Jacoby / Nabe | Flug in die Erinnerung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

Jacoby / Nabe Flug in die Erinnerung

Ein Hobby-Pilot auf den Spuren seiner Jugend in Südamerika
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-4134-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Hobby-Pilot auf den Spuren seiner Jugend in Südamerika

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

ISBN: 978-3-7519-4134-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit 57 Jahren erfüllte sich der Autor seinen größten Traum: Er flog gemeinsam mit einem Freund mit einem einmotorigen Wasserflugzeug von Deutschland rund um Südamerika und landete sogar in der Antarktis. Der anschauliche Reisebericht des Hobbypiloten wird mit Rückblicken in seine Kindheit und Jugend als jüdischer Immigrant in Bolivien und als junger Mann in Israel ergänzt, die mitreißend, z.T. tragisch, aber auch komisch sind. Ein packendes Buch, das das Schicksal der jüdischen Einwanderer in Südamerika erzählt, aber auch eine wunderbare Geschichte über einen nicht ganz ungefährlichen Flug mit einem kleinen Flugzeug durch die halbe Welt.

Im Alter von 2 Jahren floh der Autor mit seinen jüdischen Eltern 1939 vor den Nazis nach Südamerika; Nur mit dem Nötigsten und ohne Sprachkenntnisse mussten sie sich ein neues Leben aufbauen. Er wuchs unter Indiokindern und zeitweise im Kinderheim auf. Als junger Mann wanderte er nach Israel aus und half beim Aufbau eines Kibbuzes. Später kehrte er nach Deutschland zurück, heiratete und wurde Vater einer Tochter. Seinen großen Wunsch, Pilot zu werden, konnte er aufgrund der Umstände in Südamerika nicht verwirklichen. In Deutschland wurde er später Hobbypilot und lebte damit seinen Traum.
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1 Von Lützellinden nach Autun


Das Blechtor des Hangars rollte langsam nach oben. Von heftigem Schneetreiben umweht, verfolgten wir, wie das hochsteigende Tor die Sicht ins Innere der Halle freigab.

Da stand sie! Die . Unser schöner weißer Vogel mit seinen blauen Längsstreifen und dem Triebwerk auf dem Rücken. Ich atmete tief durch und wechselte einen Blick mit Wolfgang. Für die nächsten drei Monate sollte das Flugzeug zu unserem Wohnsitz werden.

Sie sah schon eigenartig aus, die , mit ihrem 280 PS-Triebwerk auf dem Dach und dem nur wenige Zentimeter über dem Boden liegenden Rumpf, den Schwimmern unterhalb der beiden Flügel und dem obenliegenden Höhenruder mit der weit aufwärts ragenden Trimmklappe. Leider erhielt die Maschine keine deutsche Zulassung, so daß sie das amerikanische Kennzeichen N8548U beibehielt.

Es war der 28. Dezember 1993, der Tag, an dem die langersehnte Reise endlich losgehen sollte. Eine Reise, die bis zur Antarktis und von dort zurück über den südamerikanischen Kontinent bis nach Florida geplant war.

Sechs Monate zuvor hatte ich in Dänemark die Schulung, die praktische Einweisung und die Prüfung für Wasserflugzeuge mit einer absolviert. Unglaublich, aber wahr - in Deutschland wäre das nicht möglich gewesen. Hier ist, im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern der Welt, das Landen auf dem Wasser verboten.

Am 27. Dezember, dem Tag vor der Abreise, war ich von meiner Heimatstadt Berlin nach Frankfurt aufgebrochen. Wolfgang hatte mich vom Flughafen abgeholt und mit zu sich nach Braunfels genommen. Nach einem kurzen Imbiß ging es gleich weiter zum Flugplatz Gießen-Lützellinden, um die Maschine zu beladen. Vor allem aber mußte ich unbedingt noch einen kurzen Probeflug machen. Es mag sich unwahrscheinlich anhören, aber ich hatte diese Maschine noch nie zuvor geflogen.

