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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 335 Seiten
Jeier Wo die Feuer der Lakota brennen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96148-027-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 335 Seiten
ISBN: 978-3-96148-027-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thomas Jeier wuchs in Frankfurt am Main auf, lebt heute bei München und »on the road« in den USA und Kanada. Seit seiner Jugend zieht es ihn nach Nordamerika, immer auf der Suche nach interessanten Begegnungen und neuen Abenteuern, die er in seinen Romanen verarbeitet. Seine über 100 Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Bei dotbooks erscheinen folgende Titel des Autors: »Die Sterne über Vietnam« »Die abenteuerliche Reise der Clara Wynn« »Flucht durch die Wildnis« »Sie hatten einen Traum« »Sturm über Stone Island« »Wo die Feuer der Lakota brennen« »Flucht vor dem Hurrikan« »Wohin der Adler fliegt« »Die Reise zum Ende des Regenbogens« »Hinter den Sternen wartet die Freiheit« »Die vergessenen Frauen von Greenwich Village« »Solange wir Schwestern sind« »Blitzlichtchaos« »Der Stein der Wikinger« Die Website des Autors: www.jeier.de Der Autor im Internet: www.facebook.com/thomas.jeier
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Ausgerechnet an dem Tag, als unser Volk seinen größten Sieg errang, träumte ich von einem Donnervogel. Er breitete seine dunklen Schwingen über unserem Lager aus und krächzte so unheilvoll, dass ich aus dem Schlaf schreckte und ängstlich in die Dunkelheit starrte. Ich wartete auf Blitz und Donner, doch vor unserem tipi war alles ruhig und nicht einmal die Hunde regten sich. Gelbe Hand, mein Vater, schlief friedlich und hatte einen Arm um meine Mutter gelegt. Ihr Atem ging regelmäßig. Ich legte mich auf mein Büffelfell zurück und zwang mich zur Ruhe. Aber ich konnte in dieser Nacht nicht mehr schlafen. Ich dachte darüber nach, wovor der Donnervogel mich warnen wollte. Ich gehöre zum Volk der Lakota und wir messen den Träumen große Bedeutung bei. Erst einige Monate später sollte ich erfahren, dass unser Sieg übel Custer und seine Männer dazu beigetragen hatte, die Lakota endgültig in den Untergang zu treiben.
Aber ich will der Reihe nach erzählen. Ich bin die Tochter von Gelbe Hand und Büffelfrau und wuchs bei den Oglala Lakota von Tashunka Uitko auf. Die Weißen nannten ihn Crazy Horse. Er war ein großer Häuptling und hatte entscheidenden Anteil daran, dass wir so lange in Freiheit lebten. Damals hieß ich Adlerfrau, weil während meiner Geburt ein großer Adler über unser Lager geflogen war. In der Sprache der wasicun heißt das Eagle Woman. In der Schule des Weißen Mannes, die ich nach dem Tod meines Vaters besuchte, wurde ich Mary Red Eagle genannt. Ich durfte mir den Namen selbst aussuchen. Während der beiden Jahre, die ich in »Buffalo Bill's Wild West« auftrat, hieß ich Weiße Feder, weil der bekannte Westmann der Meinung war, dass ein solcher Name besser zu meinem hübschen Gesicht passte. Ich muss zugeben, dass die weiße Feder, die ich von Buffalo Bill bekam, ein auffälliger Schmuck in meinen schwarzen Haaren war. Später bekam ich noch einen vierten Namen, aber den habe ich meinem Ehemann zu verdanken, und es ist unhöflich, eine Geschichte zu erzählen, die einen Anfang und kein Ende hat.
