E-Book, Deutsch, 120 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm
Reihe: Katalyst Verlag
Jakobs / Wolf All die brennenden Fragen
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-949315-49-7
Verlag: Zuckersüß Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Gespräch über trans Erfahrungen
E-Book, Deutsch, 120 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 210 mm
Reihe: Katalyst Verlag
ISBN: 978-3-949315-49-7
Verlag: Zuckersüß Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Henri Maximilian Jakobs ist Musiker, Schauspieler und Autor. Er ist in München geboren und aufgewachsen und studierte dort E-Bass am Richard-Strauss- Konservatorium sowie Musikjournalismus an der Hochschule für Musik und Theater. Henri singt und spielt sowohl in seiner eigenen Band TUBBE (Audiolith Records) Bass, als auch bei The Toten Crackhuren im Kofferraum und FINNA. Mit TUBBE veröffentlichte er zwei Alben und tourte durch Deutschland, Österreich, die Schweiz und Frankreich. 2021 folgte dann das Release seiner ersten Solo-EP 'Bizeps Bizeps'. 2018 bis 2019 war Henri Protagonist des Podcasts 'Transformer', in dem Christina Wolf als Autorin seine Transition begleitete. Neben seinem Schaffen als Musiker arbeitet Henri auch als Schauspieler und Synchronsprecher: So ist er aktuell an der Schaubühne Berlin als Schauspieler und Bassist im Stück 'Das Leben des Vernon Subutex' unter der Regie von Thomas Ostermeier zu sehen. Als Synchronsprecher vertonte Henri in der Netflixproduktion 'Ridley Jones' die Rolle des Dante. Henri lebt in Berlin und hätte gerne einen freundlichen Hund.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
DIE TÜCKEN DES SMALL TALKS
MUSS ICH FÜR “UNS” ALLE SPRECHEN?
Berlin, 17.10.2019
Es ist Abend und ich bin mit einer Freundin zum Essen verabredet. Die Freundin hat angekündigt, dass sie wiederum eine Freundin mitbringen wird, die ich noch nicht kenne. Eine Frau betritt das Restaurant und geht zaghaft wie auf Scherben, während sie sich umsieht. Ich vermute aufgrund ihres suchenden Blicks, dass es sich um die unbekannte Dritte handelt. Sie wird offensichtlich von einem ähnlichen Gedanken gestupst, denn sie sieht mich an und kommt in meine Richtung.
„Henri?“
„Das stimmt. Hallo. Freut mich“, sage ich.
„Hallo, mich auch. Wir sind ein bisschen früh dran, oder?“
„Ach, nur ein bisschen. Johanna kommt bestimmt gleich. Warten wir noch mit den Getränken?“
Sie scheint nett, offen und erweckt nicht den Eindruck, als hätte sie Bösartigkeiten im Sinn.
„Na klar, lass uns noch warten. Was machst du so? Musik, oder?“
„Natürlich. Alle in Berlin machen doch Musik, dachte ich.“
Sie lacht.
„Stimmt. Hatte ich vergessen. Momentan auch?“
„Ich versuche, mein Album aufzunehmen. Es ist ein bisschen kompliziert. Es gab einiges an Veränderungen, und ich bin noch dabei, mich ein bisschen zu orientieren und zu ordnen.“
„Ah, in Ordnung. Was meinst du mit Veränderungen?“
Das Tänzchen beginnt. Jetzt könnte ich einfach selbstbewusst sagen, was los ist. In den Raum schmeißen: Ich bin trans, mit der Transition hat sich meine Stimme verändert. Ich hatte mal eine Band, die es nicht mehr gibt, was nichts damit zu tun hat, dass ich trans bin. Aber trotzdem. Jetzt suche ich nach meinem Sound, mir und was ich der Welt eigentlich so von mir mitteilen will. Ob ich das überhaupt möchte oder eigentlich lieber als Keyboardtaste bei Daft Punk anfangen würde. Also ... trans. Das ist die große Veränderung, die es gab. Was wollen wir trinken?