Bei dem Probeflug stellte sich auch gleich heraus, daß die Heizung, die elektrische Seitentrimmung und die Zylinderkopftemperaturanzeige nicht funktionierten. Die Fehler fanden wir trotz längerer Suche nicht. Ersatzteile standen auch nicht zur Verfügung. Nun gut, die fehlerhaften Geräte waren nicht essentiell wichtig. Notfalls konnte man auch ohne sie auskommen. Entscheidend war, daß die Öl- und Abgas-Temperaturanzeigen funktionierten. Wir sahen keinen Grund, die Reise zu verschieben. Alternativ zur ausgefallenen Heizung würden wir uns halt warm anziehen müssen, und die Seitentrimmung konnten wir bei Bedarf durch Gegensteuern korrigieren. Später, im Laufe des Fluges, sollten dann noch andere Mängel zum Vorschein kommen, während der Heizungsfehler sich als reiner Bedienungsfehler entpuppen würde.

Doch jetzt, wenige Minuten vor der Abreise, standen wir auf dem Flugplatz Lützellinden, starrten in das Schneegestöber und hoben verzweifelt den Blick zu der geschlossenen, tiefliegenden Wolkendecke. Die Temperaturen lagen unter null Grad und die Sicht betrug nur wenige hundert Meter. Der kleine Flugplatz hatte kein Instrumentenflugverfahren, wir hätten also nach Sichtflugregeln fliegen müssen. Dafür bestanden aber nicht einmal die minimalsten Wetterbedingungen.

Am frühen Morgen hatte es noch ganz anders ausgesehen. Der Himmel war nur mäßig bedeckt gewesen. Erwartungsvoll hatten wir auf weitere Besserung gehofft. Zum Wetterdienst in Frankfurt konnten wir jedoch keine Verbindung bekommen, und der Bericht von GAFOR war alles andere als ermutigend gewesen. Nun wollte auch Wolfgangs Frau Christl uns nicht mehr zum Flugplatz begleiten. Er sollte sie anrufen, wenn der Abflug sicher sei.

Auf dem Flugplatz wurden wir bereits von Herbert, einem versierten Amateurfunker aus Gießen, erwartet. Er hatte die HF-Funkanlage in der Maschine installiert und bestand darauf, mir noch einmal die Bedienung der Anlage zu erklären. Bei dieser Gelegenheit drückte er mir auch die Liste der Frequenzen in die Hand, auf denen wir in Verbindung bleiben wollten. Ich bin selbst Amateurfunker und weiß, daß eine solche Hilfe nicht hoch genug geschätzt werden kann. Mein Rufzeichen hatte ich mit den vorgeschriebenen erweitert.

Doch jetzt mußten wir uns entscheiden! Es war neun Uhr, und wir wollten noch heute nach Saarbrücken zum Volltanken fliegen, um von da aus den Flug in die nordspanische Stadt Gerona fortzusetzen. Der Zwischenstop in Saarbrücken war unumgänglich, denn die nur 700 Meter lange, und obendrein noch verschneite Startbahn von Lützellinden wäre für einen Start mit vollgetankter Maschine zu kurz gewesen. Deshalb machten wir nur den Haupttank voll, der Treibstoff für drei Stunden aufnehmen konnte. Das würde problemlos für den einstündigen Flug nach Saarbrücken reichen.

Das Flugzeug war auch damit schon schwer genug. Während des Beladens hatten wir um jedes Gramm feilschen müssen. Von meinem Gepäck mußte fast die Hälfte in Braunfels zurückbleiben und auch Wolfgangs Koffer war noch einmal gründlich erleichtert worden. Darüber war keiner von uns beiden glücklich, doch wir konnten kein Gewicht mit Dingen verschwenden, die nicht unbedingt nötig waren. Schließlich hatten wir ja selbst in den letzten Monaten kräftig abgespeckt. Wolfgang hatte fünf, ich sogar zehn Kilo abgehungert. Dieses verlorene - und damit gewonnene - Gewicht durfte durch kein überflüssiges Kilo rückgängig gemacht werden. Allein die unverzichtbare Überlebensausrüstung wog schon 84 Kilo. Im Falle eines Motorstreiks mit nachfolgender Wasserung würde sie uns vor dem sofortigen Tod bewahren.

