E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Jónsdóttir Wege, die das Leben geht
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18712-5
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-641-18712-5
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Audur Jonsdottir ist in ihrem neuen Roman das vielschichtige Porträt einer Frau gelungen, der es gelingt, zwischen den so starken wie unterschiedlichen Frauen ihrer Familie einen eigenen Platz zu finden.
Audur Jónsdóttir, geboren 1973, ist eine von Islands bekanntesten jüngeren Schriftstellerinnen. Sie ist vielfach preisgekrönt und in mehrere Sprachen übersetzt. »Jenseits des Meeres liegt die ganze Welt« ist ihr erstes Buch, das auf Deutsch erscheint.
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ALLER ANFANG IST SCHWER
»Nun verlass doch endlich diesen Mann.«
Der Satz hallte in Eyjas Gedanken nach. Sie hatte zwar gehört, was ihre Oma gesagt hatte, doch was sie darauf antworten sollte, das wusste sie nicht.
Ja, mache ich?
Nein. Sie konnte gar nichts antworten und ließ den Kopf hängen wie ein ungezogenes Kind.
»Wie konntest du den denn überhaupt heiraten? Ich könnte den nicht einmal küssen, von allem anderen ganz zu schweigen«, sagte Oma und sah traurig dabei zu, wie die Enkeltochter in sich zusammensank. Die schwarzen Haare hingen Eyja wirr ins Gesicht und verdeckten die Augen. Die hatten früher einmal geleuchtet, doch jetzt waren sie nicht einmal mehr richtig braun, sondern wie von einem Grauschleier bedeckt. Auch Eyjas Haut schien grau, und auf den Wangen und dem Kinn hatte sie Pickel. Innerhalb kürzester Zeit war sie aufgegangen wie ein Hefekloß, das T-Shirt mit dem Logo einer tschechischen Brauerei spannte über ihren Brüsten.
Oma hatte immer gedacht, dass Eyja ihren Weg schon gehen würde, nun war sie sich nicht mehr so sicher. Das Mädchen musste in eine Sackgasse geraten sein. Wie hatte es nur dazu kommen können? Oma rechnete jeden Moment damit, dass Eyja so etwas sagte wie passiert ist passiert. Das sagte sie in letzter Zeit dauernd.
Eyja hatte das Gefühl, dass sie die Gedanken ihrer Oma hören konnte. Fest entschlossen, eines Tages einen Roman zu schreiben, stellte sie sich gern vor, was in den Köpfen anderer Leute vor sich ging. Doch sie spürte auch, dass ihre Großmutter sich Sorgen machte, und hielt dem Blick der alten Frau nicht mehr stand.
»Passiert ist passiert«, sagte Eyja und schluckte schnell.
»So etwas passiert doch nicht einfach.«
»Doch, doch. Manche Dinge passieren einfach.« Eyja dachte an die Lawine in den Westfjorden. Die war auch einfach so passiert.
»Unfälle passieren vielleicht einfach so«, sagte ihre Oma in einem ebenso freundlichen wie weisen Ton. »Den Rest, den entscheidet man selbst.«
»Den Rest?«
»Das Leben ist die Summe der Entscheidungen, die wir treffen. Du bist ein gutes Mädchen, aber du triffst die falschen Entscheidungen. Noch etwas Tee?«
»Ja, gern«, sagte Eyja und schielte kurz nach Omas Handtasche, die auf der anderen Seite des Tisches auf einem Stuhl stand und an eine lauernde Katze erinnerte. Oma hatte Eyjas Seitenblick bemerkt, obwohl sie damit beschäftigt war, die russischen Teegläser zu füllen.
Sie schenkte die dampfend heiße Flüssigkeit ein, für Eyja auch etwas Milch, schob das Glas über den Tisch und das randvolle Zuckerdöschen hinterher. Danach strich sie vorsichtig über ihr frisch frisiertes Haar, das sich in weißen Wellen über das ebenmäßige, aber ausdrucksstarke Gesicht mit den tiefen Wangengrübchen legte. Eyja sah, wie zufrieden Oma mit ihrer neuen Frisur war – Omas Augen, deren Farbe bei Tageslicht fast ins Dunkelgrau changierte, zeigten auf geradezu kindliche Weise, was sie fühlte. Oma blickte auf ihre Handtasche. Und dann auf ihre Enkeltochter.
