E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Jacoby Die Mottenkönigin
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-4531-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-7519-4531-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die 1992 in München geborene Autorin arbeitet nachts an ihren Geschichten und tags im Eventmanagement. Dadurch verschiedenste Menschen und Orte kennenzulernen schenkt ihr stets Inspiration für Szenerien und Geschichten. Zuvor machte sie in Leipzig eine Ausbildung zur Incentive- und Eventmanagerin sowie zur Fremdsprachenkorrespondentin (Englisch) und lebte ein Jahr im Ausland. Seit Oktober 2019 studiert sie neben dem Beruf Kultur- und Literaturwissenschaften an einer Fernuniversität.
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EINS
Schweigend betrat Pares das Zugabteil. Das kratzende Geräusch der Schiebetür reichte aus, um das Mädchen zu wecken, das ausgestreckt auf einer der wie mit Hotelteppich bezogenen abgewetzten Bänke geschlummert hatte. Ihr Kopf war auf eine Armlehne gebettet. Als Decke diente eine gelbe Windjacke mit Rechteck-Muster, die bei diesen Temperaturen eigentlich unnötig war. Die Sonne, die durch die mit einem »Kelvin war hier«-Schriftzug zerkratzte Scheibe brannte, ließ die Hamsterbäckchen des Mädchens dunkelrosa aufleuchten. Der Farbkontrast brachte ihre prompt aufgeschlagenen husky-blauen Kulleraugen besonders zur Geltung.
Sie musterte Pares kopfüber von der Bank hängend, bis sie wach genug war, um sich aufzurappeln. Sie rutschte ans Fenster, schob ihren Krempel zur Seite und zog die Kopfhörer aus den Ohren, obwohl Pares keine Anstalten machte, mit ihr zu reden. Geschweige denn, sich neben sie zu setzen.
Er nahm entgegen der Fahrtrichtung an der Tür Platz und tat so, als würde er nachdenken. Währenddessen verfolgte er aus den Augenwinkeln, wie sie ihre zerzausten Locken notdürftig sortierte.
Sie wirkte desorientiert. Aufgekratzt. Ihre Pupillen waren noch zu geweitet für das lichtdurchflutete Abteil. Er schüttelte enttäuscht den Kopf. Man hatte die Kleine nicht gut genug ausgebildet, als dass sie das nervöse – plus unappetitliche – Nägelkauen unterdrückte, sobald sie mit ihren Haaren fertig war. Sie knabberte auf ihnen herum, als hätten sie mehr als nur die Farbe mit getrockneten Cranberrys gemein.
Ein unerfahrenes Wunderkind ohne die für gewöhnlich obligatorische Affenbande an Bodyguards herumlaufen zu lassen, fiel in die Kategorie »grob fahrlässig«. Pares war versucht, sich den Handballen gegen die Stirn zu schlagen und zu seufzen. Eine Beschriftung mit Edding quer übers Gesicht wäre kaum plakativer gewesen. Alles an ihr schrie »verhätschelter Fall für die Klapse«. Warum steckten sie ihr nicht gleich einen Apfel in den Mund und warfen sie auf ein Silbertablett mit Tomatenröschen?
Das Mädchen – K. M. M. laut den Initialen auf ihrem Goldarmband – rieb sich den Schlaf aus den Augen und den Mascara von den Wimpern. Ihre Lippen zuckten unter Silben, die sie testete. Eine Weile lang schien keine gut genug zu schmecken, um sie auszusprechen. Als sie schließlich kratzige Töne hervorbrachte, bemerkte Pares gleichermaßen entzückt wie mitfühlend die Scham darin. Die Sorte Scham, die man empfand, wenn man unter Beobachtung etwas zum ersten Mal tat, ohne einen blassen Schimmer davon zu haben. Sie versteifte sich dermaßen darauf, gelassen und normal zu wirken, dass sie verkrampfte.
»Sie haben …« Das Mädchen hielt inne. Offenbar wühlte sie in ihrem hochroten Köpfchen nach Worten. Nein, nach Mut. »Sie haben einen Sprung …«
Pares gähnte geräuschvoll und demonstrativ genüsslich, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. Dadurch entblößte er das eintätowierte Herz auf seiner langen, belegten Zunge. Kein Herz wie es Sechstklässlerinnen in liebevoller Kleinarbeit über alle ihre »i«-s kringeln, sondern ein Organ. So anatomisch korrekt gestochen, wie es Oberfläche und Platz auf Pares’ Zunge zugelassen hatten.
Er rollte die Zunge ein wie ein Hund beim Gähnen ein und schmatzte dreimal leise, ohne seine Mitfahrerin eines Blickes zu würdigen.
»Entschuldigen Sie.« Das Mädchen klang gereizt unter ihrer Unsicherheit. Die Erwartungshaltung, die von ihren gestrafften Schultern unterstrichen wurde und die aus Pares’ Sicht völlig fehl am Platz war, weckte seine Neugierde.
»Sie haben einen Sprung in Ihrem Glasauge.«
Bedacht legte er den Kopf schief. »Wie bitte?«
Seine Stimme ließ K. M. M. zusammenzucken. Sie riss die Augen auf, als hätte er ihr ein Brett vors Gesicht geschlagen. Ihm glitt ein selbstzufriedenes Schmunzeln in den linken Mundwinkel – überall die gleiche Reaktion.
Eine andere Art von Schweigen als zuvor trat ein. Diese hatte Bedeutung. Sie bestand aus unsichtbar und lautlos in der Luft schwirrenden Worten statt aus betretenem Schweigen.
