E-Book, Deutsch, 398 Seiten
Jagusch Mordsommer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-081-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Eifel-Thriller - »Ein Psychothriller der Extraklasse!«, urteilt die Bild
E-Book, Deutsch, 398 Seiten
ISBN: 978-3-98690-081-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rudolf Jagusch wurde 1967 in Bergisch Gladbach geboren. Seit der studierte Verwaltungswirt 2006 seinen ersten Roman veröffentlichte, ist er eine feste Größe in der deutschen Krimi-Landschaft. Er lebt mit seiner Familie im Vorgebirge am Rand der Eifel, wo auch die meisten seiner Romane spielen. Die Website des Autors: www.rudijagusch.com Der Autor auf Instagram: www.instagram.com/rudi_jagusch Rudolf Jagusch veröffentlicht bei dotbooks seine Ermittlerkrimis um den Kölner Hauptkommissar Stephan Tries: »Grabesruhe« »Nebelspur« »Todesquelle« Außerdem bei dotbooks erschienen sind seine Thriller »Bis zur letzten Sekunde« und »Mordsommer«.
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Kapitel 6
Ninas Blick wanderte über das Gruppenbild. Wie jung sie damals gewesen waren. Sie saßen auf den Stufen der Treppe, die vom Rheinufer zum Heinrich-Böll-Platz hinaufführte. Das Foto hatte ein Engländer geschossen, der zufällig vorbeigekommen war. Ein windiger Tag, daran erinnerte sie sich noch genau. Dem Engländer, ein junger Bursche bepackt mit einem riesigen Rucksack, waren immer wieder die langen Haare ins Gesicht und über die Linse geweht.
Kerzengerade und mit einem stolzen Blick in die Kamera saß Rike ganz links. Ihre nachtschwarzen Haare glänzten seidig, ihre zierliche Figur verbarg sie unter viel zu großer Kleidung. Sie war das Küken in der Clique gewesen. Allerdings benahm sie sich nicht so. Sie provozierte gern, brachte sich mit Vorliebe in brenzlige Situationen. Ihr freches Mundwerk hatte ihr immer wieder blaue Flecken eingetragen. Nie zeigte sie Schwäche, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Aber Nina wusste, dass es auch eine andere Seite gab, eine einfühlsame, empfindliche, verletzliche Rike. Doch die bekam man nur in seltenen Momenten zu Gesicht.
Neben Rike saß Mike, lässig einen Arm um sie gelegt, und grinste anzüglich in die Kamera. Die beiden waren kein Paar gewesen, wenngleich Mike alles unternommen hatte, um Rike von seinen Vorzügen zu überzeugen. Rike ertrug es mit stoischem Gleichmut, vermutlich, weil sie in Gefahrensituationen stets auf Mikes Fäuste schwingende Unterstützung zählen konnte. Wie ein Bulldozer walzte er dann mit seinem massigen Körper von fast zwei Metern Länge und 120 Kilo Gewicht alles nieder, was Rike in die Quere kam. Bud Spencer war im Vergleich zu Mike ein schmächtiger Waisenknabe. Stets hatte er eine Baseballkappe auf dem Kopf getragen, die vermutlich die dünnen und schütteren blonden Haare verbergen sollte.
Eine Stufe höher hinter Mike saß Tim und hielt Mike mit zwei ausgestreckten Handflächen Hasenohren an den Hinterkopf. Mit seiner spitzbübischen Erscheinung und den amüsiert hochgezogenen Mundwinkeln wirkte er, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Noch heute war Nina davon überzeugt, Tims Auftreten hatte ihnen damals den Hintern gerettet. Niemand hätte Tim zugetraut, dass er einem frech ins Gesicht lügen konnte, ohne rot zu werden.
Rechts neben Tim saß Fabian, ein sehniger, schlaksiger Typ. Auf Fabians Wange leuchteten frische Kratzspuren. Ein Andenken an eins ihrer »Spiele«. Ein angenehmes Kribbeln lief über Ninas Rücken, vergleichbar mit einem gering pulsierenden Stromstoß, der über die Haut mäanderte. Ein Empfinden, das sie so lange nicht mehr gespürt hatte. Gleichzeitig krampfte sich ihr Magen zusammen. Widerstreitende Gefühle rangen in ihr, bezogen konträre Positionen, wie schwarz und weiß, Licht und Schatten, Recht und Unrecht oder ... Macht und Erniedrigung.
