das? Wer gestorben war, ja, es könnte sein, sie kannte wen. Es wurden weniger. Die mit ihr zur Schule gegangen waren, von denen waren nicht viele übrig. Zeitung, Kaffee, Zigarette, so begann der Tag. Noch ein Blick in die Ecke über dem Schrank. Sie war noch da, die schwarze Spinne. Sie nannte sie Grete. „Warum gehst du nicht zu Beerdigungen, du musst unter Leute?“ „Ich brauch keine Leute.“ Matt winkte sie ab, lasst mich doch. Abwechslungen suchte sie nicht. Alle Tage zogen sich gleich hin, so genügte es ihr. Ließ es die Witterung zu, ging sie freitags zum Friedhof hoch, nicht gern, es strengte sie an. Sie tat es, weil sie es Edmund schuldig war, tauschte verblühte Blumen gegen frische, zupfte Gräser weg und kehrte um. Zum Beginn des Winters deckte sie Reisig auf das Grab. Sie saß am Küchentisch und stützte beim Rauchen das Kinn in die Hand. Der bläuliche Rauch löste sich kräuselnd in nichts auf. Dann und wann streifte ihr Blick die Todesanzeige an der Scheibe der Vitrine gegenüber, Edmund Kohlhorst. Da klebte sie seit Jahren, das Zeitungspapier gilbte bereits, vom Küchendunst waren die Ränder eingerollt, der bräunlich verfärbte Klebstreifen begann sich zu lösen. Eine schlichte Anzeige, ebenso einfach wie die Inschrift auf dem Grabstein. Kein Kreuz, nur sein Name, zwei Jahreszahlen, fertig. Kein Bibelvers, kein Sinnspruch. Ganz unten ihr eigener Name. Sie mochte Sterbeanzeigen nicht. In den letzten Jahren war es Brauch geworden, ein Foto einzufügen. Sie schüttelte den Kopf, wenn sie die Gestorbenen auf dem Motorrad sah, am Steuer ihres Motorbootes oder mit dem Pferd. Ihrem Edmund hatte sie ein schlichtes Inserat zugestanden. Über Tote soll man nichts Schlechtes sagen; auch nicht über Verbrecher? Der Heimgegangene hinterließe eine Lücke, stand oft in den Nachrufen. Manche kannte sie und wusste um die Verlogenheit. Manche Lücke war wie die nach einem gezogenen Zahn, zwar fehlte etwas, aber es brachte Erleichterung. Edmund kannte sie seit der Schule, anfangs hatte sie ihn Eddy genannt, später Ede. Auf seinem Grabstein stand Edmund. Morgens am Tisch, mit Zeitung, Kaffee und glimmender Zigarette, das waren die schönsten Minuten des Tages. Sie legte den Kopf zurück, wenn der Qualm in den Augen biss, dann fiel ihr Blick auf die Anzeige an der Glasscheibe gegenüber. Die vier Jahre waren schnell vergangen, zweiundsiebzig war er geworden. „Und, es ist doch sicher schlimm, so allein.“ „Ich war vorher schon allein. Jetzt sprech ich mit den Wänden.“ Wenn es zu ruhig war im Haus, ja, dann fehlte ein bisschen Leben. Es müsste nicht er sein, ein Hund hätte es auch getan. Aber die Arbeit mit dem Tier, nein. Nach seinem Tod hatte sie als Erstes das Wasserbett durch ein ganz normales ersetzen lassen. Bisweilen dachte sie an den Kampf. Lange lag das zurück, es war um seinen Fünfundsechzigsten herum, aber in der Erinnerung war es wie gestern. Ihr Gefühl für die Zeit war verändert, die Jahre wurden kürzer, anderes dauerte länger. Erbittert hatten sie damals gekämpft, keiner war gewichen, verbissen hatte jeder seine Position behauptet. Seine Dickköpfigkeit hatte sich schließlich durchgesetzt, aber das auch erst, nachdem der Hausarzt sich in den Disput eingemischt hatte. Sie wollte das Wasserbett nicht. So ein Unsinn, nur weil das gerade in Mode war. Es ginge kaputt und dann stünde die ganze Wohnung unter Wasser. Der Einwand war schwach, solche Matratzen galten als denkbar robust und gingen so gut wie nie kaputt. Dann war das Bett da. Es vergingen wenige Wochen, bis sie sich versehentlich auf die Schere gesetzt hatte, die von ihrer Näharbeit noch auf dem Bett lag. „Das hast du mit Absicht gemacht, damit das Bett wieder verschwindet.