E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Jones Corregidora
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98568-040-5
Verlag: Kanon Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-98568-040-5
Verlag: Kanon Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gayl Jones wurde 1949 in Kentucky geboren, wo sie auch heute noch zurückgezogen lebt. Sie hat am Wellesley College und der University of Michigan gelehrt. »Evas Mann« aus dem Jahr 1976 ist ihr zweiter Roman. Ihr erster Roman »Corregidora« aus dem Jahr 1975, erschien 2022 bei Kanon. Zuletzt erschienen von Gayl Jones der Roman »Palmares« (2021), der auf der Shortlist für den Pulitzer Prize stand, sowie »The Birdcatcher« (2022), der für den National Book Award nominiert war.
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1.
1947 hatten Mutt und ich geheiratet. Ich sang damals im Happy’s Café drüben auf der Delaware Street. Er fand nicht gut, dass ich nach der Hochzeit weiter singe, er hätte mich schließlich geheiratet, um für meinen Unterhalt zu sorgen, sagte er. Ich sagte, ich singe nicht bloß wegen meinem Unterhalt. Ich sagte, ich singe, weil ich einfach muss, aber das hat er nie begriffen. Geheiratet hatten wir im Dezember 1947, und im April 1948 ist Mutt betrunken ins Happy’s gekommen und hat gesagt, wenn ich nicht sofort von der Bühne gehe, holt er mich runter. Ich hab mich nicht vom Fleck gerührt, und ein paar Männer haben Mutt rausgeschmissen. Bei den ersten paar Songs hab ich ihn noch durchs Fenster kucken sehen, er sah betrunken und böse aus, dann war er nicht mehr zu sehen, und ich hab gedacht, er ist nach Hause und ins Bett, um seinen Rausch auszuschlafen. Ich bin immer zum Hinterausgang rausgegangen. Man muss ein paar schmale Stufen runter und durch eine kurze Gasse und ist beim Drake Hotel, wo Mutt und ich damals lebten. Ich hab Gute Nacht gesagt und bin hinten raus.
»Ich bin dein Mann. Du hörst auf mich, nicht auf die.«
Ich hab ihn erst gar nicht gesehen, weil er hinter der Tür im Schatten stand. Ich hab ihn erst gesehen, als er mich um die Taille gepackt hat und ich mich losreißen wollte.
»Mir gefällt nicht, dass die Männer mit dir rummachen«, sagte er.
»Macht keiner mit mir nicht rum.«
»Mit den Augen schon.«
Genau da bin ich gestürzt.
Die Ärzte im Krankenhaus haben gesagt, die Gebärmutter muss raus. Mutt und ich waren danach nicht mehr zusammen. Ich ließ ihn nicht mal ins Krankenhaus, mich besuchen, als ich wieder wusste, was los war. Sie haben gesagt, er wär gekommen, als ich nicht wusste, was los war. Sie haben gesagt, ich hätte ihn im Delirium wegverwünscht, und die Ärzte und Schwestern gleich mit.
Tadpole McCormick, Kaulquapp, hieß der Mann, dem das Happy’s Café gehörte. Er war der Typ Nigger aus Hazard, Kentucky, kantiges Kinn und hohe Wangenknochen. Ich hab im Happy’s schon gesungen, als es noch Demosthenes Washington gehörte, ungefähr zwei Jahre, bevor Tadpole es übernommen hat. Ich hab nie rausgekriegt, wie es zu dem Namen Happy’s gekommen ist, ich hab nie einen Besitzer mit Namen Happy kennengelernt. Tadpole hat seinen eigenen Namen daher, hat er erzählt, dass er als Kind immer in Kaulquappentümpeln rumgemacht hat. Er ist ins Krankenhaus gekommen, als ich wieder Besuch kriegen durfte.
»Gehts dir denn, U. C.?« Er hat sich nicht auf den Stuhl am Bett gesetzt, er stand nur da.
»Geht so.«
»Hab gehört, du hast ziemlich wüst rumgeflucht, als du krank warst.«
»Yah.«
Er sagte nichts weiter. Ich sah ihm an, dass er verlegen war. Ich bot ihm an, sich hinzusetzen. Er sagte: »Nah, danke.« Dann sagte er: »Tja, ich wollte dir bloß erzählen, dass er Hausverbot hat, also der macht dir keinen Ärger, wenn du wieder ins Café kommst.«
»Bei mir hat er auch Hausverbot. Was macht ihr so in der Zwischenzeit?«
»Hab ne kleine Combo geholt. Eddy Paces Band.«
»Ah ja.«
Er sagte nichts.
»Weißt du, was passiert ist?«, fragte ich.
Er nickte.
»Hast du schon mal das Gefühl gehabt, dass dir was unter der Haut rumkrabbelt?«
Er nickte nochmal.
»Taddy, bringst du mich nach Hause, wenn ich hier raus darf?«
Er sagte Ja.
