E-Book, Deutsch, Band 3, 296 Seiten
Reihe: Montesecco-Romane
Jaumann Die Augen der Medusa
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8412-0777-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Montesecco-Roman
E-Book, Deutsch, Band 3, 296 Seiten
Reihe: Montesecco-Romane
ISBN: 978-3-8412-0777-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Großartige Kriminalliteratur.' spiegel online.
Nicht nur der eisige Winter lässt die Einwohner des italienischen Bergdorfes Montesecco frösteln. Als ein Attentäter den bekanntesten Staatsanwalt Italiens ermordet und sich mit vier Geiseln in Monteseccos Mauern verschanzt, überrollen Polizei und Medien den verschlafenen Ort. In letzter Minute schmieden die Dorfbewohner einen Plan ...
Ein fulminanter Italienkrimi über Mafia, Medienmacht und wahre Menschlichkeit, ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis.
'Immer wieder bezaubert Jaumann durch kluge, feinsinnige Erzählweise und beobachtungsgenaue Sprache.' Tobias Gohlis in 'Die Zeit'.
Bernhard Jaumann wurde 1957 in Augsburg geboren. Studium in München. Er war zehn Jahre Lehrer für Deutsch, Geschichte, Sozialkunde und Italienisch in Bad Aibling, unterbrochen von einjährigen Auslandsaufenthalten in Italien und Sydney/Australien. Seit 1997 lebt er in Mexiko-Stadt.Sein erster Kriminalroman, 'Hörsturz', erschien 1998; zweiter und dritter Band seiner Krimireihe um die fünf Sinne erschienen 1999 ('Sehschlachten','Handstreich').
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Lunedì, 14 gennaio
Der rote Balken wanderte durch einen stahlblauen Himmel, der wie gefroren aussah. Nur über die Hügel im Osten zog sich ein dünner Wolkenschleier, durch den die Wintersonne milchig schimmerte. Die Kuppen waren dünn mit Raureif überzuckert, doch über die Nordhänge reichte eine fast geschlossene Schneedecke bis ins Tal. Auf ihr stumpfes Weiß schien der Lehm der darunter begrabenen Äcker abgefärbt zu haben. Das Waldstück, das sich an die Felder anschloss, wirkte wie aus Glas. Als ob man nur fest darauf starren müsste, um die kahlen Bäume klirrend zerspringen zu lassen. Vom Waldrand führte eine Spur quer über die weiße Fläche in Richtung des kleinen Orts Montesecco. Der rote Balken folgte ihr. Soweit man das auf die Entfernung beurteilen konnte, war der Rand der Fußstapfen eingefallen, die Spur selbst schon einige Tage alt.
Der Frost biss in die Lippen. Die Atemluft kondensierte zu einer grauen Wolke, wenn man sie ausstieß. Die Finger in den dünnen Lederhandschuhen fühlten sich klamm an.
Immerhin waren die Lichtverhältnisse nahezu optimal. Die Silhouette Monteseccos auf dem Hügelrücken gegenüber war klar auszumachen. Dünne Rauchfahnen standen über einem Gewirr von Natursteinmauern und verwaschenen Ziegelflächen. Auf den Dächern lagen Reste schmutzigen Schnees. Das Dorf wirkte grau und trostlos, auch wenn sich seine Häuser aneinanderdrückten, als wollten sie sich gegenseitig wärmen. Etwas rechts vom höchsten Punkt ragte der Kirchturm Monteseccos ein paar Meter aus dem Schutz der verwinkelten Dächer hervor. In ihm öffneten sich mannshohe fensterlose Luken, durch die man gewiss eine ausgezeichnete Sicht in alle Richtungen hatte. Doch ebenso sicher war es dort kalt und zugig. Nichts rührte sich, und es gab keinen Grund anzunehmen, dass gerade jetzt jemand von dort oben Beobachtungen anstellte.