Diese Ausrüstung bestand aus einer aufblasbaren Rettungsinsel, zwei Gummianzügen und Schwimmwesten, zwei Paddeln, einer Leuchtpistole, fünf Liter Süßwasser, einem Notsender, einem Verbandskasten, verschiedenen Seilen und einem Spezialmesser, in dessen Scheide ein Kompaß, eine Säge, eine Angelschnur mit Haken und noch andere Werkzeuge integriert waren. Außerdem gehörte noch ein Zelt mit Spaten dazu, mit den entsprechenden Utensilien für eine Notlandung im Urwald. All diese Dinge entsprachen auch den internationalen Vorschriften bei Überquerung des Atlantik und der Urwaldregionen.

Zu unserer weiteren Ausrüstung gehörten noch eine Sauerstoffflasche mit Schläuchen, der HF-Sendeempfänger mit Transformator, sowie Antennen und Anpaßgerät. Ein für den Flugfunk geeigneter Handsendeempfänger und ein tragbares Reserve-GPS (Global Positioning System) würde uns helfen, falls die Lichtmaschine versagt, oder die Elektronik nach einem Blitzschlag ausfallen sollte. Die wichtigsten Werkzeuge und Ersatzteile hatten wir natürlich ebenso an Bord.

Zu unserem Gepäck gehörte zusätzlich noch ca. 20 Kilo Papierkram: Der Jeppersen-Flugplatzordner für Mittel- und Südamerika, Flugkarten für den Sicht- und Instrumentalflug, Landkarten, Reisebücher, Formulare etc.

An Kleidungsstücken hatten wir beschlossen, je einen Pullover, eine Jacke, Handschuhe und Mützen für Feuerland, die Falkland/Malvinas und die Antarktis mitzunehmen; darüberhinaus je zwei Paar Schuhe und Strümpfe, zwei Hemden, Hosen, Unterwäsche und Regenmäntel, sowie ein Necessaire mit den Hygienesachen und ein Handtuch. Das war schon alles. Sakkos und Krawatten ließen wir zu Hause. Wir rechneten nicht damit, in der Antarktis zu einem Empfang mit vorgeschriebener Abendgarderobe geladen zu werden.

Auf ein paar Dinge, die nicht unbedingt überlebenswichtig waren, wollten wir trotzdem nicht verzichten: Auf eine Videokamera, einen Fotoapparat mit Reservebatterien und auf die entsprechende Menge an Filmen. Diese Sachen, fanden wir, durften bei einer solchen Reise einfach nicht fehlen. Ich wolte Videofilme machen, Wolfgang entschied sich für Dias.

Mit vollgetankten Flügeln und Schwimmtanks würden wir dann allerdings weit über das zulässige Gewicht kommen. Wir wagten nicht daran zu denken, daß für die 15-Stunden-währende Atlantiküberquerung der 480-Liter-Zusatztank hinter den Pilotensitzen voll sein mußte. Nur Mut, flüsterte ich mir zu. Wie war das nochmal mit Lindberg gewesen?

Genau in dem Moment, in dem ich an das große Vorbild meiner Jugend dachte, hörte es auf zu schneien. Die Sicht besserte sich ebenfalls. Es war mittlerweile zehn Uhr geworden, wir hätten längst in der Luft sein müssen, um das heutige Ziel zu erreichen, aber selbst, wenn wir nur bis Saarbrücken kämen, wäre das schon ein Schritt vorwärts. Besser, als hier noch einen Tag zu hocken!

Vor wenigen Tagen erst hatte Wolfgang noch gemeint, daß es das Schwierigste an der Reise sein würde, aus dem winterlichen Deutschland herauszukommen. Danach sei alles nur noch 'Spielerei'. Doch ich war überzeugt, daß wir den Aufbruch schaffen würden, und wenn es nur in kleinen Sprüngen sein sollte. Schließlich hatte ich nichts unversucht gelassen, um meinen Optimismus zu stärken. An meiner Brust trug ich zwei Talismane - und ich glaubte fest daran, daß sie uns beschützen würden.

Während...



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