E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Lübbe
Johannsen Mordseemusik
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-7451-2
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Borkum-Krimi. Die perfekte Urlaubslektüre: ein charmant-humorvoller Nordseekrimi für Fans von Gisa Pauly
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-7451-2
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sommer auf Borkum. Das Meer ist spiegelglatt, der Abendhimmel über dem Strand leuchtet blutrot. Vor dem Musikpavillon drängeln sich die Urlaubsgäste und fiebern dem Auftritt von Schlagerstar Pablo Lavega entgegen. Auch Caro steht heute mit auf der Bühne, ihr Chor darf den beliebten Sänger begleiten. Die Stimmung ist ausgelassen - bis Lavega plötzlich zusammenbricht und vor den Augen seines entsetzten Publikums stirbt. Als Kommissar Bachmann wenig später auf der Insel eintrifft, kümmern sich Caro und Jan Akkermann, ihr Partner in allen kriminalistischen Angelegenheiten, längst um den Fall. Gemeinsam ermitteln sie im Schlagermilieu - wo ein heimtückischer Täter mörderische Saiten anschlägt ...
Emmi Johannsen ist das Pseudonym von Christine Drews, deren Romane zahlreiche Leser im In- und Ausland begeistern. Mit ihren Borkum-Krimis hat sich die Autorin einen besonderen Traum erfüllt: Inspiriert von ihrer liebsten Urlaubsinsel schreibt sie als Emmi Johannsen eine humorvolle Krimireihe um das sympathische Ermittlerduo Caro Falk und Jan Akkermann, die gemeinsam auf Borkum Verbrecher jagen.
Autoren/Hrsg.
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1
Es war ein heißer Tag. Normalerweise wehte auch im Hochsommer ein frischer Wind über die Insel, aber heute herrschten auf Borkum Verhältnisse wie am Mittelmeer. Selbst jetzt, am späten Nachmittag, zeigte das Thermometer noch über dreißig Grad, es war windstill, das Meer spiegelglatt, und die Luft flimmerte. Die Robben lagen schläfrig auf der Sandbank, zahllose Kinder, die vor der Mittagshitze in ihre Ferienunterkünfte geflüchtet waren, spielten jetzt ausgelassen am Strand, während sich die Erwachsenen auf den Terrassen der neuen Milchbuden vergnügten. Auch auf der Strandpromenade wurde es langsam voller, am Abend würde hier jeder Platz besetzt sein.
Am historischen Musikpavillon, der seit über hundert Jahren zu den bekanntesten Wahrzeichen der Insel zählte, herrschte abends der meiste Trubel. In der Hochsaison kamen regelmäßig unzählige Urlaubsgäste zu den Gratis-Konzerten. In der Außengastronomie vor dem Pavillon war es dann pickepackevoll, viele Paare tanzten zur Musik, die Stimmung war meistens ausgelassen.
Caro wurde ein wenig nervös, wenn sie daran dachte, dass es heute Abend vermutlich genauso sein würde. Es war nicht das erste Mal, dass der Chor einen Auftritt an der Strandpromenade hatte, aber für Caro war es eine Premiere. Mit dem Notenblatt fächerte sie sich etwas Luft zu und versuchte, ihre Aufregung zu verdrängen.
»Wir machen das letzte Stück noch einmal, dann sind wir mit der Generalprobe durch«, rief Leo. Der Chorleiter war ein schlaksiger Mann und mit seinen neunundvierzig Jahren fast zehn Jahre älter als Caro. Er arbeitete als Musiklehrer an Justus’ Schule und leitete mit großer Leidenschaft in seiner Freizeit den Inselchor.
Vor einem guten halben Jahr hatte Tine gefragt, ob sie dem Chor nicht beitreten wollte. Zunächst hatte Caro kategorisch abgelehnt, sie hielt sich beim besten Willen nicht für musikalisch. Im Gegenteil. Wenn sie manchmal unter der Dusche sang und Justus zufällig ins Bad kam, erntete sie immer einen dummen Spruch von ihrem Sohn. Natürlich war das sicherlich auch seinem Alter geschuldet – von einem knapp Fünfzehnjährigen konnte man nicht erwarten, dass er die Sangeskünste seiner Mutter zu schätzen wusste. Trotzdem war seine Kritik nicht ganz von der Hand zu weisen. Sie war eben keine Whitney Houston.
