Jana | Damals waren wir frei | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 398 Seiten

Reihe: Lübbe

Jana Damals waren wir frei

Roman | Eine bewegende Liebesgeschichte zwischen Ost- und Westberlin und eine fesselnde Suche nach Identität
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6116-1
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | Eine bewegende Liebesgeschichte zwischen Ost- und Westberlin und eine fesselnde Suche nach Identität

E-Book, Deutsch, 398 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-6116-1
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Berlin 1988. Als die temperamentvolle Mina dem sensiblen Jan begegnet, verlieben sie sich trotz aller Unterschiede ineinander. Doch eine Zukunft scheint für die beiden unmöglich. Denn er studiert im Westen Berlins Medizin, sie ist Sängerin im legendären »Tanzpalast«, einer Ost-Berliner Diskothek, die ihrer Familie gehört. Hier kommen alle zusammen, die Politik Politik sein lassen, hier wird getanzt, geliebt, gefeiert. Als Mina sich auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater macht, ist es Jan, der ihr hilft. Auf ihrer abenteuerlichen Reise zwischen Ost und West entstehen Gefühle, die viel stärker sind, als beide es sich hätten träumen lassen ...



Stephanie Janalebt und arbeitet - nach Stationen in der Film-, TV- und Modebranche in Hamburg und Bonn - als freie Autorin mit ihrer Familie in Frankfurt und Gießen. Neben dem Schreiben leitet sie ihr Lektoratsbüro STILSICHER, ist Initiatorin eines Kreativ-Netzwerks und tritt zudem als Showduo YANA & JANA in Musikalischen Leseshows auf.

Jana Damals waren wir frei jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Neumond


Mina – Ostberlin. Mittwoch, 14. September 1988


Mina tanzt. Die ersten Sonnenstrahlen fallen durch den Vorhang ihres Zimmers und versprechen einen schönen, warmen Tag im Spätsommer. Nur im weißen T-Shirt und Slip tanzt sie mit dem ganzen Körper, dreht sich um die eigene Achse und reißt die Arme hoch. Es ist noch früh am Morgen, nicht mal sieben Uhr, aber sie ist vorhin im Bett so aufgedreht gewesen, dass sie nicht mehr hatte schlafen können. Denn gestern hat sie ganz frisch ihre Spielerlaubnis für Unterhaltungsmusik bekommen, Fräulein Mina Wächter, Sängerin steht darauf, und jetzt darf sie mit ihrer Band »Neumond« endlich richtig auftreten.

Sie schnappt sich ihre Bürste vom altmodischen Schminktisch, hält sie wie ein Mikro vor den Mund und beginnt zu singen. Dabei springt sie von der einen Ecke zur anderen, vom linken Fenster auf ihr Bett, dann wieder mit einem Satz zum großen Spiegelschrank, und auf geht’s zum rechten Fenster. Als befände sich draußen eine Zuschauermenge, nicht die belebte Schönhauser Allee und die Hochbahn direkt vor ihrem Haus, schüttelt sie wild den Kopf, dass die Haare nur so fliegen, und macht zum Text passende Gesten in Richtung »Publikum«. Immer wenn ein Zug vorbeirattert, vibriert ihr Zimmer. An ihrem ganzen Körper spürt Mina dann die Erschütterung. Dieses Gefühl hat ihr schon als kleines Mädchen gefallen.

»Dit is jut, Minchen. Das Leben muss ein Beben sein, im Herzen, im Körper und im Geiste, und man muss das wollen und mögen. Nur dann ist es richtig und wahr«, hat ihre allerliebste Großmutter Marianne einmal zu ihr gesagt. Dabei hat sie ihrer Enkelin über den Kopf gestreichelt und mit vielsagendem Blick an ihrer Zigarettenspitze aus Elfenbein gezogen.

Seit jeher soll Mina sie italienisch »Nonna« nennen, weil sich das angeblich besser anhört – schließlich ist sie in den Goldenen Zwanzigern einmal eine berühmte Tänzerin gewesen, eine von den Tiller Girls, später Teil der Haller Revue und Tanzstar im Metropol-Varieté. Die Zigarettenspitze hat sie als Relikt aus ihren goldenen Zeiten behalten. Genauso, wie sie sich immer noch, mit dreiundachtzig Jahren, ihren Bubikopf hellblond färbt und konsequent die Kleider, Schminke, Schmuck und Schuhe aus den Zwanzigern trägt. Das mag albern klingen, doch bei Nonna sieht es nicht verkleidet oder fremd aus, sondern einfach nur nach ihr selbst.