Am Dorfeingang stachen ein paar Zypressen schwarz hervor, aber die meisten Bäume unterhalb der Häuser hatten ihre Blätter längst verloren. Durch die kahlen Äste glänzte der Asphalt der Ortszufahrt. Der rote Balken glitt auf ihr durch zwei enge Kurven den Hang hinab, bis er die Straße nach Pergola erreichte. Diese zog sich in sanftem, nur leicht abfallendem Schwung durch die gefrorenen Äcker, ging bei dem Rustico an der Abzweigung nach Madonna del Piano in eine lange Gerade über, um dann wieder anzusteigen und zwischen bewaldeten Hügeln zu verschwinden. Fünfzig Meter vor dem Dorf stand am Straßenrand ein hölzernes Patriarchenkreuz. Die Längsachse verschwand hinter dem roten Balken, nur die zweifachen Querarme ragten seitlich hervor. Die oberen waren ein wenig kürzer, ihre Kanten gestochen scharf. Man glaubte fast, an ihnen entlang streichen zu können, doch sie waren zweihundert Meter Luftlinie entfernt. Plus/minus fünfundzwanzig Meter. Genauer konnte man die Entfernung nicht justieren.
Als der schwarze Wagen zwischen den kahlen Bäumen auftauchte, war von seinem Motor nichts zu hören. Nicht einmal das leise Surren, das man von einer kraftvollen Sechs-Zylinder-Maschine erwartete. Langsam glitt die Limousine die Straße entlang. Wahrscheinlich war die Fahrbahn in den Serpentinen des Waldstücks glatt gewesen. Und der Fahrer blieb nun vorsichtig, weil er die Strecke nicht kannte. Noch vierzig Meter bis zum Kreuz mit den beiden Querbalken.
Die Limousine kam aus der letzten Kurve, drehte auf 12 Uhr ein. Man konnte nun das Nummernschild lesen. Alles war in Ordnung. In den durchbrechenden Sonnenstrahlen glänzte der Kühler silbern. Aluminium. Es hätte auch zehn Millimeter dicker Stahl sein können. Das hätte nichts ausgemacht. Nicht auf lächerliche zweihundert Meter Entfernung. Der rote Balken lief knapp vor dem Kühler her. Noch zwanzig Meter.
Im Graben längs der Straße lagen klumpige Schneehaufen mit einer schwärzlichen Kruste. Das Patriarchenkreuz stand ein klein wenig schräg. Die Limousine schien nun zu beschleunigen. Noch ein paar Wagenlängen.
Der rote Balken in der Optik des OEG-Spezialvisiers zitterte nicht. Er lag senkrecht und genau mittig über Kühlergrill, Motorhaube und Frontscheibe. Die Schulterstütze war kaum zu spüren. Der schwarze Wagen würde nun gleich das Kreuz passieren.
Nein, das würde er nicht. Nicht immer lief alles so, wie es vorgezeichnet schien. Das galt für fahrende Autos wie für das Leben. Der rote Balken lag genau im Ziel. Die Entfernung war justiert. Der Drall würde automatisch korrigiert werden. Den Abzug des MGL-MK 1 durchzuziehen war auch mit klammen Fingern überhaupt kein Problem.
Als der schwarze Wagen genau auf der Höhe des Kreuzes angelangt war, schlug die Vierzig-Millimeter-Granate in seiner vorderen Hälfte ein und hob sie ein wenig an. Es wirkte so unwirklich wie eine Filmszene in Zeitlupe und ohne Ton. Lautlos brach unter der Motorhaube ein Vulkan aus, blähte das Blech und zerriss es wie dünnes Papier. Die ausgefransten Fetzen stellten sich auf, und in einem Feuerball fegte eine ungeheure unterirdische Kraft die Eingeweide aus dem Motorraum, Schlauchteile, abgesprengte Ventile, schmelzende Plastikabdeckungen, zerfaserte Kabelenden, verkrümmte Metallstücke, während die Frontscheibe wie von allein in Tausende von Splittern zersprang, die unter zuckenden Blitzen in den Fahrgastraum prasselten. Der Wagen selbst schlitterte auf die Böschung zu. Noch bevor der Explosionsknall ankam, war die zweite Granate im Ziel. Als sei sie enttäuscht, zu spät gekommen zu sein, kippte sie den Wagen halb über die Böschung, zerfetzte grimmig die Fetzen, die die erste gelassen hatte, zerstörte schon Zerstörtes, legte Feuer ans Feuer. Ein Rad drehte leer durch, der Kühlergrill schoss unsinnig rotierend durch die Luft, hoch und höher, weit und weiter, schien auf dem Weg in eine Erdumlaufbahn, bis er sich doch wieder senkte, die Kronen der Bäume durchbrach und auf dem gefrorenen Boden aufschlug. Äste prasselten herab, und dann flimmerte die Luft zwischen den Stämmen vor Schneekristallen, die im Sonnenlicht glänzten und langsam nach unten schwebten.
