Jensen / Schiesser | A Tale of Gods and Monsters | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 560 Seiten

Jensen / Schiesser A Tale of Gods and Monsters

A Viking Story
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7487-9847-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

A Viking Story

E-Book, Deutsch, 560 Seiten

ISBN: 978-3-7487-9847-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Europa im Jahre 909 n. Chr.:  Der Wikinger Erik Elvasson segelt mit seinem Bruder Aegir, einem gefürchteten Berserker, nach Konstantinopel. Auf einem Basar entdeckt er den jungen Klosterbruder Fynn, der als Sklave zum Verkauf steht. Gegen Aegirs eindringlichen Rat nimmt Erik Fynn mit ins Land der Nordmänner. Er ahnt nicht, welche Auswirkungen das Zusammentreffen der beiden haben wird.   'A Tale of Gods and Monsters' ist eine abenteuerliche, atemberaubende und authentische Reise ins vorchristliche Nordeuropa und eine Saga um den Heiden Erik und den Christen Fynn, die kulturelle Unterschiede überwinden müssen, um sich den finsteren Herausforderungen jener unbarmherzigen Zeit zu stellen. Wird es ihnen gelingen, sich zwischen Göttern und Monstern zurechtzufinden?

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    Fynn
      Fynn folgte den beiden Männern in dem größtmöglichen Abstand, den das Seil, mit dem seine Hände gefesselt waren und mit welchem der Nordmann ihn führte, es zuließ. Er traute ihnen nicht. Schließlich waren ihm die Schreckensgeschichten, die er seit der Kindheit über die Nordmänner gehört hatte, gut in Erinnerung geblieben. Sie trugen in seiner Heimat viele klangvolle Namen wie Barbaren, Mörder oder der Schrecken aus dem Norden. Er sah keinen Grund, ihnen zu trauen, auch wenn der Mann namens Erik ihn vor dem sicheren Tod bewahrt hatte. Fynn bezweifelte jedoch, dass er es aus purer Großherzigkeit tat. Immerhin schien der Mann nicht vorzuhaben, ihm nun die Freiheit zu schenken. Er war erleichtert, dass er aus der prekären Situation entkommen war, denn der Sklavenhändler hatte ihm mehrmals zugeraunt, dass heute Fynns letzte Möglichkeit wäre. An keinem der anderen Tage war jemand gewillt gewesen, den schmächtigen und in vielerlei Hinsicht merkwürdig aussehenden Fynn zu kaufen. Wäre auch heute niemand bereit gewesen, ihn gegen Münzen zu tauschen, hätte es für ihn kein Morgen mehr gegeben, und Hoffnungen auf einen schnellen, schmerzlosen Tod hätte er sich keine zu machen brauchen. Wenn er daran dachte, wie brutal sich die Männer an denjenigen austobten, von denen sie keinen Tauschhandel mehr erwarteten, brach ihm sogar jetzt der Schweiß aus. Dass er einem derartigen Schicksal entgangen war, ließ Fynn tatsächlich etwas Dankbarkeit empfinden. Gleichzeitig verabscheute er sich dafür. Sein Wohlwollen durfte nicht diesem Schlächter gelten, der ihn wie Vieh erworben hatte. Der göttliche Vater war es, dem er die Rettung verdankte, und er würde darauf vertrauen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er ihm die Kraft und Gelegenheit schenkte, vor den Nordmännern zu fliehen. »Was willst du mit diesem Jungen, Erik?