Pares beugte sich vor, stützte die Ellenbogen auf die überschlagenen Knie und bettete sein spitzes Kinn auf seine verschränkten Hände. Sein Bart strich über die eintätowierten Buchstaben auf seinen Fingerknöcheln.
Zuerst testete er den Blickkontakt des Mädchens. Ihr Wimpernkranz zuckte aufgeregt, aber sie blinzelte nicht.
»Bist du dir aller Konsequenzen bewusst, wenn du das sagst?«
Anders als erwartet wich sie seinem starren, durchdringenden Blick nicht aus.
»Ein Sprung. In Ihrem Glasauge.«
Sie schien sich schnell an die Merkwürdigkeit laut ausgesprochener Worte zu gewöhnen, weil sie ständig dieselben in geänderter Reihenfolge wiederholte.
Pares schnalzte mit der einschlägig tätowierten Zunge – sie wollte es so.
»Ein Sprung?«, raunte er. »Dabei ist es vom besten Flohmarkt in Basel. Eigenartig.«
Der Satz traf das Mädchen unvorbereitet, obwohl sie ihn nicht zum ersten Mal hörte. Wach kam einem alles härter vor als im Traum. Kanten erschienen schärfer, Konturen deutlicher, Geräusche lauter. Ein paar Stunden zuvor hätte sie die Nase krausgezogen und nichts mit diesem Satz anfangen können. Auch jetzt kam er ihr schrecklich seltsam vor. Ein Teil von ihr hatte nicht damit gerechnet, dass es sich als real erwies, worüber sie im Traum eines anderen gestolpert war.
Einige Stunden zuvor
Ein Bauchklatscher vom Dreimeterbrett in 38°C warmes Wasser. Eine einzige, rot brennende Ohrfeige über den ganzen Körper. Zumindest eine Millisekunde lang. Dann die tröstende Umarmung lautloser Wellen. Als Klarabell die Augen aufschlug, war sie trocken, trotzdem spürte sie im Augenwinkel ein Zwicken wie von Chlorwasser. Drei Mal blinzeln, und es war verschwunden.
Sie ließ ihre Finger knacken, einen nach dem anderen, und genoss das Geräusch. Wie es ihr eine Gänsehaut verpasste und wie entspannt sich die Glieder danach anfühlten. Ihre Großmutter Edita hatte bis zu ihrem Tod geschimpft und behauptet, das fördere Gicht, aber das kümmerte sie nicht. Zumindest nicht hier.
Als Nächstes löste sie die pelzige Zunge, die an ihrem Gaumen klebte wie Kaugummi an einer Turnschuhsohle, und schluckte. Es half nichts, der Druck auf ihren Ohren blieb. Genauso wie das hölzerne Gefühl beim Laufen in dem fremden Körper, aus dessen Augen Klarabell den Traum betrachtete.
Es kam manchmal vor, dass sie die Position des eigentlichen Träumers einnahm, wenn sie in ihn hineinstolperte. Bizarr fand sie es trotzdem. Ihr war es lieber, den Schläfer von außen zu beobachten, um ein Gefühl für ihn zu bekommen. Seltsam, oder? Sie stöberte im Unterbewusstsein eines anderen herum und glaubte, das Angesicht-zu-Angesicht-Erlebnis zu brauchen, um die Person zu begreifen.
Obwohl die Umgebung teils verschwamm, wusste sie sofort, welche Straße sie entlangschlenderte: die Schildergasse mitten im Herzen Kölns. Bei einem Blick über die Schulter erkannte sie die Mayersche. Der bunt beleuchtete Schriftzug der Buchhandlung stach als einer der wenigen Orientierungspunkte deutlich aus der verwaschenen Kulisse heraus.
Der Träumer bog in eine unscheinbare Seitengasse ein, in der es nach verwehten Schneeflocken, kalten Abgasen und ein beißendes Bisschen nach Urin roch. Dort, wo die Straße einen Knick machte, hob sich ein renovierungsbedürftiger Kiosk in satten Farben von der Umgebung ab.
Seine abgeschaltete Neonschrift diente Stadttauben den grauweißen Schlieren zufolge nicht nur als gelegentlicher Rastplatz. Breite Spuren getrockneten Straßendrecks sprenkelten das Schaufenster und die Glastür darunter, die mit Zeitungsseiten abgeklebt worden waren. Jemand hatte sie mit einem Schlüssel längs zerkratzt und eine weiße Narbe hinterlassen. Daneben klebte ein Zettel: »«.
Auf der Stufe vor dem Kiosk saß eine eingemummelte Gestalt. Sie hatte eingefallene Wangen und indigo- bis auberginefarbene Tränensäcke unter den Augen. Der glasige Blick und der Vollbart machten es schwer, das Alter des Mannes zu schätzen. Vielleicht war er Ende dreißig? Mitte vierzig? Wie gerade die Bartkanten rasiert worden waren, stach Klarabell ins Auge, als der Träumer mit ihr vor dem Mann stehen blieb. Ebenso wie seine gepflegten Haare, die unter der löchrigen Skimütze hervorlugten wie Schnittlauch und bis zu seinen Schulterblättern reichten.
Der hagere Kerl zitterte nicht, dabei kletterte Raureif die Decke hoch, die über seinen Schultern lag. Seine fingerlosen Handschuhe entblößten die Tätowierungen auf seinen weiß hervorstehenden Handknöcheln. L-E-F-T stand korrekterweise darauf.
Zum Zeitvertreib schmorte der Mann die Sohlen seiner Mokassins mit einem Feuerzeug an. Wenn rußiger, in der Nase zwickender Rauch aufstieg, klopfte er die aufkeimende Flamme aus. Währenddessen...




