E-Book, Deutsch, Band 1, 320 Seiten
Reihe: Waterland
Jolley Waterland - Aufbruch in die Tiefe
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7336-0349-6
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 1
E-Book, Deutsch, Band 1, 320 Seiten
Reihe: Waterland
ISBN: 978-3-7336-0349-6
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dan Jolley begann im Alter von 19 Jahren mit dem Schreiben. Er schreibt Comics, Filmromane (z.B. Star-Trek) und Storyboards für Videospiele. Mit »Waterland« startet er eine mehrbändige epische Fantasyserie. Dan lebt mit seiner Frau und einer Handvoll träger Katzen im Nordwesten von Georgia, USA.
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1
Tausendfünfhundert Meter über dem Meeresspiegel öffnete Jacob Overland die Tür zu seinem Schlafzimmer einen Spaltbreit und lauschte. Er glaubte nicht, dass sein Bruder Tristan und Onkel Sato schon wach waren – und tatsächlich kamen die einzigen Geräusche in dem Penthouse von Tristans gedämpftem Schnarchen und dem leisen Knarzen und Ächzen der sachte schwankenden Turmfestung. Also schlich Jacob sich hinaus in den Flur und weiter zur Eingangstür.
Sein Onkel Sato, der Gouverneur der Turmfestung, hatte ihm erklärt, dass diese ein wenig schwanken – etwas nachgeben . Sonst würden die heftigen Stürme, die über das Meer hinwegfegten, die Mauern des großen Turmes zertrümmern und alles in die Tiefe stürzen.
Am fernen Horizont lugte die Sonne gerade eben über die Wellen und tauchte die vereinzelten Wolken in ein blasses, silbriges Pink. Jacob wusste, dass er sich beeilen musste. Heute würden die Leute früher auf den Beinen sein als sonst. Denn heute war .
Das war schlichtweg der aufregendste Tag des Jahres, jedenfalls wenn es nach Jacob ging. Der Tag, an dem Leute von sämtlichen Trockensiedlungen im weiten Ozean zur reisten, um die erstaunlichsten Dinge zu kaufen und zu verkaufen. Exotische Lebensmittel, vorflutliche Gegenstände – sowohl echte als auch nachgemachte –, brandneue Technologien. Bei dem Gedanken daran bekam er vor Aufregung Schmetterlinge im Bauch.
Doch jetzt hatte Jacob erst einmal etwas anderes vor. , dachte er.
Jacob musste absolut leise sein. Zumindest, wenn er weiterhin hinunterschleichen und seinen Freund King besuchen wollte, einen Seelöwen. Jacob weigerte sich, King als sein Haustier zu bezeichnen; Freunde passte besser. Bloß lebte der eine Freund im Meer und konnte tun und lassen, was er wollte, während der andere dafür sorgen musste, dass sein Onkel nichts von den Ausflügen hinunter zum Pier mitbekam.
Nicht nur hatte Onkel Sato Jacob verboten, ohne Begleitung auf den unteren Ebenen herumzuspazieren, auch verstießen Wasserhaustiere gegen die Gesetze der Turmfestung – selbst für den Neffen des Gouverneurs. Besonders für den Neffen des Gouverneurs. Jacobs Onkel schärfte ihm immer wieder nachdrücklich ein, dass er als Mitglied der hochrangigsten Familie der Turmfestung den anderen Bewohnern ein gutes Beispiel sein müsse. Und dass sein Verhalten sich auf das Gouverneursamt auswirke und auf die strenge Hierarchie, die die Turmfestung zusammenhielt: In ihrer Gesellschaft hatte jeder seinen Platz, jeder seine Aufgabe. Wenn die Menschen begannen, diese Ordnung anzuzweifeln, könnte das die Turmfestung zerstören. Somit riskierte Jacob mit seinen heimlichen Ausflügen mehrmals die Woche nicht nur, die Wut seines Onkels auf sich zu ziehen, sondern gefährdete – anscheinend – auch die Zukunft der Turmfestung selbst. Jacob verdrehte die Augen. Sein Onkel übertrieb es gerne mal etwas mit der Strenge, aber Jacob wollte seine Theorie auch nicht unbedingt auf die Probe stellen. Das hieß also: ganz, ganz leise sein!
