E-Book, Deutsch, 138 Seiten
Johann Geschieden, vier Kinder, ein Hund – na und?
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-561103-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 138 Seiten
ISBN: 978-3-10-561103-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Vier Kinder, ein Hund und eine Katze sind nicht gerade ideale Voraussetzungen für ein unbeschwertes Leben. Anna weiß das, aber sie entscheidet sich trotzdem, ihren Mann zu verlassen, um sich auf eigene Füße zu stellen. Klar, dass das nicht leicht ist, doch mit jedem Schritt nach vorne merkt Anna, dass sie den richtigen Weg gewählt hat.
(Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)
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Hat die Uhr schon immer so laut getickt? Wahrscheinlich. Aber heute abend höre ich sie zum ersten Mal. Ein störendes Geräusch. Das goldene Perpendikel unter dem Glassturz schwingt monoton hin und her über diesem grünen Sockel auf verschnörkelten Löwenfüßen. Ich habe diese Uhr immer sehr geliebt. Ich höre noch die Stimme des Antiquitätenhändlers, der sie uns auf irgendeiner unserer vielen gemeinsamen Reisen verkauft hat. »Vraiment, Madame, aus der Blütezeit des Pariser Kunsthandwerks.« Jetzt sitze ich da und starre sie an, sie und die Kommode und das Bücherregal und den Sessel und das kleine Tischchen mit der Lampe (Wo haben wir die bloß gekauft? War das auch in Paris? Ist ja auch egal.) und das Telefon in der Ecke. Vielleicht sollte ich ein bißchen Musik machen oder den Fernsehapparat einschalten. Aber ich habe weder zu dem einen noch zu dem anderen Lust. »Lies doch mal ein gutes Buch.« Ein vergeblicher Scherzversuch. Meine Stimme klingt unangenehm laut und nicht besonders heiter. Was habe ich denn früher gemacht, wenn ich abends allein war? Das war ich schließlich in der letzten Zeit sehr oft. Und Alleinsein war für mich noch nie ein Problem. Aber jetzt sitze ich da, starre die Wand an und weiß nicht, was ich tun soll. In meinem Kopf ist nichts als eine dumpfe Leere. Es ist so still, bis auf das Ticken der Uhr natürlich. – Erst neun. Ich bin auch noch nicht müde, sonst könnte ich ins Bett gehen. Aber wach im Dunkeln zu liegen ist auch kein schöner Zustand. Ich weiß das. Ich habe es ausprobiert. Ob die Kinder schlafen? Katja sicher nicht. Sie wird ihren Vater am stärksten vermissen. Ich habe sie darauf angesprochen. »Natürlich vermisse ich ihn. Was hast du denn gedacht?« Mehr wollte sie nicht darüber sagen. Was sollte man auch mehr darüber sagen? Ich habe versucht – wir beide haben uns bemüht –, den Kindern verständlich zu machen, daß unsere Scheidung kein leichtfertiger Entschluß, sondern eine »über-lebens-wichtige« Notwendigkeit ist. Aber für sie sieht das natürlich alles ganz anders aus. Geschieden! Heute habe ich das Wort zum ersten Mal offiziell benutzt, als man mich beim Finanzamt nach meinem Familienstand fragte. Und was sagte dieser pflichtbewußte Beamte: »Was? Und vier Kinder? Na, gute Nacht.