E-Book, Deutsch, Band 2, 393 Seiten
Reihe: Mila
Jahn-Nottebohm Mila - Irrläufer
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7487-4214-2
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2, 393 Seiten
Reihe: Mila
ISBN: 978-3-7487-4214-2
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Als die Journalistin Mila ein Lebenzeichen einer verschwundenen jungen Frau erhält, beginnt sie allen Warnungen zum Trotz auf eigene Faust zu ermitteln. Mülheim an der Ruhr: Mila sitzt in ihrem Lieblings-Café, als eine unbekannte Frau sie um ein Gespräch bittet. Eher skeptisch folgt sie den Ausführungen der Frau, die behauptet, dass ihre Tochter Svenja vor drei Jahren entführt wurde. Die Polizei habe sich bisher geweigert, in der Sache Ermittlungen aufzunehmen. Schon will Mila ablehnen, als die Frau Mila ein Foto zeigt, auf dem nur etwas Verschwommenes hinter einer Autoscheibe zu erkennen ist. Mila sagt daraufhin zu, sich am nächsten Tag 'weitere Beweise' anzusehen, im Stillen aber hat sich die Journalistin längst für diese Recherche entschieden. Es dauert nicht lange, bis Mila bei ihren Recherchen, die sie unerwartet in die rechte Szene führen, eindeutige Lebenszeichen von Svenja findet. Dennoch ist sie nicht aufzutreiben. Warnungen von Freunden und der Polizei, die Finger von dem Fall zu lassen, ignoriert Mila. Auch dann noch, als klar wird, dass nicht nur ein Mord auf ihre Recherchen zurückzuführen ist. Und dann wird Mila in eine Falle gelockt ...
Autoren/Hrsg.
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01
Mich gelüstete nach einem Kaffee und einem Stück Kuchen. Eben hatte ich eine Besprechung in der Redaktion der WAZ hinter mich gebracht. Tobias war in seinem Laden auf der Schloßstraße und wartete eigentlich darauf, dass ich ihm Bericht erstattete. Das würde ich auch bald tun, aber Kaffee und Kuchen hatten im Moment Vorrang. Ich parkte meinen roten Käfer in einer Nebenstraße und betrat kurz darauf das Café Einhorn auf der Duisburger Straße in Mülheim-Speldorf. Ich wählte einen Platz am Fenster und bestellte bei der Bedienung einen großen Milchkaffee und ein kleines Stück »Flammkuchen klassisch«, der in diesem Café aus eigener Produktion stammt. Süßer Kuchen ist mir ein Gräuel. Allenfalls Rosinenschnecken kommen mir ab und zu auf meinen Teller, wenn ich denn meine, zum Kaffee etwas essen zu müssen. An diesem Tag war es der Flammkuchen, der mich reizte. Vor zwei Monaten waren Tobias und ich aus Südafrika zurückgekehrt, wo wir mit Howard Gordimer, einem zumindest in Südafrika bekannten Autor, an einem Buchprojekt über die Machenschaften von Pharmakonzernen und deren Auswirkungen auf den afrikanischen Kontinent gearbeitet haben. Das Projekt ist abgeschlossen, das Buch in Druck, und wir haben eine Menge neuer Freunde gewonnen. Umso schwerer fiel uns beiden die Wiedereingliederung in unser »altes« Leben. Die sieben Monate in Südafrika hatten halt ihre Spuren hinterlassen. Mein Blick schweifte durch das Fenster über die Duisburger Straße, meine Gedanken durch die staubigen Straßen von Paarl, als die Bedienung an meinen Tisch trat und Kaffee und Flammkuchen brachte. Der Flammkuchen war köstlich. Ich kaute genüsslich und sah in diesem Moment, wie sich eine Frau von der Straße her dem Eingang des Cafés näherte. Sie stieg die Stufen hinauf, öffnete die Tür und trat ein. Ihr erster Blick galt der Bedienung, die hinter dem Tresen stand. Nach