E-Book, Deutsch, 303 Seiten
Jeier Hinter den Sternen wartet die Freiheit
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96053-260-6
Verlag: jumpbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 303 Seiten
ISBN: 978-3-96053-260-6
Verlag: jumpbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thomas Jeier wuchs in Frankfurt am Main auf, lebt heute bei München und »on the road« in den USA und Kanada. Seit seiner Jugend zieht es ihn nach Nordamerika, immer auf der Suche nach interessanten Begegnungen und neuen Abenteuern, die er in seinen Romanen verarbeitet. Seine über 100 Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Bei jumpbooks erscheinen folgende Titel des Autors: »Die Sterne über Vietnam« »Die abenteuerliche Reise der Clara Wynn« »Flucht durch die Wildnis« »Sie hatten einen Traum« »Sturm über Stone Island« »Wo die Feuer der Lakota brennen« »Flucht vor dem Hurrikan« »Wohin der Adler fliegt« »Die Reise zum Ende des Regenbogens« »Hinter den Sternen wartet die Freiheit« »Die vergessenen Frauen von Greenwich Village« »Solange wir Schwestern sind« »Blitzlichtchaos« »Der Stein der Wikinger« Die Website des Autors: www.jeier.de Der Autor im Internet: www.facebook.com/thomas.jeier
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Kapitel 1
Am siebten Tag des September erlosch die Sonne. Sie wurde von den dunklen Wolken verdrängt, die den Beginn der Regenzeit ankündigten, und ertrank in einem goldenen Meer hinter dem Urwald. Der Himmel verfinsterte sich und faustgroße Hagelkörner fielen aus dem grauen Dunst herab. Sie trommelten auf die Palmdächer der Lehmhütten und gegen die massiven Wände des Königspalastes, der sich wie eine mächtige Festung im Zentrum von Kumase erhob. Die hundert Meter breite Hauptstraße verwandelte sich in einen morastigen Sumpf. Die Menschen verkrochen sich in ihren Hütten und beteten zu den Göttern, und Osei Yaw, der greise König der Asante, ließ die Türen seines Palastes verriegeln und rief nach seinen beiden Lieblingsfrauen. Das Gebrüll eines einsamen Leoparden, der sich in die Nähe der Hauptstadt verirrt hatte, wurde vom dunklen Prasseln der Hagelkörner verschluckt.
Es war wie jedes Jahr im September und doch empfand Bensua große Furcht. Sie war die jüngste Tochter eines erfolgreichen Jägers, der im Sommer einen gefürchteten Löwen getötet hatte und dafür vom König mit einer goldenen Kette ausgezeichnet worden war. Eine Schönheit, von schlankem Wuchs, die selbst die bewundernden Blicke erwachsener Krieger auf sich zog. Ihre Stirn war hoch, der Mund schmal, beides Schönheitsideale bei den Asante, und ihre Haut leuchtete in einem tiefen Schwarz, wie man es auch bei ihrem Volk nur selten sah. Ihre braunen Augen waren groß und ausdrucksvoll und ein Spiegel ihrer Seele, die von einer geheimnisvollen Kraft gespeist wurde.
Im Schein der Kerzen, die auf dem Tisch im Wohnraum brannten, wirkte Bensua noch stattlicher und schöner. Ihre Gestalt war von einer Anmut, wie sie nur den beiden Lieblingsfrauen des Königs nachgesagt wurde, und selbst ohne goldene Halsketten und Armreifen erweckte sie den Eindruck einer edlen Prinzessin, auch wenn sie nicht aus einer vornehmen Familie stammte und bei ihren Eltern in einem einfachen Lehmhaus wohnte. Der Kerzenschein zauberte flackernde Schatten auf ihre weiche Haut.
