E-Book, Deutsch, Band 1, 571 Seiten
Janssen Der Weg über die Southwark Bridge
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7427-0498-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 571 Seiten
Reihe: Das Geheimnis der Southwark Bridge
ISBN: 978-3-7427-0498-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schreiben ist für mich eine Möglichkeit, die Welt um mich herum zu vergessen oder anders gesagt, die Welt, so wie ich sie sehe, neu zu erfinden. Das Schreiben bietet mir die Möglichkeit, all meine Gedanken, Gefühle, Ängste und Wünsche zwischen ein paar einfachen Seiten Papier unterzubringen. Für alle Welt sichtbar und doch verborgen vor denjenigen, die die Worte nicht zu entschlüsseln vermögen.
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Februar 1815 bis Mai 1819
Aufgeregtes Gemurmel erfüllte den langgestreckten Saal, in dem rund zwanzig Männer Platz genommen hatten. Vertäfelte Wände und lange schwere Vorhänge sorgten für eine düstere Atmosphäre und eine stickige warme Luft, die die Herren in ihren Anzügen schwitzen ließ. Draußen hingegen peitschte ein eisiger Wind durch die Straßen der Stadt und so gesehen beschwerte sich keiner der Gentlemen. Am vorderen Ende des Raumes stand ein Mann ganz allein, dutzende von Papieren und Zeichnungen auf dem Tisch ausgebreitet und sprach zu ihnen mit fester sicherer Stimme. Er war von seinem Projekt überzeugt, doch in den Reihen der Gentlemen kamen Diskussionen auf. Fragende und skeptische Gesichter waren ihm zugewandt, ihm, den sie damit beauftragt hatten eine neue Brücke zu bauen westlich der London Bridge. Die Southwark Bridge Company, die sich vor etwas mehr als einem Jahr zusammengefunden hatte, um die Konstruktion dieser und vermutlich auch weiterer Brücken ins Leben zu rufen, lauschte jetzt seit etwas mehr als einer Stunde den Worten von John Rennie, einem der bekanntesten Bauingenieure seiner Zeit. Doch das, was er ihnen hier präsentierte, war ihnen suspekt. John Rennie war ein gemütlicher, etwas korpulenter Herr mittleren Alters, dessen rotes Gesicht ein wuchtiger Schnauzbart zierte, auf den er wahrlich stolz war. Er wischte sich jetzt ein paar Schweißperlen von der Stirn und schaute in die Menge vor sich. Die Southwark Bridge war nicht sein erstes Projekt, doch die Architektur, die ihm vorschwebte, stellte etwas nie Dagewesenes dar. Die Brücke, die er auf den Zeichnungen fein säuberlich skizziert hatte, umfasste drei Rundbögen aus Gusseisen und dazwischen jeweils zwei kleine Türmchen zu beiden Seiten der Brücke.
„Meine Herren, darf ich um etwas mehr Ruhe bitten!“, versuchte er sich Gehör zu verschaffen und pochte mit der Faust auf den Holztisch.
„Gentlemen, lassen wir ihn sich noch einmal erklären“, ertönte ganz am Anfang der Sitzreihe die Stimme eines dicklichen kleinen Herrn. Das Gemurmel erstarb.
„Diese Konstruktion aus Gusseisen stellt für uns alle eine nie dagewesene Herausforderung dar und doch meine Herren, ich versichere Ihnen, die von mir entworfene Southwark Bridge wird noch in hunderten von Jahren den Norden mit dem Süden unserer Stadt verbinden.“
„Meine Güte Mr Rennie! Der mittlere Bogen umfasst knapp 80 Yard. Das sind 240 Fuß! Nie im Leben wird diese Brücke halten. Kein Mensch geschweige denn ein Fuhrwerk werden sich auf dieses Konstrukt wagen und die Schiffer werden den Kopf einziehen, wenn sie die Brücke passieren“, meldete sich ein stattlicher Herr vom anderen Ende des Saals zu Wort. Zustimmendes Gemurmel erklang. Rennie seufzte. Die ewigen Diskussionen und die Hitze im Raum machten ihm zu schaffen.
