James Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-16255-9
Verlag: Manesse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-641-16255-9
Verlag: Manesse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Florenz ist Schauplatz der titelgebenden Erzählung, deren Held – Angehöriger der britischen Armee – auf den Spuren einer verflossenen Leidenschaft wandelt. Während er seine eigene Vergangenheit Revue passieren lässt, wird er unversehens zum Berater eines jungen Paares, dessen Geschichte verblüffende, ja beinahe unglaubliche Ähnlichkeit mit dem Erinnerten aufweist ... James’ distanziert-intellektuelle Erzählweise ermöglicht mühelos den Brückenschlag in die Gegenwart. Überrascht stellt man fest: Seine Helden sind mit ihren seelischen Nöten, ihrer meist vergeblichen Liebes- und Glückssuche unsere Zeitgenossen. Dieser Band hebt mit «Die entscheidende Bedingung», «Louisa Pallant», «Der Beldonald-Holbein», «Die Eindrücke einer Cousine» und «Der spezielle Fall» fünf weitere Schätze aus Henry James’ reichem Werk.
Henry James (1843–1916), in New York City geborener Sohn aus wohlhabender Familie, genoss eine kosmopolitische Erziehung. Er studierte Jura in Harvard und ging 1875 als Korrespondent nach Paris, wo er Bekanntschaft mit Flaubert und Turgenev schloss. Später zog er nach England und wurde 1915 unter dem Eindruck des Weltkrieges britischer Staatsbürger. Er schrieb zwanzig Romane, Theaterstücke, Reiseberichte, Essays und über hundert Erzählungen, die ihm zu Lebzeiten Ruhm und Anerkennung eintrugen. Die Begegnung von Amerikanern mit Europa war Henry James' Lebensthema. Mit seiner scharfen Beobachtungsgabe und seinen kunstvollen Bewusstseinsschilderungen gilt er als Meister des psychologischen Romans.
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DER BELDONALD-HOLBEIN
I
Mrs. Munden war noch nie unter einem so guten Vorwand in meinem Atelier erschienen wie bei jener Gelegenheit, als sie mir zum ersten Mal zu verstehen gab, meine Chancen stünden nicht schlecht – wenn ich mir nur die Mühe machte, wie sie es nannte, den Hut in den Ring zu werfen –, ihre schöne Schwägerin zu malen. Ich brauche hier nicht mehr Worte als nötig über Mrs. Munden zu verlieren, die im Übrigen durchaus ein Thema für sich wäre. Sie hat ihre ganz eigene Art, Dinge anzudeuten, und was sie mir schon alles für Dinge angedeutet hat …! Sie wollte darauf hinaus, dass Lady Beldonald nicht nur bestimmte Proben meines Schaffens gesehen und bewundert habe, sondern im wortwörtlichen Sinne von der «Persönlichkeit» des Malers eingenommen sei. Wäre ich von diesen Andeutungen ernsthaft beeindruckt gewesen, so hätte ich mir wohl leicht ausmalen können, dass sie mir den Hut zuwerfen würde. «Sie hat nicht getan», sagte meine Besucherin, «was sie hätte tun sollen.»
«Sie meinen, sie hat getan, was sie nicht hätte tun sollen?»
«Nichts Abscheuliches – du liebe Güte, nein.» Andererseits ließ etwas an Mrs. Mundens Tonfall und der Art und Weise, wie sie einen Moment lang ins Grübeln zu geraten schien, in mir sogar den Verdacht aufkommen, Lady Beldonald habe gerade das, was sie «nicht hätte tun sollen», zu sehr vernachlässigt. «Sie hat nichts aus sich gemacht.»
«Was ist denn ihr Problem?»
«Nun, zuerst einmal ist sie Amerikanerin.»
«Aber ich dachte immer, das sei die beste aller Möglichkeiten, etwas aus sich zu machen.»
«Es ist eine der Möglichkeiten. Aber auch eine Möglichkeit, es fürchterlich zu vermasseln. Es gibt so viele!»
«So viele Amerikaner?», fragte ich.
«Ja, die gibt’s reichlich», seufzte Mrs. Munden. «So viele Möglichkeiten, meine ich, dazuzugehören.»
«Aber wenn Ihre Schwägerin die Möglichkeit hat, mit ihrer Schönheit zu punkten …»
«Oh, auch dann gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten.»
«Und sie hat nicht die richtige gewählt?»
