Jacobsen | Die Kinder von Barrøy | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 270 Seiten

Jacobsen Die Kinder von Barrøy

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-406-77423-2
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 270 Seiten

ISBN: 978-3-406-77423-2
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im lange erwarteten neuen Band seiner Insel-Saga, die Hunderttausende in aller Welt begeistert hat, entführt uns Roy Jacobsen wieder in die raue, atemberaubende Küstenlandschaft Norwegens und erzählt mit Lakonie und poetischer Kraft von der Härte des Insellebens am Rande der Zivilisation. Nach einer langen und beschwerlichen Reise durch Norwegen ist Ingrid zurück auf Barrøy. Das Leben auf der winzigen Schäreninsel wird noch immer vom jüngst vergangenen Zweiten Weltkrieg überschattet, die Menschen versuchen zu vergessen. Eines Tages wird ein fünfjähriger Junge auf die Insel gebracht. Als bald darauf sein Vater auf ungeklärte Weise verschwindet, adoptiert Ingrid den kleinen Mathias, der fortan fester Teil der Barrøy-Gemeinschaft wird. Doch sie ahnen zunächst nicht, dass mit Mathias auch das Drama um seine Herkunft mit auf die Insel geschwemmt wurde. 'Die Kinder von Barrøy' erzählt mit großer Intensität vom Zusammenleben in einer Gemeinschaft, einem Land im Wandel und der Unerbittlichkeit des Meeres. Aber vor allem ist es das Porträt einer außergewöhnlichen Heldin, einer Mutter, die allen Schicksalsschlägen zum Trotz Verantwortung übernimmt...

Roy Jacobsen schreibt Romane, Novellen, Erzählungen und Kinderbücher und gilt als einer der wichtigsten Autoren Norwegens, wo er mit unzähligen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. "Die Unsichtbaren" wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und war - als erster norwegischer Roman - auf der Shortlist des Man Booker International und des Dublin Award. Roy Jacobsen lebt in Oslo.

Gabriele Haefs, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin, ist eine der profiliertesten Übersetzerinnen vor allem aus dem Norwegischen. Sie erhielt u.a. als Übersetzerin den Deutschen Jugendliteraturpreis (mit Jostein Gaarder).

Andreas Brunstermann übersetzt Belletristik und Sachbücher aus dem Norwegischen, Schwedischen und Englischen.
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2


Mattis wirkte wie ein normaler Junge, der am Strand und auf dem kleinen Hof seines Vaters gespielt hatte, auf den Wiesen und im Laubwald und in den Schneewehen, und der gestrampelt und gelacht und geweint hatte wie andere Kinder, ohne sich von ihnen auf andere Weise zu unterscheiden, als dass eigentlich nur seine Eltern ihn aus der Ferne erkennen konnten. Bis er sich plötzlich änderte, von einem Tag auf den anderen, mit einem Tempo, zu dem nur Kinder in der Lage sind, eines Tages Ende Mai.

Dieser Tag begann damit, dass Johannes Hartvigsen auf der Bettkante saß, als der Junge die Augen aufschlug und das zerfurchte und bärtige Gesicht des Vaters erblickte, die Düsterkeit eines Mannes, der nicht wusste, wie er aussah, und der dieser Frage auch keinen einzigen Gedanken schenkte, zum Geräusch eines hämmernden Regens auf dem rostigen Blechdach. Mattis nannte das immer Donner, und das tat er jetzt wieder.

Und der Vater korrigierte ihn, wieder einmal, und wiederholte, dass der Junge noch niemals Donner gehört habe, in diesen Breitengraden gebe es nur selten ein Gewitter.

Das’s Regen, waste da hörst, Pissregen.

Nun musste Mattis aufstehen und sich anziehen und mit aufs Schiff kommen, an diesem Tag gab es kein Spiel mit Ole und Slutter, die Mama ist weggefahren.

Die Mama?

Ja, die Mama.

Wo isse denn, die Mama?

Diese Frage konnte Johannes nun wirklich nicht beantworten, und er fand auch nicht die Kraft, zu sehr über die Gründe zu spekulieren, aus denen seine Frau Olavia sie beide verlassen hatte. Olavia hatte sich zwar darüber beklagt, dass Johannes voller «schwerer Gedanken» sei, ein Mann mit «’nem schweren Kopf», was auf seine Umgebung übergriffe, also auf sie, Olavia, und davon habe sie nichts gewusst, als sie geheiratet hatten, behauptete sie. Johannes verhalte sich, als fühle er sich in seinem eigenen Heim nicht wohl, sondern wolle ein freier Vogel auf dem Meer sein, wie sie ebenfalls behauptete.

