Buch, Deutsch, 340 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm, Gewicht: 461 g
Ein Schlaganfall, seine dramatischen Folgen und wie er zum wundervollen Geschenk wurde
Buch, Deutsch, 340 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm, Gewicht: 461 g
ISBN: 978-3-936116-08-3
Verlag: Olaf Jacobsen Verlag
Olaf: „Wenn wir unseren Weg veröffentlichen, welcher Titel würde passen?“
Jacqueline schließt die Augen und überlegt eine Weile. Dann sagt sie: „Das trifft sich gut.“
Als Olaf einige Monate vor seinem fünfzigsten Geburtstag Einladungen verschicken will, hat er die Ahnung, dass vorher etwas schief laufen wird. Stellt er sich die Geburtstagsfeier vor, dann steigt Traurigkeit auf.
Eines Abends fühlt sich auch Jacqueline plötzlich traurig, weiß aber nicht, warum. Zwei Tage später erleidet sie eine Blutung im Gehirn und wird in die Intensiv-Station eingeliefert. Ihre rechte Körperhälfte ist taub und gelähmt und ihr Gedächtnis funktioniert nicht mehr …
Die beiden berichten über das Drama dieses schweren Schlaganfalls, über lehrreiche Erlebnisse im Krankenhaus, über Verlustschmerzen, über Abschiede – als auch über wundervolle Fügungen, spannende Erfahrungen und über die Zahl 17, die auf seltsame Weise immer wieder auftaucht. Sie wirkt wie eine Botschaft vom Universum: „Alles gehört dazu. Ihr seid auf dem richtigen Weg und werdet ‚von oben‘ begleitet.“
Jacqueline und Olaf wenden alles, was sie als Heilpraktikerin und Empathie-Trainer gelernt und gelehrt haben, auf sich selbst an. Einfühlungsvermögen und freie Aufstellungsarbeit spielen dabei eine große Rolle. Im Mittelpunkt steht die erfolgreiche Verarbeitung schmerzvoller Erlebnisse. Diese Verarbeitung lässt beide „im Fluss“ bleiben und optimal mit diesem Schicksal umgehen.
Dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine besondere Form der Empathie, die jeder Mensch seit der Kindheit bereits lebt. Es ist hilfreich für jeden, der sich auf irgendeine Weise mit einem schmerzvollen Schicksal konfrontiert sieht und Anregungen für den inneren und äußeren Umgang damit sucht.
Autoren/Hrsg.
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Sonntag, 19.3.2017
Eine SMS, die mein Leben radikal änderte:
„Ruf mich an. Jacqueline muss ins Krankenhaus.“
Als mein Handy beim Eintreffen der SMS die üblichen Töne von sich gab, ließ ich es zunächst liegen und schaute mir die SMS nicht an. Aber eine meiner Teilnehmerinnen sagte: „Dieser Klingelton erinnert mich irgendwie an ‚Krankenhaus‘“.
Ich bildete gerade in unserer Empathie-Schule einige InteressentInnen zum Organisator für Freie Systemische Aufstellungen aus. Zuerst nahm ich die Bemerkung der Teilnehmerin nicht ernst. Doch eine Minute später kam mir plötzlich der Gedanke, dass Jacqueline vielleicht etwas zugestoßen sein könnte, dass es ihr nicht gut ging – und so las ich die SMS. Anschließend teilte ich der Gruppe mit, dass ich unbedingt einmal telefonieren müsse, bat um Verständnis und ging aus dem Seminarraum in den Flur.
Martina teilte mir am Telefon aufgewühlt mit, was mit Jacqueline los sei und dass sie gleich mit dem Krankenwagen ins nahegelegene Krankenhaus gebracht werde. Sie gab mir die Adresse des Krankenhauses.
