E-Book, Deutsch, 412 Seiten
James Die geheimen Memoiren der Jane Austen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8412-0227-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 412 Seiten
ISBN: 978-3-8412-0227-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jane Austens einzige große Liebe.
Begegnete Jane Austen 1809 im Seebad Lyme ihrem persönlichen Mr. Darcy? Zumindest vermutete das ihre Schwester Cassandra. Syrie James schließt sich dieser Vermutung an, denn von Januar 1809 bis April 1811 ist nichts über das Schicksal der Autorin von 'Stolz und Vorurteil' bekannt. Eine bezaubernde Liebesgeschichte á la Jane Austen mit Jane Austen und eine mögliche Antwort auf die Frage, woher die Autorin ihre Erfahrungen in Sachen Liebe nahm.
Syrie James ist Roman- und Drehbuchautorin. Sie wurde in New York geboren und verbrachte, bis auf zwei Jahre in Paris, ihr ganzes Leben in Kalifornien. Sie studierte Anglistik und Kommunikationswissenschaft. Der vorliegende Roman ist ihrer Leidenschaft für die englische Literatur des 19. Jahrhunderts und insbesondere für das Werk von Jane Austen zu verdanken. Er wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Syrie James ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Im Aufbau Verlag erschien 2010 ihr Roman 'Dracula, my love'.
Weitere Infos & Material
1;Inhalt;6
2;Vorwort der Herausgeberin;8
3;Kapitel 1;16
4;Kapitel 2;35
5;Kapitel 3;53
6;Kapitel 4;67
7;Kapitel 5;81
8;Kapitel 6;101
9;Kapitel 7;112
10;Kapitel 8;122
11;Kapitel 9;140
12;Kapitel 10;153
13;Kapitel 11;167
14;Kapitel 12;180
15;Kapitel 13;187
16;Kapitel 14;198
17;Kapitel 15;208
18;Kapitel 16;222
19;Kapitel 17;239
20;Kapitel 18;250
21;Kapitel 19;264
22;Kapitel 20;276
23;Kapitel 21;292
24;Kapitel 22;303
25;Kapitel 23;320
26;Kapitel 24;329
27;Kapitel 25;345
28;Kapitel 26;358
29;Kapitel 27;370
30;Nachwort der Herausgeberin;374
31;Anhang;380
32;Stammbaum;411
33;der Familie Austen;412
Warum ich auf einmal das Bedürfnis verspüre, Feder und Tinte zur Hand zu nehmen und von einer Beziehung höchst persönlicher Natur zu berichten, die ich nie zuvor auch nur eingestanden habe, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht liegt es an dieser lästigen Krankheit, die mich in jüngster Zeit immer wieder einmal quält – dieser abgefeimten Erinnerung an meine Sterblichkeit –, dass ich mich nun gezwungen sehe, eine Aufzeichnung der Geschehnisse anzufertigen, auf dass diese Erinnerungen nicht in den hintersten Winkeln meiner Gedanken und von dort für immer und alle Zeit verschwinden, so flüchtig und unfassbar wie ein Gespenst im Abenddunst.
Was auch immer der Grund sein mag, so wird mir doch klar, dass ich alles niederschreiben muss. Denn es könnte, denke ich, einige Spekulationen geben, sobald ich nicht mehr bin. Womöglich lesen die Menschen, was ich geschrieben habe, und fragen sich: Wie konnte diese Jungfer, diese Frau, der allem Anschein nach nie jemand auch nur hat – die niemals jene wundersame Verbindung zwischen Geist und Seele eines Mannes und einer Frau verspürt hat, jene Verbindung, die von Freundschaft und Zuneigung inspiriert ist, doch zu etwas viel Tieferem aufblühen kann –, wie konnte die Unverfrorenheit besitzen, über die kostbarsten menschlichen Regungen wie die Liebe und die Liebeswerbung zu schreiben, da sie diese doch selbst niemals erfahren hat?
Den wenigen Freunden und Verwandten, die mir ähnliche Fragen zu stellen wagten, nachdem sie von meiner Autorenschaft erfahren hatten (wenn sie diese Bedenken auch, ich muss es gestehen, in viel artigere Worte kleideten), habe ich die nämliche Antwort gegeben: »Ist es nicht vorstellbar, dass ein quicklebendiger Geist und aufmerksame Augen und Ohren im Verein mit einer lebhaften Phantasie ein literarisches Werk von einigem Verdienst und Unterhaltungswert zu schaffen vermögen, das seinerseits wiederum Gefühle und Empfindungen hervorrufen kann, die dem Leben selbst durchaus ähnlich sind?«
In dieser Beobachtung liegt sehr viel Wahrheit.
