Jeanmaire | Richtig hohe Absätze | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Jeanmaire Richtig hohe Absätze

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-293-30999-9
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-293-30999-9
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die junge Su Nuam lebt bei ihren Großeltern in China. In einem China, das ihr völlig fremd ist. Am Verkaufsstand ihres Großvaters schreibt sie zwischen Schüsseln voller Kröten und Schlangen ihre Ängste und Zweifel in ihr Spanischheft. In Buenos Aires aufgewachsen, saß Su Nuam jeden Nachmittag auf derselben verwitterten Kiste und begutachtete die Menschen und den heruntergekommenen Platz vor dem Laden ihres Vaters - bis der Vater ermordet wird und sie die Stadt, das Land und ihre Freunde fluchtartig verlassen muss. Als sie schließlich zusammen mit ihrem Großvater wieder nach Argentinien reist, wird ihr Spanischheft zum Hüter eines dramatischen Geheimnisses - denn Su Nuam muss ihre Kindheit hinter sich lassen und sich zwischen Rache und Gerechtigkeit entscheiden.

Federico Jeanmaire, geboren 1957 in der argentinischen Stadt Baradero, studierte Literaturwissenschaften an der Universität von Buenos Aires, wo er später am Lehrstuhl für argentinische Literatur unterrichtete. Nach seinem Abschluss forschte er zunächst in Spanien zum Siglo de Oro und wandte sich schließlich dem Schreiben zu. Seine zahlreichen Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Premio Emecé und dem Premio Clarín. Sein Roman Leichter als Luft wurde 2014 vom WDR als Hörspiel adaptiert.
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Ich lese noch einmal durch, was ich schreibe, seit ich am Ufer des großen Kanals auf der umgedrehten Schüssel sitze. Ich glaube nicht, dass die Zeitformen, mit denen man schreibt, was man schreiben muss, so wichtig sind, wie die Spanischlehrerin behauptet, die vor der Klasse steht und schreit. Alles, was passieren muss, passiert. Und es wird auch so völlig klar. Da liegt die Lehrerin falsch. Ich bin zwar Chinesin, aber die Noten, die ich am Ende des zweiten Jahres in der Sekundarschule bekomme, müssten viel besser sein.

Finde ich.

Ich heiße Su Nuam.

Su hat mit Respekt zu tun, mit Achtung. Aber auch mit dem, was flach ist, mit der Ebene. Und Nuam bedeutet auf Spanisch so viel wie genial oder warm oder heiß.

Lin Su Nuam.

Die heiße Ebene.

Das bin ich. Die einzige Tochter meines Vaters und meiner Mutter.

Su Nuam.

In der Vergangenheit nennen mich die Kunden im Supermarkt und meine Klassenkameraden und die Leute aus der Gegend rings um den Platz von Glew allerdings Sonia. Das ist leichter, einfacher. Wenn sie etwas völlig Unbekanntes aufnehmen sollen, klammern sich viele Menschen offenbar an das, was sie schon kennen. Was die verflixten Zeitformen angeht, mache ich das wahrscheinlich auch so.

Dort also Sonia Lin. Und hier Lin Su Nuam.

Ich.

Ich und noch mal ich.

Soweit ich mich erinnere, sitze ich nie auf einer von den Betonbänken auf dem Platz von Glew. Ich glaube, im Grunde habe ich Angst, dass ich genauso hässlich werde wie sie, wenn ich eine Weile darauf zubringe. Unweigerlich. Und das möchte ich nicht. Um nichts auf der Welt möchte ich das. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, hier in Suzhou, auf der Plastikschüssel meines Großvaters, am Ufer des großen Kanals, am Ende der Marktstraße, sage ich mir, dass man in jedem Fall von den Betonbänken aus auch keinen schöneren Blick hat als von der Holzkiste vor dem Laden.

Weil es immer wieder zu Raubüberfällen und Plünderungen kommt, hat der niedrige Schuppen, in dem der Supermarkt untergebracht ist, ein Gitter und eine Eisentür, die man ganz schnell zumachen kann, wenn man merkt, dass es irgendwo in der Nähe Probleme gibt.

Das alles sieht sehr hässlich aus.

So hässlich wie der Platz, oder noch hässlicher.

Und im entscheidenden Augenblick zeigt sich, dass das Gitter und die dicke Eisentür kein bisschen weiterhelfen.

