E-Book, Deutsch, 333 Seiten
Jeier Die Tochter des Schamanen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96148-012-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 333 Seiten
ISBN: 978-3-96148-012-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thomas Jeier wuchs in Frankfurt am Main auf, lebt heute bei München und »on the road« in den USA und Kanada. Seit seiner Jugend zieht es ihn nach Nordamerika, immer auf der Suche nach interessanten Begegnungen und neuen Abenteuern, die er in seinen Romanen verarbeitet. Seine über 100 Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Bei dotbooks erscheinen folgende Titel des Autors: »Die Sterne über Vietnam« »Die abenteuerliche Reise der Clara Wynn« »Flucht durch die Wildnis« »Sie hatten einen Traum« »Sturm über Stone Island« »Wo die Feuer der Lakota brennen« »Flucht vor dem Hurrikan« »Wohin der Adler fliegt« »Die Reise zum Ende des Regenbogens« »Hinter den Sternen wartet die Freiheit« »Die vergessenen Frauen von Greenwich Village« »Solange wir Schwestern sind« »Blitzlichtchaos« »Der Stein der Wikinger« Die Website des Autors: www.jeier.de Der Autor im Internet: www.facebook.com/thomas.jeier
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1
DIE STIMMEN DER GEISTER
DIE BÄUME WUSSTEN, daß ihr Vater sterben würde. Das Rascheln ihrer Blätter klang bedrohlich und erschreckte die Tiere und die Pflanzen und die Steine. Der sanfte Wind, der beinahe liebkosend über den Fluß strich, frischte auf und versteckte sich zwischen den Buchen und Birken, die am Ufer wurzelten. Auch er wußte, was geschehen würde. Die Stimmen der Geister waren überall zu hören und verkündeten den gewaltsamen Tod eines weisen Mannes, der auf die andere Seite ins Land der Seelen wandern würde.
Otterfrau zog das Paddel durch den schäumenden Fluß und spürte den Wind in ihrem Gesicht. Sie hatte siebzehn Winter gesehen und gehörte zu den schönsten Frauen ihres Dorfes. Ihr Körper war schlank und biegsam, die weiche Haut leuchtete kupferfarben in der Sonne. Ihre Augen glänzten geheimnisvoll und erinnerten an die verträumte Sanftmut eines jungen Rehs. Ihre Bewegungen waren geschmeidig wie bei einem Berglöwen, und die jungen Krieger, die ihr geheimnisvolles Lächeln gesehen hatten, beteten zu Kitche Manitu, daß sie ihr Werben erhöre. Sie war noch keinem Mann versprochen und verbrachte die meiste Zeit bei ihrem Vater, der sie zu seiner Nachfolgerin erkoren hatte und ihr alles beibrachte, was eine Heilerin wissen mußte.
Sie drehte sich um und sah, daß er mit offenen Augen träumte. Sieht-über-den-Fluß saß gebückt im hinteren Teil des Kanus und bewegte gedankenverloren das Paddel. Er träumte oft und hatte schon als junger Mann mit den Geistern gesprochen, noch bevor er zum Ufer des großen Wassers gezogen war und seine Vision erlebt hatte. Im Totem der Schildkröte wurden große Heiler geboren, aber er war auch ein Denker, der über den Sinn des Lebens nachdachte und als führendes Mitglied der Midewiwin ein vorbildliches Leben führte. Nur wer danach trachtete, möglichst weise zu leben, wurde in die Medizingesellschaft aufgenommen.
Auch der Schamane hatte die Bäume verstanden. Er glaubte die Stimme von Chibiabos zu hören, der im Land der Seelen wohnte und mit den Bäumen, Bergen, Flüssen und Tieren musizierte. Die Lieder des geheimnisvollen Wesens erzählten von dem Leben, das er bei den Anishinabe geführt hatte, als vergnügter Sänger, Tänzer und Geschichtenerzähler, der niemals auf die Jagd und niemals in den Krieg gezogen war. Als er von den jungen Kriegern gehänselt wurde, fuhr er in einem Kanu auf das große Wasser, um den starken Sturm zu besiegen. Das Boot kenterte, und er ertrank. Seine Brüder und Schwestern fühlten sich schuldig und sangen und musizierten so lange, bis er sich aus dem Wasser erhob. Er bekam einen Ehrenplatz im Land der Lebenden und wurde als Herr der Erde und des Wassers im Land der Seelen verehrt.