« An diese Bemerkungen werde ich mich auch gewöhnen müssen. Ich wage wieder einen Blick auf die Uhr. Zehn nach neun. Mit welchem Trick kann ich die langsam aufsteigende Panik zurückhalten, die mich seit den letzten Wochen zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten plötzlich überfällt? Diese lähmende Erkenntnis: »Ich kann das unmöglich schaffen. Vier Kinder und den Beruf. Wenn mal eins von den Blagen krank wird. Lisa hat doch alle naslang irgendwas. Und Jan und Philip sind noch so klein, ganze sechs Jahre alt. Die kann ich doch nicht den ganzen Tag allein lassen. Und der Hund ist auch noch da. Katja wird sich mit ihren gerade zehn Jahren für ihre jüngeren Geschwister verantwortlich fühlen. Das muß ich ihr ausreden. Das hält sie nicht aus. Aber wie halte ich das aus? Was habe ich da bloß gemacht? In welche Sackgasse habe ich mich da um Gottes willen hineinmanövriert?« Angst! Wie ich sie hasse. Meine Zunge wird pelzig, liegt dumpf und gefühllos wie ein plumper Kloß in meinem Mund. Ich habe das Gefühl, ich ersticke. Ich fühle mich von Mauern eingeschlossen, glatte Wände, ohne Haltegriff, ohne Stufen, Wände, die sich keilförmig nach oben ausdehnen. Und ich ganz unten in diesem Trichter. Wie komme ich hier raus?« Ich reiße die Balkontür auf. Erst einmal Luft holen. »Komm, komm, beruhige dich. Du hast dir doch alles genau überlegt. Das klappt schon. Du hast es doch so gewollt. Nun gerate nicht gleich in Panik. – Siehst du. Es geht schon wieder. Nur immer mit der Ruhe.« Ich rede mir zu wie einem kranken Gaul. Aber es hilft. Das Telefon klingelt. Ich erschrecke. Warum bloß? Er ist es nicht. Kann es nicht sein. Wie sollte er das seiner zukünftigen Frau erklären? Aber vielleicht steht er in einer Telefonzelle oder ist in einer Kneipe …? Ob ich einfach nicht abhebe? Es ist meine Großmutter. Irgendwie bin ich sehr erleichtert. »Ach, du bist es. Wie schön.« »Ja«, sagt sie, »ich dachte, ich rufe dich mal an, weil du dich heute abend sicher sehr elend fühlst.« Da muß ich heulen. Zum zweiten Mal an diesem Tag. Sie wartet geduldig, bis ich ausgeschluchzt habe. »Na, geht es jetzt besser?« Ich bin sicher, auch in ihrer Stimme ein paar Tränen zu hören. »Danke. Viel besser. Es ist sehr lieb, daß du anrufst. Es ging mir gerade beschissen.« »Das habe ich mir gedacht. Es war sicher ein sehr schwerer Tag für dich.« »Ja. Ich hatte es mir nicht so schwer vorgestellt.« »Man muß lernen, mit Entscheidungen zu leben, aber es gibt auch Kraft.« Diese Frau ist wunderbar. Neunundachtzig Jahre alt und so neugierig auf das Leben, so wach, so ungeheuer lebendig. Wenn man sie ansieht, bekommt man Lust, alt zu werden. Sie sieht das mit dem Altwerden allerdings etwas anders, spricht oft davon, wie gerne sie sterben würde. Aber ich glaube ihr das nicht so recht. Sie war in den letzten Monaten mein Halt, meine Stütze, meine Zufluchtsstätte. Natürlich war sie sehr betroffen, als ich ihr von meinem Entschluß erzählte, mich scheiden zu lassen. Aber im Gegensatz zu meinem Vater hat sie diese Entscheidung nach einer gewissen Zeit akzeptiert. Ich bin ihr sehr dankbar für den Satz: »Ich kenne dich gut genug um zu wissen, daß du diesen wichtigen Schritt nicht aus einer Laune heraus tust. Es gibt wohl für dich keinen anderen Weg.« Ich möchte sie jetzt so gerne in die Arme nehmen und sage es ihr. »Beim nächsten Besuch werde ich dich daran erinnern«, sagt sie, und ich merke, wie sie lächelt. »Vergißt du es auch nicht, Nonna?« Meine Großmutter wünscht, mit dem italienischen Namen angeredet zu werden. Das klinge eleganter. »Nein. Ich vergesse es ganz bestimmt nicht. Also, Kopf hoch. Leg dich jetzt ins Bett und denk an was Schönes. Und vergiß nicht, deinen Melissetee zu trinken. Das beruhigt.