E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Jäger / Weiner Der erste Wurf
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-00-064791-8
Verlag: Umstands Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein gemeinsames Wochenbuch
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-00-064791-8
Verlag: Umstands Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jahrgang 1984, geboren in Bretten, studierte Sinologie in Heidelberg und Göttingen sowie jeweils ein Jahr in China und auf Taiwan. Sie arbeitete sie als Produktionsassistentin in verschiedenen Kölner Filmproduktionen und veröffentlichte 2014 ihren ersten eigenen Dokumentarfilm. Sie lebt mit Mann und zwei Kindern in Heidelberg.
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5. Woche
Alles stinkt. Der Teppich im Wohnzimmer. Das Obst in der Küche. Die Küche insgesamt. Das Badezimmer sowieso. Selbst die Seife, klar, beherbergt eine faulende Bakterienkolonie oder ähnliches. Und wenn Seife stinkt, wird’s bizarr. Hat sich die Wohnung, die Straße, die Stadt, also eigentlich die ganze Welt verändert.
Nur bekomme ich davon nichts mit. Ich rieche da nix. Für sie stinkt alles. Bei mir ist eigentlich alles normal. Zumindest fast. Denn in letzter Zeit werde ich öfter aufgefordert, die Küche zu putzen; Tee zu kochen; das Fenster zu öffnen; das Fenster zu schließen; die Heizung aufzudrehen; dafür zu sorgen, dass es nicht so warm ist; nicht so kalt; eben angenehm und jeder Stimmung entsprechend. Früher wurde ich auch schon mal um was gebeten. Klar. Aber irgendwie anders.
Wir wissen selbstverständlich ganz genau, was los ist. Sagen aber lieber nichts. Könnte ja sein, dass nicht ... – dass alles schief geht; dass „die Kugel“ im „Lauf“ stecken bleibt und wir, noch einmal beginnen, auf den Kalendertag achten, um die richtige Stunde der Fruchtbarkeit zu erwischen, um dann ... nun ja ... diese Fruchtbarkeit entsprechend effizient auszunutzen.
Die Zeichen stehen auf Erfolg. Geht man davon aus, dass Verwirrung, Launenhaftigkeit und emotionale Instabilität Erfolg bedeuten. Klischee? Ja, vielleicht. Aber woher soll ich das schon wissen. Gab es in meinem bisherigen Leben doch kaum Berührungspunkte mit „echten“ Schwangeren. Man hat das nur so halb mitgekriegt, wie die Freundin der Freundin schwanger war und immer dicker wurde. So Partygerede. Und auf Partys, da gehen die, die schwanger sind, ja sowieso immer schon voll früh. Keine Ahnung warum. Hab‘ aber das Gefühl, dass ich das bald rausfinden werde. Was bleibt uns also, als das Klischee? Beziehungsweise: Wir sagen erstmal, dass es Klischee ist, um dann alles anders zu machen. Denn so läuft es doch, oder? Am Ende immer anders. Und wenn wir schon dabei sind: Auf jeden Fall auch besser. Schon allein, weil wir uns so freuen.
Also wir hoffen, wissen aber nicht genau. Deswegen: Kopf frei kriegen, so gut es geht, spazieren gehen, oder so. Und ganz normal zur Arbeit gehen. Einer neuen Arbeit. Neu, weil gerade erst eingestellt. Angestellt, das schon, aber immer noch in der Probezeit. Könnte also entsprechend schnell vorbei sein. Doch die Arbeit ist wichtig. Soll wichtig sein. Soll schließlich nicht bloß Mittel zum Zweck, Mittel zum Geldverdienen. Sondern soll Leben sein. Abenteuer. Oder Vergleichbares. Zumindest war das früher so. Vor den zwei blauen Streifen, vor diesem neuen Gefühl. Das schafft neue Verhältnisse. Die Arbeit tritt ein wenig in den Hintergrund. Wobei sie gleichzeitig eine neue Funktion einnimmt. Ist jetzt essentiell. Muss Es ernähren können - im konventionellen Sinn.
