E-Book, Deutsch, Band 2, 496 Seiten
Reihe: Anymore-Duet
Johnson We don’t lie anymore
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7363-1646-1
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 496 Seiten
Reihe: Anymore-Duet
ISBN: 978-3-7363-1646-1
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wenn deine Gefühle wie ein tosender Sturm über dich hereinbrechen ...
Ein Jahr ist vergangen, seit Josephine Valentine ihrem besten Freund Archer Reyes ihre wahren Gefühle offenbarte und dieser ihr das Herz brach. Was Josephine nicht weiß: Archer hat gelogen, um sie zu schützen. Und hat sich damit genauso sehr verletzt wie sie. Um den Schmerz hinter sich zu lassen, fügte sich Josephine dem Wunsch ihrer Eltern und arbeitete im Ausland für das Familienunternehmen - weit weg von ihren Erinnerungen. Aber nun ist sie zurück in Cormorant House und nimmt an, dass Archer längst als BaseballStar am College gefeiert wird. Niemals hätte sie erwartet, dass sie ihn in einem Sturm mitten auf dem Meer wiedersehen würde, als er erneut ihr Leben rettet ...
'WE DON'T TALK ANYMORE besteht aus so viel mehr als nur aus Worten und Buchstaben, die Geschichte ist voller Leidenschaft, Trauer, Einsamkeit, Echtheit, Liebe. Diese Geschichte ist einfach voller Leben.' @ ZWISCHENZEILENUNDGEDANKEN
Zweiter Band des ANYMORE-Duetts
Julie Johnson lebt in Boston und schreibt gefühlvolle Liebesgeschichten. Sie ist gern auf Reisen und trinkt mehr Kaffee, als ihr guttut.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. KAPITEL
Josephine
Das weitläufige steinerne Anwesen ragt vor mir auf wie ein Unheil verkündender Schatten, der immer größer wird, während die Limousine langsam die kreisförmige Einfahrt hinaufrollt. Ich schließe die Augen, konzentriere mich auf das Geräusch – Reifen, die auf importiertem Erbsenkies knirschen – und versuche, um den Kloß herumzuatmen, der in meiner Kehle feststeckt.
Ich bin zu Hause.
Ein Jahr an einem anderen Ort hätte genügen sollen, um die schmerzhaften Erinnerungen, die untrennbar mit diesem Anwesen verbunden sind, verblassen zu lassen. Doch als mir der Chauffeur vom Rücksitz hilft und mein Gepäck die Stufen zum eindrucksvollen Haupteingang von Cormorant House hinaufträgt, wird mir klar, dass kein noch so langer Zeitraum jemals genügen wird. Weder ein Jahr, noch ein Jahrzehnt, noch ein ganzes Leben.
Die Narben sind einfach viel zu tief.
»Werden Sie ganz allein in diesem zugigen alten Kasten zurechtkommen, Miss?«, fragt mein Fahrer. Er runzelt in väterlicher Sorge die Stirn, während er sich umschaut.
Ich folge seinem Blick und betrachte das vertraute Anwesen. Trauerweiden wiegen sich im Wind. Die frühen Sommerblätter hängen schwer an ihren Ästen. Makellos gepflegte Formschnitthecken stehen entlang der Einfahrt Spalier wie grüne Wächter in der Nacht. Der Rasen, der sich den Hügel hinab in Richtung Meer erstreckt, ist in blasses silbriges Mondlicht getaucht. Selbst aus dieser Entfernung kann ich hören, wie die Wellen sich an den Felsen brechen wie ein melancholisches Metronom.
Das Anwesen ist wunderschön, aber kalt.
Farblos.
Wie ein dunkler Wald aus einem finsteren Märchen.