Ich ging zur Gruppe zurück: „Ich muss die Ausbildung abbrechen. Jacqueline hat höchstwahrscheinlich einen Schlaganfall.“
„O je… Wir können den Raum für dich aufräumen und hinter uns schließen. Du kannst gern losfahren.“
„Nein, mir wäre es lieber, wenn ihr alle jetzt schon geht. Ich muss sowieso noch ein paar Dinge zusammenpacken.“
Während ich angespannt aber auch merkwürdig ruhig überlegte, was ich in den nächsten Stunden alles brauchen könnte, packten die Gruppenmitglieder ihre Sachen und verabschiedeten sich – mit allen guten Wünschen für Jacqueline. Als der Letzte gegangen war, war auch ich fertig und hatte alles Wichtige in meinem Rucksack verstaut – inklusive einer Packung Schokoladenkekse und einer vollen Flasche Wasser. Jetzt musste ich nur noch im Internet nachschauen, wo genau dieses Krankenhaus lag. Ziemlich schnell hatte ich einen Überblick, setze mich ins Auto und fuhr los – in mein neues Leben.
Zwei Tage vorher, am Freitagabend, war Jacqueline aus irgendeinem Grund traurig gewesen. Wir haben zu zweit versucht, mit Hilfe einer Systemischen Aufstellung die Ursache für diese Traurigkeit herauszubekommen oder die Traurigkeit in ein anderes Gefühl zu verwandeln. Es gelang aber nicht. Und so akzeptierten wir schließlich ihr Gefühl. Hatte sie es vielleicht vorausgefühlt, was zwei Tage später mit ihr passieren sollte?
Am Sonntagvormittag verabschiedete sie sich ausnahmsweise von unserer Ausbildungsgruppe. Denn sie wollte unbedingt an der Probe für das Musical teilnehmen, an dem wir beide mitwirkten. Ich hatte eine der Hauptrollen und hätte ebenso an der Probe teilnehmen sollen. Doch den Termin für die Ausbildung hatte ich schon lange festgelegt – und so hatte die Ausbildung an diesem Wochenende Vorrang. Also führte ich sie allein weiter. Eine Stunde vor Schluss demonstrierte ich der Gruppe, wie man mit sich allein - ohne fremde Hilfe - eine Systemische Aufstellung durchführen kann. Um dies gut zeigen zu können, machte ich selbst eine Allein-Aufstellung. Dazu wählte ich ein Thema aus, das ich für unverfänglich hielt: Ich wollte erforschen, ob mir aus meiner Intuition noch wichtige Informationen über meine Teilnahme an dem Musical kommen. Gab es noch etwas, was ich organisieren sollte? War irgendetwas Wichtiges zu bedenken? Sollte ich vielleicht meine Rolle auf andere Weise einstudieren, wie ich es zurzeit tat?
Ich nahm Fühlfelder (wir nehmen dafür große flache Schaumstoffpuzzleteile) und gab ihnen verschiedene Bedeutungen, die zu meiner Fragestellung passten. Dann legte ich sie intuitiv auf den Boden an verschiedene Plätze. Anschließend fühlte ich mich in die unterschiedlichen Positionen ein, indem ich mich auf jedes Fühlfeld einzeln draufstellte. Ich beschrieb der Gruppe, was für Gedanken und Gefühle mir auf dem jeweiligen Platz kamen. Auf diese Weise zeigte ich den Teilnehmern, wie ich für mich eine Aufstellung durchführe, wenn ich allein bin.
Während dieser Aufstellung erfühlte ich auf einmal etwas Seltsames: Es schien gar nicht so klar zu sein, dass ich an der Musicalaufführung wirklich teilnehmen würde. Zwei Elemente – „Mitmachen“ und „Nicht-Mitmachen“ – spielten nach meinem Gefühl in dieser Aufstellung eine große Rolle und widersprachen sich gegenseitig. Ich teilte der Gruppe mit, dass ich gerade irritiert sei, was ich hier fühle. Erklären konnte ich es mir nicht, denn es war eigentlich klar, dass ich beim Musical mitmache. Wir hatten schon fleißig dafür geübt. Dieses „Nicht-Mitmachen“ passte einfach nicht in mein aktuelles Bild. Und doch war es in der Aufstellung äußerst präsent.
Dann stellte ich mich auf ein Element mit der Bezeichnung „Alles gehört dazu“. Auf dieser Position konnte ich auf einmal wahrnehmen, dass der Konflikt zwischen „Mitmachen“ und „Nicht-Mitmachen“ irgendwie dazugehört. Und das fühlte sich gut an. Nein, nicht nur gut, sondern sehr gut. Ich konnte diesen scheinbaren Zwiespalt von dort aus integrieren und so stehen lassen, auch wenn ich ihn nicht verstand. So beendete ich die Aufstellung und damit die Demonstration der Gruppe gegenüber.
