Jaumann | Die Vipern von Montesecco | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 275 Seiten

Reihe: Montesecco-Romane

Jaumann Die Vipern von Montesecco

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8412-0775-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 1, 275 Seiten

Reihe: Montesecco-Romane

ISBN: 978-3-8412-0775-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Touristen verirren sich nicht in das verschlafene Dorf Montesecco. Nur ein paar Dutzend Menschen leben hier, im Hinterland der Adria. Es ist ein ungewöhnlich heißer Juli. Gewitter liegen in der Luft, denn einer aus ihrer Mitte ist tot: Eine giftige Viper hat Giorgio Lucarelli gebissen. Was wie ein Unfall aussieht, scheint ein wohlgeplanter Akt der Rache gewesen zu sein. Carlo, der Vater des Toten, untersagt die Beerdigung, bevor der Täter nicht gefaßt ist, und verunglückt kurz darauf selber tödlich.

Ganz Montesecco sucht den Mörder - und nahezu jeder im Ort ist verdächtig. Und während in der Hitze des Sommers zwei Leichen ihrer Beisetzung harren, verbreitet sich das Gift der Vipern wie im Flug ...

'Jaumann schmückt seine Bilder üppig und farbenprächtig aus. Nach dieser Ode hat der Leser nur noch einen Wunsch: Nachschlag!' Nürnberger Nachrichten.



Bernhard Jaumann wurde 1957 in Augsburg geboren. Studium in München. Er war zehn Jahre Lehrer für Deutsch, Geschichte, Sozialkunde und Italienisch in Bad Aibling, unterbrochen von einjährigen Auslandsaufenthalten in Italien und Sydney/Australien. Seit 1997 lebt er in Mexiko-Stadt.Sein erster Kriminalroman, 'Hörsturz', erschien 1998; zweiter und dritter Band seiner Krimireihe um die fünf Sinne erschienen 1999 ('Sehschlachten','Handstreich').

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2


Selig, wer nie im Leben vom Fluch gekostet!

denn wo Gott ein Haus erschütterte, schwillt ihm

unablässig durch alle Geschlechter Unheil.

Sophokles: Antigone, Verse 583–585

Die Nachricht vom Tod Giorgio Lucarellis verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorf. Jeder Tod war ein Unglück, doch es war ein Unterschied, ob ein Achtzigjähriger friedlich im Bett verschied oder ob ein Mann in den besten Jahren an einem Vipernbiß krepierte. Niemand konnte sich an einen ähnlichen Vorfall erinnern. Nur Costanza Marcantoni behauptete, daß es lange vor dem Krieg in San Vito einen Fünfundzwanzigjährigen auf die gleiche Weise erwischt habe. Und das sei nur der Anfang einer Serie von Unglücksfällen gewesen, die über das Dorf auf der gegenüberliegenden Hügelkette hereingebrochen wäre.

»Ein schlechtes Omen«, murmelte Costanza Marcantoni kopfschüttelnd vor sich hin.

Wenn ihr auch niemand Gehör schenken wollte, so gab es doch manch einen, der neben der Bestürzung über den Tod Lucarellis auch Unbehagen, ja einen Anflug von Schauder fühlte, weil der Vorfall in seiner Banalität so unbegreiflich schien. Sicher, die Vipern waren dieses Jahr besonders gefährlich, doch ein starker, gesunder Mann wie Giorgio Lucarelli starb nicht so schnell an einem Schlangenbiß.

Immer wieder wurde nachgefragt, und immer wieder schilderte Paolo Garzone, wie er Lucarelli gefunden hatte, den Biß am Unterarm abgebunden, eine verkrustete Platzwunde am Kopf, der ganze Körper verkrampft, kein Atem, kein Puls, nichts, er sei schon kalt geworden. Am Waldrand habe er gelegen, kurz vor der kleinen Brücke, ein paar Schritte vom Feldweg entfernt, der zu dem verlassenen Gehöft führte, in dem früher Milena Angiolinis Großonkel gewohnt habe. Garzone sei nach der Arbeit dorthin gefahren, um nachzusehen, ob die Pumpe aus dem Brunnenhäuschen noch funktioniere, und auf dem Rückweg habe er Giorgio Lucarelli am Waldrand liegen sehen. Er mache sich Vorwürfe, denn wenn er ihn schon auf dem Hinweg bemerkt hätte, wäre vielleicht noch Hilfe möglich gewesen. Er habe Giorgio auf den Beifahrersitz gehievt und ins Krankenhaus gefahren, obwohl er wußte, daß nichts mehr zu machen war. Der Arzt im Pronto Soccorso habe überhaupt keine Wiederbelebung versucht, sondern sofort die Behörden angerufen.