Ich hole tief Luft, um mich zu sammeln, und wende mich an den Fahrer. »Ich werde zurechtkommen.«
»Wenn Sie das sagen.« Er pfeift leise. »Hier draußen an den Klippen ist es ziemlich dunkel, deswegen habe ich gefragt. Aber ich schätze, dass Sie daran gewöhnt sind, wenn Sie hier aufgewachsen sind …« Seine Wangen nehmen einen leichten Rotton an. »Entschuldigen Sie mein dummes Geschwätz. Sie müssen nach dem langen Flug erschöpft sein. Ich werde mich dann mal wieder auf den Weg machen. Es sei denn, Sie wollen, dass ich Ihnen das Gepäck ins Haus trage …«
»Nein, das schaffe ich schon.«
»Sind Sie sicher? Am Telefon betonte Mr Beaufort mit allem Nachdruck, dass ich Sie sicher nach Hause bringen soll …«
»Und das haben Sie getan.« Ich lächle mit zusammengepressten Lippen, greife in meine schwarze Lederclutch von Yves Saint Laurent und hole einen nagelneuen Fünfzigdollarschein heraus. »Danke.«
Er nickt respektvoll, bevor er das Trinkgeld einsteckt und die Stufen hinunter zur Limousine zurückgeht. Ich warte, bis die Rücklichter am anderen Ende der Einfahrt verschwinden. Dann tippe ich den Zugangscode für die Haustür ein und betrete die gewölbeartige Eingangshalle. Meine Schritte hallen laut auf dem Marmorboden wider. Die Rollen meines Koffers singen in der Dunkelheit einen unheilvollen Refrain.
Dieses Haus hat sich für mich schon immer so angefühlt, als würde es hier spuken, allerdings selten so sehr wie in diesem Augenblick, in dem ich von mit weißen Laken bedeckten Möbeln umgeben bin und sich die Schatten von draußen dicht an jede Fensterscheibe pressen. Hinter jeder Ecke scheinen Geister zu lauern – sie sind jedoch nicht das Ergebnis paranormaler Aktivität, sondern die Bruchstücke meiner eigenen schmerzhaften Erinnerungen, die unsichtbar, aber doch eindeutig vorhanden im Raum hängen.
Erinnerungen an ein Leben, das ich einst führte.
An ein Mädchen, das ich früher einmal war.
Ich lasse mein Gepäck in der Nähe der Tür stehen und gehe von Zimmer zu Zimmer, um überall das Licht anzuschalten und die leere Villa mit Helligkeit zu fluten. Staub wirbelt auf, als ich die Laken von den Möbeln zerre und eine Ansammlung kunstvoll gearbeiteter Antiquitäten zum Vorschein bringe. Hier in Cormorant House wurde der Form schon immer mehr Bedeutung beigemessen als der Funktion – ein Sofa, das man aus der Ferne bewundert, auf dem man sich aber so gut wie nie wohlfühlt, wenn man tatsächlich darauf Platz nimmt; ein Perserteppich, der so kunstvoll gewebt ist, dass man sich kaum traut, einen Fuß daraufzusetzen, und nur mit leichten Schritten darüberhuscht; Teetassen aus Porzellan, die viel zu zerbrechlich sind, um gedankenverloren aus ihnen zu trinken. In diesem Haus herrscht keine heimelige Atmosphäre, keine Gemütlichkeit. Hier herrscht nur eine allgegenwärtige Leere, die mit klammen Fingern über die Haut kriecht.
Die einzige Wärme, über die dieser Ort je verfügte, kam von dem Haushälterpaar, das in dem kleinen Cottage am Rand des Grundstücks wohnte. Flora und Miguel Reyes – meine persönlichen Heizkörper in der Ecke eines Eisschlosses. Rückblickend hätte ich mein Überleben vermutlich nicht von etwas anhängig machen sollen, das sich so leicht entwurzeln und umsiedeln lässt. Mir hätte klar sein müssen, dass die Menschen, die ich einst als Ersatzeltern ansah, in keiner Weise dazu verpflichtet waren, für immer bei mir zu bleiben.
Trotzdem …
Sie hätten sich wenigstens verabschieden können.
Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass das selbst nach all diesen Monaten nicht immer noch wehtäte. Die lapidare Erklärung, die mir meine Mutter letzten Sommer lieferte, beschwichtigte mich kaum – und konnte auch meine verletzten Gefühle nicht lindern.
Miguel hat ein Jobangebot in seiner alten Heimat Puerto Rico angenommen, teilte Blair mir gleichgültig mit, ohne auch nur den Blick von ihrer Zeitung zu heben. Sie sind bereits fort. Sie haben ihre Sachen gepackt und Cormorant House letzten Monat verlassen. Oh, nun schau doch nicht so missmutig drein, Liebling. So ist es für alle am besten. Und jetzt iss deine Frittata, bevor sie kalt wird. Wir haben in zwanzig Minuten eine Besprechung mit dem Marketingteam von VALENT.