Weder ihre Großmutter, die am Tisch saß und an einem neuen Baumwollkleid nähte, noch ihre Brüder und Schwestern spürten, wie angespannt sie war. Nur ihre Mutter bemerkte, wie sich ihre Schultern verkrampften und ein leichtes Beben durch ihren Körper lief. Sie brauchte nicht zu fragen um zu wissen, was ihre Tochter bewegte. Sie fühlte die Unruhe selbst, die leise Warnung, die im Prasseln des Regens zu hören war, und den Hilferuf, der mit dem Wind aus der Hitze des Urwalds zu kommen schien. Die feuchte Luft zog wie eine Drohung zum Fenster herein und schien Bensua ersticken zu wollen. Selbst als die Hagelkörner ausblieben und nur noch heftiger Regen auf das Land prasselte, blieb dieses erdrückende Gefühl. Sie schob es auf die Angst um ihren Vater und ihren Onkel, die mit den anderen Kriegern in den Kampf gezogen waren, und ahnte doch, dass die bösen Geister nach ihrer Seele griffen. »Ich sehe nach den Ziegen«, sagte sie zu ihrer Mutter und verließ das schützende Lehmhaus.
Sie blieb unter dem hervorstehenden Palmdach stehen und atmete die schwüle Luft, die aus dem Urwald herüberwehte. Während der zweimonatigen Regenzeit litten selbst die Asante unter der Hitze, die in den endlosen Regenwäldern der Goldküste das Land peinigte. Die Menschen hatten sich mit der mächtigen Natur arrangiert, zogen sich ähnlich wie die Tiere in ihre Behausungen zurück und lauschten den Geschichten, die Männer wie ihr Großvater erzählten. Sie berichteten vom mächtigen Volk der Asante, das in den Wäldern des westlichen Afrika lebte und seinen Herrschaftsbereich bis zur Küste ausgedehnt hatte.
Osei Yaw war vom Schöpfer selbst zum ersten Asantehene erklärt worden. So nannten die Asante ihren König. Er hatte die mächtigen Denkyira besiegt und die ersten Pfade zur Küste geschlagen. Dort gingen die Engländer, Schweden, Dänen und Holländer mit ihren Segelschiffen vor Anker und brachten wertvolle Handelswaren aus dem fernen Europa: Musketen, Werkzeuge, Kleidung und Haushaltswaren, aber auch Kupfer und Messing und Salz, das bei den afrikanischen Völkern besonders begehrt war. Die Asante bezahlten mit Gold, schöpften aus den unermesslichen Vorräten, die in ihren Minen verborgen lagen und von Sklaven gefördert wurden. Die weißen Männer hatten vergeblich versucht ins Landesinnere vorzudringen, waren an der übermächtigen Natur und der riesigen Streitmacht der Asante gescheitert und hatten sich darauf beschränkt, steinerne Forts an der Küste zu errichten. Sie waren auf das Gold der Asante aus, kauften und stahlen aber auch Sklaven, obwohl die Engländer und Dänen den Sklavenhandel zu Beginn des 19. Jahrhunderts als »unmenschlich« verurteilt und verboten hatten.
Bensua hatte die weißen Männer nie gemocht. Sie ekelte sich vor ihrer blassen Hautfarbe und verurteilte das arrogante Gehabe ihrer Anführer. Sie hielten sich für etwas Besseres. Die englischen Offiziere, die vor einigen Wochen in Kumase gewesen waren, hatten Geschenke gebracht und den König mit schönen Worten umworben, aber in ihren Augen hatte blanke Gier gestanden. Sie dürsteten danach, die Asante zu töten und in den prächtigen Palast zu ziehen, der sich innerhalb der Hauptstadt erhob.
Vor einigen Jahren hatten die Baumeister den letzten Stein gelegt. Wie das größte Fort der weißen Männer überragte er alle anderen Häuser, ein traumhaftes Schloss aus fest gefügten Felsbrocken, das von den besten Kriegern und einer eigenen Polizeitruppe bewacht wurde. Die Fenster und Türen waren mit goldenen Beschlägen verziert und blitzten in der Sonne. Hinter seinen Mauern lagen weitläufige Gemächer, die sich mit den üppig ausgestatteten Räumen europäischer und arabischer Herrscher messen konnten. Es gab eine Bibliothek, die von einem arabischen Gelehrten betreut wurde, einen Ballsaal, der für das königliche Orchester reserviert war, und einen Weinkeller mit erlesenen Weinen und edlem Champagner, auf den selbst der französische König neidisch gewesen wäre, wenn er ihn jemals zu Gesicht bekommen hätte. In den mehrfach gesicherten Kellergewölben lagerten die unermesslichen Goldvorräte der Asante. Es gab so viel Gold, dass der König seinen Körper zu offiziellen Anlässen mit feinem Goldstaub puderte. Ein Zeichen seines Reichtums, der auch die englischen Offiziere beeindruckt hatte.