Als ich nach Hause durfte, brachte er mich nicht zurück ins Drake. Er hatte drei Zimmer über dem Happy’s. Ich schlief auf einem Sofa, das man zum Bett ausziehen konnte. Er schlief auf einem Sofa, das man nicht ausziehen konnte. Ich war noch schwach, und die Fäden von der Naht würden noch lange nicht rauskommen. Das Erste, was er mir kochte, war Gemüsesuppe. Er selber aß nichts. Er saß am Bett.
»Bin froh, dass du nicht dachtest, ich meine mit nach Hause ins Drake.«
»Im Drake hat er kein Hausverbot«, sagte er.
Die Suppe war gut, aber ich trank nur die Brühe. Ich hatte dauernd das Gefühl, ich muss mich gleich übergeben.
»Ich dachte, du isst mehr«, sagte er.
»Nah, ich hab keinen großen Hunger. Mein Magen ist immer noch empfindlich von den ganzen Flüssigkeiten, die sie mir verpasst haben.«
Es war abends, aber ich hörte nicht die leiseste Musik von unten.
»Wo isn die Combo?«
»Ich hab denen für heute Abend abgesagt.«
»Und die Geschäfte?«
»Du bist wichtiger als Geschäfte.«
Ich sagte nichts. Ich sah ihm wieder an, dass er verlegen war. Er nahm die Suppenschüssel und ging in die Küche. Als er wiederkam, sagte er: »Sind allerdings Leute da, die was trinken wollen.« Dann sagte er: »Ich geh mal runter. Komme später nochmal nachsehen, ob du was brauchst.«
»Ist gut.«
Er ging.
Als er zurückkam, schlug ich die Augen auf.
»Ich dachte, du schläfst«, sagte er.
»Nein.«
»Solltest du aber. Wie fühlst du dich?«
»Immer noch schwach. Ist auch gar nicht so sehr ein Gefühl im Körper.«
»Was dann für eins?«
»Als ob ein Teil meines Lebens schon besiegelt ist – der unfruchtbare Teil.«
»Man kann von ner Frau nicht erwarten, dass sie sowas leicht nimmt.«
»Und von nem Mann?«
»Du meinst Mutt? Du hast doch nicht vor, zu ihm zurückzugehen?«
»Nein, ich meine irgendeinen Mann.«
»Wenn ich das wäre, mir wär das egal. Was andere Männer angeht, keine Ahnung.«
Ich sagte nichts. Vielleicht hatte ich mir gewünscht, dass er das sagt, aber richtig gewollt hatte ich es nicht.
»Jetzt ist mir nach Schlafen«, sagte ich.
Er schaltete das Licht bei mir aus und ging in das andere Zimmer, das mit dem Sofa. Er schloss die Tür.
Ich lag auf dem Rücken und fühlte mich, als wär mir mehr als die Gebärmutter rausgenommen worden. Als er unten war, sah ich mir wieder die Nähte quer überm Bauch an. Wenn die Fäden raus wären, würde ich wieder arbeiten gehen, das und … Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich Tadpole zu etwas dränge. Dass unsere Unterhaltung darauf hinauslief. Etwas, das ich brauchte, aber nicht zurückgeben konnte. Ich konnte gerade eine Menge nicht zurückgeben. Natürlich würde ich mich von Mutt scheiden lassen … Ich schlief ein.
Als Tadpole am nächsten Morgen kam, starrte ich an die Decke.
»Hast du gar nicht geschlafen?«
»Doch. Ich war nur früh wach, sonst nichts.«
»Sie haben gesagt, du darfst Saft zum Frühstück haben. Noch nichts Festes.«
»Du hältst dich an deren Speiseplan?«
»Yah.«
Er ging in die Küche und kam mit einem Saft zurück. Während ich trank, ging er die Bettpfanne leeren. Als er wiederkam, stand er da und musterte mich. Ich verzog die Stirn, sagte aber nicht, er soll das lassen. Ich trank aus und gab ihm das Glas. Er brachte es weg und kam wieder und musterte mich weiter.
»Was ist denn, Taddy?«
»Nichts. Ich geh jetzt runter.«
»Ist gut. Sonst wolltest du nichts?«
»Ich komme nachher nochmal nach dir sehen.«
Er musterte mich noch einen Moment lang.
»Was ist denn?«
»Der Arzt sagt, du sollst in ein paar Wochen zur Nachuntersuchung kommen. Ich fahr dich.«
»Ist gut.«
Er ging nach unten.
Als er wiederkam, schlief ich, wurde aber wach, sowie die Tür aufging.
»Gut geschlafen?«
»Yah.«
»Cat Lawson hat dir Hühnersuppe gekocht.«
»Sag ihr danke.«
»Hab ich.«
Catherine Lawson wohnte direkt gegenüber vom Happy’s. Sie glättete den Leuten die Haare. Sie war keine gelernte Friseurin, aber die Leute gingen trotzdem zu ihr und zahlten ihr ein paar Dollar.
Er schob einen kleinen Tisch heran und holte einen Löffel aus der Küche und zog die Folie von der Schüssel.
»Ich bring dir lieber erst noch deine...