« Fynn hob den Blick leicht von den eigenen Füßen und sah zu dem schwarzhaarigen Mann vor sich, der Aegir genannt wurde. Er war größer als sämtliche Männer, die er jemals gesehen hatte. Sein Auftreten war stattlich, und im Gegensatz zu dem kleineren Mann, der sämtlichen Beschreibungen der barbarischen Monster entsprach, die er kannte, sah er elegant aus. Er hatte ein auffallend edel geschnittenes Gesicht. Die wohlgeformten, langen Gliedmaßen wirkten kräftig, aber nicht so muskulös wie die des anderen. Dennoch strahlte er Bedrohung und Gefahr aus. Es überraschte Fynn, dass diese beiden ungleichen Männer Brüder waren. Erik war mehr als einen Kopf kleiner als Aegir und entsprach mit der breiten Brust und den dazu passenden Schultern eher Fynns Vorstellung der gefürchteten Nordmänner. Das Gesicht war markant, sogar ein wenig grob. Eine lange, wulstige Narbe war das offensichtlichste Merkmal des Mannes. Sie setzte unter dem linken Auge an und spaltete das Gesicht über das Kinn hinaus bis zum Schulterblatt. Das schmutzig blonde Haupt- und Barthaar war ebenfalls kaum zu übersehen. Beide Männer trugen ihr Haar an den Kopfseiten geschoren. Eriks imposanter und von mehreren Lederbändern zusammengehaltener Zopf reichte bis zwischen die Schulterblätter. Aegris kurzes Haar lag weniger eindrucksvoll geflochten am Kopf an und endete etwa auf Höhe der Ohren in einem kurzen Schwänzchen. Selbst ihre Stimmen klangen unterschiedlich, wobei vor allem die von Aegir einen aufhorchen ließ. Sie war rau, kalt und düster, sodass Fynn bei dem Klang Gänsehaut bekam. »Das werde ich mir überlegen, Bruder.« Erik atmete geräuschvoll aus. »Soweit habe ich nicht nachgedacht. Er spricht jedenfalls unsere Sprache, die der Angelsachsen und noch einige andere. Das könnte sich als nützlich erweisen.« Kurz herrschte Stille, aber Fynn konnte sehen, dass Aegir seinem Bruder einen finsteren Blick zuwarf, woraufhin dieser erneut seufzte und mit den Schultern zuckte. »Ich habe ihn von meinem Anteil gekauft, und damit ist er meine Sorge, nicht deine.« Die Stimme des kleineren Mannes war ernst, sodass sein Bruder es dabei bewenden ließ. Stattdessen sah er zu Fynn, der dabei einen Kloß im Hals spürte. Er hatte früh gelernt Menschen zu lesen. Das war unabdingbar, wenn man in einem Kloster lebte, welches auch Fremde aufnahm und versorgte. Aegir wirkte trotz seines Äußeren auf ihn wie ein Mann, der im Zweifelsfall erst handelte und dann Fragen stellte. Vermutlich würde er Fynn genau im Auge behalten. Er machte sich keine Illusion darüber, ob sein Leben und Wohlergehen ihm in irgendeiner Weise wichtig waren. Er musste Vorsicht walten lassen und durfte keinen Fehler machen, wenn er auf den richtigen Zeitpunkt zur Flucht hoffen wollte. »Ich bezweifle jedenfalls, dass dieser Jungen überhaupt den Pflug halten kann«, setzte er erneut an, und sein Bruder schnaubte, erwiderte aber nichts. »Egal wie viele Sprachen er spricht, er wird dir die Haare vom Kopf fressen und dir keinerlei Dienste erweisen, die diese Kosten ausgleichen.« Als Erik sich daraufhin umdrehte, um Fynn ins Auge zu fassen, wirkte er weniger feindselig, eher nachdenklich. Schließlich zuckte Erik erneut mit den Schultern. »Damit befasse ich mich, wenn es so weit ist.« Diese Antwort schien Aegir kaum zufriedenzustellen, denn er wollte gerade erneut ansetzen, da wickelte sich Erik das Seil, mit dem er Fynn hielt, kurzerhand um den Arm, dann zog er die Axt und deutete damit auf Aegir. »Bruder, du reizt meine Geduld aus. Ich bin kein Kind mehr, und selbst wenn du die Entscheidung nicht verstehst, wirst du sie hinnehmen oder ich werde dir in einem Kampf zeigen müssen, dass ich ein Mann bin und deine Weisungen nicht benötige.« Fynn konnte Überraschung auf Aegirs ebenmäßigem Gesicht sehen und meinte einen kurzen Schatten zu erkennen, der darüber huschte. Im nächsten Moment trat ein breites und offenes Lachen an die Stelle. Aegir hob die Hände und schüttelte den Kopf. »Kleiner Bruder. Hitzköpfig wie eh und je? Verzeih mir meine Sorge um dich. Mögest du mit deinem talentierten Sklaven Glück haben.