E-Book, Deutsch, Band 6, 320 Seiten
Reihe: Finale
Jenkins / LaHaye Die Verschwörung
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-96122-105-9
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die letzten Tage der Erde
E-Book, Deutsch, Band 6, 320 Seiten
Reihe: Finale
ISBN: 978-3-96122-105-9
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jerry B. Jenkins hat bereits fast 200 Bücher geschrieben, einschließlich 21 'New York Times'-Bestseller. Mehr als 71 Millionen Exemplare seiner Werke wurden inzwischen weltweit verkauft. Er ist bekannt für seine Bibel-Romane, seine Endzeit-Romane ('Finale'-Reihe), und viele weitere Genres. Außerdem unterstützte er Billy Graham bei dessen Autobiografie, und hat zahlreiche Sport-Biografien geschrieben. Gemeinsam mit seiner Frau Dianna lebt er in Colorado Springs im US-Bundesstaat Colorado. Sie haben drei erwachsene Söhne. Einer von ihnen, Dallas, ist der Erfinder, Co-Autor und Regisseur der TV-Serie 'The Chosen'.
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1
Zorn. Kein anderes Wort konnte seine Gefühle besser beschreiben.
Rayford war klar, dass es vieles gab, wofür er dankbar sein konnte. Weder Irene, die Frau, mit der er 21 Jahre verheiratet gewesen war, noch Amanda – ihre Ehe hatte nur knapp drei Monate gedauert – mussten diese Welt länger ertragen. Auch Raymie war jetzt im Himmel. Und seine Tochter Chloe und ihr Baby Kenny erfreuten sich bester Gesundheit.
Das sollte doch genügen! Aber trotzdem wurde Rayford von seinen Hassgefühlen regelrecht zerfressen; man konnte es nicht anders ausdrücken. Mitten am Vormittag eines kühlen Montags im Mai stürmte er schließlich ohne Jacke aus dem Versteck. Niemand im Haus hatte ihn aufhalten können.
Hattie war wieder die alte; sie jammerte darüber, dass sie nichts unternehmen konnte, und sorgte gleichzeitig dafür, dass sie wieder zu Kräften kam.
„Sie werden vielleicht nicht glauben, dass ich es tue“, hatte sie zwischen zwei Liegestützen zu ihm gesagt, „aber da unterschätzen Sie mich.“
„Ich zweifle nicht daran, dass Sie verrückt genug sind, es zu versuchen.“
„Aber Sie wollen mich nicht hinüberfliegen.“
„Nein, das kommt nicht infrage.“
Rayford stürmte einen schmalen Weg entlang, der zwischen dem Grundstück des Verstecks und den Ruinen der Nachbarhäuser hindurchführte. Er blieb stehen und sah sich um. Zorn war eine Sache. Dummheit eine andere. Es hatte keinen Zweck, sich und die anderen zu verraten, nur, weil er einmal ein wenig frische Luft schnappen wollte.
Er konnte niemanden entdecken, hielt sich aber dennoch im Schutz der Bäume. Wie sich die Welt innerhalb von eineinhalb Jahren verändert hatte! Chicago war früher eine blühende Stadt gewesen. Jetzt nach dem Erdbeben lag sie in Trümmern, war ein Zufluchtsort für Flüchtlinge und Verzweifelte. Beides traf auch auf ihn zu. Seit Monaten war Rayford nun schon ein Flüchtling und seine Verzweiflung wuchs von Tag zu Tag.
Der mörderische Zorn drohte ihn zu verzehren. Sein Verstand kämpfte gegen seine Gefühle an. Er kannte andere – ja, dazu gehörte auch Hattie –, die wie er ein Motiv hatten, Nicolai umzubringen. Und dennoch flehte Rayford Gott an, ihm diese Aufgabe zuzuweisen. Er wollte derjenige sein, der die Tat ausführte. Er war fest davon überzeugt, dass es sein Schicksal war.
