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E-Book, Deutsch, Band 5, 240 Seiten
Jagusch Eifelherz
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96041-722-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 5, 240 Seiten
Reihe: Hotte Fischbach, Jan Welscher
ISBN: 978-3-96041-722-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rudolf Jagusch, 1967 geboren, arbeitet als freier Schriftsteller in der Nähe von Köln. Bekannt wurde er durch zahlreiche Krimis mit regionaler Färbung. Darüber hinaus schreibt er Thriller und veröffentlicht auch unter dem Pseudonym Jan Kilman. www.rudijagusch.com
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Auf der Fahrt ärgerte sich Fischbach. Welscher hätte ihn auf Stand bringen sollen. Das hätte ihm die Gelegenheit verschafft, sich erste Gedanken über den Fall zu machen. Was das gemeinsame Ermitteln anging, waren sie offensichtlich aus der Übung.
Kurz vor Dreiborn bog er nach links auf die Kreisstraße 66 ab, einige hundert Meter weiter folgte er einem asphaltierten Wirtschaftsweg, der ihn ins Scheckenbachtal führte. Vor einer Weile hatte er in der Zeitung über die Renaturierung gelesen, die hier angegangen wurde. Der Kreis und die Stadt Schleiden hatten Rohre entfernt, die für im Wasser wandernde Arten wie zum Beispiel Flusskrebse unpassierbar waren. So war dem Bach wieder großzügig Raum gegeben worden. Und tatsächlich kamen die Tiere nach und nach zurück.
Der Weg führte mit einem sanften Rechtsschwenk hangabwärts. Die kahlen Bäume zeugten davon, dass hier der Frühling noch nicht eingezogen war. Am Ende der Kurve erspähte Fischbach einen Streifenwagen, der neben einem grauen VW-Bulli stand und den Weg abriegelte. Dahinter parkte Welschers Porsche.
Fischbach stellte seine Maschine ab und grüßte mit erhobener Hand die beiden »Grünen«, die im Streifenwagen Wache hielten. Er kannte sie flüchtig von früheren Einsätzen. Sie erwiderten den Gruß. Da sie nicht ausstiegen, schienen sie ihn erkannt zu haben. Seelenruhig aßen sie weiter ihre Brötchen und schlürften Kaffee aus Bechern.
Fischbach hängte den Helm über den Lenker und orientierte sich. In der Talmulde plätscherte der Bach und teilte eine Wiese, auf der einige Pferde grasten. Ein Bretterverschlag am oberen Ende des eingezäunten Areals diente den Tieren als Unterstand. Irgendwo trommelte ein Specht, Insekten summten.
Dort, wo der Bach im Unterholz des Waldes verschwand, arbeitete die Spurensicherung. Fischbach zählte vier Personen, Welscher mit eingerechnet. Sein Kollege sprach mit einer Frau, die Fischbach nicht kannte. Sie steckte in einem weißen Papieroverall.
Er hob das im Wind flatternde Absperrband an, bückte sich darunter hindurch und stapfte auf die beiden zu. Er war froh, die Motorradstiefel zu tragen, denn seine Sohlen versanken beinahe komplett in dem aufgeweichten Boden. Jeder Schritt wurde von einem Schmatzen begleitet.
»Wo ist denn Feuersänger?«, fragte Fischbach, als er bei den Kollegen ankam. Der Leiter der Spurensicherung war sonst immer der Erste und der Letzte an einem Fundort. »Auch krank?«
»Nee«, antwortete Welscher. »Hast du’s noch nicht gehört? Feuersänger hat im Lotto gewonnen.«
»Und das soll ihn von einem Fall abhalten?«, entgegnete Fischbach zweifelnd. »Der ist doch mit seiner Arbeit verheiratet.«
»Ah, gutes Stichwort.« Welscher grinste. »Seine Frau hat ihm die Pistole auf die Brust gesetzt: Entweder Urlaub, Reisen und jede Menge Luxus, oder sie ist weg. Sie meinte wohl, sie hätte lange genug die zweite Geige gespielt. Vor diese Entscheidung gestellt, hat Feuersänger klein beigegeben.« Er wandte sich an die Frau. »Das ist mein Kollege Horst Fischbach«, sagte er. »Aber alle nennen ihn nur Hotte. Und Hotte, das ist die Kollegin Aalto, vom Polizeipräsidium Bonn abgeordnet. Sie vertritt bis auf Weiteres unseren allseits beliebten und überaus knuffigen Feuersänger.«
Welschers sarkastischem Unterton entnahm Fischbach, dass zwischen den beiden immer noch eine Abneigung bestand. Manche Dinge änderten sich nie.
