Jones | In den Weinbergen von Vinarosa | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 770 Seiten

Jones In den Weinbergen von Vinarosa

Roman - Für alle, die nicht genug bekommen von mutigen Frauen in der Geschichte
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-988-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman - Für alle, die nicht genug bekommen von mutigen Frauen in der Geschichte

E-Book, Deutsch, 770 Seiten

ISBN: 978-3-96655-988-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine Frau in den Stürmen des Schicksals: Der mitreißende Roman »In den Weinbergen von Vinarosa« von Alexandra Jones jetzt als eBook bei dotbooks. In einer Zeit, in der nur noch die Hoffnung Licht spenden kann ... Katalonien, 1932: Mit gebrochenem Herzen reist die junge Ravenna zu ihrem Großvater nach Spanien, auf die prachtvolle Weinplantage Vinarosa. Hier hofft sie, zurück zu ihren Wurzeln zu finden - und sich von den Erinnerungen an den amerikanischen Arzt Keir Devlin befreien zu können, eine Liebe scheinbar ohne jede Hoffnung. Doch schon kurze Zeit später wird das Land durch einen Bürgerkrieg erschüttert. Inmitten dieser Unruhen trifft Raven erneut auf Keir - und es beginnt ein gefährlicher Tanz, dessen Ausgang für sie beide im Ungewissen liegt ... Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der große Schicksalsroman »In den Weinbergen von Vinarosa« von Alexandra Jones. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

Die britische Autorin Alexandra Jones wurde in Indien geboren, wo ihre britischen Eltern die letzten Tage der Kolonialherrschaft erlebten und Indien und Pakistan unabhängig wurden. Auf britischer Seite setzte sie setzt sich für Pakistans Übergang zu einem eigenständigen Staat ein. Später kehrte sie mit ihrer Familie nach England zurück und lebt heute mit ihrem Mann und drei Söhnen in Devon. Sie ist Autorin von zahlreichen historischen Romanen, die in verschiedene Sprachen übersetzt wurden. Ebenfalls bei dotbooks erschienen sind ihre historischen Romane »Das Vermächtnis von Kilmorna House«, »Mandalay - Der Traum von Freiheit«, »Indara - Über den goldenen Dächern von Siam«, »In den Weinbergen von Vinarosa«, »Die englische Ärztin«, »Der Klang der neuen Welt«, »Der Sommer vor dem Sturm«, »Glengarth - Jahre des Schicksals«, »Glengarth - Zeiten der Hoffnung«, »Glengarth - Tage des Glücks«. Die »Glengarth-Saga« sowie die Exotikromane »Indara«, »Mandalay« und »Samsara« sind auch als Sammelband erschienen. Auch als Sammelband erschienen sind »Die englische Goldschmiedin« und »Der Sommer vor dem Sturm«.
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Kapitel 1


Dublin:

Silvesterabend 1922

Die ganz Reichen mochten draußen in St. Stephen’s Green leben, aber am vornehmen Merrion Square zu wohnen mit seinen rostroten Backsteinhäusern und den gediegenen Haustüren aus massivem Holz, war das Nonplusultra professioneller Respektabilität.

Ravenna Mealdow Quennell, die in Bälde ihren zehnten Geburtstag feiern würde, betrachtete sich selbst als einen echten Profi ihres Fachs und als eine RIP (RIP stand in ihrem Leute-Ausspionierbuch für ›respektable, intelligente Person‹), obwohl Timothy der Meinung war, daß Leute zu bespitzeln und zu erpressen alles andere als respektabel war, es sei denn, man konnte sich damit seinen Lebensunterhalt und ein bißchen mehr als das verdienen. Raven nahm sich seinen Rat zu Herzen, und Spionage gewann für sie eine völlig neue Bedeutung.

Sie erweiterte ihren Beobachtungsradius, der bisher auf den Speiseaufzug und die nach Staubwedel und Lavendelpolitur riechende Besenkammer beschränkt gewesen war, und stellte fest, daß das breite Fenstersims im Kinderschlafzimmer ein weiterer bestens geeigneter Auslug war, von dem man einen hervorragenden Blick auf das hatte, was draußen in der Welt geschah. Von hier aus konnte sie ganz genau beobachten, wer mit wem ausging, welche Schichten der sozialen Hierarchie sich vermischten oder wenn sich einer der Lon-Dubbers unschicklich benahm. Bald schon entdeckte sie, daß die oberen und unteren Klassen sehr viel gemeinsam hatten, denn es war ihnen beiden egal, wer sie dabei beobachtete, wie sie sich unziemlich benahmen, während die von der Mittelschicht die Vorhänge zuzogen und so taten, als seien sie nicht zu Hause.