An dem drückend heißen Morgen, der so anders ist als die eisigen Morgen hier in Suzhou, wacht mein Vater wie fast an jedem Tag hinten im Lager des Supermarkts auf, wo die ganzen Kisten stehen. Normalerweise schläft Lin Jang Xian dort und fast nie bei mir und meiner Mutter im Monoblock. Er muss auf das Geschäft aufpassen. Sagt er. Damit keiner auf die Idee kommt, ihm seine Sachen zu klauen. Warnt er. Dort hat er seine Matratze und sein Kissen und seine Decken. Und natürlich auch seine Pistole, Kaliber .22. Griffbereit.

Wegen dem Lärm ist die enge Marktstraße nicht langweilig. Hier ist immer alles voller Frauen und Männer, die von einem Stand zum anderen gehen, sich schreiend unterhalten, obwohl sie ganz dicht beisammenstehen, Karten spielen, Witze machen, sich anlügen und um die Preise streiten.

Wegen dem Lärm ist es in Suzhou nicht langweilig.

Außerdem kommt dieser Lärm von den Menschen. Die Stille auf dem Platz in Glew ist ganz anders. Der Lärm in Suzhou hört nie auf, er ist immer da. Er ist eintönig, und trotzdem ändert er sich ständig, auch wenn das eigentlich nicht geht. Mit dem Motorengeräusch der Boote, die den großen Kanal entlangfahren, an meiner Plastikschüssel und meinem Heft vorbei, ist es genauso.

Das, was ich hier aufschreibe, soll auch so sein – wie eine Mischung aus dem eintönigen Motorengeräusch der Boote auf dem großen Kanal hier in Suzhou und der völligen Stille auf dem langweiligen Platz in Glew.

In der Nacht vor dem heißen Tag Anfang September letzten Jahres – es ist das Jahr der Schlange – schläft mein Vater gut und tief. Wie immer. Das eine oder andere Glas Wein hilft ihm dabei. Mein Vater trinkt gern Rotwein. Zwei, drei Gläser oder eine ganze Flasche, bevor er sich hinlegt. Wie viel genau, weiß ich nicht, weder an diesem noch an sonst einem Abend. Das kann ich unmöglich wissen, ich und meine Mutter schlafen schließlich in dem Monoblock, und von dort sind es mehrere Querstraßen bis zum Platz und zum Supermarkt. Lin Jang Xian sagt nur immer wieder, dass er gern Rotwein trinkt und dass ihm dieses kleine abendliche Vergnügen hilft, sanft in den Schlaf hinüberzugleiten.

In dieser Nacht schläft mein Vater die ganze Nacht.

Und vielleicht träumt er auch etwas Schönes.

Manchmal erzählt er mir seine Träume. An einen erinnere ich mich noch ganz genau. In dem Traum legt Lin An Bo mit seinem Ruderboot vor dem Eingang zum Supermarkt an und fragt meinen Vater, ob er etwas von seinen Fröschen, Kröten und Schlangen möchte, er sagt, er verkauft sie ihm zu einem sehr guten Preis, und er soll sich die Gelegenheit bitte nicht entgehen lassen, auf die Art hilft er ihm, und er kann sich ein schönes Motorboot kaufen, mit dem er schneller von Suzhou nach Glew kommt, eine so weite Reise im Ruderboot ist in seinem Alter nämlich ziemlich anstrengend.

Mein Vater lacht schallend, während er von diesem Traum erzählt. Ich erinnere mich noch gut. Wir sind im Lager, und er lacht über das ganze Gesicht, mit Tränen in den Augen, ohne sich im Geringsten zu schämen. Er lacht, wie Lin Jang Xian lacht, wenn er wirklich Lust zu lachen hat. Das kommt selten vor.

Hoffentlich träumt mein Vater auch in dieser Nacht etwas Schönes. Es ist seine letzte Nacht in Glew. Aber das kann ich unmöglich wissen.

Vorgestern hat mir meine Mutter aus Peking mit der Post ein nagelneues Handy geschickt. Damit wir telefonieren können. Ich nehme es trotzdem nicht zum Markt mit. Warum soll ich es mitnehmen, wenn ich keine Freunde habe? Obwohl es so kalt ist, telefonieren die Leute hier ständig mit ihren Handys, und wenn ich mein Handy mitnehme, merken sie, dass ich keine Freunde habe. Und ich möchte nicht, dass sie das merken.

In Glew habe ich Freunde.

Viele Freunde. Fast alle meine Klassenkameraden und dazu ein paar Jungs aus dem Haus gleich neben dem Supermarkt.