Ich zählte erst sechs Winter, als Sitting Bull und Crazy Horse die Blauröcke besiegten, und doch erinnere ich mich an jede Einzelheit jenes denkwürdigen Tages. Schon am Morgen war es drückend heiß. Der Himmel wölbte sich blau und wolkenlos über der hügeligen Prärie am Little Bighorn River. So hieß der Greasy Grass bei den Weißen. Die Sonne schwamm im klaren Wasser des Flusses und im Gras summten Insekten. Ich hatte den Donnervogel aus meinen Gedanken verdrängt und spielte mit Viele Pferde und Badet-ihre-Knie-im-Wasser im Ufersand. Viele Pferde war meine beste Freundin. Ein zierliches Mädchen mit großen Augen und einem viel zu sanften Gemüt. Sie wuchs zu einer wunderschönen Frau heran und verdrehte während unserer Zeit bei Buffalo Bill so manchem Mann den Kopf. Badet-ihre-Knie-im-Wasser war die Tochter von Wolf-der-nie-schläft, der allein in die Jagdgründe der Shoshone geritten war und viele Ponys erbeutet hatte. Sie war etwas eingebildet und ständig damit beschäftigt, ihren Körper zu reinigen und ihre Haare zu kämmen.
Wir wussten nicht, dass Soldaten in der Nähe waren, und benahmen uns so unbeschwert wie am Rosebud River. Dort hatten wir den Sonnentanz gefeiert. Mit dieser Zeremonie ehren wir Wakan tanka. Nach unserem Glauben ist Gott keine Person, sondern ein großes Geheimnis, das in den Menschen, den Tieren, den Bäumen und sogar in den Steinen am Wegesrand lebt. Zum Sonnentanz kommen alle Lakota zusammen. Überall brennen Feuer und der Duft von gebratenem Büffelfleisch weht durch das Lager. Es gibt keine Feinde und keinen Krieg. Die Mädchen necken die jungen Krieger, die sich während des Sonnentanzes besonders stark und unbesiegbar vorkommen. Die weisen Männer erzählen von White Buffalo Calf Woman, der legendären Geisterfrau, die uns die heilige Pfeife gebracht hat. Wir sind fröhlich und ausgelassen.
Selbst am Rosebud dachten wir nicht an die Blauröcke, die irgendwo in den Schwarzen Bergen warteten. Nur Tatanka Yotanka, der als Sitting Bull in die Geschichte einging, vergaß unsere Feinde nicht. Der legendäre Anführer der Hunkpapa war ein heiliger Mann, der in die Zukunft sehen konnte. Er schnitt tiefe Wunden in seine Arme und sagte: »Ich habe gesehen, wie die Soldaten einer wilden Meute gleich in unser Lager stürzten! Sie werden uns angreifen, aber wir werden sie besiegen!«
Am Little Bighorn River holte uns die Wirklichkeit ein. Den Kriegern wurde bewusst, dass die wasicun unsere Schwarzen Berge geraubt hatten und wie die Heuschrecken über das Land herfielen. Sie hatten das gelbe Metall gefunden, das ihnen so wertvoll erschien, und gruben die Erde um, die unsere Mutter war. Ich kann bis heute nichts mit Gold anfangen. Es hatte die Sinne der wasicun verwirrt und ließ sie den Vertrag brechen, den unsere Häuptlinge in Fort Laramie unterzeichnet hatten. Die Paha Sapa sollten uns gehören, solange Gras wächst und Wasser fließt. Die Schwarzen Berge waren der Mittelpunkt unseres Universums, die Heimat von Wakan tanka, dort lag die geheimnisvolle Höhle des Windes, aus der die ersten Büffel gekommen waren. Die Erde dieses Landes war unsere Mutter. »Wie können wir ein Land verkaufen, das unsere Mutter ist?«, fragten die Häuptlinge.
Jetzt hatten die Weißen sich dieses Land einfach genommen und Custer und seine Soldaten waren unterwegs, um uns endgültig den Todesstoß zu versetzen. Erfahrene Krieger wie Crazy Horse und Sitting Bull hatten schon am Rosebud River gewusst, was uns erwartet, und nur geschwiegen, weil sie die Frauen und Kinder nicht verängstigen wollten. Heute weiß ich, dass Sitting Bull die vielen Krieger ganz bewusst am Little Bighorn zusammengezogen hatte. Über viertausend kampferprobte Männer sollen es gewesen sein. Nach dem Sonnentanz waren Boten zu den Shahiyena und zahlreichen anderen Stämmen geritten und hatten sie gebeten, ihr Lager mit unserem zu vereinen. Nur gemeinsam waren wir stark genug, um die wasicun zu besiegen.