Man nickte im Dorf, als ruchbar wurde, daß der Vater des Toten auf einer Obduktion bestand. Carlo Lucarelli hatte am Abend das ehemalige Pfarrhaus betreten und sich die Nacht über dort eingeschlossen. Am Morgen kam er mit versteinertem Gesicht heraus, setzte sich auf seine alte Ducati und fuhr in die Stadt. Alle wußten, daß er stur wie ein Maulesel sein konnte. Er würde erst zurückkommen, wenn ihm die Todesursache offiziell und zweifelsfrei bestätigt worden wäre. Oder eben widerlegt. Bis dahin mußte man abwarten.

Die Männer des Dorfs erledigten, was unaufschiebbar war, doch ab elf Uhr saßen die meisten im Schatten der Esche vor der Bar. Was es zu sagen gab, wurde gesagt. Dann verebbte das Gespräch in einsamen, dumpfen Grübeleien. Als würde die Hitze Gedanken und Stimmbänder lähmen. Es waren die Frauen von Montesecco, die die Ärmel aufkrempelten. Sie erkannten, was zu tun war, teilten sich wie selbstverständlich die Aufgaben, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren.

Es schien fast, als hätten sie eine solche Katastrophe schon lange erwartet und sich gewissenhaft darauf vorbereitet. Vielleicht lag es auch am Erbe der Jahrhunderte, in denen sie nicht viel zu sagen gehabt hatten. Sie waren den Entscheidungen der Väter, Männer, Brüder unterworfen gewesen, seit sie denken konnten, sie waren in eine passive Rolle gedrängt worden und hatten Tag für Tag, Jahr für Jahr gelernt, damit umzugehen. Für sie war es nichts Neues, Situationen zu bewältigen, für die sie nichts konnten und die wie aus heiterem Himmel auf sie einstürzten. Das geschah schließlich andauernd. Der Alltag bereitete sie auf die großen Schicksalsschläge vor, sei es nun eine Zwangsheirat vor zweihundert Jahren, sei es, daß der Mann das Familienvermögen beim Glücksspiel in einer Nacht durchbrachte oder der Tod in der Nachbarschaft einkehrte.

Und so übernahmen die Frauen das Dorf. Lidia Marcantoni und Fiorella Sgreccia, die beiden Alten, wichen Giorgios Mutter Assunta nicht von der Seite. Sie stützten sie auf dem Weg zur Kirche, zündeten für sie die Kerzen vor dem Bild der Jungfrau und vor dem Kruzifix am Seitenaltar an, beteten zusammen einen Rosenkranz, beteten noch einen zweiten. Auf dem Rückweg hakten sie sich bei Assunta unter, folgten ihr ins verdunkelte Zimmer und redeten ihr tröstend zu, wenn die Trauer um den einzigen Sohn in Weinkrämpfen herausbrach. Als Assunta Lucarelli endlich in einen unruhigen Schlaf verfiel, wachte die alte Marcantoni am Fuß ihres Bettes. Fiorella Sgreccia würde sie drei Stunden später ablösen.

Marta Garzone begleitete Antonietta Lucarelli in die Stadt. Paolo Garzone hatte sich angeboten, Antonietta herumzufahren, doch Marta hatte ihm den Autoschlüssel aus der Hand genommen und gesagt, daß es mit Herumfahren nicht getan sei.

»Zuerst müssen wir mit dem Bestattungsunternehmen verhandeln und den Pfarrer verständigen. Die Kränze sind zu bestellen. Die Todesanzeige muß entworfen und in Druck gegeben werden. Dann wartet das Meldeamt, die Lebensversicherung und und und.«

Paolo hatte irgend etwas gebrummt, und Marta hatte gesagt, sosehr sie seine kräftigen Arme schätze, wenn es darum gehe, die Zwanzig-Liter-Weinballons in den Vorratsraum der Bar zu tragen, müsse er doch zugeben, daß sie nun mal besser organisieren könne.

Antoniettas Haushalt wurde zur öffentlichen Angelegenheit. Elena Sgreccia hatte das Kommando übernommen. Sie räumte auf, putzte die Küche auf Hochglanz und koordinierte die Aufgaben der anderen Frauen. Marisa Curzio brachte eine Schüssel voll dampfender Tagliatelle al ragù zum Mittagessen, während Milena Angiolini ihren Schminkkoffer anschleppte und die beiden Mädchen den ganzen Nachmittag mit Wimperntusche und Lippenstiften von Zartrosa bis Dunkelviolett beschäftigte.

