Johnson Kongo: Kriege, Korruption und die Kunst des Überlebens
aktualisierte und erweiterte Auflage
ISBN: 978-3-86099-958-5
Verlag: Brandes & Apsel
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-86099-958-5
Verlag: Brandes & Apsel
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Der Autor: Dominic Johnson ist Afrikaredakteur der taz und leitet das taz-Auslandsressort. Sein Arbeitsschwerpunkt ist das Afrika der Großen Seen. Er bereist den Kongo und die Region mehrmals im Jahr.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Politikwissenschaft Politikwissenschaft Allgemein Politische Studien zu einzelnen Ländern und Gebieten
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Weltgeschichte & Geschichte einzelner Länder und Gebietsräume Geschichte einzelner Länder Afrikanische Geschichte
- Interdisziplinäres Wissenschaften Wissenschaften Interdisziplinär Regionalwissenschaften, Regionalstudien
Weitere Infos & Material
Inhalt
Vorwort
Kapitel 1
Gewalt und Gedenken: Die Entstehung des Kongo
Der Kongolesische Sonderweg
Am Rande der grünen Hölle
Sansibar gegen Brüssel: Der Kampf um Zentralafrika
Ausplünderung eines unbekannten Landes
Fremde im eigenen Land: Das Kolonialsystem
Die Kolonie verschwindet
Der alte Kongo taucht neu auf
Die Erfindung neuer Traditionen
Kapitel 2
Zaire, ein Zwischenspiel
Die Erfindung Zaires
Der Staat verfällt
Die Rettung des Staates scheitert
Überleben unter der Diktatur
Kapitel 3
Konfliktherd Kivu
Zwischen Kongo und Ruanda
Nationalitätenkonflikte spalten die Menschen
Der Völkermord in Ruanda
Flächenbrand in Kivu
Kapitel 4
Zwei Kriege um die Macht im Kongo
Kabila stürzt Mobutu
Kabila bringt keinen Frieden
Der zweite Krieg beginnt
Stellungskrieg in einem geteilten Land
Der große Frieden naht
Kapitel 5
Leben und Sterbenlassen: Hinter den Kulissen des Krieges
Eine humanitäre Katastrophe ungeheuren Ausmaßes
Hilfe und Selbsthilfe
Milizenkriege zerstören Ostkongo
Die Kriegswirtschaft der Warlords
Kapitel 6
Demokratisierung ohne Frieden
Vom Friedensvertrag zur Übergangsregierung
Warlords, vereint und verfeindet
Wahlkampf und Wahlschlacht
Kapitel 7
Die Dritte Republik und der dritte Krieg
"Um jeden Preis die Ordnung wiederherstellen"
Aufstieg und Fall des Laurent Nkunda
Kreisläufe der Gewalt
Ein neuer Staat, aber keine Erneuerung
Kapitel 8
Die Kunst des Überlebens
Die Menschen im Schatten der Schattenwirtschaft
Rückkehr der Konzessionswirtschaft im Bergbau
Der missratene Kampf gegen "Blutmineralien"
Kapitel 9
Ein ewig unfertiges Land
Entzauberung der Demokratie: Das Wahldebakel von 2011
Entzauberung des bewaffneten Kampfes: Die M23-Rebellion
Nationale Identität, lokale Zwietracht
Anhang
Endnoten
Historischer Überblick
Wichtige Volksgruppen
Wichtige Personen
Abkürzungen
Namens- und Sachregister
Karten
Vorwort
Dieses Buch ist das Ergebnis von fast zwei Jahrzehnten intensiver Beschäftigung mit der Demokratischen Republik Kongo (früher Zaire) als Journalist, mit insgesamt 23 Reisen in das Land. Anfang der 90er Jahre war Zaire auf der internationalen Bühne nichts weiter als ein besonders düsteres Beispiel einer heruntergewirtschafteten afrikanischen Diktatur, deren Weg in eine politische Krise vorgezeichnet war. Dass das Land später Zentrum einer blutigen und vielschichtigen Serie bewaffneter Konflikte werden würde, die große Teile Afrikas in seinen Bann zieht, konnte damals niemand ahnen.