Bei Minas Mutter Elly ist das anders. Sie bindet sich ihre rotblonden langen Haare am liebsten wie ein junges Mädchen zu einem Pferdeschwanz und orientiert sich in ihrem Kleidungsstil an der Westmode. Meistens hat sie praktische Klamotten an, die im Trend liegen, und benutzt kaum Make-up. Aber das passt eben zu ihr, sie ist nicht wie Nonna und Mina eine »Künstlerseele«. Ihre Mutter führt den Tanzpalast, die kleine Disco der Familie, mit viel Verstand und Pragmatismus. Mina findet, dass sie regelrecht Geschäftssinn beweist. Das allerdings darf man hierzulande nicht zu laut sagen, wenn man nicht als Kapitalist gelten will.

Mina tanzt weiter, ihre Gedanken kommen und gehen, und sie lässt es zu. Sie selbst sieht sich als Ostberliner Madonna, Typ Winona Ryder. In ihr schlummert diese Sehnsucht, ein Verlangen nach Abenteuer und Freiheit, das nur ihre Musik halbwegs befriedigen kann.

»Neunundneunzig Luftballons, auf ihrem Weg zum Horizont …«, singt sie laut mit. Mina liebt dieses Lied. Sie versucht sowieso bei jeder Gelegenheit, an Westmusik ranzukommen. In den letzten Jahren spielen sie auch bei ihnen unten im Tanzpalast immer mehr Songs aus den Westcharts, eigentlich überall in der Stadt. Außerdem gibt es eine wachsende Undergroundmusikszene in Ostberlin, die heimlich westliche Strömungen wie Post-Punk, New Wave, Gothik, Dark Wave oder Psychedelic Rock feiern und hören. Man muss nur wissen, wo und wer. Vielleicht haben es die Funktionäre mittlerweile aufgegeben, dagegen konsequent vorzugehen. Die Republik hat schließlich ganz andere Sorgen.

Mina hüpft vor den Spiegel und stellt sich vor, sie sei schon berühmt, mindestens so wie Nena. Hübsch genug findet sie sich auch, warum denn also nicht. Und sie ist im Juli erst neunzehn Jahre alt geworden, also liegt doch noch alles vor ihr.

Sie betrachtet sich von oben bis unten. Gut, sie ist jetzt nicht auffallend groß, aber mit fast eins siebzig auch nicht gerade klein, schön schmal, aber dennoch kurvig gebaut, obwohl sie essen kann wie ein Bär. Und mit den schwarzbraunen Haaren, die sie in einem wilden Stufenschnitt bis zu den Schultern trägt, und ihren großen rehbraunen Augen, eingerahmt von langen Wimpern und wohlgeformten, dünn gezupften Augenbrauen, dem roten Schmollmund und hellem Teint, erinnert sie wirklich ein bisschen an Schneewittchen. So wurde sie von einigen in der Schule manchmal genannt. Mina hat das immer gerne gemocht, obwohl sie das Märchen sehr traurig findet.

Jetzt übt sie vor dem Spiegel noch ein paar Drehungen und Tanzschritte, versucht lässig wie ein Profi das Bürstenmikro zu halten und bringt so das Lied zu Ende. Das Fantasiepublikum vor dem Fenster applaudiert laut, ein paar Fotografen schießen Bilder von ihr, sie verbeugt sich gerührt, bringt sich schnell in Pose, die Hochbahn rattert draußen vorbei, der Vorhang schließt sich, sie verbeugt sich erneut, es folgen begeisterte Rufe nach einer Zugabe.

»Minaaa!« Noch eine Verbeugung, ganz schnell. »Komm runter, wir sind so weit, Frühstück!« Die Worte ihrer Mutter lassen die Illusion zerplatzen und reißen sie aus ihrer Privatshow.

»Ja-ha, ich komme gleich!«, antwortet sie, so laut sie kann, Richtung Tür und legt die Bürste zurück an ihren Platz. Heute wird ein richtig guter Tag, das spürt sie, außerdem ist Neumond, den Namen ihrer Band hat sie ja nicht ohne Grund gewählt: Im Mondzyklus bedeutet das jedes Mal einen Neubeginn, Platz für neue Impulse, Chancen, Ideen, Phasen. Und mit der Spielerlaubnis hat sowieso schon eine andere Ära begonnen. Sie ist wahnsinnig glücklich darüber! Was wird noch kommen? Mina freut sich auch auf das Frühstück und kann es kaum erwarten, danach mit ihrer Band zu proben.