“ Sie hätte es nie eingestanden, selbst wenn er recht gehabt hätte. Der Techniker hatte das Loch verklebt, also blieb das Bett da. „Bleib still liegen! Das Schwappen macht mich seekrank. Du hast wohl vergessen, wie leicht mir schwindlig wird.“ „Unsinn, kein Mensch wird im Bett seekrank.“ Sie hatte sich geschämt, als Edmund im Beisein des Verkäufers von Sex auf diesem schwabbeligen Untergrund geschwärmt hatte. Für die vielsagenden Blicke hätte sie den beiden Männern am liebsten eine Ohrfeige versetzt. „Such dir eine Andere für sowas.“ Und hatte Edmund mit dem Verkäufer alleingelassen. Sollten sie verhandeln, lieber guckte sie sich Couchgarnituren an. Er ließ sie nicht in Ruhe, auf immer neue Ideen verfiel er. „Ein Mann in deinem Alter, und solche verrückten Gedanken!“ Tatsächlich schien er von der Vorstellung besessen, sein jugendliches Temperament käme zurück mit der Folge ungestümer Nächte. Für sie hieß der Vorgang Beischlaf; sie betrachtete ihn als Notwendigkeit, der sie sich gelegentlich zu fügen hatte. Aber romantisch war das nicht, sogar wildromantisch sagte er einmal, das fand sie furchteinflößend und, Gott behüte, in keiner Weise verlockend. Im Meer oder Schwimmbecken hatte sie nichts gegen sanft wiegende Wellen. Aber im Bett, womöglich bei einem unkontrollierten Kraftakt, undenkbar. Der Zwist hätte noch länger dauern können. Doch dann hatte Edmund seinen Hausarzt als Sekundanten gewonnen, und dessen Wort hatte Gewicht. Seit diesem Moment war ihr Pulver verschossen. „Gönnen Sie ihrem Edmund diese kleine Freude.“ In dem Arzt hatte er einen gewichtigen Verbündeten. Keine Gelegenheit ließ der verstreichen, ohne erneut das Gespräch darauf zu bringen. „Für seinen Rücken wäre das Balsam. Ich erzähle Ihnen nichts Neues, wenn ich seine kaputten Knochen erwähne. Osteoporose, Sie wissen ja, woher das kommt. Ihr Mann ist viel zu dünn. Der braucht Kalorien und weniger Alkohol. Also tun Sie ihm den Gefallen mit dem Wasserbett.“ Edmund trank, ihm schwindelte, er stürzte, und schon war wieder etwas gebrochen. Von dem billigsten Bett hatte der Verkäufer abgeraten. Die Doppelmatratze sei nicht gedämpft. „Das schwappt nach und hat sich erst nach einer halben Minute beruhigt. Nehmen Sie eins mit Beruhigung, so nennt man das, dann ist nach höchstens zwei Sekunden wieder Ruhe. Glauben Sie’s mir, ohne Dämpfung bekommt der Andere jede Bewegung mit.“ Ihr war, als musterte der Verkäufer sie von oben bis unten, bevor er fortfuhr: „Bei einem etwas besseren Bett besteht auch nicht die Gefahr, dass Sie ihren Mann hinausschmeißen.“ „Wie meinen Sie das?“ „Na ja, stellen Sie sich vor, er liegt schon und Sie setzen sich mit Schwung hin, ich meine, so richtig mit Schwung. Dann könnte es schon mal sein, dass Sie ihn hinauskatapultieren. Theoretisch, meine ich.“ Sie wusste, dass er damit auf ihr Gewicht anspielte, dass er sie auf doppelt so schwer schätzte wie ihren Mann. Nein, es blieb bei der einfachen Variante, da gab es keine Diskussion mehr. Wenn schon Wasserbett, dann das billigste, darin war sie unerbittlich geblieben. Schon bald hatte sich herausgestellt, dass der Verkäufer nicht übertrieben hatte. Seine Warnung klang ihr noch im Ohr. Wenn sie sich auf dem Bett bewegte, gab es auf seiner Seite ein Auf und Nieder wie bei einem Boot in heftiger Dünung. Bereits den ersten Paarungsversuch brachen sie ab, das Waghalsige dieses Unternehmens hatten sie unterschätzt. Sie hatte es nicht bedauert, denn von da an war Beischlaf ein Geschehen, an das die Erinnerung allmählich verblasste. Richtige Gespräche waren selten geworden mit der Zeit. In ihrem langen Beisammensein hatten sie sich so gut wie alles gesagt, und für den...