Je tiefer Zaire, ab 1997 Demokratische Republik Kongo, im Krieg versank, desto erstaunlicher war die Karriere des Landes in der internationalen Öffentlichkeit: Kongo lenkte nach Ende der ersten, spektakulären Phase des bewaffneten Umsturzes nicht etwa die Aufmerksamkeit der Welt auf sich, sondern wurde zu einem verdrängten Konflikt, und zwar umso mehr, je schlimmer die Lage erschien. Das Ausmaß des Kongo-Krieges schien jeden Versuch von Befriedung aussichtslos zu machen, seine Komplexität und internationalen Verwicklungen schienen jeden Versuch von Erklärung von vornherein zu durchkreuzen. Sorgfältige Beschreibung und Analyse waren die Ausnahme. In der breiteren internationalen Wahrnehmung blieben vor allem zwei Dinge hängen: Millionen Menschen seien einem unverständlichen Krieg zum Opfer gefallen, und das Land werde von fremden Konzernen und Armeen ausgeplündert. Beides zusammen ergab eine Kombination rassistischer Vorurteile - Kongo als Inbegriff eines unzivilisierbaren Afrikas, wo hemmungslos gemordet wird - und holzschnittartiger Verschwörungstheorien - Kongo als Opfer finsterer Mächte, die ein Land dahinraffen, um an Bodenschätze zu kommen. Der gemeinsame Nenner dieser beiden überheblichen Sichtweisen, die sich oft ergänzen: die Kongolesen sind keine mündigen Subjekte ihrer eigenen Geschichte. Sie sind entweder Barbaren oder Marionetten, schlimmstenfalls beides.
In diesem Buch wird versucht, den Kongo nicht zu mystifizieren, sondern zu erklären. Kriege und Krisen im Kongo sind nicht weniger rational als anderswo auf der Welt, und sie sind auch nicht komplizierter. Sie liegen, wie überall, in der Geschichte des Landes und seiner politischen Entwicklung begründet und ihr Entstehen und Verlauf ist logisch nachvollziehbar, wenn man sich auf die einzelnen Akteure und Interessenlagen einlässt und diese über die Zeit verfolgt. Denn die Akteure handeln gemäß ihrer eigenen Interessen, in allerdings zuweilen beängstigender und unerbittlicher Konsequenz. Es gibt kein finsteres Komplott unsichtbarer Mächte, und die Kongolesen haben nie die Kunst des Überlebens verlernt, obwohl die meisten von ihnen in großer Unsicherheit und Elend leben und die Kriegsführer außerordentlich skrupellos mit ihnen umgehen. Warum das so ist, ergibt sich aus der Geschichte des noch relativ jungen Landes Kongo. Die besonderen Umstände seines Entstehens, seiner Kolonialisierung und Entkolonialisierung haben den Kongo in Weisen geprägt, die vieles der späteren Tragik begründen.
Um all dies zu verdeutlichen, wird hier der historischen Darstellung der Geschichte und vor allem der chronologischen Abläufe des Krieges breiter Raum eingeräumt. Die Rekonstruktion der Kriegsgeschehnisse und ihres Vorlaufs auch im Detail ist Voraussetzung dafür, das Land heute zu verstehen. Genutzt werden dafür die sehr umfangreichen tagesaktuellen Original-Nachrichten aus der gesamten Zeit seit 1996: Internationale Nachrichtenagenturen wie AFP und Reuters, der UN-finanzierte Nachrichtendienst IRIN, Kongos Tagespresse, der 2001 eingestellte US-amerikanische Analysedienst New Congo Net, die 2000 einsetzenden wöchentlichen Lageberichte der humanitären Koordinationsstelle OCHA der Vereinten Nationen. Sie haben den Vorteil, aus der unmittelbaren Gegenwart heraus geschrieben worden zu sein, nicht als spätere Analysen im Lichte späterer Ereignisse, und illustrieren damit die Logik des Konflikts in all seinen Wendungen besonders klar.
Eine sinnvolle Nutzung dieser Primärquellen ist nur vor dem Hintergrund der vielen persönlichen Beobachtungen und Erkenntnisse möglich, die im Laufe der Jahre in Kinshasa, Goma, Bukavu, Butembo, Bunia, Lubumbashi, Matadi und anderen Orten des Kongo gewonnen werden konnten. Eine besondere Rolle dabei spielen die Erfahrungen und Einsichten aus zahlreichen Aufenthalten in Nord-Kivus Provinzhauptstadt Goma und der Mitarbeit mit dem dortigen kongolesischen Pole Institute, ein interkulturelles Konfliktforschungsinstitut, das es sich zur Aufgabe macht, unterschiedlichen Interessen in der Region eine Möglichkeit zum friedlichen Austausch zu bieten und damit Perspektiven des Weiterlebens inmitten des Krieges zu eröffnen. Diese Langzeitbeobachtung des Konflikts aus seinem Epizentrum heraus hat es möglich gemacht, hinter Schlagzeilen und Verlautbarungen kostbare Einblicke in die oft verborgene Welt des alltäglichen Umgangs mit dem Krieg zu gewinnen.
Bezug wird selbstverständlich auch auf bestehende Veröffentlichungen und zeitgenössische Berichte genommen. Dies wird in Fußnoten kenntlich gemacht, sofern es nicht sowieso auf den genannten Primärquellen beruht. Und es werden eigene Erkenntnisse und Überzeugungen auch dann vertreten, wo sie in kontroverser Weise von ansonsten allgemein anzutreffenden Behauptungen abweichen oder diese signifikant ergänzen. Auch darauf wird jeweils hingewiesen.




