E-Book, Deutsch, 374 Seiten
Jacoby Witches. Die Knochenhexe
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-646-60742-0
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fantasy-Liebesroman über eine Hexe, die den Thron verweigert und deren Herz für einen Dämon schlägt
E-Book, Deutsch, 374 Seiten
ISBN: 978-3-646-60742-0
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 3
Ophelia
Die verknöcherten Bäume im Vorgarten reckten die Hälse bis zum Arbeitszimmer im Erdgeschoss meines Elternhauses in Berlin Pankow, als wollten sie ja nichts von unserem gedämpften Gespräch verpassen. Genau wie meine Mutter in ihrem Sessel. Als ginge ihr womöglich die Lösung des Geheimnisses unserer neuen Bekanntschaft durch die Lappen, wenn sie auch nur ein Wort überhörte. Alles war wichtig, wenn auch nichts Sinn ergab.
Meine Mutter nickte in Zeitlupe zu Toris und meinem Bericht. Ihre Miene war versteinert, fast wie an dem Tag, an dem ich ihr eröffnet hatte später nicht im administrativen Dienst des Magieverbandes, unserer Version einer Gewerkschaft für Hexende, tätig werden zu wollen. Sie gab sich auch jetzt beunruhigend gefasst. Sonst erinnerte sie mit ihren großen Augen, den rotbraunen Haaren, der hektischen Gestik und dem Hang zum Horten von Deko sowie Erinnerungsstücken an ein Eichhörnchen. Eines, das ich trotz seiner unnahbaren Strenge sehr liebte und bei dem sich Neider fragten, wie es den dritthöchsten Posten in unserer Vereinigung ergattern konnte. Natürlich nur, bis sie sahen, mit welcher Präzision meine Mutter Knochenmagie ausübte.
Jetzt verriet lediglich das Schnattern um sie herum ihre Nervosität. Nein, nicht Toris und meine Schilderungen. Das Zähneklappern aller Schädel in den Nussbaum-Regalen. Zwei Zimmerwände präsentierten auf Satinkissen die unzähligen menschlichen, tierischen und vereinzelt dämonischen Totenköpfe.
»Ich versuche Seine Hochwürden, den Großmagis zu kontaktieren«, erklärte meine Mutter uns den offensichtlichen Grund für die Geschäftigkeit der Schädel.
Ein nostalgischer Titel für einen langweiligen Verwaltungsjob mit ein paar Special Features. Doch ausnahmsweise war mir diesmal nicht danach, mich darüber lustig zu machen. Ich wollte bloß in meine – scheinbar unerreichbare – Bettdecke beißen, um die angestaute Frustration zu kanalisieren.
Je öfter ich die Geschehnisse in meinem Kopf durchspielte, desto unwirklicher schienen sie mir. Ein gewöhnlicher Mensch, der Dämonen sah? Hier ging es unmöglich mit rechten Dingen zu!
Während Tori die Ereignisse aus ihrer Sicht schilderte und meine Mutter regelmäßig verstohlen zu den klappernden Schädeln schielte, sah ich aus dem Fenster zu den Bäumen vor dem grimmigen Morgenhimmel. Ich nippte an meinem herben Schmetterlingsbohnen-Tee, dessen Blau einen starken Kontrast zum Blutrot der Vorhänge bildete.
Was, wenn das ein weiterer Nebeneffekt der Risse zwischen den Welten war? Was, wenn das Reich der Dämonen an Kraft gewann? Wir wussten denkbar wenig über diese Kreaturen. Vielleicht erkannten wir es darum erst jetzt. Ja, kurz vor Erneuerung der Barriere durch das erhaltende Ritual, in dem Blut- wie Knochenmagier ihre Fähigkeiten bündelten, krochen vermehrt Dämonen durch feine Risse in unsere Welt. Das war schon lange bekannt. Aber was bedeutete es für den Zustand unseres Schutzwalls, wenn nun auch schon ein Mensch Dämonen sah? Halt.
.
Noch war nichts bewiesen. Für all das gab es sicher eine ganz banale Erklärung. Es musste einfach so sein!
»Womit auch immer wir es hier zu tun haben, ich wittere einen Skandal.« »Es war jedenfalls absolut richtig, mich zu kontaktieren, Mädchen. Bis wir Antwort vom Großmagis erhalten, sollten wir Ruhe bewahren.«
»Was tun wir, wenn sie vorher aufwacht?«, warf ich ein.
»Tja, was macht ihr dann?«, kam eine Stimme aus Richtung Zimmertür.
Wir wirbelten herum.
Im Türrahmen zum Gästezimmer stand leichenblass das Mädchen vom S-Bahnhof. Um sie nicht komplett in Panik zu versetzen, hatten wir sie nicht umgezogen. Sie trug noch immer ihre vom Dämonenblut lädierte Kleidung, als sie sich in den Raum tastete. Alle Blicke ruhten dabei auf ihr.