«Nun ja», entgegnete meine Freundin, als sei es nicht ganz einfach, das in Worte zu fassen, «sie hat damit nicht getan …»
«Verstehe», lachte ich, «was sie nicht hätte tun sollen!»
Mrs. Munden korrigierte mich in gewisser Weise, aber es war wirklich nicht ganz einfach in Worte zu fassen. «Mein Bruder jedenfalls war ein Egoist, da gibt es kein Vertun. Bevor er starb, war sie praktisch niemals in London; ihre Winter verbrachten sie Jahr für Jahr mit Rücksicht auf das, was er seiner Gesundheit förderlich wähnte – die davon aber nicht besser wurde, denn es ging viel zu früh mit ihm zu Ende –, im Süden Frankreichs und in den ödesten aller denkbaren Käffer, und wenn sie nach England zurückkehrten, hielt er sie stets in der Provinz fest. Ich muss zu ihren Gunsten sagen, dass sie sich stets in erfreulichster Weise benahm. Seit seinem Tod ist sie mehr in London, steht dort dummerweise aber auf völlig verlorenem Posten. Ich glaube, sie begreift es nicht ganz. Ihr fehlt es komplett an dem, was ich Leben nennen würde. Es mag natürlich sein, dass sie gar keines haben will. Das ist genau das, was sich mir nicht ganz erschließt. Mir will sich nicht erschließen, wie viel sie mitkriegt.»
«Aber mir erschließt sich unmittelbar», erwiderte ich belustigt, «wie viel Sie mitkriegen!»
«Ach, Sie sind wirklich schrecklich. Vielleicht ist sie zu alt.»
«Zu alt wofür?», bohrte ich nach.
«Für alles. Natürlich ist sie nicht einmal mehr auch nur ein bisschen jung; sie hat sich nur gut gehalten – oh, aber gut gehalten wie eingemachtes Obst in Sirup! Ich möchte ihr gerne helfen, und sei es nur, weil sie mir auf die Nerven geht, und ich glaube wirklich, die Lösung wäre etwas Famoses von Ihnen in der Akademie, direkt in der Blickflucht1.»
«Aber angenommen», warf ich ein, «sie ginge auch mir auf die Nerven?»
«Oh, das wird sie gewiss. Aber ist das nicht Teil der Mühen ehrlicher Arbeit, und tun das große Schönheiten nicht stets …?»
«Sie tun’s nicht», unterbrach ich sie; jedenfalls kriegte ich Lady Beldonald späterhin selbst zu sehen – es kam der Tag, da ihre Verwandte mit ihr zu mir kam, und plötzlich verstand ich, dass ihr Leben um ihre Vorstellung von ihrem äußeren Erscheinungsbild kreiste. Darüber hinaus war nichts an ihr von Bedeutung – man kannte sie vollständig, sobald man das erkannte. In einer besonderen Hinsicht ist sie, glaube ich, wirklich einzig in ihrer Art – ein Mensch, auf den die Eitelkeit den seltsamen Effekt gehabt hat, sie ganz gesund und munter zu erhalten. Dieser Leidenschaft sagt man nach, zweifellos, an erster Stelle Ursache von Perversionen und Verletzungen zu sein, diejenigen fehlzuleiten, die auf ihre Einflüsterungen hören, und sie früher oder später in diese oder jene Schwierigkeit zu bringen; ihre Ladyschaft jedoch hat sie nirgendwohin gebracht – hat sie vielmehr, so spürt man, seit dem ersten Augenblick bei vollem Bewusstsein an Ort und Stelle gehalten. Sie hat sie gegen alle Gefahren gewappnet, hat sie absolut geschniegelt und gestriegelt werden lassen. Wenn sie sich «gut gehalten» hat, wie Mrs. Munden sie mir anfangs beschrieb, dann ist ihre Eitelkeit diejenige Kraft, die dieses Werk aufs Schönste vollbracht hat – indem sie sie vor vielen Jahren in einem gläsernes Gehäuse eingelegt und das Behältnis vollkommen luftdicht abgeschlossen hat. Wie sollte sie sich wohl nicht gut gehalten haben, wo man sich doch die Fingerknöchel bei jedem Versuch brechen würde, diese transparente Hülle zu durchschlagen? Gut gehalten hat sie sich in der Tat – aufs Erstaunlichste! Gut erhalten ist kaum eine hinreichende Bezeichnung für den raren Zustand ihres Äußeren. Sie sieht so natürlich frisch aus, als nähme sie jede Nacht ihre großen, liebreizenden, glasierten Augen heraus und legte sie in Wasser. Es musste darum gehen, erkannte ich, sie im gläsernen Gehäuse zu malen – ein höchst reizvolles, fesselndes Unterfangen; in ganzer Pracht die glänzende Distanz wahrende Glasplatte und den allgemeinen Schaufenstereffekt herauszuarbeiten.