Mein Vater möchte nicht, dass ich mit den Nachbarsjungs zusammen bin. Er mag sie nicht. Er findet, sie sind keine gute Gesellschaft. Meine Klassenkameraden schon, aber sie nicht. Ich mag sie, richtig Spanisch zu sprechen, fällt ihnen genauso schwer wie mir, wenn nicht noch schwerer, deshalb treffe ich mich trotzdem mit ihnen. Um die Zeit rumzubringen. Und nicht allein zu sein. Und um nicht so viel und so lange den Platz anzuschauen, davon werde ich bloß traurig. Aber da liege ich falsch, mein Vater hat recht, die Nachbarsjungs sind keine Freunde. Sie sind eine schlechte Gesellschaft. Das zeigt sich mit der Zeit, später.

Gleich nach unserer Ankunft zieht meine Mutter nach Peking, zu ihrer Familie. Mich lässt sie bei den Eltern meines Vaters. Dazu sagt sie nur, dass man das hier so macht: Mädchen wohnen bei ihren Eltern oder, wie in meinem Fall, bei den Eltern des Vaters. Warum möchte sie auf einmal, dass wir telefonieren? Macht man das hier auch so, ab und zu ein paar Minuten miteinander telefonieren? Wenn sie das nächste Mal anruft, muss ich sie das fragen. Wenn sie wieder erzählt, wie es in Peking die ganze Zeit schneit, muss ich sie unterbrechen. Das ist wichtig. Ich darf nicht vergessen, sie das zu fragen.

Mein Vater wacht an dem Morgen sehr früh auf. Wie immer. Er steht auf, macht sich seinen Kräutertee, fegt und wischt den Boden, die Gänge zwischen den Regalen, füllt die Fächer auf, ordnet die Rechnungen für die Lieferungen vom Tag davor, die jetzt auf einem Stapel neben der Kasse liegen, überschlägt, wie viel es zu bezahlen gibt, überlegt, was er alles bestellen soll, trinkt noch einen Kräutertee, den letzten für diesen Tag, und erst als er dann hört, dass die Frau aus Bolivien, die den Gemüsestand betreibt, draußen steht und wartet, öffnet er das Gitter und die Eisentür vor dem Eingang zum Supermarkt.

Es ist acht.

Oder Viertel nach acht, spätestens.

Außer der Bolivianerin warten draußen noch zwei Frauen, die im Supermarkt einkaufen wollen. Ein gutes Vorzeichen, sagt sich Lin Jang Xian. Schon jetzt, so früh am Morgen, ist es drückend heiß. Das ist allerdings überhaupt kein gutes Vorzeichen, im Gegenteil, so geht es schon seit Tagen – irgendwann am Nachmittag oder am Abend fällt bestimmt der Strom aus, und wenn das länger dauert, verdirbt ein Großteil der Milchprodukte, und man kann sie bloß noch wegschmeißen. Das ist dann alles futsch.

Ein schlechtes Vorzeichen, diese Hitze.

Und trotzdem.

Mein Vater ist optimistisch. Er kann gar nicht anders. Leute wie er sehen eigentlich immer nur die guten Vorzeichen, die schlechten übersehen sie fast. Er sieht die zwei Frauen, die mit ihren Einkaufstaschen an der Tür stehen, aber die Hitze nimmt er nicht wahr. Er denkt nicht eine Sekunde darüber nach, dass es morgens um acht schon so heiß ist.

Lin Jang Xian ist einfach so.

Gestern mache ich noch mal eine Runde. Zuerst gehe ich zum Büro des Tourismusverbands und danach zu allen Fünf-Sterne-Hotels, bei denen ich vor ein paar Tagen meine Bewerbung abgebe. Jetzt, wo ich eine...


Kultzen, Peter
Peter Kultzen, geboren 1962 in Hamburg, studierte Romanistik und Germanistik in München, Salamanca, Madrid und Berlin. Er lebt als freier Lektor und Übersetzer spanisch- und portugiesischsprachiger Literatur in Berlin.

Jeanmaire, Federico
Federico Jeanmaire, geboren 1957 in der argentinischen Stadt Baradero, studierte Literaturwissenschaften an der Universität von Buenos Aires, wo er später am Lehrstuhl für argentinische Literatur unterrichtete. Nach seinem Abschluss forschte er zunächst in Spanien zum Siglo de Oro und wandte sich schließlich dem Schreiben zu. Seine zahlreichen Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Premio Emecé und dem Premio Clarín. Sein Roman Leichter als Luft wurde 2014 vom WDR als Hörspiel adaptiert.



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