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E-Book, Deutsch, 268 Seiten

Johanus Unterwegs

Predigten zur Apostelgeschichte (Kap. 1-14, Bd. 1)
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-1146-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Predigten zur Apostelgeschichte (Kap. 1-14, Bd. 1)

E-Book, Deutsch, 268 Seiten

ISBN: 978-3-7534-1146-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Buch enthält fortlaufend Predigten zur Apostelgeschichte.

Pfr. Dr. Stephan Johanus; Dipl.Theol. von der Humboldt-Universität Berlin; Dr. Theol. von der Universität Heidelberg im Fach Interkultureller Theologie bei Prof. Theo Sundermeier; Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz.
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2. Tun, was stimmt


(Apg 1, 15-26)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

1, 15 An einem dieser Tage waren etwa 120 Menschen dort zusammengekommen. Da stand Petrus auf und sagte: 16 »Liebe Brüder und Schwestern! Die Voraussage der Heiligen Schrift über Judas, der Jesus an seine Feinde verriet, musste sich erfüllen. Es ist so gekommen, wie es der Heilige Geist durch David vorhergesagt hat. 17 Judas gehörte zu uns, auch ihn hatte Jesus zu seinem Dienst berufen.« 18 Judas wurde später zum Verräter. Von dem Geld, das er dafür bekam, kaufte er sich ein Stück Land. Aber er fand ein schreckliches Ende: Kopfüber stürzte er zu Tode, sein Körper wurde zerschmettert, so dass die Eingeweide heraustraten. 19 Davon hat jeder in Jerusalem erfahren, und deshalb nennt man diesen Acker auf Aramäisch »Hakeldamach«, das heißt »Blutacker«. 20 Petrus fuhr fort: »Die Voraussage, die ich meine, steht im Buch der Psalmen: ›Sein Besitz wird veröden, und niemand wird darin wohnen!‹[2] An einer anderen Stelle heißt es: ›Seine Stellung soll ein anderer bekommen.‹[3] 21 Deshalb muss für Judas ein Nachfolger gefunden werden. Es muss ein Mann sein, der die ganze Zeit dabei war, als Jesus, der Herr, mit uns durch das Land zog, 22 angefangen von dem Tag, an dem Jesus von Johannes getauft wurde,[4] bis zu dem Tag, an dem Gott ihn zu sich nahm. Denn zusammen mit uns soll er bezeugen, dass Jesus auferstanden ist.« 23

Daraufhin schlugen sie zwei Männer vor: Josef Barsabbas, genannt Justus, und Matthias. 24 Dann beteten sie alle: »Herr, du kennst jeden Menschen ganz genau. Zeig uns, welcher von diesen beiden nach deinem Willen 25 den Dienst und das Apostelamt von Judas übernehmen soll. Denn Judas hat seinen Auftrag nicht erfüllt. Er ist jetzt an dem Platz, der ihm zukommt.« 26 Danach losten sie, und das Los fiel auf Matthias. Seit dieser Zeit gehörte er zum Kreis der zwölf Apostel.

Liebe Gemeinde,

niemand würde heute die Wahl eines Geistlichen auf diese Weise vornehmen. Das Verfahren der hier beschriebenen Wahl kann man sich heute weder in einer lutherischen, reformierten, orthodoxen, katholischen noch in einer methodistischen Kirche vorstellen. Aber ich kenne auch keine Freikirche oder Pfingstkirche, die ähnlich wie hier in der Apostelgeschichte einen Gemeindevorsteher, Pfarrer oder Geistlichen durch das Los ermittelt.

Das Verfahren ist für uns heute einfach nicht mehr denkbar. Es trägt den Schein des Orakelwesens aus der Antike und der Gottesurteile im Alten Testament. Auch bei den Römern hielten sich noch lange orakelhafte

Riten jeglicher Art. Im Alten Testament gibt es ebenfalls für uns heute eher schwer nachvollziehbare religiöse Bräuche, um die Schuld oder Unschuld z. B. einer Ehebrecherin zu ermitteln. Solche Gottesurteile sind uns heute nur noch aus dem Mittelalter bekannt oder vielleicht noch aus Comic-Serien. Wenn wir aber einmal von den zeitbedingten Formen jener Wahl absehen und das grundsätzliche Verfahren und die Fragen, vor denen die Apostel standen untersuchen, können wir den Prozess durchaus nachvollziehen und letztlich aus ihm sogar lernen.

Die schwierige Frage, die es für die Apostel zu lösen galt, bestand darin, den Willen Gottes zu ermitteln. Wer soll nun an Judas’ Stelle treten? Wen erwählt Gott für dieses Amt? Natürlich brauchte es für Judas’ Nachfolger eine göttliche Legitimation, und so stellt sich die Frage nach einem Verfahren, durch das man sicher zum Willen Gottes vordringen kann. Auch für uns stellt sich in verschiedenen Lebenssituationen die Frage nach dem Willen Gottes, sei es bei der Berufswahl oder der Wahl des Lebenspartners oder der Wahl der Kirche. Dann stellen sich die Fragen: Wie kommen wir zu einer verlässlichen Entscheidung? Gehen wir nach dem Bauchgefühl? Versuchen wir die

Frage eher mit unserem Verstand zu lösen? Und was sagt uns Gott dazu? Wir fragen uns dann auch vielleicht, inwieweit unser Wille mit dem Willen Gottes zusammenhängt: Hat uns Gott schon immer etwas von seinem Wunsch und Begehren auch mit ins Herz gelegt oder widerspricht unser Wille dem Willen Gottes? Oder ist unser Wille vielleicht völlig „verdorben“? Wie entscheiden wir das und wie können wir es erkennen? Bei der Frage nach dem Willen Gottes gehen einem so manche Fragen durch den Kopf und einfach zu lösen ist diese Aufgabe nicht. Dies ist vielleicht die erste und einfachste Erkenntnis, die es bei diesem Prozess anzuwenden gilt: Es gibt keine einfache Lösung! Und meine persönliche Erfahrung und mein Rat ist an dieser Stelle: Wenn es jemanden gibt, der mit dem Brustton der Überzeugung behauptet, dies oder jenes sei der Wille Gottes, dann ist die Sache meist mehr als zweifelhaft. Den Willen Gottes zu erforschen ist ein schwieriges Unterfangen und niemand, der aus solch einem Prozess herauskommt, tritt hier als strahlender Sieger hervor.