Die Kollegin nickte. »So ist es. Und bevor du fragst, Hotte: Aalto ist mein Nachname. Ich habe finnische Wurzeln.« Sie deutete mit einer flüchtigen Bewegung ihrer Hand auf ihre blauen Augen und ihre blonde Pagenfrisur. »Ich bin das lebende Klischee einer Skandinavierin, sieht man davon ab, dass ich etwas zu klein geraten bin. Du kannst mich Maila nennen.«
Fischbach nickte und hielt ihr die Hand hin.
Sie grinste, hob fragend die Augenbrauen und unterließ es, zuzugreifen. »Nichts gelernt aus der Coronakrise?«
Fischbach zog seine Hand so rasch zurück, als hätte er sich an einer heißen Herdplatte verbrannt. »Ach so, klar. Ist nur … äh … weil früher haben wir immer … äh … es gemacht.«
Jetzt lachte Aalto. »So, so, gemacht habt ihr es also. Das müssen ja wilde Zeiten gewesen sein.«
Fischbach spürte, wie er rot anlief, verzichtete allerdings auf eine Erklärung. Das hätte alles nur noch verschlimmert.
Welscher fiel in das Lachen ein und klopfte Fischbach auf die Schulter. »Ich sollte dich warnen. Maila eilt ein Ruf voraus.«
»Ach ja? Welcher denn?«, fragte sie überrascht.
»Du sollst fluchen wie ein Bierkutscher, ein freches Mundwerk haben und auch vor Zweideutigkeiten nicht zurückschrecken.«
Sie stemmte die Hände in die Seite, spielte die Entrüstete. »Fehlt nur noch, dass ich Wodka flaschenweise saufe wie angeblich alle Finnen.«
»Hatte ich vergessen«, sagte Welscher. »Ja, auch das.«
Fischbach drückte den Rücken durch, fest entschlossen, der Kollegin kein weiteres Mal die Möglichkeit zu bieten, ihn hochzunehmen. »Dann weiß ich ja jetzt Bescheid.« Er sah sich suchend um. Ein ebenfalls in einen Schutzoverall gehüllter Spurensicherer fotografierte am Rand der Weide einen Haufen Reisig. Zwischen dem toten Gehölz lugte eine bleiche Hand hervor. »Wer hat die Leiche gefunden?«
»Ein ehemaliger Landwirt aus der Gegend«, antwortete Welscher. »Er hat mit seinem Hund bei den Pferden nach dem Rechten gesehen.«
»Wo ist er jetzt?«
»Die Streifenhörnchen haben ihn zur Schafbachmühle gefahren. Er wartet dort.«
»Gut. Um den kümmern wir uns dann später«, sagte Fischbach. Er wies mit dem Kinn in Richtung der Leiche. »Können wir uns das anschauen?«
»Klar«, sagte Maila Aalto. »Bleibt aber in meinem Fahrwasser. Wegen der Spuren, ihr wisst schon.«
Sie ging voraus. Bei der Leiche angekommen, sagte sie: »Das Opfer ist weiblich, Anfang, Mitte zwanzig und liegt schon etwas länger hier. Aber dazu wird die Gerichtsmedizin fundierter Auskunft geben können.«
Fischbach hockte sich hin, hob vorsichtig die oberen Äste an und schob sie zur Seite. Ein bleiches Gesicht kam zum Vorschein, aus dem braune Augen leblos zum Himmel starrten. Die Tote war unbekleidet. Dunkle, schulterlange Haare, ein zierlicher Körperbau, die Haut grün angelaufen, auf dem linken Oberarm die Tätowierung eines Drachenkopfes in der Größe eines Bierdeckels. Fischbach zückte das Handy und fotografierte die Zeichnung.