Ich wusste, dass eine Rückkehr hierher ohne die Familie Reyes nicht das Gleiche sein würde. Ich dachte, dass ich damit umgehen könnte. Aber in der verlassenen Küche zu stehen, ohne dass Floras sanftes Summen die Leere ausfüllt, ohne dass mir Miguel kurz zuzwinkert, um mir ein Lachen zu entlocken … macht mir klar, wie sehr ich mich geirrt habe. Die Schwermut ist allumfassend. Meine Einsamkeit ist rasiermesserscharf. Sie scheint mit jedem Atemzug in meinen Brustkorb zu schneiden.
Ich drehe den Wasserhahn am Spülbecken auf, streiche mir das lange blonde Haar aus meinem Gesicht zurück, beuge mich vor und trinke Wasser direkt aus dem Hahn. Ich stille meinen Durst mit verzweifelten Schlucken. Wenn meine Mutter hier wäre, würde mein Mangel an Manieren sie regelrecht entsetzen. Allerdings wäre sie wohl nicht ganz so entsetzt, wie sie es sein wird, wenn sie erfährt, dass ich die Schweiz – und meine Praktikumsstelle – ohne Vorankündigung verlassen habe.
In diesem Fall hatte ich jedoch kaum eine andere Möglichkeit. Wenn ich meine Eltern über meinen Plan, nach Manchester-by-the-Sea zurückzukehren, informiert hätte, hätten sie alles in ihrer Macht Stehende getan, um ihn mir auszureden. Um mich noch für einen weiteren Sommer in Genf zu behalten, damit ich an ihrer Seite für ihre Organisation VALENT arbeite. Ich weiß genau, mit welcher Überzeugungskraft sie ans Werk gehen können – hätte ich ihnen die Gelegenheit gegeben, hätten sie womöglich erreicht, dass ich meinen Studienbeginn an der Brown University ein weiteres Mal aufschiebe und ein zweites Brückenjahr einlege, statt mit dem Studium zu beginnen.
Aber das kann ich nicht zulassen.
Das werde ich nicht zulassen.
Nicht, dass die vergangenen zwölf Monate nicht gut gewesen wären. Mitunter waren sie sogar toll. Genf ist eine umwerfende Stadt voller Geschichte, Kultur, internationaler Geschäfte, Kunst … und, völlig unerwartet, Liebe. Durch die Zusammenarbeit mit Vincent und Blair bei VALENT habe ich zum ersten Mal in meinem Leben tatsächlich das Gefühl gehabt, mir ihre Zuneigung verdient zu haben. Sie haben mir im letzten Jahr mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht als in den gesamten achtzehn Jahren zuvor.
Doch so gut die Dinge auch sein mögen, so glücklich ich mir auch einrede zu sein … ist da doch diese hartnäckige, kleine Stimme in meinem Hinterkopf, die mir ständig zusetzt – die mir die Frage stellt, wie ich nur so weit weg von zu Hause landen konnte, so weit weg von allem, von dem ich dachte, dass ich es wollte. Diese Stimme flüstert mir tief in der Nacht zu, dass dieses neue Leben nicht das ist, was ich für mich selbst gewählt hätte, wenn ich die Chance gehabt hätte.
Was ist mit dem College?
Was ist mit dem Modedesignstudium?
Was ist mit den großen Träumen, eines Tages dein eigenes Label zu gründen?
All diese Fragen sind unbeantwortet geblieben und haben sich von einem gedämpften Summen zu einem lauten Gebrüll entwickelt, das mich keuchend aus dem tiefsten Schlaf aufschrecken lässt. Das plötzliche klaustrophobische Gefühl, das die aktuellen Umstände meines Lebens in mir auslösen, lastet mittlerweile so schwer auf mir, dass mir an manchen Tagen sogar das Atmen schwerfällt. Das Lachen. An solchen Tagen gehe ich durchs Leben wie ein Roboter oder eine Maschine auf Autopilot.
Ich brauche eine Pause von alldem – von den Vorstandssitzungen und den Familienabendessen, von der erdrückenden Last der Erwartung auf meinen Schultern. Ich brauche ein...