„80 Yard sind viel, aber es ist nicht unmöglich. Lassen Sie uns die Southwark Bridge zu der bedeutendsten Brücke des Landes machen, lassen Sie uns diesen Schritt gehen, um London weiterhin in eine blühende Zukunft zu steuern. Unsere Wirtschaft wächst stetig, diese Brücke ist lebensnotwendig“, rief Rennie. Vereinzelt gab es nun Applaus, doch hier und dort ein kritisches Kopfschütteln.
„Aber nicht mit einem Bogen aus Gusseisen, der diese Maße umfasst!“ Wieder ein Nicken bei vielen der Männer.
„Meine Herren!“, ertönte wieder die Stimme des Herrn aus der ersten Reihe, „ich habe vollstes Vertrauen in die Fähigkeiten von Mr Rennie. Hat er in der Vergangenheit nicht schon mehrfach bewiesen, dass er ein Meister seines Faches ist? Wir sollten zu dem nächsten Punkt auf unserer Tagesordnung übergehen, die Mautgebühren und unsere Stellungnahme gegenüber der Corporation of London.“ Mit einem Schlag wurde es wieder ruhig. Man fügte sich den Worten des Mannes, Rennie rollte seine Zeichnungen ein und setzte sich dann auf den freien Platz neben den Wortführer der Southwark Bridge Company. Als ein weiterer Herr, klein und schmächtig, eilig seine Unterlagen zusammen suchte, dann nach vorne trat und mit seinen Ausführungen bezüglich der geplanten Maut begann, beugte sich Lord Henry Winslow vorsichtig zu Rennie hinüber.
„Bleiben Sie nach der Sitzung noch hier“, flüsterte er ihm zu. Rennie nickte zur Antwort. Er wusste, was Lord Winslow mit ihm besprechen wollte, doch er wusste nicht, ob es ihm behagte, was dieser Mann und ein halbes Dutzend andere vorhatten. John Rennie war ein ehrlicher Mensch und heimliche Machenschaften gefielen ihm nicht, doch hatte er eine Wahl? Vermutlich nicht. Winslow beobachtete ihn von der Seite, aber Rennie starrte stur nach vorne und ließ sich nicht anmerken, was in seinem Kopf vor sich ging. Und dabei war es eine ganze Menge, was ihn beschäftigte und ihn von den Erklärungen bezüglich der Maut ablenkte.
Die Sitzung der Southwark Bridge Company endete spät am Abend. Rennie war müde und abgekämpft, als er weit nach Mitternacht in eine leere Droschke stieg, die am Ende der Straße wartete und sich nach Hause fahren ließ. Die Lichter dort waren schon alle gelöscht. Die Haushälfte in der Grosvenor Street lag dunkel und verschlafen vor ihm. Ein vertrauter Anblick. In letzter Zeit war er immer erst dann zurückgekehrt, wenn seine Frau und sein Sohn schon längst tief und fest schliefen. Obwohl ihm die Augen beim Betreten der Eingangshalle beinahe zufielen, konnte er sich nicht ohne weiteres ins Bett legen. Dazu war er viel zu aufgewühlt. Stattdessen schleppte er sich in den Salon, goss sich einen Schluck Whisky aus der Karaffe ein und ließ sich in dem tiefen Sessel vor dem Kamin nieder. Der Whisky brannte in seiner Kehle und es war ein gutes Gefühl. Seit er den Auftrag der Southwark Bridge Company angenommen hatte, griff er häufiger zum Alkohol als früher. John Rennie war kein Trinker, das nicht, aber er brauchte den Whisky, um seine Gedanken zu ordnen oder um seine Zweifel zu zerstreuen, um ihm die Furcht zu nehmen… Es gab mehr als genug Gründe, die einen Schluck aus der Karaffe rechtfertigten. Und sie alle hatten denselben Ursprung: Lord Henry Winslow.