Es wurde beschlossen, wenn auch noch nicht fest vereinbart, dass sie mir Modell sitzen würde. Wenn es noch nicht fest vereinbart wurde, dann weil, wie mir schon in einem frühen Stadium zu verstehen gegeben wurde, die Bedingungen für den Beginn unserer Sitzungen so geartet sein mussten, dass sie alle störenden Eventualitäten ausschlossen, anders ausgedrückt, so geartet, dass sie selbst sie für absolut günstig erachtete. Und es hatte den Anschein, dass solcherlei Bedingungen beim leisesten Anlass gefährdet waren. Plötzlich bekam ich beispielsweise in einem Moment, in dem ich sie eigentlich zu einem von mir vorgeschlagenen Termin – unserem ersten – erwartete, überstürzten Besuch von Mrs. Munden, die mir auf ihre Veranlassung hin ausrichtete, Zeit und Umstände seien einfach nicht günstig und unsere Freundin vermöge auch nicht mit Bestimmtheit auf Tag und Stunde anzugeben, wann sie es wieder sein mochten. Nichts weniger, so hatte sie es im Gefühl, werde dazu hinreichen als die vollständige Abwesenheit jedweder Sorgen.
«Oh, ‹vollständige Abwesenheit›», sagte ich, «kommt einem Großauftrag gleich! Wir leben in einer sorgenvollen Welt.»
«Ja; und genau das ist es, was sie spürt – stärker, als Sie meinen würden. Ebendies ist der eigentliche Grund, warum sie zum betreffenden Zeitpunkt nicht, wie es jetzt der Fall ist, von einem speziellen Kummer geplagt werden will. Sie will natürlich so gut aussehen wie möglich, und solche Dinge schlagen sich in ihrem Äußeren nieder.»
Ich schüttelte den Kopf. «Nichts schlägt sich in ihrem Äußeren nieder. Nichts dringt in irgendeiner Weise dorthin durch; nichts kommt dort an. Dennoch kann ich ihre Befürchtungen verstehen. Aber worum handelt es sich denn bei ihrem speziellen Kummer?»
«Na, um die Krankheit von Miss Dadd.»
«Und wer um alles in der Welt ist Miss Dadd?»
«Ihre engste Freundin und ständige Gefährtin – die Dame, die am ersten Tag mit uns zusammen hier war.»
«Ach, die kleine rundliche schwarz gekleidete Frau, die überschäumte vor Bewunderung?»
«Genau die. Aber letzte Woche wurde sie krank, und es ist gut möglich, dass sie überhaupt nie mehr überschäumen wird. Gestern ging es ihr sehr schlecht und heute nicht besser, und Nina ist außerordentlich bestürzt. Wenn Miss Dadd irgendetwas zustößt, wird sie sich eine andere beschaffen müssen, und wiewohl sie vordem schon zwei oder drei gehabt hat, wird das nicht einfach sein.»
«Zwei oder drei Miss Dadds? Ist denn das die Möglichkeit? Und will doch noch eine neue!» Ich konnte mich inzwischen wieder bestens an die bedauernswerte Dame erinnern. «Nein; ich glaube wirklich nicht, dass es so einfach sein dürfte, eine neue zu bekommen. Aber warum ist es für die weitere Existenz von Lady Beldonald notwendig, dass eine auf die andere folgt?»
«Können Sie sich das nicht denken?» Mrs. Munden hatte einen tiefsinnigen, wenn auch ungeduldigen Blick aufgesetzt. «Sie helfen.»
«Helfen wobei? Helfen wem?»
«Na, jedem doch. Ihnen und mir zum Beispiel. Wobei? Na, dabei, Nina schön zu finden. Zu jenem Zweck hat sie sie doch; sie dienen als Folien, wie Akzentzeichen auf Silben, als Vergleichsmaßstäbe. Sie lassen sie ‹herausragen›. Das ist die Wirkung eines Kontrasts, wie er Ihnen als...