»Nichts«, erwiderte meine Mutter mit hektischer Mimik. »Sie sind schließlich Gast in diesem Haus.«
»«, raunte die junge Frau mit den bunten Haaren, die wahrscheinlich ungefähr in meinem Alter war, vielleicht etwas jünger.
»Gar keine Angst mehr vor uns?«, warf Tori mit verschränkten Armen ein. Irgendetwas an der bloßen Anwesenheit unseres reizte sie. Sonst schaffte das nur Aaron.
»Ihr seht nicht aus, als würdet ihr wegen Geld Leute von der Straße entführen.« Mit diesen Worten hob die Sterbliche den Deckel einer Bonbonschale aus Kristallglas neben ihr an. »In meinem Fall würde ohnehin niemand Lösegeld zahlen …«
Keine Ahnung, was ich darauf sagen sollte. Ich verspürte den Impuls zu widersprechen – aber was wusste ich schon?
Wir belauerten uns alle in angespannter Stille. Niemand wollte dem anderen zu nahetreten, ausnahmsweise nicht einmal meine Mutter. Sie beobachtete schweigend, wie das Mädchen aus der Unterführung sich umsah. Deren Gesicht wurde noch blasser, als ihr Blick über die unzähligen Schädel schweifte. Er blieb an einem Dämonenschädel mit sieben Augenhöhlen hängen. Sie schluckte so schwer, dass ich förmlich den Kloß in ihrem Hals spüren konnte. An ihrer Stelle hätte ich uns wahrscheinlich für Spinner gehalten, die sie irgendeinem Totengott opfern wollten. Wenn sie ähnliche Gedanken hatte, unterdrückte sie ihre Angst gut.
Stattdessen murmelte sie: »Dann habe ich mir das nicht eingebildet?!«
»Es wird alles gut«, log ich, weil ich nichts Besseres zu sagen wusste. .
Unser Gast schnaubte nur. Da griff meine Mutter ein. Sie räusperte sich, stand auf und hielt der jungen Frau die Hand hin. »Nora Herzsprung, sehr erfreut.«
»Ja, sicher«, raunte ihr Gegenüber abgelenkt. Ich konnte förmlich sehen, wie die Erkenntnis bei ihr durchsickerte, dass sie sich den Vorfall nicht eingebildet hatte. Währenddessen schweifte ihr Blick weiter über die Schädel. Zähneklappern für Zähneklappern. Liderflattern für Liderflattern. Sie riss sich sichtlich zusammen.
Dann starrte sie Mama an, als sei sie eine Art Schutzpatronin. »Wer zur Hölle seid ihr Typen? Ich dachte, mein letztes Stündlein hätte geschlagen und dann taucht ihr auf einmal auf. War das , das ihr erlegt habt, wirklich ein Dämon?«
»Keine Ursache, übrigens«, rief Tori rüber, die weiterhin reserviert am Fensterrahmen stand.
»Nora Herzsprung, wie gesagt. Das sind meine Tochter Ophelia, falls sie sich noch nicht vorgestellt hat, und das ist ihre langjährige Jagdpartnerin Kotori. Ich persönlich mag das Wort nicht, weil es nach kitschigem Fantasyroman klingt, aber ganz salopp könnte man uns als bezeichnen.«
»Soll das heißen, das war nicht das erste Mal, dass so ein … so ein Teil aufgetaucht ist? So was passiert regelmäßig?« Sie begann zu hyperventilieren.
Als ich die Hand ausstreckte, zuckte sie zusammen. Meine Mutter gab mir mit einem Blick zu verstehen, unserem Gast Raum zu geben.
»Eins nach dem anderen«, atmete sie bedacht aus. »Sie sind hier in Sicherheit. Unser Wohnsitz wird von formidablen Bannzaubern beschützt, die in alter Familientradition weitergegeben wurden. Außerdem sind wir drei hier. Also atmen Sie erst einmal tief durch, Frau ähm …«
»Januschka. Aber alle nennen mich Janus.«
»Januschka, schildern Sie uns bitte ganz genau, was Sie gesehen haben, damit wir Ihnen helfen können.«
»Moment mal. Bevor ich euch irgendwas über mich erzähle, will ich verdammt noch mal erst wissen, was für eine beschissene Sekte das hier ist. Wo bin ich? Was wollt ihr von mir? Danke und so, dass ihr das Ungeheuer erledigt habt, bevor ich sein Frühstück wurde, aber wieso haltet ihr mich hier fest?«
»Ts, Sekte«, lachte meine Mutter entrückt.
»Niemand hält dich fest«, versprach ich. »Wir haben dich hergebracht, weil du ohnmächtig geworden bist und wir dich nicht mit den Erlebnissen allein lassen wollten.«
Dass sie ein ungeklärtes, vielleicht gefährliches Phänomen war, verschwieg ich besser erst einmal. Das Ganze war so schon anstrengend genug. Es tat mir leid, wie nervig ich unseren Gast fand. Ja, das musste alles schrecklich verwirrend sein. Aber diese passiv-aggressive Art machte es nicht besser, oder?
. Der...