Jeden Mittwochmorgen findet im Saal des Tanzpalasts ein gemeinsames Frühstück mit Familie, engsten Freunden – wer alles gerade da ist – und Mitarbeitern statt, um die nächsten Tage zu planen. Ihr Laden, kurz »der Palast« genannt, ist inzwischen kein Geheimtipp mehr, sondern ein extrem angesagter, sehr beliebter Tanzclub in Ostberlin, direkt hier im Erdgeschoss ihres Hauses, in der Schönhauser Allee, Ecke Wichertstraße. Großmutter Marianne hat den Palast als einfaches Lokal in den Fünfzigerjahren von den alten Besitzern übernommen und ihn seitdem zu einem ganz besonderen Ort der Begegnung gemacht, der das Herz all seiner Besucher im Sturm erobert. Hier kommen nicht nur Ostler zum Feiern her, sondern auch viele Westler – Diplomatenkinder, Tagestouristen oder Familienbesucher.

Mina glaubt, dass alle so gerne im Palast sind, weil es bei ihnen auf eine eigene Art und Weise unaufgeregt und ehrlich ist. Es geht wirklich nur um die Musik, ums Tanzen, Feiern, Spaß haben. Ein geschützter Raum, um mal richtig abzuhotten. Auch optisch zeigt der Palast kein gekünstelt bemüht-lässiges Ambiente; in ihm verbindet sich der betörende Charme einer altmodischen Barlounge mit einer kleinen, fetzigen Disco. Die obligatorischen rot-goldenen Polstermöbel auf Metallgestell, der dunkelbraune PVC-Fußboden und die hellbeige Mustertapete sind gnädig in orangenes Licht getaucht. In der Mitte bleibt ein großes Rechteck unbestuhlt – das ist die Tanzfläche. Und dann: mitten auf der Bühne, voll im Licht der Scheinwerfer der Schallplattenunterhalter – kurz SPU. So zumindest heißt es offiziell hier im Osten, während die Gäste aus dem Westen DJ sagen, und sie eigentlich auch. Bei ihnen im Palast ist das deshalb DJ Wolle, der, ein bisschen zu dick und mit zu viel Pomade im schwarzen Haar, mit dünnem Schnäuzer und breitem Grinsen hinter seinem Plattenspieler über allem thront. Um hier auflegen zu dürfen, braucht er eine offizielle Erlaubnis, die sogenannte Pappe. Er ist der unausgesprochene König im Haus und immer bestens gelaunt. Zu jeder Platte ein flotter Spruch auf den Lippen, wobei die Witze meist leicht danebengehen, versprüht er Partystimmung mit Leichtigkeit und hat direkten Draht zu denen auf der Tanzfläche. Die meisten lassen sich gerne von ihm einheizen. Das Publikum im Palast ist am Freitag und Samstag relativ jung, man kennt sich, erscheint als Paar oder in der Gruppe, besonderes Styling ist nicht nötig. Das hat Familientradition, jeder kommt so, wie er sich wohlfühlt. Leicht ausgebeulte Jeans und undefinierbares Schuhwerk ist die Regel. Einige Mädels experimentieren mit sexy Oberwäsche, Lackoutfits oder Punk-Elementen.

Donnerstag und Sonntag kommen eher ältere Gäste. Dann passt Wolle seine Musik an und veranstaltet einen Schlagerabend, Wünsch-dir-was oder offenen Paartanz – auch sehr beliebt und vom Umsatz her nicht zu unterschätzen.

An ihren vier Öffnungstagen müssen die Personalabläufe reibungslos funktionieren, und alles muss optimal organisiert sein. Und dafür findet mittwochs, so wie heute, das Frühstück statt, wo sich alle treffen und besprechen, was zu tun ist und wer welchen Dienst übernimmt.

Mina arbeitet am Wochenende an der Bar. Damit verdient sie etwas Geld, um ihren Traum als Sängerin verwirklichen zu können. Aber es macht ihr auch echt Spaß. Sie ist ja quasi im Palast aufgewachsen. »Mein Kind der Nacht«,...


Jana, Stephanie
Stephanie Jana lebt und arbeitet – nach Stationen in der Film-, TV- und Modebranche in Hamburg und Bonn – als freie Autorin mit ihrer Familie in Frankfurt und Gießen. Neben dem Schreiben leitet sie ihr Lektoratsbüro STILSICHER, ist Initiatorin eines Kreativ-Netzwerks und tritt zudem als Showduo YANA & JANA in Musikalischen Leseshows auf.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.