« Erik hatte die Stirn in Falten gelegt und schien den nächsten Schritt abzuwägen. Aegir trat mit nach wie vor erhobenen Händen auf ihn zu. Mit der einen drückte er schließlich Eriks Axt sanft hinab. Die Haltung wirkte weder aggressiv noch herausfordernd, sondern hatte etwas Belustigtes an sich. Dies zeigte er deutlich mit einem spöttischen Grinsen. »Glaub bloß nicht, ich würde euch beide durchfüttern, wenn du merkst, dass ich Recht hatte.« Schließlich ließ Erik die Axt sinken und grinste ebenfalls. »Keine Sorge. So weit wird es nicht kommen.« Die Brüder tauschten einen Blick, dann legten sie versöhnlich die Arme umeinander. Fynn beschlich der Verdacht, dass die beiden nie lange wütend aufeinander sein konnten und etwaige Streitigkeiten bloß regelmäßige Kräftevergleiche waren, bei denen sie die jeweiligen Grenzen austesteten. Fynn war es gleich. Er war froh, die Aufmerksamkeit der Männer nicht mehr bei sich zu wissen. »Jetzt lass uns endlich zu unseren Leuten gehen«, meinte Aegir lächelnd, aber Erik schüttelte den Kopf. »Da ist noch etwas.« »Was denn jetzt? Die anderen werden ungeduldig.« »Dann sollen sie eben ein bisschen warten. Oder hast du Angst, dass sie froh sind, dich los zu sein, und deswegen ohne uns aufbrechen?« Diese Worte schienen Aegir lediglich eine abfällig erhobene Augenbraue hervorzulocken, während Erik vergnügt lachte. Dann wandte er sich Fynn zu, der sich sogleich versteifte und den Kopf senkte. Er hatte die Männer mit großem Interesse beobachtet und die Umgebung sowie die vorbeieilenden Menschen ausgeblendet. Nun wieder der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu werden, löste Unbehagen in ihm aus. Eine Gänsehaut kroch seinen Nacken empor, und am liebsten wäre er noch einige Schritte weiter nach hinten gegangen, aber das Seil um die Handgelenke verhinderte dies. Ein kurzer Ruck an den Fesseln deutete Fynn an, dass er sogar noch zu seinem neuen Besitzer aufschließen sollte. Er wagte kaum zu atmen, geschweige denn dieser stummen Aufforderung zu folgen, und eine bedrückende Stille breitete sich um sie herum aus. »Komm her.« Eriks Stimme duldete zwar keinen Widerspruch, dennoch war sie ruhig, und eine irrationale Hoffnung sagte Fynn, dass er sich nicht zu fürchten brauchte. Dennoch fühlte er Schweißperlen auf der Stirn, was einem Wunder gleichkam, da er seit der Ankunft auf dem Markt nichts mehr getrunken hatte. Bevor sie ihre menschliche Ware feilboten, versorgten die Händler sie mit Wasser, damit sie einen möglichst gesunden Eindruck hinterließen. Er leckte sich über die spröden Lippen, wagte aber nicht, auf den Durst, den er verspürte, aufmerksam zu machen. Es war das erste Mal, dass Erik ihn direkt ansprach, seit er ihm ihre Namen genannt hatte, dass er mit ihm statt über ihn sprach. Fynn rührte sich nicht, und Aegir ließ ein ungeduldiges Schnauben hören, doch Erik zupfte noch einmal am Seil, und schließlich schloss Fynn zu ihm auf. Den Blick hielt er auf seine Zehen gerichtet. »Kannst du arbeiten?«, wollte Erik wissen. Fynn nickte wahrheitsgetreu, und als er sprach, klang seine Stimme selbstsicherer, als er sich fühlte. »Im Kloster war ich schon als Kind für den Gemüseanbau und die Ernte zuständig. Wir haben uns selbst versorgt und sogar Vieh gehalten. Im Umgang mit Tieren bin ich weniger bewandert als in dem mit Pflanzen und Kräutern. Ich kann schnell lernen.« Außerdem war er belesen in der Kunst der Heilkräuter und anderem Nützlichen. Das Wissen wollte er allerdings noch nicht mit den Nordmännern teilen. Ein Gefühl sagte ihm, es wäre unklug, zu viel über sich preiszugeben. Denn je wertvoller er war, desto genauer würden sie ihn im Auge...



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