Auch bei den Aposteln, wie hier berichtet wird, ist es ja nicht so, dass einer allein entscheidet und hervorprescht und den anderen auf einmal auf die Nase bindet, was der Wille Gottes ist, wie z. B. Petrus. Nicht einmal er besitzt das Charisma, in dieser entscheidenden Situation unfehlbar den Willen Gottes anzuzeigen.

Stattdessen suchen die Brüder nach einem Verfahren, das für sie Gewissheit bringen kann. Das ist nur allzu realistisch und entspricht dem Wesen des christlichen Glaubens, der sich in der Geschichte entwickelt durch Erfahrung und Reflexion. Doch wissen auch die frühen Christen hier etwas von einer unmittelbaren Einwirkung oder Inspiration Gottes, aber eben nicht so, als würde sie durch einen autoritären Erlass gegeben. Aber das Verfahren, den Prozess, den sie anstreben, halten sie für biblisch. Denn die Wahl des Apostels steht natürlich in direkter Verbindung mit dem Schicksal des Judas, der nach dem Wort der Propheten und der Heiligen Schrift seinen Weg gegangen ist, wie es im Voraus gesagt worden war, und wie es offensichtlich Gottes Willen entsprochen hat. Dieses war so geschehen gemäß dem Worte Gottes und nun sollte auch die Nachwahl in gleicher Weise verhandelt werden, eben gemäß dem Willen und Worte Gottes.

Doch was soll „gemäß dem Willen und Worte Gottes“ heißen?

Nicht selten versuchen es manche Christen mit Bibel-Aufschlagen. Unter Pfarrern geht ein christlicher Witz um: Es hätte jemand, der den Willen Gottes unmittelbar aus der Heiligen Schrift ermitteln wollte, einmal folgende Methode angewandt: Mit geschlossenen Augen hat er in seiner Bibel geblättert und dann mit dem Finger in sie hineingestochen und ist auf folgende Stelle gekommen: „Und er ging hin und erhängte sich.“ (Mt 27, 5) Nicht ganz so zufrieden mit dieser Bibelstelle hatte er es noch einmal probiert, blätterte ein zweites Mal, stach mit dem Finger ins Buch und las: „Gehe hin und handle ebenso!“ (Lk 10, 37) Also, mit einem einfachen Wort aus der Bibel ist es nicht getan, nicht auf die eine oder andere orakelhafte Weise und sei sie auch noch so eng mit der Bibel verknüpft.

Eine andere landläufige Meinung besteht darin, dass die Frage nach dem Willen Gottes gänzlich nichts, aber auch gar nichts mit uns zu tun hat, mit dem, was wir wollen, denken, fühlen, wonach wir uns sehnen. Wir hätten uns, um den Willen Gottes zu erkennen und zu tun, gänzlich selbst zu verleugnen. In unserer Geschichte von der Apostelwahl wird deutlich, dass es sich um eine sehr eingeschränkte Wahl handelt. Die Apostel treffen erst einmal einige grundlegende

Vorentscheidungen für diese Wahl und stellen ganz klare Kriterien auf, die eben auch nach ihrem besten Wissen und Gewissen dem Willen Gottes entsprechen sollen. Dieser zwölfte von den Jüngern, der hier gewählt werden soll, muss einer von denjenigen sein, die von Anfang an dabei waren und er muss Zeuge von Johannes dem Täufer an bis zur Himmelfahrt gewesen sein. Nur so könne er von der Auferstehung Zeugnis ablegen.

Schließlich kommen sie auf zwei Männer, auf Joseph, auch Barabbas genannt, der nach jüdischer Gepflogenheit noch den Beinamen Justus trägt, und auf Matthias. Barabbas bedeutet so viel wie „Sohn des Sabbas“ oder vielleicht auch „am Sabbat geboren“. Und Justus heißt „der Gerechte“ und ist ein häufig geführter Beiname. Beide Männer werden im ganzen Neuen Testament nicht weiter erwähnt. Die spätere christliche Legendenbildung rechnet Joseph zu den 70 Jüngern und im Papiasfragment, einer alten christlichen Quelle, wird er noch genannt.1 Zu Matthias ist uns außer seiner jüdischen Herkunft nichts Persönliches bekannt.

Die Brüder fällen hier also eine Vorentscheidung und bitten Gott bei der Frage nach seinem Willen lediglich um einen Rat über einen sehr engen Bereich, den sie schon vorher abgegrenzt hatten. Es könne ja nur einer von diesen beiden Männern sein. Ein anderes Beispiel aus dem Alten Testament zeigt, dass es auch anders laufen kann. Bei der Auswahl des Königskandidaten zum Nachfolger Sauls (1.Sam 16, 1-13) werden alle Söhne Isais dem Samuel vorgeführt, fast alle, eben bis auf David, der als zu jung und noch zu unerfahren galt. Von dem...



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