Der 25. Juni 1876 war ein schwarzer Tag für die Weißen. Damals wusste ich noch nicht, dass die Weißen einen Kalender haben, aber inzwischen habe ich so viel über die Schlacht am Little Bighorn gelesen, dass mir dieses Datum immer gegenwärtig sein wird. Am Ufer dieses Flusses, der durch das heutige Montana fließt, errangen die vereinigten Sioux und Cheyenne ihren größten Sieg gegen die Armee der Vereinigten Staaten. So steht es in den Geschichtsbüchern. Ich habe sie gelesen, denn während ich diese Zeilen schreibe, lebe ich in Los Angeles und habe in zwei Filmen mitgespielt. Einer heißt »Union Pacific« und schildert den Bau der transkontinentalen Eisenbahn. Ich spiele die Frau eines Häuptlings und darf sogar einen Satz sagen: »Ich habe Angst um die Kinder, Bärenklaue!« Die Geschichte ist von vorne bis hinten erlogen, aber ich habe zwanzig Dollar für meinen Auftritt bekommen und brauche das Geld für meine Kinder.
Vor sechzig Jahren sprachen die Zeitungen von einem Massaker an General George Armstrong Custer und seinen Männern und selbst in den Geschichtsbüchern, die nach der Jahrhundertwende herauskamen, wurde von einem feigen Überfall auf die Soldaten gesprochen. Ich war dabei, als Sitting Bull und Crazy Horse die Blauröcke besiegten, und will berichten, was sich wirklich zugetragen hat. Custer war kein General mehr. Seine Sterne hatte er im Bürgerkrieg getragen. Während des Feldzugs, der zur Schlacht am Little Bighorn führte, war er Lieutenant Colonel und befehligte die Männer nur, weil er gute Beziehungen in Washington hatte und die Regierung einen Dummkopf brauchte, der die dreckige Arbeit für sie übernahm. Custer war tollkühn und ehrgeizig. In einem Buch steht sogar, dass er Präsident werden wollte. Er wollte unsere Krieger ganz allein besiegen. Selbst als er wissen musste, wie viele Indianer am Greasy Grass lagerten, brach er den Angriff nicht ab. Er trieb seine Männer mit gezücktem Säbel an, die blonden Locken im Wind, und war davon überzeugt, uns besiegen zu können. »Wenn es sein muss, reite ich allein durch die ganze Sioux-Nation«, soll er vor dem Feldzug gesagt haben.
Mein Volk wollte keinen Kampf. Selbst Crazy Horse, ein erbitterter Feind der wasicun, wollte nur in Ruhe gelassen werden und auf den weiten Ebenen jagen. Wir wussten, wie stark die Blauröcke waren und dass es so viele Weiße wie Sterne am Himmel gab. Red Cloud, einst ein erbitterter Krieger, hatte längst aufgegeben und lagerte mit seinen Leuten bei der Agentur, die seinen Namen trug. Er ahnte wohl, dass die Büffel verschwinden würden, und lebte von den Rationen des Weißen Mannes. Crazy Horse nannte ihn einen Feigling. Andere Anführer waren der Meinung, dass es keinen anderen Weg für unser Volk gab, und folgten ihm in das »Reservat«. Wir waren die letzten »freien Indianer«. So nannten uns die Zeitungsreporter im Osten, weil wir an der alten Lebensweise festhielten. Ich muss immer lachen, wenn ich diesen Ausdruck lese. In der Sprache der Lakota gibt es kein Wort für Freiheit. Warum sollten wir ein Wort für etwas haben, das so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen ist?
Viele Pferde war gerade dabei, die eitle Badet-ihre-Knie-im-Wasser mit Wasser zu bespritzen, als einige Mütter aufgeregt an den Fluss gerannt kamen und ihre Kinder ans Ufer winkten. »Wasicun! Wasicun!«, schrien sie. »Die Blauröcke greifen an!« Obwohl ich noch sehr jung war, zögerte ich keinen Augenblick. Wer bei den Lakota aufwuchs, wurde schon als kleines Kind darauf vorbereitet, im Augenblick der Gefahr sofort zu handeln. Ich rannte ans Ufer und blieb vor meiner Mutter stehen. Sie hieß Büffelfrau und war eine kräftige Frau mit knochigem Gesicht und tief liegenden Augen. Ihre Zöpfe...