Es – sehr abstrakt. Es gibt eine Menge wissenschaftlcher Ausdrücke für Es. Fötus, Nasciturus, allesamt unbrauchbar. Sie klingen nicht nach der Veränderung, die von Woche zu Woche um einen Zentimeter wächst. Beschreiben nicht annähernd, was allein der Gedanke an Es für ein Gefühlschaos anrichtet. Geben dem Ganzen einen theoretischen, mich eigentlich nicht betreffenden Wert. Ich habe damit ja nichts am Hut. Ich gab, was ich geben konnte und kann mich nun entspannt zurücklehnen, in dem Bewusstsein, den Ofen vernünftig auf Temperatur gebracht zu haben. Der Braten schmort vor sich hin und normalerweise würde ich mir jetzt ein Buch nehmen, es mir im Sessel gemütlich machen und auf das „Ping!“ des Weckers warten. Mit schützenden Handschuhen die Auflaufform schließlich hervorholen und servieren. Doch mein Ofen und ich leben nicht in den Fünfzigern. Heißt, hier lehnt sich niemand zurück und lässt den Dingen seinen Lauf. Hier wird reagiert, wenn sie sich beschwert. Wenn sie sich über die stinkende Wohnung beschwert, über die Temperatur. Wenn sie vielleicht ein Ziehen spürt. Vielleicht auch nicht. Sie holt mich hinter der schützenden Wand abstrakt wissenschaftlicher Begriffe hervor und lässt mich teilhaben, an dem was Es mit ihr, mit mir, mit uns gerade veranstaltet.
Die Krämpfe, ja, scheiße. Besser gesagt, was mir von den Krämpfen berichtet wird. Sie stechen, in den Unterleib hinein. Sie krümmt sich. Schon krass. Auch ohne positiven Test würden wir jetzt dann wohl mal zum Arzt gehen. Krämpfe sind ja schon kacke. Außerdem soll der Arzt beruhigen. Soll sagen, dass alles in Ordnung ist. Normal. Soll Empfehlungen geben. Tipps. Wie sollen wir uns verhalten? Ist Panik angebracht? Mein Inneres sagt eindeutig: Ja. Äußerlich bin ich um stoische Gelassenheit bemüht. Flucht in die Statistik. Eine von Hundert im Eileiter. Risiko für Spontanaborte in unserer Altersklasse (Anfang/Mitte 30): 17 Prozent. Irgendwie hoch. – Statistik möglicherweise doch keine gute Idee. Google-Suche auf der Arbeit verboten. Stattdessen alle zwei Sekunden der Blick aufs Handy. Wann ruft sie an? Wann ruft sie an? Wann ruft sie an?
In der Mittagspause ruft sie an. Der Test beim Frauenarzt bestätigt den Test zu Hause. Positiv. Zu früh für einen Ultraschall. Blut abgenommen. Werte müssen vom Labor kontrolliert werden. Der Arzt war offenbar mehr als ruhig. Fast schon gelangweilt. Und gleichzeitig gestresst. Patzig. Warf mit den oben angedeuteten Fachbegriffen um sich und verunsicherte mehr als zu beruhigen. Begann, von den Gefahren zu sprechen. Erwähnte auch meine Befürchtung der Eileiterschwangerschaft. Die gilt es auszuschließen. Auf die Frage, was das genau bedeute, sagte er nichts, empfahl nur, nicht danach zu googeln. Ein Tipp aus der Schublade, Ablage „Verantwortungslos“. Als ob wir zwei Teenager wären, die nicht wüssten, worauf sie sich eingelassen haben. Doch wissen wir genau, wie und warum das alles passiert. Wir behaupten sogar, diese Entscheidung bewusst getroffen zu haben. Und würden gerne wissen, wie der Plan aussieht. Es muss doch einen geben. Eine schöne Tabelle, wo Woche für Woche Entwicklung, Untersuchung, Befund zu finden ist. Davon sagt der Arzt aber nichts. Vertröstet uns auf nächste Woche, da wüsste man mehr.




