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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: Das Licht von Aurora
Jarzab Das Licht von Aurora (Band 2) - Im Schatten der Welten
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7320-0491-1
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Märchenhafte Liebesgeschichte für Jugendliche ab 12 Jahre
E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: Das Licht von Aurora
ISBN: 978-3-7320-0491-1
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna Jarzab wuchs in einem Vorort von Chicago und in der Gegend von San Francisco East Bay auf. Nachdem sie an der Santa Clara University Englisch und Politikwissenschaft studierte, machte sie an der University of Chicago ihren Master in Literatur und Kreativem Schreiben. Heute lebt sie in New York.
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THOMAS
AN DER SCHWELLE
»Siehst du das?« Der Mann griff nach Thomas’ Haaren und riss ihm den Kopf so weit nach hinten, dass er ihm fast das Genick brach. An der Wand hing eine Uhr, die vier blutrote Ziffern zeigte: 11:38. Während Thomas hinsah, verschwand die Acht.
»Noch elf Stunden und siebenunddreißig Minuten, dann stehst du vor dem Erschießungskommando«, zischte der Mann. Die Fingernägel bohrten sich in Thomas’ Kopfhaut. Als Thomas darauf nicht reagierte, schlug der Mann ihm mit der Rückseite der Hand ins Gesicht. Sein Kopf kippte zur Seite, aber Thomas zeigte keine Reaktion. Der Schmerz war weit entfernt.
Die letzten Wochen waren nichts weiter als ein dunkler Erinnerungsklecks in seinem Gedächtnis. Ein unerträglicher, verschwommener Fleck aus blendendem Licht und ohrenbetäubenden Geräuschen. Das Schlimmste waren die Schreie gewesen, die sie wie Musik über Lautsprecher in seine winzige Zelle hatten dröhnen lassen. Irgendwann, während dieser endlosen Stunden, war er in einen Halbschlaf verfallen und hatte geträumt, es wäre Sasha, die schrie, als würde sie in tausend Stücke zerrissen. Er hatte sie vor sich gesehen, als wäre sie wirklich dort, vor Schmerzen zusammengekauert auf dem Boden, und würde ihn anflehen, ihr zu helfen. Vergeblich hatte er versucht, zu ihr zu gehen, doch sein gepeinigter Körper hatte nicht gehorcht. Er hatte sie trösten wollen, doch sein Hals war so trocken und rau gewesen, dass er nicht hatte sprechen können. Er hatte nicht einmal weinen können, fast so, als gäbe es in ihm nicht einmal mehr genug Flüssigkeit für Tränen.
Als er schon dachte, es würde nie enden, hatten sie ihn aus der Zelle gezerrt. Seine Knie waren über den rauen Betonboden geschürft, als sie ihn grob in eine andere Zelle schleiften und dort auf eine Pritsche stießen. Zwar fand er ein paar Stunden Schlaf, wurde aber von Fieberträumen geschüttelt. Als er erwachte, war er gefesselt, schwere Eisen schnitten ihn an den Hand- und Fußgelenken. Er hatte eine Platzwunde an der Lippe, schmeckte Blut und sein rechtes Auge war so dick angeschwollen, dass er es nicht öffnen konnte. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so mutlos gefühlt wie jetzt. Nicht einmal, als er am Küchentisch irgendeines namenlosen Nachbarn vor der Urne mit den sterblichen Überresten seiner Eltern gestanden hatte. Damals war er noch zu jung gewesen, um das alles zu begreifen, aber damals hatte er immerhin noch daran geglaubt, dass eine schöne Zukunft vor ihm lag.
Doch jetzt hatte er die schönsten Momente seines Lebens bereits hinter sich. Thomas erinnerte sich deutlich an jeden einzelnen von ihnen. Der allerschönste war am Abend des Abschlussballs gewesen, nach dem Fest. Als er mit Sasha am Ufer des Sees gestanden und sich Gedanken über die unendliche Weite des Universums gemacht hatte. Und ihm bewusst geworden war, welche ungeahnten Wege sich ihm plötzlich eröffneten. Die Erkenntnis, dass alles, was er sich je gewünscht hatte – ein normales Leben, jemand, dem er wichtig war, eine Zukunft mit unendlichen Möglichkeiten –, zum Greifen nah und doch unerreichbar war. Er klammerte sich an diese Erinnerung, die in gleichem Maße schön wie schmerzhaft war, weil er wusste, dass sie schon sehr bald für immer verloren sein würde, fort, als hätte sie nie existiert.