Sogar Costanza Marcantoni schaute gegen Abend vorbei. Sie erzählte Sabrina und Sonia die Geschichte vom Sprovengolo, einem katzenartigen Wesen, das sich nachts auf den Bauch der Schlafenden setze und für Magengrimmen sorge. Der Sprovengolo habe Haare aus purem Gold, und wer ihn zu fassen bekomme, wäre sein Lebtag lang reich und glücklich, doch sei es noch keinem gelungen, denn der Sprovengolo sei schnell wie der Blitz.

Auf der Kommode stand links ein Reiher aus bunt schimmerndem Muranoglas und rechts eine leere Blumenvase. Wie Altarkerzen umrahmten sie die drei Fotos dazwischen. Auf zweien davon posierten Brautpaare. Das ältere zeigte in verblaßten Sepiatönen Vannonis verstorbene Eltern, und auf dem anderen sahen sich Elena und Angelo Sgreccia verliebt in die Augen. Auf dem Foto im rechten Rahmen war Catia zu erkennen. Sie stand in einem weißen Kleid vor einem verschwommenen Hintergrund und umklammerte mit beiden Händen eine viel zu große Kerze. Sie hatte dünne Beinchen, und ihre Füße in den weißen Schuhen waren ein wenig nach innen gedreht. Daß sie von schräg oben abgelichtet worden war, ließ sie noch verlorener aussehen. Sie kniff die Lippen zusammen, so daß ihr Mund einem dünnen Strich glich.

»Das war bei ihrer Erstkommunion. Nach der Kirche haben wir im Nido dell’astore gegessen und sind dann ins Fiabilandia gefahren«, sagte Angelo Sgreccia. »Es war ein schöner Tag.«

Das Fiabilandia war ein Märchenpark bei Rimini. Matteo Vannoni hatte davon gehört. Sicher war das für ein achtjähriges Mädchen ein schöner Tag gewesen. Vannoni fragte: »Sie ist jetzt gar nicht da?«

Angelo zuckte die Schultern und setzte ein Du-weißt-doch-wie-die-jungen-Mädchen-heute-sind-Lächeln auf. Vannoni wußte es nicht. Er hatte keine Ahnung, wie die jungen Mädchen von heute waren. Und er kapierte schon gar nicht, was seine Tochter bewogen haben konnte, gerade dann zu fliehen, wenn die Sgreccias ihn zum Essen einluden.

»Setz dich, Matteo!« sagte Angelo. Er wies auf einen Stuhl am gedeckten Tisch. Vannoni stützte sich mit beiden Händen auf die Lehne und sah zu, wie Angelo ein Glas mit Weißwein füllte.

»Wo sitzt ihr normalerweise?« fragte Vannoni.

»Was?«

»Habt ihr feste Plätze am Tisch?«

»Stell dich nicht so an!« sagte Angelo. Er selbst schenkte sich Wasser ein.

»Ich möchte niemandem etwas wegnehmen«, sagte Vannoni. Es klang verbitterter, als er es gemeint hatte. Er setzte sich. Angelo schob ihm das Glas Wein zu.

»Auf die alten Zeiten!« sagte er. Vannoni nickte, sie tranken sich zu und stellten die Gläser ab. Aus der Küche war das Klappern von Kochgeschirr zu hören. Es roch nach ausgelassener Salsiccia und Kräutern. Fünfzehn Jahre lang hatte Vannoni sein Essen in die Zelle geliefert bekommen. Er hatte fast vergessen, daß Kochen eine Tätigkeit war, die man hören und riechen konnte.

»Kannst du dich an Tacchinardi erinnern, der uns in der Scuola Media immer ellenlange Gedichte von d’Annunzio auswendig lernen ließ? Wir verstanden jedes zweite Wort nicht, geschweige denn den Sinn«, sagte Angelo.

»Tacchinardi?« fragte Vannoni. Das war der Fettwanst gewesen, der seine Patschhände kaum hinter dem Rücken verschränken konnte. Natürlich erinnerte sich Vannoni, doch interessierte ihn kaum etwas weniger als die alten Schulgeschichten. Er bezweifelte, daß Angelo sie so überaus spannend fand. Nein, es war nur Geplauder. Hielt Angelo nicht einmal ein paar Sekunden...



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