einer knappen Begrüßung drehte sie sich zu mir, nickte mir zu und stand kurz darauf an meinem Tisch. Normalerweise besitze ich durchaus ein Gespür dafür, ob ich jemanden schon einmal gesehen habe oder nicht. Das kann Jahre zurückliegen, und möglicherweise kann ich diese Person dann auch nicht sofort in meine Erinnerungen einsortieren, aber ob ich sie schon einmal gesehen habe, weiß ich sofort. Und die Frau, die gerade an meinen Tisch getreten war, hatte ich noch nie gesehen. Sie war mir gänzlich unbekannt. Ich schätzte sie auf Mitte vierzig. Ihr Haar war unter einer baskenmützenähnlichen Kopfbedeckung versteckt. An den unter der Mütze herausragenden Strähnen konnte ich erkennen, dass sie kastanienbraune gelockte Haare hatte. Ihr Körperbau war – sagen wir einmal: stabil. Sie war nicht dick, aber eben auch nicht grazil. Ihre braunen Augen ruhten interessiert auf mir, ihr Blick war nicht unfreundlich, aber auch nicht so offen, als kenne sie mich seit Jahren und freue sich über dieses unerwartete Wiedersehen. »Frau Freese? Mila Freese?«, fragte sie und begann, ihren dunkelblauen Regenmantel aufzuknöpfen. Ich hatte mir eben einen weiteren Bissen von dem Flammkuchen in den Mund geschoben. Von daher mochten meine Worte etwas nuschelig rübergekommen sein. »Wer will das wissen?« »Ich würde Ihnen das gerne in Ruhe erzählen«, erwiderte die Frau, die ihren Mantel bereits ausgezogen und ihn auf einen der beiden Stühle mir gegenüber gelegt hatte. Nun stand sie in Jeans und einer blauen Bluse, über der sie eine dünne Jacke trug, vor mir. »Darf ich mich zu Ihnen setzen? Das würde es leichter machen.« Ich wusste nicht, ob ich das wirklich wollte. Ich hatte ursprünglich die Absicht gehabt, meinen Flammkuchen zu genießen, den Kaffee zu trinken und dann Tobias anzurufen, um ihm mitzuteilen, dass in einer der nächsten Samstagsausgaben der WAZ unser Artikel über die Südafrikareise veröffentlicht würde. Und dieser Anruf war längst überfällig. Außerdem verspürte ich tatsächlich so etwas wie Sehnsucht nach ihm. »Bitte«, sagte ich aber und wies auf den Platz mir gegenüber. Das letzte Stückchen Flammkuchen verschwand in meinem Mund. Ich wischte ihn mit einer Serviette ab und schob den Teller von mir. »Mein Name ist Erika Wüllenkämper«, klärte sie mich auf, nachdem sie Platz genommen hatte. »Wir kennen uns nicht, aber ich habe von Ihnen gelesen und auch einiges gehört.« Von wem?, schoss es mir durch den Kopf. Ich kam aber nicht dazu, diesen Gedanken in eine Frage zu kleiden, denn die Bedienung war an unseren Tisch gekommen. Frau Wüllenkämper bestellte einen Cappuccino. »Darf ich Ihnen meine Geschichte erzählen?«, fragte die Fremde und schaute mich erwartungsvoll an. Ich zuckte kurz zusammen. Sie wollte mir ihre Geschichte erzählen? Dazu hatte ich eigentlich weder die Lust noch die Zeit. »Wenn Sie es bitte kurz machen würden.« »Sie sind Journalistin und haben im letzten Jahr einen Mordfall und einen Skandal im Pharmabereich aufgedeckt. Haben Sie Interesse daran, eine neue Story geliefert zu bekommen?« Ich starrte Frau Wüllenkämper an, die mich mit einem süffisanten Zug um den Mund betrachtete. Sie hatte etwas, das war mir in diesem Moment klar. Was wäre ich für eine Journalistin, wenn ich ihre Frage verneinte? »Erzählen Sie.« Sie wühlte in ihrem Mantel und legte kurz darauf ein Foto auf den Tisch, das sie mir zuschob und so drehte, dass ich in das strahlende Gesicht einer jungen Frau blickte. »Wer ist das?