Es waren alles andere als »Spiele« gewesen. Trotzdem hatte es sie entspannt und gleichzeitig in Euphorie versetzt. Wenn sie »spielten«, konnten sie ihre Umwelt komplett ausblenden, den ganzen Schulstress, den Druck, den ihre Eltern ausübten, und die Unsicherheit, die vermutlich jeder Heranwachsende mit seinem sich verändernden Körper spürt. Längst vergessene Bilder tauchten vor ihrem inneren Auge auf, das elektrisierende Kribbeln verstärkte sich.
Fabian umarmte die etwas pummelige Jana, die auf seinen Oberschenkeln hockte und ihn mit ihren dunklen Kulleraugen verliebt anhimmelte.
Nina grinste. Dick und Doof hatten sie die beiden heimlich genannt.
Das Klingeln des Telefons holte sie aus der Vergangenheit. Sie ignorierte es. Sie wollte nicht gestört werden. Doch der Anrufer gab nicht auf. Leise fluchte sie. Warum hatte sie nicht daran gedacht, das Telefon abzuschalten? Sie schloss das Album und sah zum Telefon auf dem Schreibtisch. Das Gerät stand in der Ladestation, das Display leuchtete bläulich. Unbekannt, las sie.
Ring ... ring ... ring ...
Sicherlich eine Nervensäge von der Presse, die sie interviewen wollte. Darauf verspürte sie im Moment überhaupt keine Lust. Wann schaltete sich ein Anruf eigentlich automatisch ab? Irgendwann ging die Leitung doch auf besetzt, oder? Es dauerte eine Ewigkeit, endlich verstummte das Klingeln.
Erleichtert schnaufte Nina durch und schlug das Album wieder auf. Ihr Blick blieb bei Steffs kantigem Gesicht hängen. Seine blauen Augen strahlten wie zwei Topase. Die Augen! Wahnsinn! Nach all den Jahren faszinierten sie Nina immer noch. Dieser Klarheit konnte man sich nicht verschließen, sie jagte ihr Wonneschauer über die Haut.
Steff.
Sie seufzte. Alles, was Steff von sich gab, hatte völlig überzeugend geklungen. Als würde er sie bei jedem Satz hypnotisieren. Vermutlich war es nicht nur ihr so ergangen. Steff war der konkurrenzlose Kopf der Clique gewesen. Sie hatten nie darüber abgestimmt, Steff hatte es nie eingefordert, es war einfach so. Ein stummer Konsens hatte ihn dazu befördert.
Steff saß vor Jana und Fabian auf der Stufe darunter. An seiner Seite, mit dem Kopf an seine Schulter gelehnt, erkannte sich Nina selbst. Sie waren ein Herz und eine Seele gewesen, total ineinander verknallt. Für ihn hätte sie Vater und Mutter verraten und noch nicht einmal ein Judasgeld dafür verlangt.
Sanft streichelte sie über die Stelle auf dem Bild. Ihre Finger zitterten. Der angelaufene Silberring an ihrem Ringfinger kratzte auf dem Papier. Ihr Verlobungsring. Steff hatte ihn ihr vor dem ersten Mal geschenkt und ihr sein Versprechen gegeben, sie irgendwann zu heiraten. Ein Teenagerversprechen, so viel wert wie ein falscher Fünfziger. Das wusste sie heute. Doch damals hörte sich alles so gut und aufrichtig an, ein Versprechen für die Ewigkeit, bis der Tod sie scheiden würde. Und wer weiß, vielleicht wäre es tatsächlich so gekommen, in einer normalen Welt, in einem gewöhnlichen Leben. Doch das große, das letzte »Spiel« hatte etwas in ihnen zerbrochen.