In dem Moment rief jemand auf meinem Handy an – ich ging aber nicht ran, weil ich ja mitten in der Ausbildung steckte. Als ich draufschaute, von wem der Anruf kam, stand dort „Martina“. Ich sagte der Gruppe: „Witzig! Es ruft gerade die Leiterin dieses Musicals an. Passt! Aber da gehe ich jetzt nicht ran. Wir wollen ja noch zum Schluss eine Aufstellung für Gaby machen.“
Kurz darauf kam die SMS.
In den folgenden Wochen ging es immer wieder um die Frage, ob ich nun beim Musical mitmache oder nicht. Denn die Aufführung sollte erst in zwei Monaten sein – und bis dahin könnte sich Jacqueline vielleicht erholt haben. In meinem Gefühl dominierte also tatsächlich der Konflikt „Mitmachen – Nicht-Mitmachen“ und gehörte über längere Zeit zu allem dazu.
Erst vier Wochen später war die Entscheidung reif …
Weil ich mir gut eingeprägt hatte, wo das Krankenhaus lag, fand ich es problemlos. Ich stellte mein Auto auf dem einzigen freien Parkplatz ab, der mir auf diesem komplett zugeparkten Krankenhausgebiet „von oben“ geschenkt worden war. Den Rest ging ich zu Fuß, wobei ich noch nicht wusste, wo der Eingang war. Ich folgte einfach den Schildern und vertraute. Mir blieb momentan sowieso nichts anderes übrig.
Plötzlich sah ich den Freund von Martina, Rainer, der aus dem Parkhaus kam und auch in Richtung Krankenhaus ging. Er erzählte mir, dass er von Martina informiert worden war und so schnell wie möglich hergefahren sei. Er kannte das Krankenhaus und konnte mich zur Notaufnahme führen. Dort wartete Martina auf uns. Sie hatte Jacquelines Korb mit ihren Schuhen, ihrer kleinen bunten Tasche und weiteren Sachen auf einen Stuhl des Warteraums gestellt. Ein seltsamer Anblick: die mir tief vertrauten Sachen von Jacqueline inmitten einer völlig fremden Umgebung. Und Jacqueline war nicht da. Ich fühlte mich einsam.
Zu dieser Zeit wurde gerade ihr Gehirn geröntgt, doch das wusste ich nicht. Ich wollte so schnell wie möglich zu ihr, musste aber mit Martina und Rainer an der Anmeldung warten, weil einige Leute vor mir dran waren. Es fühlte sich für mich wie eine Ewigkeit und eine Zeitverschwendung an, bis wir zu dem Raum geführt wurden, in dem Jacqueline lag. Sie war gerade von der Computertomographie (CT) in diesen Raum geschoben worden. Es passte zeitlich also genau. Zufällig.
Eine Ärztin fragte mich, ob Jacqueline Allergien oder Vorerkrankungen hätte, was ich verneinen konnte. Dann erzählte sie mir ohne Umschweife, was los ist:
„Ihre Frau hat eine Blutung in der linken Hirnhälfte. Sie wird operiert und dazu verlegen wir sie in die Neurochirurgie eines anderen Krankenhauses. Für die Fahrt dorthin muss sie noch vorsichtshalber intubiert werden, damit sie weiterhin Luft bekommt, falls ihr Atemzentrum irgendwann nicht mehr funktionieren sollte. Wir haben ihr schon eine Betäubungsspritze gegeben, aber Sie dürfen Ihre Frau trotzdem kurz sehen.“
Jacqueline sollte also einen Schlauch in die Luftröhre gesteckt bekommen und dadurch beatmet werden. Was die Ärztin mir nicht sagte, war, dass sich Jacquelines Zustand in den letzten 50 Minuten seit dem Vorfall in der Tanzschule verschlechtert hatte. Später konnte ich aus der Patientenakte entnehmen: Die GCS sank von 10 auf 8 Punkte (die Glasgow Coma Scale ist eine Skala zur Abschätzung einer Bewusstseinsstörung, wobei volles Bewusstsein 15 Punkte erhält).