Vom rein finanziellen Standpunkt aus betrachtet, erwies sich Erpressung und Spionage jedoch als ein ziemlich enttäuschendes Geschäft. Doch es gab auch positive Seiten. Auf jeden Fall war es tausendmal besser, als für Cassy irgendwelche Tücher mit Sinnsprüchen wie ›Trautes Heim, Glück allein‹ oder ›Kinder sind die Engel Gottes‹ oder ähnlichem Unsinn zu besticken. Die langweilige Stickerei hatte ihr noch nie Spaß gemacht, und wenn sie mal nicht so genau arbeitete, ließ Cassy sie das Ganze wieder auftrennen und sie mußte noch einmal von vorne anfangen. Außerdem war Spionage weitaus lehrreicher als zum Beispiel die öden Rechtschreibübungen oder das Auswendiglernen des kleinen und großen Einmaleins bei der Hauslehrerin Miß Lockwood, die sowieso stocktaub war.

»Ich sehe es noch genau vor meinem inneren Auge.« Raven kniff die Augen fest zusammen, um anzudeuten, welch enorme Konzentration es sie kostete, sich alle Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen.

Sonny und Roxana warteten mit angehaltenem Atem auf die Enthüllung eines weiteren interessanten Skandals oder zumindest einer spannenden Geschichte. Diesmal hatte es etwas mit den Freunden ihrer Mutter zu tun, die von gewissen Leuten, die Lady Quennell und ihr Gefolge für langweilig und oberflächlich hielten — was sie als RIP disqualifizierte —, als ›Lon-Dub-Clique‹ bezeichnet wurden. Lon-Dubbers mußten reich und gutaussehend sein, einen Titel haben und für gewöhnlich unbedeutend sein, um am Merrion Square willkommen zu sein. »Amery und die Frau mit dem Schal... Ich sehe sie genau vor mir, gestern abend auf dem Rücksitz des Daimlers. Und es war nicht Lyra.« Raven öffnete die Augen, um die Wirkung ihrer Enthüllung abzuschätzen.

Timothy bezeichnete ihre unbestrittenen Spionagequalitäten als Tetra-Wahrnehmung. Tetra, so erklärte er den von Natur aus weniger intelligenten Mädchen und dem noch zu jungen Sonny, sei ein viereckiges, extraterrestrisches Wort, das mehr bedeute als bloß einfach ›super‹. Tetra schlug voll ein: »Sieh dir bloß Amerys tetra-neuen Wagen an! Wenn du mich fragst, ist Lyras neues Kleid tetra-scheußlich. Mutter ist wieder mal unterwegs nach New York — auf der Tetra-Mauretania!«

»Der Träger des Blauen Bands ist besser als nur tetra«, befand Sonny.

Sonny war ein wahrhaft echter RIP (ein Genie, wie Cassy sagte), denn er konnte von jedem Stück von Paganini die Sologeige spielen, und Sonny war erst sieben.

Roxana war an weiteren Details interessiert. »Haben sie was gemacht?«

»Was zum Beispiel?«

»Du weißt schon, Raven — poussieren!«

»Wer?«

»Amery und seine neue Flamme.«

»Ach, das meinst du. Ich dachte, wir reden schon über was anderes.«

»Woher willst du wissen, wer es war? Es war stockdunkel, als du auf dem Fenstersims rumgekrochen bist. Außerdem stand Amerys Wagen gar nicht direkt vor dem Haus, sondern ein Stück weg. Nur die La Tart lungerte wie gewöhnlich unter ihrer Laterne herum.«

»Roxana! Woher weißt du das schon wieder? Oder hast du ein eigenes Leute-Ausspionierbuch, nur weil ich eines habe?« Raven bedachte Roxana mit einem finsteren Blick.

»Komm schon, Raven! Wer war es?« fragte Tim, den die ganze Geschichte mit der Tetra-Wahrnehmung allmählich langweilte. Züge zu beobachten, war interessanter als hinter Amery Noughton Peel herzuspionieren.

»Lyra auf jeden Fall nicht. Verheiratete Leute küssen sich nie auf dem Rücksitz eines Autos, außer wenn sie in den Flitterwochen sind. Sie haben ein Bett, in das sie gehen können.«

»Und was ist, wenn sie Obdachlose sind?« wollte Sonny wissen.