Sieht-über-den-Fluß schmunzelte, als ihm die Geschichte durch den Kopf ging. Er hatte sie oft erzählt, und vor allem die Kinder waren begeistert gewesen von der wundersamen Rettung des Mannes. Jetzt würde er über den dunklen Fluß paddeln und im Land der Seelen eine neue Heimat finden. Die Lieder seines Volkes würden ihn nicht zurückholen. Er war ein Schamane, und er hatte sich als Mitglied der Midewiwin bemüht, ein vollkommenes Leben zu führen. Er hatte das Leben vieler Menschen gerettet, weil er die bösen Geister beschwichtigt hatte und die Geheimnisse der Pflanzen kannte, aber er würde es nicht schaffen, seinen eigenen Tod zu besiegen. Das hatte noch kein Sterblicher fertiggebracht.
Er fürchtete den Tod nicht. Auf der anderen Seite des Flusses gab es keinen Kummer, und die Fleischtöpfe waren immer gefüllt. Er würde seine zweite Frau wiedertreffen, die im letzten Winter an einer Krankheit des weißen Mannes gestorben war, und er würde vor seinem Wigwam sitzen und den Kindern die Geschichten erzählen, die sie nie gehört hatten. Der Gedanke machte ihn froh. Er hatte noch keine sechzig Winter gesehen, aber hinter ihm lag ein ganzes Leben, und wenn sein Tod vorherbestimmt war, gab es nichts, was er dagegen tun konnte. Inaen-daug-wut, so wird es geschehen.
Seine Tochter wußte genug, um als Heilerin zu den Wigwams der Anishinabe zurückzukehren. Sie hatte seine geheimnisvollen Kräfte geerbt und kannte die Macht der Geister. Die weisen Männer des Volkes würden sie einladen, der Midewiwin beizutreten, und sie würde ein beispielhaftes Leben führen. Die Bäume wußten nichts davon, und auch der Fluß erwähnte seine Tochter nicht, aber wenn er in ihre verträumten Augen blickte, gab es keinen Zweifel. Otterfrau war eine Träumerin. Sie wußte, welche Macht von den Geistern ausging, und welche Bedeutung die Träume hatten.
Otterfrau hörte das Summen der Moskitos, die über dem Wasser schwirrten. Der Fluß war ruhig und glatt und breitete sich träge zwischen den bewaldeten Ufern aus. Die Sonne warf helle Blitze auf das dunkle Wasser. Ein Raubvogel krächzte am Himmel und verschwand im dunklen Wald. Die Bäume waren verstummt, und selbst der Fluß und die Steine am Ufer schwiegen jetzt, aber in diesem Schweigen lag etwas Bedrohliches, und Otterfrau blickte sich besorgt zu ihrem Vater um. »Die Stille ist unheimlich.«
Sieht-über-den-Fluß lächelte bedrückt. Die Bäume hatten nur zu ihm gesprochen, und er wollte seine Tochter nicht erschrecken. »Ich weiß, mein Kind. Die Hitze erstickt alles Leben. Anim-kee ist böse, weil wir ihn vergessen haben. Wenn die Sonne über den Bäumen verschwindet, wird er die Wolken schlagen, bis sie zu weinen anfangen und feurige Blitze auf die Erde schicken.«
Otterfrau blickte erstaunt zum Himmel. Es sah nicht nach einem Gewitter aus, aber ihr Vater kannte die geheimnisvollen Kräfte besser als sie, und die Geister hatten ihm wahrscheinlich längst erzählt, daß es regnen würde. »Schaffen wir es bis zum Dorf?«
»Nein«, antwortete er, »aber hinter der nächsten Biegung finden wir Schutz.« Er wußte, daß es dort steil aufragende Felsen gab, die den Regen abhielten. Ein guter Platz zum Sterben.
Sie wichen einem entwurzelten Baumstamm aus, der träge mit der schwachen Strömung trieb. Das Kanu lag ruhig im Wasser, und ihre gleichmäßigen Paddelschläge verursachten kaum Wellen. ›Der Fluß, der schläft‹ nannten die Anishinabe dieses Wasser. Er floß direkt an ihrem Sommerlager vorbei und versorgte sie mit allem, was sie während der heißen Monate zum Leben brauchten. Es gab Fische im Überfluß, fette Schildkröten, die über dem großen Feuer gebraten oder in den Suppentopf geworfen wurden, und an seinen Ufern wuchsen Brombeeren, Heidelbeeren und wilde Pflaumen.