Stattdessen druckse ich herum, zerbeiße die Wörter und meine dann: „Hm, na, wegen trans und so.“
Souverän.
„Ach, krass, okay. Wow, hätte ich nicht gemerkt. Du siehst wirklich aus wie ein Mann“, stellt sie begeistert fest.
„Joa, öhm, ich bin ein sehr gelungenes Exemplar.“
„Haha.“ Die Minderheiten sind witzig. Findet sie.
Jemand rührt den Raum um und möchte anscheinend Speiseeis aus der anwesenden Luft machen. Mir ist kalt.
„Also, okay. Und wann war die Umwandlung?“
Die Umwandlung …
„Vor 3,5 Jahren war meine erste Spritze.“
Diese Aussage scheint sie derart aus der Fassung zu bringen, dass all ihre gesammelten Fragen, die sie vielleicht an sich, das Leben und die Welt generell hat, auf mich herabhageln.
„Bekommt man diese Spritze nur einmal?”
„Super, jetzt kann mir endlich mal jemand den Unterschied zwischen Männern und Frauen erklären!“
„Und ... also ... hast du dich dann auch operieren lassen? So ... na, komplett? Ganz ehrlich? Ich würde mir ein riesiges Teil machen lassen. Ist doch voll praktisch.“ Sie blickt auf meinen Schritt. „Verrätst du mir deinen alten Namen?“
Ich bin überfordert und murmle irgendwas von Krankenhausangst. Unnötig zu erwähnen, dass Grenzen setzen generell nicht die Disziplin ist, in der ich zehn Punkte für meine Haltung einheimse.
„Ich bin so neugierig, musst du wissen.“
Die Tür des Lokals geht auf und unsere gemeinsame Freundin kommt herein, was einen Punkt hinter die Fragestunde setzt.
Ich bin froh und ärgere mich zugleich über mein nicht vorhandenes Aufmucken gegen deplatzierte Fragen. Das schäbige Gefühl, mir keine Erste Hilfe geleistet zu haben, bleibt. Ich habe ein schlechtes Gewissen mir selbst gegenüber.
Christina: Oh weh. Du bist heimgegangen mit diesem schäbigen Gefühl. Aber irgendetwas sagt mir, dass es der Bekannten deiner Freundin ganz anders ging nach eurem Treffen. Die fand euer Gespräch wahrscheinlich total interessant!
Henri: Wahrscheinlich. In ihren Augen hatten wir sicherlich einen angeregten Austausch, immerhin hat sie beständig und ohne Unterlass Dinge gefragt. Dass ich in ihrem Fragenstrom beinahe ersoffen wäre, hat sie gar nicht gemerkt.
Ich behaupte jetzt einfach mal, dass es diese Bekannte weit von sich weisen würde, in irgendeiner Form etwas gegen trans Personen zu haben. Warum war ihr Verhalten trotzdem nicht okay für dich?
Kann gut sein. Ich fasse zusammen: Wir hatten uns vor fünf Minuten begrüßt, uns zuvor noch nie gesehen. Auch nicht aus der Ferne. Es war ein erstes Kennenlernen. Habe ich beim Small-Talk-Unterricht etwas verpasst? Redet man da nicht verkrampft übers Wetter und dass man in Berlin keine Wohnungen mehr findet? Ist der Deal nicht der, dass man sich wie durch eine zähe Masse auf die andere Person zubewegt, um vorsichtig Schicht um Schicht freizulegen? Soweit meine Notizen. Dieser Teil wurde stattdessen komplett geskippt, und ich wurde gefragt, ob ich ein prächtiges Glied habe, und bekam attestiert, überzeugend vorzugeben, ein Mann zu sein.
Hat die Person deswegen etwas gegen trans Menschen? Ich vermute nicht. Macht es nur leider nicht besser.