»Scht, Sonny! Du störst mich in meiner Konzentration. Obdachlose haben Parkbänke. Lyra war es bestimmt nicht; da bin ich mir sicher. Amery und Lyra streiten sich höchstens auf dem Rücksitz des Daimlers, weil Amery auf den Parties zu viel trinkt und hinter den Mädchen herguckt.« Raven hielt einen Schal in die Höhe. »Ratet.«

»Ich hab nicht die geringste Ahnung«, brummte Tim und gähnte übertrieben. »Komm schon, Raven — rück raus damit.«

Raven wedelte mit dem Schal unter ihren Nasen herum und schnupperte dann selbst daran. »Mmmm! ›Schiaparelli‹! Lyra benutzt ›Mitsouko‹ oder ›Jicky‹ von Guerlain. Der Schal stammt von Woolworth. Amerys Chauffeur hat ihn in den Abfallkorb geworfen, nachdem Amerys Freundin ausgestiegen und wie ein Schatten in der Nacht verschwunden war. Erst dann kam Amery die Straße runtergeschlendert und versuchte auszusehen, als könnte er kein Wässerchen trüben.«

»Ich kann nichts riechen; schon gar kein ›Schiaparelli‹«, stellte Roxana fest. »War es vielleicht Mama, die auf dem Rücksitz des Daimlers mit Amery herumpoussiert hat? Sie nimmt ›Schiaparelli S‹.«

»Das verrate ich nicht«, sagte Raven. »Ihr müßt raten. Aber ich gebe euch einen Tip. Sie sieht aus wie ein Laternenpfahl mit Brille.«

»Wieso hat Amery sein Auto nicht vor dem Haus geparkt wie sonst, wenn die Dame doch mit einem Schal verhüllt war?« wollte Sonny wissen.

»Für den Fall, daß Papa zufällig nach draußen sieht und Mama auf dem Rücksitz von Amerys Daimler erkennt, du Dummi«, sagte Roxana.

»Oh, ich verstehe... Darauf wäre ich nie gekommen, Roxa.«

»Willst du Amery mit dem Schal erpressen?« erkundigte sich Roxana.

»Natürlich tut sie das!« sagte Tim. »Mit dem, was in dem Buch steht, das Raven in der Besenkammer versteckt, können Existenzen vernichtet und Reichtümer angehäuft werden.«

»Woher weißt du, wo ich mein Buch versteckt habe, Tim?« fuhr Raven ihn wütend an.

Tim tippte sich mit dem Finger gegen die Nase. »Tetra-Wahrnehmung, meine Teure. Ich würde es auf jeden Fall dort verstecken, wenn ich vorhätte, die ganze Dienerschaft zu erpressen. Sie würden nicht im Traum daran denken, dort danach zu suchen, weil sie alle einen Riesenbogen um den Besenschrank machen. Außerdem hört man von dort jedes Wort, das in der Küche oder in der Dienstbotenstube gesprochen wird, während man so tut, als würde man seine Schuhe putzen. Aber es hat wenig Sinn, die Dienstboten zu erpressen; für das bißchen, das die verdienen, rentiert es sich nicht, ins Gefängnis zu gehen.«

»Du hast es doch nicht etwa gelesen, Tim? Oder?«

»Natürlich nicht. Ich bin doch kein Schnüffler wie du!«

»Sag schon, Raven!« drängte Roxana ungeduldig. »Wem gehört der Schal, wenn es keiner von Mamas Schals ist?«

»Er gehört Clare Fenchurch!« erklärte Raven triumphierend.

»Clare Fenchurch?« echoten die anderen drei. »Die von der Bücherei?«

Raven nickte gewichtig.

»Aber sie kann sich bestimmt kein Parfüm von Schiaparelli leisten«, stellte Tim höhnisch fest. »Nicht wenn sie bei Woolworth einkauft. Außerdem ist sie eine Intellektuelle. Also genau das Gegenteil von dem, worauf Amery steht.«

»Vielleicht hat Amery es ihr geschenkt?« warf Roxana ein. »Ihr wißt schon: Für geleistete Dienste oder sonst irgendwelche unanständigen Flittchensachen, wegen denen Cassy immer so wütend wird, wenn wir sie fragen, warum die La Tart jeden Abend unter ihrer Laterne steht.«

»Was hast du gegen Woolworth?« wollte Sonny wissen. »Cassy kauft mir dort immer einen Lutscher, wenn wir von der Beichte in Pater Donahoes Kirche nach Hause gehen.«

»Das ist was Katholisches, Sonny, und ich finde, du solltest dich von Cassy nicht mit Lutschern dafür bestechen lassen, daß du all ihren Katastrophenunsinn lernst.«

»Das heißt Katechismus, Roxa, nicht Katastrophe. Und es ist auch kein Unsinn. Ich finde die Geschichten schön; auch wenn es durch das Dach von Pater Donahoes Kirche reinregnet. Und bei Woolworth dürfen alle — nicht nur Katholiken — ihre Lutscher kaufen, Sonny.«

»Wir sind Pro-te-stan-ten!« klärte Roxana Sonny auf. Etwas, das er anscheinend nie richtig in seinen Schädel hineinbekam.

»Ich weiß. Aber ich hab keine Ahnung, was das genau ist.«

»O Sonny! Protestanten...



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