Otterfrau hatte die Bäume nicht verstanden, spürte aber, daß ihnen Unheil drohte. Großvater Donner war ein grimmiger Mann, der böse war, weil er nicht wie Vater Sonne und Mutter Erde verehrt wurde, und Menschen, Tiere und Pflanzen mit seinen glühenden Pfeilen tötete, wenn er besonders wütend war. »Sind die Geister böse auf uns?« fragte sie. »Wir haben viel gebetet in diesem Sommer, und wir haben ihnen viel Tabak geopfert.«
»Ich weiß es nicht«, antwortete er wahrheitsgemäß. Er hatte keine Ahnung, warum ihn die Geister schon jetzt ins Land der Seelen riefen. Hatte er ein Unrecht begangen? Sehnte sich seine tote Frau nach ihm? Wurde er in dem Land jenseits des dunklen Flusses gebraucht? Er würde es bald erfahren, aber er wollte nicht, daß sich seine Tochter um ihn sorgte und ebenfalls getötet wurde, wenn es soweit war. Sie mußte leben. Die Bäume wußten nur, daß er sterben würde.
»Du verbirgst die Wahrheit vor mir«, erkannte Otterfrau. Sie ließ das Paddel treiben und sah ihn ernst an. »Warum sagst du mir nicht, was dich bedrückt? Was haben dir die Bäume erzählt?«
»Sie wollen nicht, daß du es weißt«, wich er aus.
»Wirst du sterben?« fragte sie direkt.
»Das weiß nur der Herr des Lebens«, antwortete er.
Otterfrau gab sich damit zufrieden und paddelte weiter. Sie fühlte, wie sich ein schweres Gewicht auf ihre Brust legte.
Das Lederkleid und die Leggins, mit bunten Blumenmustern kunstvoll verziert, klebten an ihrem Körper und nahmen ihr die Luft zum Atmen. Ihre langen Haare klebten an der Stirn. Die Hitzeschleier hingen bedrohlich über dem Fluß und wurden zu einem Nebel, der sie verschlingen und in die Dunkelheit locken wollte. Die Geister kündigten großes Unheil an, und es gab nichts, was sie tun konnte.
Sie paddelten um die Biegung und ließen sich minutenlang von der Strömung treiben. Vor ihnen lag eine weite Lichtung, aus der sich graue Felsen bis in den Himmel erhoben. Eine beinahe unheimliche Stille erwartete sie. Der Fluß schwieg, die Steine verharrten stumm am Ufer, und die Bäume hielten den Atem an. Ein Reh erschien auf der Lichtung und verschwand im Wald. Im lauen Sommerwind zitterten Grashalme und bunte Blumen.
Wenn die Natur schwieg, geschah etwas Unheilvolles, das hatte sie vor vielen Wintern gelernt. Wenn selbst die Bäume und die Blumen erstarrten und die Tierwesen keinen Laut mehr von sich gaben, waren die bösen Geister aus ihrem Reich gekommen. »Ich habe Angst«, sagte sie leise, »ich spüre die bösen Geister.«
»Anim-kee«, erwiderte ihr Vater, »der Herr des Donners.«
Fast unbemerkt waren dunkle Wolken aufgezogen. Sie schoben sich vor die Sonne und warfen dunkle Schatten auf die Lichtung. Ein leises Grollen kündigte ein Gewitter an. Die schwüle Luft hing naß und schwer über dem Wasser und lähmte die Bewegungen des Schamanen und seiner Tochter. Sie paddelten ans Ufer, stiegen aus dem Kanu und zogen es an Land. Otterfrau band das Boot mit einer Rohhautschnur an einen tiefhängenden Weidenast, ihr Vater nahm seine Flinte und die Ledertasche mit den Kräutern, die sie im Tal der Singenden Winde gesammelt hatten. Das war der Platz, an dem Sieht-über-den-Fluß vor vielen Wintern seine Vision gehabt hatte, und wo es die besten Heilkräuter gab.
»Wir lagern...