Im April desselben Jahres wurde mit dem Bau der neuen Brücke begonnen. Einige Proteste der Schiffer, die schlechte Auswirkungen auf die Strömungen in der Themse befürchteten, wurden zügig zerschlagen, sodass die Bauarbeiten wie geplant fortgeführt werden konnten. John Rennie war die meiste Zeit vor Ort. Vier Jahre lang sah er zu, wie sein Meisterstück langsam Form annahm und war stolz auf sich und seine Männer. Lord Henry Winslow stand fast ebenso oft am Ufer wie er, doch andere Beweggründe führten ihn an den Fluss. John war tief über seine Blaupausen gebeugt, als Winslow ihn an einem heißen Tag im Juni ein Jahr vor der Fertigstellung von hinten auf die Schulter klopfte. Es war ein Zeichen der Anerkennung und der Zufriedenheit.
„Sobald die Brücke fertig gestellt ist und ich meine vollständig fertig gestellt, werden wir Sie in unsere Gemeinschaft aufnehmen Mr Rennie.“ John Rennie hob den Blick. Winslow reichte ihm gerade einmal bis zur Schulter und doch wusste er, dass er diesem Mann nicht widersprechen durfte. Die kleinen dunklen Augen des Vorsitzenden der Company taxierten ihn und wieder einmal musste Rennie den Blick abwenden. Er bückte sich wieder über die Zeichnungen vor ihm, doch Winslow machte keine Anstalten zu gehen. Stattdessen zündete er sich eine Zigarre an und blies den Rauch langsam aus. Rennie hasste diese Momente, denn sie lenkten ihn von seiner Arbeit ab und Winslow wusste das nur zu genau. Winslow traute niemandem, nicht einmal seinen engsten Freunden und Verwandten und so bereitete es ihm ein sichtliches Vergnügen seine Mitmenschen zu kontrollieren. Rennie krempelte seine Hemdsärmel noch weiter hoch angesichts der sengenden Hitze, die über der Stadt lag. Winslow trug immer noch sein Sakko. Er war immer gut gekleidet, selbst bei Temperaturen wie diesen.
„Dann sind Sie also bereit für Ihren großen Moment?“, fragte Winslow nach ein paar Minuten des Schweigens. Rennie, der versuchte seine Gedanken auf die Baupläne zu lenken, schloss für ein paar Sekunden die Augen. Er wusste, worauf Winslow anspielte.
„Es wird mir eine Ehre sein Lord Winslow“, sagte er schließlich, obwohl ihm im selben Augenblick ein kalter Schauer den Rücken hinunter lief.
Im Mai 1819 wurde die Southwark Bridge feierlich eröffnet und John Rennie für seine Voraussicht und sein architektonisches Meisterstück gelobt.
Man hatte ihm die Augen mit einem schwarzen Tuch verbunden und die Hände auf dem Rücken so stark verschränkt, dass sie schmerzten. John Rennie wurde von zwei Männern an den Schultern gepackt und langsam Schritt für Schritt geführt. Es roch modrig und die Luft war kalt und feucht. Der Boden unter seinen Füßen war glitschig und ein leises Rascheln ab und zu ließ ihn vermuten, dass auch Ratten hier unterwegs waren. Er stolperte zwischen den Männern einen langen nur spärlich beleuchteten Tunnel irgendwo unterhalb Londons entlang und er hatte keine Ahnung, wohin sie ihn brachten. Doch er konnte sich denken, dass es etwas mit den Worten Lord Winslows zu tun haben musste, dass sie ihn in ihre Gemeinschaft aufnehmen würden. Er hätte gut und gerne auf dieses Ritual verzichtet, schließlich war seine Arbeit getan. Er hatte die Southwark Bridge konstruiert, wie die Männer es ihm aufgetragen hatten, hatte ihren Bau überwacht und seiner Meinung nach mit allem abgeschlossen. Doch Winslow hatte darauf bestanden. Rennie hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend und der Schweiß stand ihm trotz der kühlen Luft auf der Stirn. Warum um Himmels Willen hatte er sich darauf eingelassen? Fast fünf Jahre hatte er sich nun schon damit gequält! Er hätte ein ruhiges bequemes Leben führen können. Warum hatten sie...