Vor dem Zimmer seines Bruders Tristan hielt Jacob inne. Tristan wusste über King Bescheid, und als sie noch jünger waren, hatte er sich oft zusammen mit Jacob rausgeschlichen und mit dem Seelöwen gespielt, ihm Fische zugeworfen oder manchmal auch Krebsfleisch. Doch in letzter Zeit – seit Tristan älter geworden war und Mädchen viel mehr Aufmerksamkeit schenkte als seinem kleinen Bruder – machte Jacob sich meistens allein auf den Weg. Nach kurzem Zögern öffnete er die Tür zu Tristans Zimmer und schlüpfte hinein.
Wie üblich lag sein Bruder schräg auf dem Bett ausgestreckt, die Decke um sich herumgewickelt. Für Jacob sah das immer aus, als würde Tristan in einem Kokon schlafen. Eine Schulter schaute heraus, und Jacob schüttelte sie sanft, sprach leise.
»Tristan. Tristan! Ich geh runter zum Pier. Willst du mit?«
Tristan grunzte, schnitt eine Grimasse und zog sich das Kissen über den Kopf. Er murmelte etwas, das wie »Grummel« klang.
Jacob hob eine Ecke des Kissens gerade so hoch, dass eines von Tristans Augen zum Vorschein kam, welches sich geöffnet hatte und ihn missmutig anblickte. »Was soll das denn bitte für ein Wort sein, Tristan?«
Tristan befreite einen Arm, schnappte sich sein Kissen und holte damit ein paarmal sanft in Jacobs Richtung aus, als würde er eine Motte wegscheuchen. Jacob musste lachen, und Tristan antwortete: »Ich frage mich, wie wohl Leute ohne kleine Brüder schlafen?« Tristan ließ das Kissen fallen, setzte sich auf und reckte ausgiebig die Arme. »Besser als ich, da wette ich mit dir. Hör mal, ich hab ’nen großen Tag vor mir. Und so gerne ich King mit dir besuchen würde, ich hab leider keine Zeit. Gib ihm einen Fisch von mir, ja?«
Jacob schnaubte, seufzte übertrieben und ließ die Schultern sinken. »Naaa gut. Du bist echt ein totaler Langweiler geworden.«
Tristan zuckte die Achseln. »Kann schon sein. Aber jetzt beeil dich besser. Im Turm wird heute ganz schön viel los sein.«
Jacob winkte Tristan halbherzig zu, als er aus dem Zimmer ging.
Dann den Flur hinunter und durch die Eingangshalle – doch bevor er die Penthouse-Tür öffnete, blieb er kurz vor einem hohen Spiegel stehen und beäugte seine Aufmachung, die er gern als sein »Kostüm« bezeichnete.
Statt der feinen seidenen Kleidung, die Onkel Sato ihm immer kaufte, trug Jacob heute Morgen eine einfache, triste, graubraune Kluft, die aus einer Kappe, einem Kittel und Kniehosen bestand, wie sie sonst die Reinigungskräfte trugen.