Jacqueline lag mitten im Raum (dem Schockraum) auf einer Art Metalltisch. Was ich nie vergessen werde: die Reaktion ihrer Augen. Die Betäubung begann offensichtlich schon zu wirken, denn die Augen waren halb geschlossen, wie kurz vor dem Einschlafen. Oder lag es an ihrem verringerten Bewusstsein? Als sie meine Stimme hörte und mich sah, wurden ihre Augen noch einmal größer und sie schaute mich direkt an – und ich sah, dass das eine Auge sich mehr öffnete als das andere. Es war deutlich, dass sie mich erkannte und dass sie mir etwas sagen wollte, doch es war auch deutlich, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte. Denn ihre Lippen bewegten sich nur wenig.
Ich streichelte ihre Stirn und sagte zu ihr:
„Ich bin da – es ist alles gut.“
Kaum hatte ich das ausgesprochen, fühlte ich tief in mir schon den Schrei:
„Es ist gar nichts gut!!“
Mit diesem heftigen Widerspruch hätte möglicherweise Jacqueline reagiert, wenn sie noch dazu in der Lage gewesen wäre. Ja – natürlich war gar nichts gut! Aber ich war da – und das war schon mal gut.
Ich war froh, endlich in ihrer Nähe zu sein. Vier Personen (Ärzte, Assistenzärzte?) standen um uns herum. Ziemlich schnell aber einfühlsam wurde ich gebeten, wieder raus auf den Flur zu gehen, weil man sie nun intubieren wolle. Ich hatte den kurzen Gedanken, warum man mich nicht bei ihr bleiben ließ. Warum durfte ich den Prozess nicht beobachten? Warum musste ich wieder rausgehen? Aber ich stellte diese Frage nicht. Es schien selbstverständlich zu sein, dass ich wieder gehen musste. Ich akzeptierte die Anweisung. Es hatte bestimmt irgendeinen Grund. In meinem Schockzustand war es für mich leichter, einfach zu „gehorchen“.
Als ich nach draußen ging, sah ich durch eine große Ausgangstür draußen den Krankenwagen warten, mit dem Jacqueline transportiert werden sollte. Vorher hatte ich ihn auch schon gesehen, hatte ihm aber keine Bedeutung beigemessen. Jetzt war mir klar, dass er für Jacqueline dort stand.
Über längere Zeit wartete ich total nervös auf diesem Flur und ging immer hin und her. Es fühlte sich an, als ob ich Lampenfieber hatte. Martinas Anwesenheit tat gut – einfach ihr da sein. Ein gutes Zureden oder Körperkontakt hätte ich in dem Moment nicht gebrauchen können. Rainer war im Warteraum geblieben.
Plötzlich wurde ein Gedanke in mir ganz deutlich und ich sagte: „Ich kann absolut nichts machen. Es liegt allein in der Hand des Universums – und in der Entscheidung von Jacquelines Seele, was passiert und wie es nun weitergeht. Ich selbst bin machtlos – und hilflos. Vollkommen.“
Als ich das aussprach, fühlte sich diese Machtlosigkeit nicht mehr machtlos an – sondern „von oben geführt“. Ich hatte gleichzeitig neben meiner Unruhe eine Art tiefes Vertrauen, dass alles dazugehört.
Die Ärztin kam wieder heraus und sprach noch einmal mit mir. Sie teilte mir mit, dass man nicht wisse, wie es weitergehe. Sie wusste nicht, ob Jacqueline überlebt oder welche Schäden bleiben oder wie sonst die Zukunft aussieht. Auch wenn der Inhalt ihrer Worte mich auf das Schlimmste vorbereitete, fühlte sich diese Offenheit gut an. Und ich spürte, dass diese unsichere Aussicht in mir keine Panik auslöste. Ich merkte, wie ich jedes Schicksal annehmen würde, und wenn es noch so schmerzvoll ist. Gleichzeitig wartete eine Seite in mir sehr unruhig die nächsten Schritte ab.