»Ich will dir helfen, jetzt die richtige Entscheidung zu treffen.«
»Okay?«
Ihre Großmutter setzte die goldumrandete Brille auf und griff nach der Handtasche. Steckte die Hand hinein, diese wohlvertraute Hand mit den Leberflecken auf dem Handrücken und der vom Abwasch eines halben Jahrhunderts rosa gefärbten Handfläche, den rot lackierten Nägeln und dem goldenen Ehering mit dem violetten Klunker. Sie kramte in der Tasche und zog ein gefaltetes Taschentuch heraus, tupfte sich die Mundwinkel trocken und legte es weg, dann zog sie einen Umschlag hervor, er war dick. Sie legte ihn auf die weinrote Tischdecke und sah ihrer Enkeltochter in die Augen, während sie den Umschlag behutsam in Eyjas Richtung schob, wie eine Sizilianerin mit zweifelhaften Absichten.
»Ich lasse dir das in Devisen umtauschen, wenn du fortgehst.«
»Was ist das?«
»Hunderttausend Kronen. Die habe ich vorhin von meinem Konto abgehoben, als ich im Dorf war, um für dich Hühnchen zu kaufen.«
Als ihre Oma vom Einkaufen zurückgekommen war, war Eyja gerade erst aufgestanden. Sie hatte sich an das Badezimmerfenster im ersten Stock gestellt, um die erste Zigarette des Tages zu rauchen, hatte den Rauch in den beginnenden Tag hineingeblasen, und ihr Blick war ihm in das Tal hinaus gefolgt, vorbei an den Bauernhöfen und den hippiehaften Holzhäusern der Aussteiger, vorbei an den Pferden auf der Wiese, den Schafen auf den Berghängen und den Autowracks vor der Kfz-Werkstatt. In der Ferne lag eine Kette von Hügeln. Dort verlief die Grenze zwischen Eyjas heimatlicher Welt und der Außenwelt, die sich nur dann öffnete, wenn man mit dem Auto auf der Landstraße die Hügel überquerte. In Wirklichkeit waren diese Hügel kaum mehr als ein paar Kilometer entfernt, kaum weit genug, dass Eyja in Ruhe die Zigarette zu Ende rauchen konnte – da kam der eben erst über der Hügelkuppe aufgetauchte Saab ihrer Oma auch schon vor dem weißen herrschaftlichen Haus zum Stehen.
Dennoch, ein paar Kilometer waren es eben schon, und man mochte kaum glauben, dass jemand aus dieser Entfernung ein am Horizont auftauchendes Auto erkennen, geschweige denn von einem anderen unterscheiden konnte. Doch Eyja, die schon als kleines Kind bei jedem Wetter auf das Kommen des Schulbusses hatte achten müssen, hatte gelernt, auch das nicht Hörbare wahrzunehmen.
Ohne diese Fähigkeit wären Eyja und ihre Schwester Agga als Kinder im Winter wohl irgendwann am Wegesrand erfroren. Doch sie hatten gelernt, den nahenden Bus zu erkennen, hatten ihn im Auge behalten, wie er sich näherte, und waren erst in letzter Sekunde aus dem Haus ihrer Mutter in die Kälte gesprungen, hatten die Tür zugeknallt und waren dann schneller als der aufgeregte Hund des Hauses zur Landstraße gerannt, während der Schulbus noch den letzten Abhang herabgeschliddert gekommen war. Seit Eyjas neuntem Lebensjahr hatte jeder Wintertag auf diese Art begonnen, und das bereits vor sieben Uhr.