Er selbst hielt das für puren Unsinn. Die Milchroute war nur ein einträglicher Stumpfsinn, den er von seinem Vater geerbt hatte. Ehrlich gesagt, dachte Johannes an nichts anderes als an Olavia und den Kleinen, wenn er sich in seinem idiotischen Steuerhaus zu schaffen machte, daran, wie gut es tun würde, am Ende eines weiteren ereignislosen Tages zu vertäuen und die hundert Meter zum Haus zu gehen, die Wasserstiefel und die Arbeitskleidung abzulegen, sich das Öl von den Fingern zu schrubben und sich an den Abendbrottisch zu setzen, zusammen mit Olavia und Mattis, dem Liebsten, das er hatte.

Solche Worte wären jedoch zu groß für ihn gewesen. Johannes genoss seine Frau in privater Stummheit, die Wohlstandsdüfte von Seife und unerreichbarer Bürgerlichkeit, ihre Bewegungen, die Kleider, die Haare, die Hände, vor allem die Hände, verfeinert, schmal und weiß, selbst nach mehreren Jahren als Bäuerin, einer Arbeit, von der sie nicht die geringste Ahnung hatte, die sie aber dennoch mit ungefähr gleich großer Sparsamkeit und Skepsis verrichtete wie ihre Vorgänger, Johannes’ Eltern.

Aber dann kamen keine weiteren Kinder. Und darüber stutzte Johannes irgendwann, da ihre Zusammenkünfte so waren, wie sich das zwischen Mann und Frau gehört, soweit er das beurteilen konnte. Außerdem wurde im Laufe der Jahre im Dorf über Missstände in seinem Haus getuschelt, Gerüchte, die schließlich auch Johannes aufschnappte, vermutlich als Letzter. Vor allem ging es um die unheilschwangere Frage, wie einer wie er es geschafft hatte, sich die unerreichbare Olavia Storm zu krallen, eine der wenigen Frauen von der Hauptinsel, die wirklich die Wahl hatten, absolut vom Feinsten, sollte man meinen, und die ihn noch dazu gegen den Willen ihrer Eltern genommen hatte, hieß es, war Johannes wirklich auserwählt, wurde er geliebt? Das glaube, wer es glauben kann.

Mattis hatte kupferbraune Haare und grüne Augen, schöne, fast feminine Züge. Er sprach schon früh deutlich, war geschmeidig und kräftig und niemals krank. Er bekam zur richtigen Zeit Zähne, hörte früh mit Windeln auf und es gefiel ihm, sowie er Sprechen gelernt hatte, alles zu erklären und zu begründen, er ließ sich von einem frühen Alter an nicht zurechtweisen, nicht trotzig und aufsässig, er umschiffte nur Ermahnungen und Verbote elegant, als ob sie nicht existierten, ein selbstständiger und eigenwilliger Knabe.

Schon mit drei Jahren legte er sich die Gewohnheit zu, Olavia in allen Einzelheiten zu erzählen, was er an diesem Tag erlebt hatte, er konnte sich über das Tun und Lassen der Nachbarn und den Verkehr auf den Straßen und im Hafen verbreiten, Olavia nannte ihn einen Quatschkopf, und Johannes lächelte über so manche seltsame Überlegung, über den Blick des Jungen für witzige Details, Johannes empfand deshalb echten Stolz.

Aber als der Junge vier geworden war und seine Phantasien immer üppigere Formen annahmen, verspürte der Vater schließlich etwas, das fast wie Unbehagen wirkte, wenn sie zusammen waren, und in einzelnen Momenten wurde dieses Gefühl so stark, dass er sich fragte, ob er sich einen Fremdkörper ins Haus geholt hatte und keine Kopie seiner selbst.

Nun gibt es viele Erklärungen dafür, dass ein Apfel weit vom Stamm fallen kann, einzelne sind sogar beruhigend: unter anderem die Tatsache, dass Olavias Familie seit Generationen Zeit und Geld gehabt hatte, um sich himmelhoch über dem Rest der Bevölkerung zu veredeln.