Der rote Balken wanderte zurück. Splitterregen und Qualm erschwerten nun die Sicht. Dennoch konnte man erkennen, wie die Flammen meterhoch aus dem Motorraum schlugen und die Benzindämpfe in weißlich-blauen Explosionen verpufften. Ein dritter Schuss war wohl nicht mehr nötig, doch sicher war sicher, und es war so einfach, mit dem Granatwerfer zu treffen. Man musste nur den roten Balken übers Ziel legen, auch wenn es eigentlich kein Ziel mehr gab. Es gab nur noch eine gewaltige lodernde Fackel in einer klirrenden Winterlandschaft.
Ein wenig höher halten, den Druckpunkt nehmen, durchziehen. Man sah die Granate nicht einschlagen, sah nur, wie die Druckwelle die Feuersbrunst auseinanderwischte, so dass der dunkle Rahmen des Wagens einen Wimpernschlag lang von einem wilden Heiligenschein umgeben schien, bevor sich die Flammen wieder schlossen und mit doppelter und dreifacher Gewalt auf alles einstürmten, was sich zu Asche machen ließ.
In weitem Umkreis lagen undefinierbare brennende Teile, die die Explosion auf die Äcker gestreut hatte. Wie Lagerfeuer, die überstürzt verlassen worden waren. Auch das Patriarchenkreuz hatte Feuer gefangen. Gierig leckten die Flammen an den beiden Querbalken. Der Schnee am Fuß des Kreuzes war noch nicht geschmolzen. Doch das abzuwarten, dazu blieb nun wirklich keine Zeit.
Die Schulterstütze war im Nu eingeklappt, und dann maß die Waffe nur noch sechsundfünfzig Zentimeter. Sie passte problemlos in einen mittelgroßen Rucksack. Schnell waren die Verschlüsse zugeklickt. Ein letzter Blick auf die Feuerwand, die um das dunkle Skelett des Wagens toste. Wer sich da drinnen befand, war hundertprozentig tot, und wenn er sieben Leben besessen hätte.
Meist gehen Welten langsam unter. Manchmal so unmerklich, dass sich selbst ihre Bewohner erstaunt fragen, wann ihnen eigentlich der Boden unter den Füßen weggebrochen ist. In Montesecco begann das Ende vielleicht in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Mine von Cabernardi dichtgemacht hatte. Damals wohnten an die achthundert Menschen in Montesecco, doch jedes Jahr wurden es weniger. Den Anfang machten die Mutigen, die in der Fremde ihr Glück erzwingen wollten, und die Verzweifelten, die nicht wussten, wie sie die hungrigen Mäuler ihrer vielköpfigen Familien stopfen sollten.
Zuerst gingen nur die Männer. Mit dem Pappkoffer in der einen Hand und dem Dritte-Klasse-Billet in der anderen stapften sie ins Tal hinab, wo sie den Bus zum Bahnhof in Fano nahmen. Sie brachen nach Mailand und Turin auf, in die Schweiz, nach Deutschland, Belgien, und einen verschlug es sogar nach Amerika. Wann immer es möglich war, kamen sie für ein paar Tage in die Heimat zurück, zuerst mit dem Zug, später mit dem Fiat Cinquecento, den sie von den hart erarbeiteten Mark oder Franken angeschafft hatten.
Sie beteuerten, dass es nirgends so schön wie in Montesecco sei und dass sie nur noch zwei, drei Jahre bräuchten, bis sie genug Geld zusammen hätten, um endgültig zurückzukehren und sich hier eine Existenz aufzubauen. Doch auch zwei, drei Jahre sind lang, wenn man einsam ist, und so holte, wer irgend konnte, seine Familie nach. Aus zwei, drei Jahren wurden fünf, sechs, zwölf, zwanzig. Kinder wurden in Berlin oder Bern geboren, wuchsen dort auf, sie sprachen lieber Deutsch als Italienisch, kannten Kreuzberg besser als San Vito drüben auf der anderen Seite des Cesano-Tals.
Immer mehr Häuser in Montesecco standen das Jahr über leer. Man verkaufte sie nicht, denn erstens hätte es sowieso keine Interessenten gegeben, und zweitens würde man ja zurückkehren. Irgendwann. Noch Jahre und Jahrzehnte verbrachte man den Sommerurlaub im Heimatdorf, öffnete die Fenster des Geburtshauses, lüftete die...