Bensua ahnte, dass die Überlegenheit der Asante nicht ewig dauern werde. Bisher genügte es den weißen Männern, ihre Handelswaren gegen Goldbarren und schwarze Sklaven zu tauschen, und solange es genug Gold gab und die Asante die Gefangenen unterjochter Stämme verkaufen konnten, waren beide Seiten zufrieden. Doch was geschieht, wenn das Gold knapp wird? Wenn es keine Gefangenen mehr gibt? Verbünden sich die Engländer dann mit den anderen Europäern? Rücken sie mit ihren mächtigen Kanonen in den Urwald vor? Rauben und versklaven sie dann die Männer, Frauen und Kinder der Asante?
Die junge Frau spürte, dass ihre Bedrücktheit etwas mit diesen Gedanken zu tun hatte, und trat in den Regen hinaus. Vielleicht wusch das Wasser, das aus dem Himmel kam, ihre Sorgen hinweg. Sie grübelte länger als ihre Brüder und Schwestern, das hatte ihr Onkel schon erkannt, als sie noch ein Kind gewesen war. Sie dachte länger über Probleme nach als andere Kinder, hielt sich von lauten Spielen fern und mochte am liebsten, wenn ihr Onkel die Geschichten ihres Volkes erzählte. Als Bruder ihrer Mutter war er mit für die Erziehung verantwortlich. Die Familie der Asante orientiert sich nach der Mutter, der leibliche Vater hat weniger zu sagen als alle männlichen Verwandten der Mutter.
Bensua trug keine Kopfbedeckung. Der Regen prasselte auf ihre kurzen Haare, durchdrang ihr dünnes Baumwollkleid und hinterließ helle Striemen auf ihrer Haut. Sie war allein. Nicht einmal die Ziegen und Hühner waren draußen. Die breite Straße schien durch eine verlassene Stadt zu führen und in dem milchigen Dunst zu enden, den der Regen über die Häuser legte. Sie genoss den Regen, obwohl er schmerzte, rieb mit beiden Händen über ihr Gesicht und blickte Hilfe suchend in den verhangenen Himmel. Wo waren die Antworten auf die vielen Fragen, die sie bedrückten?
Ohne es zu wollen verließ Bensua das Stadtviertel, in dem ihre Angehörigen wohnten. Ziellos irrte sie durch den Regen, über die breite Hauptstraße und die engen Gassen des Stadtteils, in dem die ärmeren Asante lebten. Auch hier war keine Spur von Leben. Nur der Rauch, der aus den Schornsteinen drang, und der herbe Geruch von gekochtem Wurzelgemüse erinnerten daran, dass Menschen in den armseligen Hütten lebten. Bensua gehörte der Mittelschicht an. Ihre Familie wohnte in einem der Stadtviertel, die zwischen der vornehmen Gegend um den Königspalast und den Armenvierteln lagen. Auch in Kumase gab es deutliche Grenzen zwischen Arm und Reich, vielleicht noch stärkere als in den fernen Städten der weißen Europäer.
Als der Regen etwas nachließ, bereute Bensua, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Jetzt waren die notdürftigen Hütten klarer zu erkennen und sie sah auch den Schmutz, der in den besseren Vierteln undenkbar gewesen wäre. Kumase war eine saubere Stadt. Die breiten Hauptstraßen wurden täglich gereinigt, auch an einem Tag wie diesem, wenn der Regen sie in eine Schlammwüste verwandelt hatte, und der Abfall wurde außerhalb der Stadt verbrannt.
Auch das hatte die englischen Offiziere, die den König besucht hatten, stark verwundert. Sie hatten wohl erwartet ein schmutziges Eingeborenendorf vorzufinden.
Bensua beschleunigte ihre Schritte. Sie sank bis zu den Knöcheln in den tiefen Schlamm und brauchte viel Kraft, um vorwärts zu kommen. Das Kleid klebte an ihrem Körper. Sie spürte die verwunderten Blicke einiger Männer, die unter einem Palmdach standen...