Rayford schüttelte den Kopf und lehnte sich gegen einen Baum. Wo war der Duft von frisch gemähtem Gras, der Lärm von Kindern, die im Garten spielten? Nichts war mehr so, wie es früher einmal gewesen war. Er schloss die Augen und ging noch einmal seinen Plan durch. Er würde verkleidet in den Mittleren Osten fliegen und zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Er würde Gottes Waffe sein, das Werkzeug des Todes. Er würde Nicolai Carpathia ermorden.
David Hassid hatte es geschafft. Er würde im Hubschrauber der Weltgemeinschaft mitfliegen, der eine Ladung Computer für den Palast des Potentaten abholen sollte. Die Hälfte der Leute in seiner Abteilung hatten die Aufgabe erhalten, in den kommenden Wochen herauszufinden, von wo aus Tsion Ben-Judah täglich seine Predigten und Buck Williams seine Zeitung ins Internet eingab.
Der Potentat wollte persönlich wissen, wie schnell die Computer angeliefert und mit der nötigen Software ausgestattet werden konnten. „Ich schätze, wir werden einen halben Tag brauchen, um sie am Flughafen auszuladen, auf Lastwagen zu verladen und hierherzubringen“, hatte David ihm erklärt. „Dann müssen sie hier ausgeladen werden. Rechnen Sie mit einigen Tagen für das Anschließen und die Installation.“
Carpathia hatte ungeduldig mit den Fingern geschnippt, als David „einen halben Tag“ gesagt hatte. „Es muss schneller gehen“, entgegnete er. „Wie können wir Zeit gewinnen?“
„Es wäre kostenaufwendig, aber Sie könnten –“
„Die Kosten spielen keine Rolle, Mr Hassid. Es muss schnell gehen.“
„Ein Hubschrauber könnte die Ladung abholen und direkt am Frachttor abladen.“
„Genau“, erwiderte Carpathia. „So wird es gemacht.“
„Ich würde gern persönlich die Lieferung überwachen.“
Carpathias Gedanken waren bereits mit etwas anderem beschäftigt. Er winkte ab. „Natürlich. Was immer Sie für nötig halten.“
David rief Mac McCullum über eine abhörsichere Leitung an. „Es hat geklappt“, sagte er.
„Wann fliegen wir?“
„So spät wie möglich. Es muss wie ein Irrtum aussehen.“
Mac lachte leise. „Haben Sie ihnen nicht den falschen Flughafen genannt?“
„Natürlich. Am Telefon habe ich ihnen einen falschen Flughafen genannt, aber in den Papieren steht der richtige. Sie werden die Ladung dort absetzen, wo ich es ihnen gesagt habe. Mit den Papieren sichere ich mich aber gleichzeitig vor möglichen Problemen mit Nicolais Marionette ab.“
„Dann sieht Fortunato Ihnen noch immer über die Schulter?“
„Immer, aber weder er noch Nicolai schöpfen Verdacht. Sie mögen Sie auch, Mac.“
„Als ob ich das nicht wüsste. Wir müssen so lange auf dem Zug bleiben, wie er uns mitnimmt.“
Rayford wagte nicht, mit Tsion über seine Gefühle zu sprechen. Der Rabbi war auch so bereits überaus beschäftigt, und Rayford wusste genau, was er sagen würde: „Gott hat seinen Plan. Überlassen Sie es ihm, ihn auszuführen.“
Aber was war denn falsch daran, wenn Rayford helfen wollte? Er war bereit dazu. Er konnte es schaffen. Und was machte es schon, wenn er dabei sein Leben aufs Spiel setzte – und es vielleicht verlor? Er wäre dann endlich bei den Menschen, die er liebte. Und die anderen würden auch bald dazukommen.
Rayford war klar, dass sein Vorhaben verrückt war. Noch nie hatte er sich von seinen Gefühlen leiten lassen. Vielleicht war sein eigentliches Problem im Augenblick, dass er zur Untätigkeit verurteilt war. Dass er bislang Carpathias Pilot gewesen war, war zwar ein großes Risiko, aber diesen Einsatz wert gewesen. Er hatte viele wichtige Informationen in Erfahrung bringen können.