Aber es gibt ja so viele Ebenen der Wahrhaftigkeit, nicht wahr? Zwischen jener Wahrheit, die wir öffentlich aussprechen, und jener, die wir uns insgeheim und im Stillen, in der Abgeschiedenheit unserer eigenen Gedanken eingestehen und die wir vielleicht einem oder zweien unserer vertrautesten Freunde enthüllen?
Ich habe mich darin , von der Liebe zu schreiben – zunächst als junges Mädchen zu meinem eigenen Ergötzen, später dann in den ersten Jahren nach Vollendung meines zwanzigsten Lebensjahres mit ernsthafteren Absichten, wenngleich ich bis zu jener Zeit nur eine einzige Jugendliebe gekannt hatte.1 Folglich waren diese ersten Werke lediglich von überaus vergänglichem Werte. Erst Jahre später traf ich den Mann, der in mir die wahre Gefühlstiefe anregen sollte und die Stimme wiedererwecken sollte, die so lange geschwiegen hatte.
Von diesem Mann – der einen großen und wahren Liebe meines Lebens – niemals zu sprechen, habe ich mir aus gutem Grund geschworen. Tatsächlich stimmten die wenigen Mitglieder meiner engeren Familie, die ihn kannten, mit mir darin überein, dass es das Beste für alle Beteiligten wäre, die Einzelheiten jener Herzensangelegenheit strikt für uns zu behalten. Folglich habe ich meine Gedanken an ihn in den hintersten Winkel meines Herzens verbannt. Für immer verbannt, aber nicht vergessen.
Nein, niemals vergessen. Denn wie kann man vergessen, was zu einem Teil der eigenen Seele geworden ist? Jedes Wort, jeder Gedanke, jeder Blick und jedes Gefühl, alles, was zwischen uns war, ist mir noch heute, viele Jahre später, so gegenwärtig, als hätte es sich erst gestern zugetragen.
Die Geschichte muss erzählt werden; eine Geschichte, die alle anderen erklären wird.
Aber ich greife voraus.
Es ist eine (wohl allgemein anerkannte) Wahrheit, dass mit wenigen Ausnahmen die Einführung des Helden in einer Liebesgeschichte niemals im ersten Kapitel erfolgen, sondern in idealer Weise für das dritte Kapitel vorbehalten bleiben sollte. Dass zunächst eine kurze Grundlage zu schaffen ist, die den Leser mit den Hauptpersonen, den Schauplätzen und dem emotionalen Gehalt der Erzählung vertraut macht, um so eine höhere Wertschätzung für die sich entfaltenden Ereignisse zu bewirken.
Daher muss ich, ehe wir den fraglichen Herren kennenlernen, erst noch weiter zurückgreifen und von zwei Ereignissen berichten, die sich einige Jahre zuvor zugetragen haben – und die beide auf schrecklichste und schmerzlichste Weise mein Leben plötzlich und unwiderruflich änderten.
Im Dezember 1800, kurz vor dem fünfundzwanzigsten Jahrestag meiner Geburt, hatte ich mich fern von Zuhause aufgehalten, um meiner lieben Freundin Martha Lloyd einen Besuch abzustatten. Bei meiner Heimkehr verkündete mir meine Mutter eine bestürzende Neuigkeit: »Nun, Jane, es ist alles abgemacht! Wir haben beschlossen, Steventon für immer zu verlassen und nach Bath zu ziehen.«
»Steventon verlassen?« Ich starrte sie ungläubig an. »Das kann nicht euer Ernst sein.«
»O doch«, bestätigte meine Mutter, während sie sich emsig und glücklich in unserem kleinen Salon zu schaffen machte, ab und zu innehielt, um die Bilder an den Wänden mit einem liebevollen Abschiedsblick zu streifen, als müsse sie sich noch mit dem Gedanken anfreunden, all dies zurückzulassen. »Dein Vater und ich, wir haben es während deiner Abwesenheit gründlich durchgesprochen. Im Mai wird er siebzig Jahre alt. Es ist höchste Zeit, dass er sich von seiner Arbeit zurückzieht, nach beinahe vierzig Jahren als Pfarrer dieser Gemeinde, ganz zu schweigen von der Kirche in Deane.2 Wenn wir diesen Posten aufgeben, das weißt du, müssen wir auch das Haus aufgeben; aber dein Bruder James wird guten Nutzen davon haben, da es nun ihm zufällt. Und da es deinen Vater immer schon danach verlangt hat, Reisen zu unternehmen, haben wir überlegt, wann die Zeit wohl besser dazu geeignet sein könnte als jetzt? Wir wollen fahren, solange wir noch bei guter Gesundheit sind! Aber wir uns wenden sollten, das war Gegenstand einiger Beratung, und endlich sind wir zu dem Ergebnis gelangt, dass es Bath sein soll!«
Mir schwindelte. Die Beine gaben unter mir nach, ich sank schwer auf einen Stuhl und wünschte mir nur, meine geliebte Schwester wäre hier, um die Bürde dieser bestürzenden Nachricht mit mir zu teilen. Cassandra, drei Jahre älter und sehr viel schöner als ich, verfügt über eine ruhige und sanfte Natur. Stets kann ich mich darauf verlassen, dass sie mich sogar in den schrecklichsten Lebenslagen wieder in gute Laune versetzt. Aber zu jener Zeit hielt sie sich gerade bei unserem Bruder Edward und seiner Familie in Kent auf.