Was hättest du denn davon gehalten, wenn sie dich all das gefragt hätte?
Du meinst, wie nach der Beschaffenheit meiner Genitalien zu fragen?
Ja. Zum Beispiel. Kommt es dir nicht auch etwas stumpf vor?
Ich würde denken, sie spricht im Fieber oder hat ein starkes Halluzinogen intus.
Richtig, mit der Begründung könnte ich zumindest leben. Aber wie du sagst: Du wärst entsetzt. Und das zu Recht. Weil es vollkommen fehl am Platz und scheiße ist, so etwas zu fragen.
Woher, meinst du, kommt das?
Na, sag du’s mir – du gehörst ja zum Cistem9!
Ich würde tippen, dass da Verschiedenes zusammenkommt. Zum Beispiel die Grundannahme vieler, dass wir in einem streng binären Geschlechtersystem leben: Männer und Frauen und nix dazwischen oder darüber hinaus. Eine trans Person muss also „komplett“ an das „Wunschgeschlecht“ angeglichen sein, körperlich – sonst sprengt das das strenge Schubladensystem. Daher will das Gehirn deines Gegenübers unbedingt wissen, wo es dich jetzt einsortieren soll.
Aber deswegen werfe ich doch nicht meine gute Kinderstube über Bord. Man weiß längst, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt10, 11, auch wenn das immer wieder gerne behauptet wird. Mehr als 1000 Gene sind bei der Entwicklung der Genitalien beteiligt. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie beschreibt Geschlecht in einer Stellungnahme als ein „mehrdimensionales Konstrukt, dessen Entwicklung durch das komplexe Zusammenspiel verschiedener körperlicher, psychosozialer und psychosexueller Einflussfaktoren bedingt“ ist.12
Biologie existiert, immerhin werden wir irgendwie auf diesen verrohten Planeten geworfen. Aber dieses rigide Chromosomenbingo xx und xy, Frau und Mann, piff paff, erzählt erwiesenermaßen nicht die ganze Geschichte. Andere Behauptungen sind Biologieunterricht der vierten Klasse.
Ich tippe mal weiter, okay? Also, wir sind ja beide keine Psychoanalytiker*innen – aber mir scheint, als gäbe es schon eine gewisse Fixierung mancher Personen auf alles, was mit Geschlechtsteilen zu tun hat.
Da gebe ich dir recht. Das ist ziemlich verbreitet. Ich würde beinahe so weit gehen, zu sagen, dass es eine allgemeine Besessenheit ist.
Ja. Aber klar: Im Umgang mit cis Leuten halten die meisten diese Fixierung ganz gut in Schach, die fragt man nicht sofort beim ersten Kennenlernen nach Größe und Form der Vulvalippen. Das nimmt man sich nur bei trans Personen raus.
Ich hab noch eine ganz simple Erklärung, warum diese Fragen immer kommen: Die Leute sind schlicht und ergreifend neugierig. Und finden einfach irre spannend, was medizinisch möglich ist.
Die vermeintliche Neugier immer, genau … Es stimmt, oftmals werden diese Fragen mit einer großen Neugier erklärt. Oder dem Interesse an der anderen Person. Aber ist das wirklich Neugier? Ich für meinen Teil finde, man kann neugierig sein, welche Zutaten für Spaghettieis verwendet werden, und dazu ausgiebig nachfragen. Wird das Eis deshalb peinlich berührt sein? Unwahrscheinlich.
Aber das Rumgeiern um Geschlechtsteile? Diese „Neugier“ ist in meinen Augen eher Sensationsgier, um den inneren Zirkus zu befriedigen. Ich für meinen Teil käme im Leben nicht darauf, eine mir fremde Person nach der Situation in ihrer Unterwäsche zu fragen und beleidigt zu sein, wenn sie daraufhin das Weite sucht.
Ich bin mir beinahe zu 100 Prozent sicher, dass es für...