Wenigstens war Sasha in Sicherheit, auf der Erde, wo sie hingehörte. Er hatte ihr ein Versprechen gegeben und es gehalten. Obwohl er von vornherein gewusst hatte, wie schwer es ihm fallen würde, sie wieder nach Hause zu schicken, hatte er sich nicht vorstellen können, wie traurig und Furcht einflößend es letzten Endes sein würde, sie verschwinden zu sehen. Plötzlich war sie fort gewesen, als wäre sie nur seiner Fantasie entsprungen. Vor ihm im einen, fort im nächsten Augenblick.
Und trotz allem konnte er sie nicht vergessen. Manchmal rechnete er damit, die Augen aufzuschlagen und sie neben sich zu entdecken. Ganz am Anfang, als dieser Albtraum gerade erst losgegangen war, hatte er noch geglaubt, zu ihr zurückkehren zu können. Zweimal hatte er versucht auszubrechen, wild entschlossen, nicht kampflos aufzugeben. Beim ersten Mal war er sogar bis zur äußersten Mauer des Gefängnisses gekommen. Beim zweiten Mal, verlangsamt vom Hunger und geschwächt vom Fieber, hatte er es nicht einmal aus dem Gebäude geschafft.
Die Wärter hatten ihre Lektion gelernt und ihn für ihre Verfehlung büßen lassen. Er wusste, was als Nächstes passieren würde. Erschöpft und gefesselt würde er im Gefängnis des Adastra Palasts sterben. Sein Leichnam würde verbrannt und seine Asche auf dem Hof zwischen unzähligen Kriminellen, Spionen, Verrätern und Feinden verscharrt werden. Seine Zukunft beschränkte sich auf einen Platz in einem Massengrab.
Sein Peiniger ließ ihn los und setzte sich wieder. »Sag uns, wo das Mädchen ist, dann verschonen wir dich.« Das war das Einzige, was sie wissen wollten.
Thomas dachte kurz darüber nach zu fragen, welches Mädchen er meinte, dabei spielte das keine Rolle. Jedenfalls für den Mann, denn für ihn waren Sasha und Juliana ein und dieselbe Person. Für Thomas hingegen nicht. Ganz im Gegenteil.
Die Wärter waren verblüfft gewesen, als sie ihn allein in der Zelle vorgefunden hatten – eine Schusswunde in der Schulter und halluzinierend aufgrund des Blutverlusts. Sie hatten den Gefängnisarzt gerufen, der Thomas so lange am Leben erhalten sollte, bis die Königin von Farnham seinen Tod beschloss. Der Befreiungstrupp, auf den Thomas insgeheim gehofft hatte, war nie aufgetaucht.
Lucas und Juliana waren weit vor Sonnenaufgang verschwunden. Möglich, dass Lucas gezögert hatte, unschlüssig, ob er Thomas wirklich zurücklassen sollte. Aber zu dem Zeitpunkt war Thomas schon an der Schwelle zur Ohnmacht gewesen, konnte es also nicht mit Sicherheit sagen. Aber ganz egal, ob Lucas ihn nun leichtfertig zurückgelassen hatte oder nicht, am Ergebnis änderte das nichts: Sein Bruder und seine Freundin hatten ihn auf dem kalten Boden sich selbst überlassen, wo er unweigerlich verblutet wäre.
»Du weißt schon, dass da draußen Krieg herrscht, oder?«, fragte der Mann in gemäßigterem Ton. Folter hatte zu nichts geführt, Drohungen genauso wenig. Jetzt versuchte er also, Thomas mit Freundlichkeit zur Kooperation zu bewegen. Aber auch damit würde er keinen Erfolg haben. »Du kannst uns dabei helfen, ihn zu beenden. Sag uns einfach, wo wir die Prinzessin finden, dann lassen wir dich laufen. Das ist es doch, was du willst, habe ich recht?«
»Ich glaube Ihnen nicht.« Seine eigene Stimme klang Thomas fremd. Nasal und abgehackt. Ihm schmerzte die Kehle.