Nina kämpfte gegen die Tränen an. Verdammt, warum hatten sie alle sich nur darauf eingelassen? Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
Ihre Wege hatten sich mit Beginn des Studiums getrennt, sie studierte in Köln, er in Berlin. Anfänglich gab es noch Telefonate, in den Hörer gemurmelte Liebesschwüre, von seiner Seite Plattitüden, sie spürte es, ignorierte es aber tapfer. Es durfte nicht sein, sie liebte ihn doch. Nicht lange danach schlief alles ein. Anfänglich war sie dann sogar erleichtert gewesen. Nicht mehr mit Steff zu reden bedeutete zugleich, nicht mehr an das schreckliche »Spiel« erinnert zu werden. Das Vergessen fiel ihr so leichter. Vermutlich war genau das auch der Grund, warum die Clique zerbrach und sich die Mitglieder in alle Himmelsrichtungen verteilten. Doch die Sache war damit nicht erledigt. Nach einer Weile spürte sie, dass sie von Steff nicht wirklich loskam. Die Liebe zu ihm brannte heiß in ihrem Körper, wurde mit jedem Tag der Trennung stärker und bestimmte ihre Gedanken. Sie kam zu dem Entschluss, ohne ihn nicht leben zu wollen. Nur reagierte er nicht mehr auf ihre Annäherungsversuche, ließ sich von Kommilitonen verleugnen, Briefe liefen ins Leere. Irgendwann hatte einer seiner Freunde ein Einsehen und teilte ihr mit, Steff hätte längst eine neue Liebe in Berlin gefunden. Nina war es wie ein Verrat vorgekommen, sie hatte den Silberring vom Finger gerissen und in die Ecke gefeuert. Rollend war er unter dem Sofa verschwunden. Dort hatte sie ihn während des später folgenden Umzugs entdeckt – und wieder angesteckt.
Ein schleifendes Geräusch aus dem Flur erregte Ninas Aufmerksamkeit. Sie runzelte die Stirn, legte das Fotoalbum zur Seite und stand auf. Auf den ersten Blick konnte sie nichts Ungewöhnliches erkennen. Dann sah sie den Umschlag, den jemand unter der Wohnungstür durchgeschoben hatte. Verwundert nahm sie ihn hoch. Wieder kein Absender, wieder die steile Handschrift. Diesmal nur ihr Name: Nina.
Ihr Puls begann zu rasen, Adrenalin schoss durch ihre Blutbahn. Er war hier gewesen, direkt vor ihrer Tür. Bestimmt war er es auch gewesen, der eben versucht hatte, sie telefonisch zu erreichen. Sicherlich hatte er gedacht, sie sei nicht zu Hause.
Na warte.
Nina riss die Wohnungstür auf, stürmte an das Geländer und sah hinunter. Das Treppenhaus war so gebaut, dass sich in der Mitte ein Lichtschacht befand. So konnte man bis zu den Fliesen im Erdgeschoss blicken. Ganz unten am Treppenabsatz sah sie eine Gestalt in einem schwarzen Sweatshirt, auf dem Kopf eine graue Stoffmütze. Das musste er sein. Wer lief schon bei den Temperaturen mit solch warmer Kleidung herum, wenn er nicht möglichst unerkannt bleiben wollte?
Mit großen Sätzen sprang Nina die Stufen hinunter. Sie musste den Fremden einholen, dann wäre der Spuk schnell vorbei.
Der Typ schien sie bemerkt zu haben, denn sie hörte ihn jetzt laufen. Kurz darauf fiel die Haustür krachend ins Schloss.
Nina beeilte sich. Auf den Fliesen im Erdgeschoss schlitterte sie auf ihren Socken, ein wildes Armrudern rettete sie vor dem Sturz. Entschlossen zog sie an der Haustür und lief auf den Gehweg. Dort blieb sie stehen und sah sich um. Wo war der Kerl hin? Autos parkten in engen Reihen links und rechts der Straße. Versteckte er sich dahinter? Eine Frau kam von rechts, zwei riesige Einkaufstüten in der Hand, Kinder fuhren auf dem gegenüberliegenden Gehweg Fahrrad.
Da war er!
Fünfzig Meter entfernt bog die Gestalt gerade nach links in die nächste Seitenstraße ein. Fast hätte Nina ihn übersehen. Ein mit Stoffbahnen verkleidetes Gerüst am Nachbarhaus warf einen Schatten, mit dem der Flüchtende in der dunklen Kleidung fast verschmolz.
Nina spurtete los. Geschickt sprang sie über einen Hundehaufen, wich einer zerbrochenen Bierflasche aus, schoss Sekunden später um die Straßenecke – und...