Plötzlich ging ein Sanitäter in den Raum, in dem Jacqueline behandelt wurde. Ich war neugierig und schaute durch die offene Tür. Sie lag immer noch auf diesem Tisch, jetzt mit einem großen Schlauch im Mund – zur Beatmung. Ein Arzt blickte auf die Uhr (15.45 Uhr) und sagte zu den anderen: „Zwanzig Minuten – das ist noch recht gut.“ Offensichtlich bewertete er die Arbeit der übrigen, wie lange sie für die Vorbereitung von Jacqueline benötigt hatten.
In diesen zwanzig Minuten wurde aber nicht nur an Jacqueline gearbeitet. Es wurde auch eine Blutprobe im Labor analysiert, ein Arztbrief für das andere Krankenhaus geschrieben und beides der überführenden Notärztin zusammen mit einer CD-ROM mit den CT-Bildern von Jacquelines Gehirn mitgegeben.
Gleich danach ging es los. Jacqueline wurde von drei Personen auf einer Rolltrage aus dem Raum geschoben und hatte die Augen zu. Ihr Körper wackelte leblos beim Ruckeln der rollenden Liege. Keine Spannung mehr.
Nebenbei bemerkte ich, dass hier alle ÄrztInnen und SanitäterInnen jünger waren als ich – ein interessantes Gefühl. Denn bisher kannte ich es immer nur, dass ÄrztInnen älter und strenger waren. Eine Prägung aus meiner Kindheit, die bisher in meinem Gehirn nicht korrigiert worden war, weil ich lange keine Erlebnisse in Krankenhäusern hatte. Dieser Eindruck war nur ein kurzer Gedanke, der sofort vorbeihuschte.
Ich sollte vorne im Krankenwagen auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Am liebsten wäre ich hinten bei ihr gewesen und hätte sie die Fahrt über direkt begleitet und ihre Hand gehalten. Doch das wurde mir ohne Begründung verwehrt. Ich wunderte mich kurz, weil ich davon ausgegangen war, dass man als Angehöriger möglichst in der Nähe seines geliebten Menschen bleiben und ihn direkt begleiten darf. Aber auch diese „Trennung“ akzeptierte ich schnell, gehorchte und setzte mich vorne auf den Beifahrersitz. Ich fühlte mich in dieser Situation und im Krankenhaus als Neuling und hatte das Gefühl, keine Wahl zu haben, sondern den Anweisungen folgen zu müssen. Ich kannte keine Regeln. Ich wusste nicht, wann und warum etwas erlaubt und etwas verboten war. So musste ich erst einmal davon ausgehen, dass alle jungen Fachkräfte um mich herum die Regeln kennen und mich entsprechend an- und einweisen.
Dann stieg die Fahrerin ein und startete den Motor. Nach einer Rückfrage durch das Fenster in der Trennwand, ob hinten alles in Ordnung sei, fuhr sie los. Das Radio lief. Ich bat sie, es auszustellen. Ja – kein Problem.
Irgendwie begann ich, innerlich mit Jacqueline zu kommunizieren. Und sie reagierte in meinem Gefühl. Es war eine ganz liebevolle und fürsorgliche Jacqueline, die mir da innerlich antwortete. Und dieses Mal war es umgekehrt: Sie sagte nun zu mir, dass alles gut sei und ich mir keine Sorgen zu machen brauche.
Das war der Moment, in dem ich endlich das erste Mal in Tränen ausbrach und es einfach fließen ließ – geborgen innerhalb dieser liebevollen Stimme in mir. Fast die gesamten zehn Minuten dieser Fahrt weinte ich und verarbeitete in den ersten Schritten diesen Schock und diese große Veränderung in meinem Leben – und im Leben von Jacqueline.
Dass ich das erste Mal in einem Krankenwagen mit Blaulicht saß, dem alle anderen Autos ausweichen mussten, war Nebensache. Trotzdem beobachtete ich gleichzeitig neben meinen Gefühlen die Autos vor uns. Auf der Autobahn innerhalb eines dreispurigen Baustellenabschnitts machten sie zuverlässig ab einer bestimmten Entfernung zum Krankenwagen die Mittelspur frei, so dass wir ein gleichmäßiges Tempo fahren konnten...