Aber ebenso gibt es weniger beruhigende Erklärungen, zum Beispiel, dass die deutsche Besatzungsmacht ihr Hauptquartier nun gerade auf dem Gut der Familie Storm aufgeschlagen hatte, dass Olavia und ihre Schwestern in der Offiziersmesse bedient hatten, wenn sie sich nicht die Zeit in ihren tapezierten Jungmädchenzimmern vertrieben und darauf warteten, entdeckt zu werden, wie junge Damen ihres Standes es seit Jahrhunderten getan hatten, wenn kein Krieg war.

Aber nun war eben Krieg. Und dann war der Krieg zu Ende und die Leute fingen an, darüber zu reden, dass Mattis vielleicht nicht der leibliche Sohn von Johannes sei. Johannes sei nur das Tarnmanöver einer weitblickenden Frau, einer Frau, die wie so viele – auch stärkere Charaktere als Olavia – in Friedenszeiten etwas zu bereuen, etwas wiedergutzumachen oder etwas zu verbergen hatten.

Es konnte die Gerüchte nicht zum Verstummen bringen, dass zwei andere Frauen, die im deutschen Stützpunkt gedient hatten, zur Handelsstation zurückgeschickt worden waren, um ihre frühere Arbeit wieder aufzunehmen, als Frauenzimmer, in der weniger schmeichelhaften Bedeutung dieses Wortes, zwei verblühte Überreste, die vor dem Laden von Markus auf der Milchrampe saßen und alle ins Gespräch zogen, die vorüberkamen, die ihre Sätze mit beeindruckenden Flüchen würzten und Bettelbriefe an die Armenkasse schickten und die im Kirchenchor falsch sangen, während sie darauf warteten, dass der Hering kam, dass die Konservenfabrik wieder öffnete, und die nichts Besseres zu tun hatten, als auf dieser Rampe zu sitzen und anzudeuten, dass die Wahrheit nicht gerade das Erste ist, woran man denkt, wenn man den Blick auf der degradierten Kaufmannstochter Storm und ihrem Sohn Mattis ruhen lässt.

Johannes registrierte, dass das Gerede seiner angeblichen Schwermut mehr Substanz gab, dass dieser Zustand allmählich Ähnlichkeit mit etwas aufwies, das er in den ersten Jahren nach dem Tod seiner Mutter erlebt hatte, als er im Alter von zwölf seinen Vater aufs Meer begleiten musste, zuerst zum Fischen vom offenen Ruderboot aus, dann auf die Milchroute, ein Schicksal, das nun auch seinem Sohn zuteilwerden sollte, mit dem dramatischen Unterschied, dass Mattis erst fünf war.

Das Seltsame war, dass Johannes, als er an diesem ersten Morgen als verlassener Ehemann Seite an Seite mit seinem Sohn zum Hafen hinunterging, um auch an diesem Tag seine Pflicht zu tun, von der Erkenntnis getroffen wurde, dass das Ganze eigentlich kam wie erwartet. Olavia war zu schön gewesen, um wahr zu sein, für ihn, sie war ein Traum gewesen, der nun zu Ende war.

Es war kein einfacher Gedanke, um damit den Tag zu beginnen, aber er war immerhin zu ertragen, merkte Johannes, so, wie es ein Trost sein kann, wenn endlich eine Diagnose für etwas Rätselhaftes gestellt wird, mit dem man sich seit einiger Zeit herumquält, selbst, wenn es Krebs ist. Und vielleicht war diese widersprüchliche Klarsicht der ...


Roy Jacobsen schreibt Romane, Novellen, Erzählungen und Kinderbücher und gilt als einer der wichtigsten Autoren Norwegens, wo er mit unzähligen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. "Die Unsichtbaren" wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und war – als erster norwegischer Roman – auf der Shortlist des Man Booker International und des Dublin Award. Roy Jacobsen lebt in Oslo.

Gabriele Haefs, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin, ist eine der profiliertesten Übersetzerinnen vor allem aus dem Norwegischen. Sie erhielt u.a. als Übersetzerin den Deutschen Jugendliteraturpreis (mit Jostein Gaarder).

Andreas Brunstermann übersetzt Belletristik und Sachbücher aus dem Norwegischen, Schwedischen und Englischen.



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