Der Mann streckte den Arm aus. Mit einer schnellen Bewegung hielt er Thomas eine Feldflasche an die Lippen. Das Mundstück war kalt und Thomas konnte kühles, frisches Wasser riechen. Sein Stolz mahnte ihn, es nicht zu trinken, doch sein Körper brauchte es, also tat er es doch.
Kaum war die Feldflasche leer, verschwand sie aus seinem Blickfeld und der Mann lehnte sich vor, bis sein Gesicht nur noch wenige Zentimeter von Thomas’ entfernt war. »Hör jetzt gut zu: Niemand ist unterwegs, um dich zu holen. Die lassen dich hier krepieren. Macht dich das nicht wütend, Junge? Hasst du sie nicht dafür, dass sie dich einfach im Stich lassen?«
»Ich bin kein Junge«, sagte Thomas leise und mit bitterem Ton. Sie hielten ihn für schwach, aber da war noch Kraft in ihm. Eine gefährliche, animalische Kraft, ungezügelt und uralt. Wenn sich ihm nur die Gelegenheit böte, könnte er ihnen allen heimzahlen, was sie ihm angetan hatten. »Ich werde nicht reden, Sie vergeuden Ihre Zeit.«
Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich habe alle Zeit der Welt. Du bist derjenige, dem sie davonrennt. Mach dir keine falschen Hoffnungen. Wenn du uns nicht verrätst, was wir wissen wollen, werden wir dich umlegen.«
»Worauf warten Sie dann noch? Ich habe Ihnen nichts zu sagen.«
Dabei hatte der Mann in einem Punkt recht: Thomas war wütend. Er hatte mehr verloren, als sie jemals begreifen konnten. Aber zu einem Verräter würden sie ihn nicht machen. Er hatte einen Eid abgelegt, den er nicht brechen würde. Nicht einmal jetzt, wo sein Leben auf dem Spiel stand.
»Gehen wir«, sagte der Mann zu den Wärtern und erhob sich. »Soll er mal ein bisschen über seine Sterblichkeit nachdenken.«
Und dann war Thomas allein. Allein mit seinen Gedanken, seinen Schmerzen und der Uhr, die gewissenhaft seine letzten Lebensminuten hinunterzählte.
Noch elf Stunden und vierundzwanzig Minuten.
Als die Zeit abgelaufen war, ging alles ganz schnell. Thomas’ Muskeln zitterten, so viel Kraft kostete es ihn, aufrecht zu stehen. Die Männer zerrten ihn aus der Zelle und durch endlos viele Gänge, bis sie einen großen, leeren Hinterhof erreichten, auf dessen festgestampfter Erde nicht einmal Unkraut zu wachsen wagte. Da Thomas so viele Stunden im Dunkel verbracht hatte, stach ihm das Sonnenlicht in den Augen. Aber er zwang sich, die Lider offen zu halten, damit er den Himmel betrachten konnte. Er war strahlend blau, von weißen Wolkenbändern durchzogen. Trotz allem sah er wie immer aus.
Thomas leckte sich über die Lippen und schmeckte Blut. Er hatte einen Kloß von der Größe eines Felsbrockens im Hals und versuchte vergeblich, dagegen anzuschlucken. Er gab sich die größte Mühe, seine letzten Atemzüge in Würde zu tun. Vor seinen Augen begann es zu flackern. Er war so unglaublich erschöpft. Die Männer und Frauen des Erschießungskommandos trugen Masken, die ihre Gesichter verbargen. Er fragte sich nicht, ob sie gute Schützen waren. Sie wären schließlich nicht hier, wenn dem nicht so wäre. Ein Wärter verband ihm die Augen und fragte, ob er noch etwas sagen wolle.
»Zielt hoch«, sagte Thomas. Er hatte...