»Es geht doch nicht darum, dass du jeden Ton triffst«, hatte Tine ihr gesagt. »Singen macht glücklich! Das ist wissenschaftlich bewiesen! Der Serotoninspiegel steigt schon nach wenigen Minuten nachweislich an. Außerdem hätten wir eine Menge Spaß zusammen.«
Das letzte Argument hatte Caro schließlich überzeugt. Tine war ihre engste Freundin auf Borkum, regelmäßig gingen sie zusammen walken oder trafen sich auf ein Getränk an der Piratenbude. Warum nicht einmal in der Woche gemeinsam in einem Chor singen?
Bisher kannte sie Chöre nur aus der Kirche. In ihrer Kindheit waren zwei ihrer Geschwister im Kirchenchor gewesen. Allerdings hatten die Lieder, die sie hier sangen, nichts damit gemein. Kein »Großer Gott wir loben dich«, dafür aber Gospel, Shanty, Popsongs und heute eben Schlager.
»Ich finde die Auswahl der Stücke diskussionswürdig«, meinte Jost Blumberg spitz, der in seinem Rollstuhl vorne in der ersten Reihe bei den Frauen saß, während die anderen Männer hinter ihnen standen. Es war nicht einfach gewesen, ihn die schmale Treppe hoch zur Bühne des Musikpavillons zu tragen, aber zwei kräftige Männer hatten es dann doch geschafft. Auch wenn die Infrastruktur das nicht überall ganz einfach machte, war Inklusion auf Borkum nicht nur ein Wort, sondern wurde wirklich gelebt, das gefiel Caro.
Tine klopfte Jost lachend auf die Schulter. »Da geht es dir genauso wie meinem Freddy. Vielleicht habt ihr einfach keinen Geschmack.«
»Jetzt sag nicht, dass dir diese Schnulzen gefallen.« Jost verzog das Gesicht.
»Schnulze hört sich so abwertend an«, fand Tine. »Lovesong – trifft es das nicht eher?«
Caro grinste breit. »Lovesong klingt nach Barbra Streisand und nicht nach Pablo Lavega.«
»Gegen Barbra hab ich nichts!« Jost fuhr sich gespielt divenhaft mit der Hand durch seine dunklen Locken, und Caro musste lachen.
»Also, ich mag Pablos Musik«, meldete sich Martin zu Wort, der hinter ihr stand. Genau wie Jost hatte Caro ihn erst im Chor kennen gelernt, wusste ihn aber nach wie vor nicht richtig einzuordnen. Sie schätzte ihn auf höchstens Ende zwanzig. Trotz seines jungen Alters hatte er nur noch einen dünnen Haarkranz, der ihm ein etwas rentnerhaftes Aussehen verlieh. Das grellgrüne Shirt, das er trug, könnte bei Berliner Hipstern trendig wirken, an Martin sah es irgendwie froschig aus. Obwohl er sehr schmal war, hatte er eine überraschend tiefe Stimme. »Mit der richtigen Frau an der Seite ist so eine Musik doch der Garant für einen gelungenen Abend«, fügte er noch hinzu, und Caro hatte irgendwie das Gefühl, dass er die Worte an sie richtete, so intensiv, wie er sie beim Sprechen anschaute. Schnell wischte sie den Gedanken weg. Es erschien ihr albern, dass sich so ein junger Mann für sie interessieren könnte.
»Im tiefsten Innersten eures Herzens seid ihr eben alle verkappte Romantiker«, meinte Caro. »Außerdem lieben die Leute Pablos’ Schnulzen.«
Jost zog skeptisch eine Augenbraue hoch. »So? Also ich kenne niemanden. Abgesehen von Tine. Und Martin. Na ja, und vielleicht ein paar hysterischen Frauen da draußen.« Jost wies mit dem Kinn auf die wachsende Schar von Zuschauerinnen, die sich vor dem hellgetünchten Pavillon versammelten. »Vielleicht findest du bei denen ja jemanden für deinen gelungenen Abend. Wobei du ganz schön verzweifelt sein musst, wenn du in der Meute auf die Suche gehst.«
Tine gab ihm schmunzelnd einen Stoß in den Rücken. »Hey! Ich könnte da genauso stehen!«
»Außerdem: Wer im Glashaus sitzt – mehr muss ich dazu wohl nicht sagen«, gab Martin spitz zurück.