»Jane!«, hörte ich meine Mutter rufen. »O je, ich glaube, das arme Mädchen ist in Ohnmacht gefallen. Mr. Austen! Zu Hilfe! Wo ist das Riechsalz?«
Ich war in Steventon geboren und hatte alle glücklichen Tage meines Lebens dort verbracht. Ich konnte mir genauso wenig vorstellen, diesen geliebten Ort zu verlassen, wie ich mir vorstellen konnte, Flügel zu entwickeln und zu fliegen. Ich liebte das blumenberankte Spalier am Eingang des Pfarrhauses, die vollkommene Harmonie der großflächigen Schiebefenster an der Fassade, die weiß getünchten, schlichten Wände und die offenen Balkendecken im Hausinneren. Ich hatte jede Ulme, Kastanie und Tanne liebgewonnen, die über dem Dach des Hauses aufragte, und jede Pflanze und jeden Busch im Garten, wo ich beinahe täglich über den von Erdbeerbeeten gesäumten Rasenweg spazierte.
Im Laufe der Jahre war das Pfarrhaus beträchtlich erweitert und verbessert worden, um den Ansprüchen unserer ständig wachsenden Familie gerecht zu werden, die aus meiner Schwester Cassandra, mir selbst und sechs Söhnen bestand, zudem noch einer langen Reihe kleiner Jungen, die über mehrere Monate bei uns logierten, um von meinem Vater unterrichtet zu werden. Während meiner Kindertage waren die sieben Schlafzimmer im Obergeschoss stets voll belegt, und in den Korridoren hallte ohne Unterlass das Gelächter der Jungen und das Dröhnen ihrer Stiefel.
So plötzlich entwurzelt und für immer von meinem Heim getrennt zu werden – nie wieder durch die Sträßchen der Umgebung spazieren zu können, wo mir jedes zwischen die Bäume geschmiegte, strohgedeckte Häuschen vertraut und jedes Gesicht bekannt war; nie wieder liebe Freunde zu besuchen, nie wieder in einem der eindrucksvollen, aus Backsteinen gemauerten Herrenhäuser ein Abendessen in guter Gesellschaft zu genießen oder an einem Ball teilzunehmen; nie wieder den Hügel hinauf zur Cheesedown Farm jenseits des Dorfes zu gehen, diesem Bauernhof mit seinen Kühen und Schweinen, seinen Weizen- und Gerstenfeldern; nie wieder am Sonntag durch das Wäldchen mit den Ahornbäumen und Ulmen zur Kirche zu spazieren, um die wöchentliche Predigt meines Vaters anzuhören. Wie sollte ich das ertragen?
In Steventon hatte ich jene vollkommene Harmonie von liebevoller Familie und angenehmer Gesellschaft genossen, die nur ein Dörfchen auf dem Land bieten kann. Als meine Brüder später einer nach dem anderen das Haus verließen, hatte ich Zuflucht in meinem eigenen kleinen Arbeitszimmer im Obergeschoss gefunden, das mir die selige Einsamkeit verschaffte, die ich zum Schreiben brauchte.
Wie konnte ich all das zurücklassen, fragte ich mich erschreckt – nur um in ein hohes, schmales angemietetes Haus an einer steingepflasterten Straße im gleißenden Weiß der von mir so verabscheuten Stadt Bath zu ziehen? Beim bloßen Gedanken wurde mir das Herz schwer. Ich hatte einige Besuche in Bath sehr...