Mehr als einmal hatte Jacob in seinen zwölf Lebensjahren versucht, mit Kindern auf den unteren Ebenen Freundschaft zu schließen. Nie war es ihm gelungen. Entweder weigerten sie sich schlichtweg, mit ihm zu sprechen, oder sie wurden, falls sie doch einen Versuch wagten, von einem der Erwachsenen weggescheucht. Letzten Sommer hatte Jacob gedacht, endlich einen Freund gefunden zu haben, einen Jungen in seinem Alter mit Namen Oric, aber sie hatten lediglich eine Runde Murmeln spielen können, bevor Orics Mutter gekommen war und ihrem Sohn die Ohren langgezogen hatte. »Das is’ der Neffe vom Gouverneur«, hatte die Frau gezischt, während sie Oric fortschleifte. »Der Gouverneur will nich’, dass einer von seiner Familie sich mit jemandem wie dir abgibt!«
Jacob dachte lieber nicht darüber nach, als er jetzt das Penthouse verließ und sich zu einer der Hintertreppen schlich. Er huschte vorbei an kunstvoll geschnitzten Holztüren, verziert mit korallenförmigen Reliefs und Bildnissen von Göttern, die die Menschen in der Alten Welt verehrt hatten. Durch Fenster in den Türen, die zum Glück nur teilweise aus grünem Milchglas bestanden, erhaschte er Blicke auf golden gestrichene Korridore, ausgestattet mit Teppichvorlegern aus Walrossfell und hell erleuchtet von dem warmen Licht muschelförmiger Wandlampen. Ein paar Männer und Frauen, gekleidet in den Farben hochrangiger Beamter und Gouverneursgehilfen, traten, gähnend und hastig an einem Frühstück kauend, aus ihren Zimmern. Normalerweise schlich Jacob sich so früh hinaus, dass er auf seinem Weg zum Pier selten anderen Menschen begegnete. Doch heute, am , waren viele Leute schon auf den Beinen – es war »ganz schön viel los«, wie Tristan gesagt hatte. Keiner der Frühaufsteher nahm jedoch Notiz von Jacob: Personen, die diese Treppe benutzten, waren ihre Aufmerksamkeit nicht wert, waren bloß Bedienstete der oberen Ebenen, wie Reinigungskräfte, Wäschereipersonal und Köche. Ein paar Stockwerke tiefer, wo sich die Turmfestung verbreiterte, waren die Türen und Korridore einfacher gestaltet: Auf diesen Ebenen lebten die Technologen und Verteidigungsbeauftragten, die dafür zuständig waren, die Turmfestung mit kampfbereiten Booten und Befestigungsanlagen rundherum auszustatten. Jacob hörte die gedämpften Stimmen junger Leute, wie sie plauderten und lachten: Brüder und Schwestern, Cousins und Freunde, die Tür an Tür in enger Gemeinschaft aufwuchsen – genau, wie Jacob es sich sein Leben lang gewünscht hatte, anstatt im Penthouse allein und von allen abgeschnitten zu sein. Neid versetzte ihm einen Stich, doch Jacob schob das Gefühl beiseite. Ja, vielleicht hatte er keine Freunde in seinem Alter. Und vielleicht hatte Tristan nicht mehr so viel Zeit für ihn wie früher, was ihn zugegebenermaßen ziemlich schmerzte. Aber wenigstens hatte er noch King!
Als Jacob die Industrie- und Technik-Ebenen erreichte, musste er sich einen anderen Weg als üblich suchen, um die heute so viel geschäftigeren Korridore zu vermeiden. Er lief durch eine Reihe von Türen in eine große Halle. Leise ging er an den glänzenden Metalltüren einiger Expressaufzüge vorbei und trat auf einen Außenbalkon mit Eisenreling hinaus, der auf einem Umweg zu den Lastenaufzügen führte und über den manchmal Gegenstände transportiert wurden, die für die innen liegenden Korridore zu groß waren. Einen Augenblick lang blieb er stehen, hielt mit einer Hand die Kappe auf seinem Kopf fest, während der Wind vom Meer um ihn herumpfiff, und staunte einfach nur.
Jacob würde sich an diesem Anblick niemals sattsehen.
Die Turmfestung fiel zum Wasser hin ab, ein riesengroßer, aus dem Meer aufragender grauer Berg, erbaut aus Beton und Stahl und Glas und dem Trotz der Menschheit. Unendlicher Ozean erstreckte sich nach allen Seiten, der gewaltige Turm war das einzige Anzeichen menschlicher Zivilisation. Jacob wusste, dass die Turmfestung nicht die...