Seine jetzige Aufgabe war damit nicht zu vergleichen, obwohl auch mit ihr ein gewisses Risiko verbunden war. Er flog als Pilot für die „Internationale Handelsgesellschaft“, die Gesellschaft, die die Christen am Leben erhalten sollte, wenn der freie Handel abgeschafft wurde. Im Augenblick baute Rayford Kontakte auf, erstellte Flugpläne, mit anderen Worten: Er arbeitete für seine Tochter. Er musste anonym bleiben und in Erfahrung bringen, wem man trauen konnte. Aber das war nicht dasselbe. Er fühlte sich einfach überflüssig.
Aber falls er derjenige sein konnte, der Carpathia töten würde!
Wem wollte er denn etwas vormachen? Carpathias Mörder würde vermutlich ohne Gerichtsverhandlung hingerichtet werden. Und falls Nicolai Carpathia tatsächlich der Antichrist war – eine Tatsache, von der die meisten Menschen außer seinen Anhängern überzeugt waren –, würde er sowieso nicht lange tot sein. Der Mord wäre nichts weiter als eine Genugtuung für Rayford. Nicolai Carpathia würde vermutlich aus diesen Ereignissen mehr denn je als Held hervorgehen. Aber die Tatsache, dass es trotzdem getan werden musste und dass er zum rechten Zeitpunkt zur Stelle sein würde, gab Rayfords Leben wieder ein Ziel.
Er liebte seinen Enkel Kenny Bruce sehr, aber allein dessen Name erinnerte Rayford an schmerzliche Verluste. Der verstorbene Ken Ritz war ein guter Freund gewesen, und Bruce Barnes hatte Rayford als Mentor so vieles beigebracht, nachdem er ihm unmittelbar nach der Entrückung das Videoband vorgespielt und ihn dabei unterstützt hatte, zum Glauben an Christus zu kommen.
Das musste es sein! Bestimmt war der Auslöser für seinen Hass, seine Wut die Tatsache, dass Carpathia nichts anderes war als ein Handlanger des Satans, dass er zum Plan Gottes dazugehörte. Aber der Mann hatte ein solches Chaos, eine solche Zerstörung angerichtet, er war verantwortlich für so viel Trauer, dass Rayford nicht anders konnte, als ihn zu hassen.
Er wollte gegenüber Katastrophen, Tod und Zerstörung, die mittlerweile zum Alltag dazugehörten, nicht abstumpfen. Er wollte sich noch lebendig fühlen, wollte Verletzungen und Gewalt empfinden. Die Situation auf der Welt war schlimm und verschlechterte sich zusehends. Das Chaos wurde immer größer. Tsions Meinung nach würde der Höhepunkt nach dreieinhalb Jahren erreicht sein, also in vier Monaten. Und dann begann die große Trübsalszeit.
Rayford würde alles dafür tun, um die sieben Jahre zu überstehen, um die Wiederkunft Christi mitzuerleben, wenn Jesus kam, um seine tausendjährige Herrschaft auf dieser Erde aufzurichten. Aber wenn Gottes Plan für ihn anders aussah, konnte er nichts dagegen tun? Tsion war der Meinung, dass höchstens ein Viertel der Menschen, die bei der Entrückung zurückgeblieben waren, das Ende erleben würde, und diejenigen, die tatsächlich am Leben blieben, wünschten vermutlich, es wäre nicht so.
Rayford versuchte zu beten. Glaubte er wirklich, Gott würde antworten und ihm die Erlaubnis geben, seinen Plan auszuführen? Er wusste es besser. Aber diese Pläne halfen ihm, sich lebendig zu fühlen, freier atmen zu können.
Natürlich hatte er andere Dinge, für die zu leben sich lohnte. Er liebte seine Tochter, ihren Mann und ihren Sohn. Aber er konnte auch nicht leugnen, dass er in gewisser Weise dafür verantwortlich war, dass Chloe bei der Entrückung zurückgelassen worden war. Er musste sich damit abfinden, in dieser Welt zu leben. Aber was für eine Zukunft hatten sie? Er wollte nicht darüber...