Vorher war das anders gewesen. Für die Kinder, die jünger als neun Jahre alt waren, hatte die Schule erst mittags begonnen. Dann mussten Eyja und Agga einfach die Auffahrt vor dem Haus ihrer Oma hinuntergehen, das fast direkt an der Landstraße lag. Ihre Eltern hatten sie nämlich meist in den eiskalten Morgenstunden zu Oma gebracht, eingewickelt in Decken, sodass sie in der Frühe nur kurz den beißenden Wind an den Nasenspitzen gespürt hatten, bevor sie bei Oma frischen Kaffeeduft gerochen hatten, vermischt mit dem süßen Aroma von aufgeschäumter Milch. Sie waren aus den Decken gekrabbelt, hatten Hafergrütze bekommen, frisch gepressten Orangensaft und hatten es kaum erwarten können, in der Speisekammer Kaufmannsladen zu spielen und mit ihrer Oma Radiogymnastik zu machen. Dann hatte Oma irgendwann Mittagessen gekocht, und bald darauf war der Schulbus auf der Hügelkuppe erschienen, und Schulbusfahrer Ingi hatte sie vergnügt empfangen, er war mit ihnen in den Tag hineingefahren und in eine andere Welt.
Nachdem sie in den noch leeren Bus geklettert waren, hatte der sich bald mit lärmenden Kindern gefüllt. Manche hatten um die vordersten Plätze gekämpft, bis Tränen geflossen waren, unterdessen hatte der Bus auf der glatten Straße getanzt, und Ingi hatte in den Schneesturm gespäht, eins geworden mit seinem Fahrzeug. Gelegentlich war ihm eine Locke über die dicken Brillengläser gefallen, die er sich sofort wieder aus dem Gesicht gepustet hatte, und seine Wampe hatte im Takt des röhrenden Motors vibriert.
Im nächsten Dorf war Ingis rothaarige Tochter zugestiegen und manchmal auch seine rothaarige Frau, die ihm etwas zu Essen gebracht hatte. Eyja und ihre Schwester Agga hatten das ziemlich seltsam gefunden, schließlich war Busfahrer Ingi doch mit seinem Schulbus zusammen, einer Art Raumschiff, das ihre Welt mit der Welt der Schule verband, in der sie beide Außenseiterinnen gewesen waren, und zwar welche von ganz weit außen: Die Jungs hatten sie Fettklopse genannt, die Mädchen hatten sie beim Brennball nicht in ihrer Mannschaft haben wollen und hatten sich zugeflüstert, dass Eyja und Agga behindert seien, weil sie nicht rennen konnten, und das, wo sie doch in ihrer eigenen Welt schneller rennen konnten als der Hund.
Ihre Welt war ein Paradies gewesen. Es hatte Pferde und Hunde gegeben, herzensgute Landkinder, eine Oma mit einer Spezialpfanne für Pfannkuchen und einen Vater, der für die Familie ein Haus gebaut und einen Kräutergarten angelegt hatte. Ihre Mama hatte mit zufriedenem Lächeln ihr kleines Brüderchen durch die Gegend getragen, das süßer war als die Welpen auf dem Nachbarhof. Die Welt hinter der Hügelkette hingegen, in die Ingi sie mit seinem Schulbus hineingefahren hatte, hatte an die Kulissen der Laienspielgruppe erinnert, in denen die Jugendlichen des Landkreises Stücke von Dario Fo oder selbst geschriebene Shows aufgeführt hatten: unwirklich und lieblos.
So war es damals gewesen.
Inzwischen wohnten Eyja und ihre Schwester längst in Reykjavík und suchten nur noch manchmal Zuflucht bei ihrer Oma. Eyja hatte einen versoffenen Kerl geheiratet, den sie sich in einem Fischerdorf in den Westfjorden geangelt hatte. Vom Alter her hätte er ihr Vater sein können. Eyjas jüngere Schwester Agga sollte einige Jahre später einen ähnlichen Mann heiraten.
Familienähnlichkeit.
Beide Schwestern hatten die Schule geschmissen und nichts gelernt, außer wie man Automarken aus weiter Ferne voneinander unterscheidet und andere in der Erwachsenenwelt komplett nutzlose Dinge. Das Hilfreichste war noch gewesen, dass sie gut die Spuren heimlichen Rauchens verbergen konnten. Doch...