»Ich bin nicht auf der Suche, im Gegenteil. Ich bin glücklicher Single«, sagte Jost fröhlich. »Und das soll auch so bleiben.«
»Für den Inselchor ist es jedenfalls eine Ehre, so einen Star begleiten zu dürfen«, sagte Tine noch, und Caro war sich nicht sicher, ob sie diese Bemerkung ernst gemeint hatte oder nicht. Pablo Lavega war ohne Frage ein bekannter Gitarrenspieler und Sänger, zumindest hier in der Region. Mit seiner Band tingelte er in der Hauptsaison von einer Insel zur anderen und spielte dort auf den Strandpromenaden seine Konzerte. Eine lokale Größe, aber alles andere als ein richtiger Star.
»Könnt ihr vielleicht mal aufhören zu quatschen?« Franziska, eine blasse Frau um die vierzig, sah sie genervt an. Caro kannte sie kaum, und bisher war sie ihr nur negativ aufgefallen. Franziska hatte eigentlich immer etwas zu nörgeln.
»Stört doch gerade niemanden«, fand Caro.
»Doch, mich. Ich würde mich gerne konzentrieren«, entgegnete Franziska. Ihre Kiefermuskeln traten hervor, und zwischen ihren Augenbrauen war eine tiefe Falte zu sehen. Sie wirkte so angespannt, als stünde sie kurz vor einer wichtigen Prüfung. Caro verkniff sich lieber einen Kommentar. Franziska war definitiv nicht die Person, mit der sie Streit haben wollte.
»Könnten wir in der Pause vielleicht zusammen den Refrain durchgehen?« Martin war so nah an Caro herangetreten, dass sie seinen Atem im Nacken spürte. Automatisch ging sie einen Schritt zur Seite und drehte sich dann erstaunt zu ihm um.
»Wäre es nicht sinnvoller, wenn du das mit einer Männerstimme probst?«
»Nein, gar nicht.« Martin lächelte und entblößte dabei eine bemerkenswerte Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen. »Ich fände es wirklich schön, wenn wir das noch mal durchgehen könnten.«
Caro bemerkte, wie Tine sie aus dem Augenwinkel beobachtete und sich kaum ein Feixen verkneifen konnte.
»Sorry, Martin, aber ich bin ja noch recht frisch im Chor«, sagte Caro ausweichend. »Ich weiß nicht, ob ich mir so was schon zutraue. Nachher bringe ich dir noch das Falsche bei.« Pablo ging an ihnen vorbei, schnappte sich vom Rollwagen eine Cola und trank einen Schluck. Er trug bereits sein Bühnenoutfit, hautenge Jeans und eine mit Strass besetzte Jacke, in der er sichtlich schwitzte. Caro tippte ihm auf die Schulter. »Ach, Pablo, vielleicht kannst du nachher mit Martin noch mal den Refrain durchgehen? Ihm ist da noch was unklar.«
Pablo hob eine Augenbraue und wirkte irritiert. Ohne zu antworten, ging er einfach weiter.
»Konzentration, bitte!«, rief Leo in dem Augenblick. »Alle auf eure Plätze!«
Relativ geräuschvoll brachten sich die fünfzehn Chormitglieder wieder in Position, Pablo begab sich an sein Mikrofon. Die Hitze im Musikpavillon stand, man konnte die Luft förmlich zerschneiden. Schnell nahm Tine noch einen Schluck aus ihrer Wasserflasche.
»Ich glaube, du hast einen heißen Verehrer«, flüsterte sie Caro kichernd zu.
»Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Kompliment ist«, antwortete sie ernst, und Tine unterdrückte ein Lachen.
Auch Caro trank noch etwas, bevor es weiterging. Bei der Generalprobe durften alle Getränke dabeihaben und zwischendurch einen Schluck nehmen, nachher, beim Konzert, war das nur noch der Band gestattet. Nachvollziehbar, wie Caro fand, schließlich konnten nicht alle dauernd etwas trinken, wie würde das für das Publikum aussehen? Pablo und seine Leute verausgabten sich körperlich viel mehr. Sie standen schließlich an vorderster Front. Trotzdem graute ihr etwas vor dem zweistündigen Konzert in dem stickigen kleinen Raum, in dem sie anders als auf einer klassischen Freilichtbühne...