« Ich verspreche es ihr, verspreche ihr alles. Ein Geräusch hinter mir. Ich drehe mich um. Da stehen die Zwillinge wie Plüsch und Plumm in der Tür und sehen mich an. Der eine hat seinen Hasen im rechten Arm, der andere seinen Clown im linken. »Na, ihr Männer, könnt ihr nicht schlafen?« Reden können sie nicht, sie können nur nicken. Ich nehme beide auf den Schoß. Es dauert ein bißchen, bis wir die doch schon recht langen dürren Beine sortiert haben. »Wollt ihr mir sagen, warum ihr nicht schlafen könnt?« Jan bekommt sein strenges Gesicht: »Warum ist der Papi nicht da?« »Aber Jan.« Meine Stimme klingt ziemlich lahm. »Das haben wir euch doch schon alles erklärt. Und nicht nur einmal.« »Ich versteh’ es aber trotzdem nicht. Warum habt ihr euch denn nicht mehr lieb? Wie kommt es denn, daß das vorbeigeht?« »O Philipp«, denke ich, »wie kommt das? Wenn ich das nur wüßte. Es sollte für immer und ewig sein.« Ich versuche noch mal, es zu erklären: »Weißt du, es ist wie bei einer Reise, die man zusammen macht. Man geht auf den Bahnhof, steigt in denselben Zug und weiß, daß man zusammen mit diesem Zug an dasselbe Ziel kommen möchte. Aber dann hält der Zug mal an, so wie jeder Zug einmal hält, und einer von den beiden, die zusammen eine Reise machen wollen, steigt aus. Und da sieht er einen Vogel auf dem Dach und beobachtet ihn. Und darüber vergißt er, rechtzeitig wieder in den Zug einzusteigen. Und der fährt ohne ihn ab.« »Das ist aber sehr unvorsichtig von ihm«, sagt Jan. »Stimmt! Aber das kommt vor. Das wißt ihr doch auch. Wenn ihr Fußball spielt, vergeßt ihr doch auch, nach Hause zu kommen.« Das Beispiel leuchtet ihnen ein. »Ja und dann?« Philip will wissen, wie es weitergeht. »Ja und dann? Dann steht man da und sieht den Zug wegfahren. Und dann wartet man auf den nächsten und denkt, das ist ja nicht so schlimm. Ich weiß ja, wo ich den anderen wiederfinden kann. Ich weiß ja, wo er hinfährt. Und sehr oft hat man Glück und findet den anderen auch am Ziel. Es kann aber auch sein, daß der andere, plötzlich allein im Zug, sich denkt: Allein weiterfahren macht keinen Spaß. Da steige ich lieber an der nächsten Station aus und warte dort auf den nächsten Zug. Jetzt ist aber vielleicht an diesem Bahnhof ein besonders schöner Garten mit ganz vielen Blumen. (Warum nehme ich denn gerade dieses Beispiel? Etwa eifersüchtig?) Und der andere will eigentlich auch nur kurz mal gucken. Aber die Blumen ganz hinten im Garten, die leuchten besonders schön. Also geht er da hin. Und während dieser Zeit fährt der nächste Zug vorbei. Und so kann es kommen, daß man sich zwar immer noch liebhat, aber sich nicht mehr findet. Weil die Reise beide nicht mehr zum selben Ziel bringt.« Ob diese poetische Schilderung einer Entfremdung von meinen beiden Söhnen verstanden wird? Meine Sorge ist unnötig. Sie sind beide auf meinem Schoß eingeschlafen. Ich habe ziemliche Mühe, mit dieser »süßen« Last das Kinderzimmer zu erreichen. Auf dem Rückweg schaue ich noch mal bei den Mädchen rein. Dachte ich es mir doch. Lisa hat sich wie immer wie ein Igel zusammengerollt und schläft tief und fest. Katja aber liegt mit offenen Augen in ihrem Bett. »Darf ich heute nacht ausnahmsweise bei dir im Bett schlafen?« flüstert sie. Ich nicke. Und so ziehen wir beide rüber über den Flur. Ich muß meine...