« »Das ist meine Tochter Svenja. Sie ist mittlerweile dreiundzwanzig Jahre alt. Als dieses Foto entstanden ist, war sie zwanzig. Seitdem ist sie verschwunden.« »Wie verschwunden?« »Verschwunden eben«, erwiderte Frau Wüllenkämper und zuckte mit den Schultern. »Sie hat mich und meinen Mann an einem Tag Mitte Februar 2015 besucht. Dann ist sie gegangen und nicht bei sich zu Hause angekommen. Seitdem fehlt jede Spur von ihr.« »Sie haben natürlich die Polizei eingeschaltet, die gründlich ermittelt und mangels Spuren letztlich die Suche eingestellt hat.« Erika Wüllenkämper versuchte sich an dem Kunststück, gleichzeitig zu nicken und mit dem Kopf zu schütteln. »Ja und nein. Nachdem wir drei Tage lang nichts von unserer Tochter gehört hatten, sind wir zur Polizei gegangen. Man hat uns auch aufmerksam zugehört, dann aber festgestellt, dass Svenja bereits volljährig ist und es keinen Hinweis auf ein Verbrechen gibt.« Na ja, dachte ich, sie wäre nicht die erste Tochter, die aus ihrem Leben ausbricht. »Und? Das stimmte doch auch, oder?« »Kennen Sie das Gefühl zu wissen, dass etwas Schreckliches geschehen ist, und niemand glaubt Ihnen?« »Sie meinen das Gefühl einer Mutter?« »Genau das. Svenja hatte Pläne. Als sie bei uns war an diesem Nachmittag im Februar, haben wir darüber gesprochen. Sie wollte studieren. Wir wollten sie finanziell unterstützen. Alles war in bester Ordnung, und das sage ich nicht, weil ich mir eine heile Welt zusammenreime, wie das Mütter manchmal tun. Es gab überhaupt keinen Hinweis darauf, dass sie etwas anderes im Sinn hatte.« Ich blickte auf die Zeitanzeige meines Smartphones. Es war Viertel nach zwei. Tobias wartete. »Frau Wüllenkämper«, begann ich und leerte meine Kaffeetasse, »mir tut das für Sie und Ihren Mann sehr leid. Aber ich kann darin noch keine Story erkennen, die ...« »Für meinen Mann braucht Ihnen das nicht leidzutun«, unterbrach mich mein Gegenüber. »Er ist im letzten Jahr gestorben, ohne zu wissen, was mit seiner Tochter ist.« Das saß. Und es tat mir leid, wie einem so etwas eben leidtut. Das sagte ich Frau Wüllenkämper. Die Frau spürte wohl, dass ich drauf und dran war, aufzustehen und zu gehen. Erneut fingerte sie an ihrem Mantel herum. Schließlich entfaltete sie vor mir einen Zeitungsausschnitt mit einem nicht übermäßig scharfen Foto. Es zeigte einen schwarzen BMW, neben dem zwei Männer standen und rauchten. Verständnislos sah ich die Mutter an. »Schauen Sie genau hin!«, brach es aus ihr heraus, und sie tippte mit einem Finger wie wild auf dem Foto herum. »Da hinten. In der rechten hinteren Scheibe. Das ist Svenja!« Ich schob mein Gesicht näher an das Bild heran und erkannte tatsächlich mit Wohlwollen ein Frauengesicht, das aus dem hinteren Autofenster guckte. Mit noch mehr gutem Willen hätte ich vielleicht sogar Svenja darin erkennen können. »Woher wissen Sie, dass das ihre Tochter ist?« Frau Wüllenkämper wirkte ungehalten. »Es ist Svenja, glauben Sie mir! Ich weiß es.« »Ich erkenne sie nicht.« »Sie kennen sie ja auch nicht! Zugegeben, besonders klar ist das Bild nicht, aber sie ist es!« Ich richtete mich wieder auf. »Woher haben Sie das Foto?« »Es stammt aus einer Zeitung aus Baden-Württemberg, dem ›Schwäbischen Boten‹. Dort ist es vor knapp zwei Jahren abgedruckt worden.« Das Ganze verwirrte mich immer mehr. »Okay, Frau Wüllenkämper. Ich fasse...