»Du wirst richtig modern auf deine alten Tage«, meinte Welscher anerkennend. »Früher warst du ja nicht dafür bekannt, moderne Technik einzusetzen.«
»Hatte in der Therapie genug Zeit, mich damit auseinanderzusetzen«, brummte Fischbach. Dann inspizierte er wieder die Leiche. Maden krochen aus den Körperöffnungen, es roch süßlich nach Verwesung.
Hinter sich hörte er Welscher würgen. »Daran werde ich mich nie gewöhnen«, keuchte der Kollege.
»Was ist mit ihrer Kleidung?« fragte Fischbach. »Habt ihr sie gefunden?«
»Bisher nicht«, antwortete Maila Aalto. »Auch keine Handtasche oder Ähnliches.«
»Okay. Sonst etwas, das uns helfen könnte?«
Sie deutete den Bach entlang in Richtung der Straße. »Auf der Wiese haben wir nur Spuren von Hufen und die Stiefelabdrücke des alten Landwirtes gefunden. Zuerst sah es so aus, als wäre das Opfer bis hierhin geflogen. Doch im Bachbett gibt es tiefe Kuhlen im Schlamm. Ich bin mir sicher, dass die von den Schuhen des Täters stammen. Leider ist kein Profil mehr zu erkennen, alles schon ausgewaschen. Trotzdem lege ich mich fest: Der Täter ist mit der Leiche von der Straße kommend durch den Bach gewatet und hat sie dann ins Unterholz geworfen.«
Welscher hockte sich neben Fischbach. »Todesursache? Was meinst du?«
»Hm. Äußerlich erscheint sie unversehrt.«
»Und der Unterarm?«
Fischbach schaute genauer hin. »Die Einstichstelle?«
»Ja.«
»Junkie? Überdosis?«
»Hm, weiß nicht. Dann wäre ihr Körper von dem Konsum gezeichnet. Ich dachte eher daran, dass sie vergiftet worden sein könnte.«
»Intravenös?«
»Warum nicht?«
»Okay. Sollten wir im Hinterkopf behalten.« Fischbach sah zu Maila Aalto auf. »Können wir sie umdrehen?«
Sie rief ihre Kollegen herbei und bedeutete ihnen mit einem Kreisen ihres Zeigefingers, was zu tun war. »Aber schön vorsichtig.«
Welscher und Fischbach erhoben sich und traten zur Seite. Kurz darauf lag die Leiche auf dem Bauch. Gas entwich dem toten Körper und verschlimmerte den Gestank.
»Puh, was für eine Scheiße«, fluchte Maila Aalto.
»Kein Einschussloch, keine Hieb- oder Schnittwunde«, stellte Fischbach fest. »Spricht für deine Vergiftungstheorie.«
Welscher hatte sich Latexhandschuhe übergezogen und tastete dort, wo die Leiche eben noch rücklings gelegen hatte, den Waldboden ab. Dann betrachtete er seine Handflächen. »Kein Blut, keine Exkremente.«
»Schauen wir uns gleich auch noch näher an und nehmen Proben«, erklärte Maila Aalto.
Welscher zog die Handschuhe aus und drückte sie ihr zwecks Entsorgung in die Finger. »Macht das. Ich tippe darauf, dass wenig zu finden sein wird. Wie es scheint, wurde sie bereits tot hier abgelegt.«
Fischbach brummte eine Zustimmung. »Selbst wenn sie nur bewusstlos war: Das hier ist nicht der Tatort. Sieht mir sehr nach einer Beseitigung des Corpus Delicti aus.«
Welscher nickte. »Bin auf den Bericht der Rechtsmedizin gespannt. Schlage vor, wir hören uns jetzt mal an, was der Zeuge zu sagen hat.«
Sie verabschiedeten sich von Maila Aalto und gingen zurück zu ihren Fahrzeugen, wo sie von den Streifenpolizisten empfangen...




