E-Book, Deutsch, 601 Seiten
Jones Samsara - Eine Liebe am Ende der Welt
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-991-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman: Eine schicksalhafte Liebe in der märchenhaften Exotik Südostasiens
E-Book, Deutsch, 601 Seiten
ISBN: 978-3-96655-991-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die britische Autorin Alexandra Jones wurde in Indien geboren, wo ihre britischen Eltern die letzten Tage der Kolonialherrschaft erlebten und Indien und Pakistan unabhängig wurden. Auf britischer Seite setzte sie setzt sich für Pakistans Übergang zu einem eigenständigen Staat ein. Später kehrte sie mit ihrer Familie nach England zurück und lebt heute mit ihrem Mann und drei Söhnen in Devon. Sie ist Autorin von zahlreichen historischen Romanen, die in verschiedene Sprachen übersetzt wurden. Ebenfalls bei dotbooks erschienen sind ihre historischen Romane »Das Vermächtnis von Kilmorna House«, »Mandalay - Der Traum von Freiheit«, »Indara - Über den goldenen Dächern von Siam«, »In den Weinbergen von Vinarosa«, »Die englische Ärztin«, »Der Klang der neuen Welt«, »Der Sommer vor dem Sturm«, »Glengarth - Jahre des Schicksals«, »Glengarth - Zeiten der Hoffnung«, »Glengarth - Tage des Glücks«. Die »Glengarth-Saga« sowie die Exotikromane »Indara«, »Mandalay« und »Samsara« sind auch als Sammelband erschienen. Auch als Sammelband erschienen sind »Die englische Goldschmiedin« und »Der Sommer vor dem Sturm«.
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Kapitel 1
ENGLAND, Sommer 1895
Der bleiche Mond goß sein silbernes Licht über das Uferschilf; reglos wie Schildwachen standen die samtbraunen Rohrkolben und blickten über die trägen Wasser des Flusses. Wasserpflanzen raschelten flüsternd im dunklen Schatten des Ufers, als ein schwarzbraunes Teichhuhn, aufgeschreckt vom Glucksen der Schifferstange und von den sanften Bugwellen des flachgehenden Bootes, die Schar seiner Küken in Sicherheit brachte. Bläßhühner glitten zwischen den Binsen und Weidenbüschen hervor; tanzende Reflexe des Mondlichts auf dem schwarzen Spiegel des Wassers begleiteten ihren überstürzten Aufbruch. Doch wenn das Morgengeschnatter den Glanz der Wasserlilien trübt, sinnierte Lewis, während er den Kahn energisch um die Flußbiegung am Fiddler’s Elbow stakte, dann ist es an der Zeit, nach Hause zu gehen. Schließlich kann man in diesem Leben nicht alles haben, gemahnte er sich streng. Na schön – meldete sich eine innere Stimme –, vielleicht war er wirklich etwas zu wählerisch. Da es so etwas wie Perfektion nirgendwo gab, sollte er entweder tatsächlich nach Hause gehen oder aufhören, Selbstgespräche zu führen, und aus dem, was er hatte, das Beste machen.
Zwischen Sandford Lock und dem Bootshaus von Radley fand er einen einsamen Anlegeplatz und hoffte inständig, das Mädchen würde endlich den Schnabel halten. Sie kicherte in einem fort und scheuchte mit ihrem Gegacker nur die Wasservögel auf.
»Der Eichelhäher antwortet dem Schwatzen der Elster, und die Luft ist erfüllt vom besänftigenden Murmeln des Wassers«, brummte Lewis, während er die Schifferstange, mit der er den Kahn ans Ufer gestakt hatte, aus den Fängen der dicht wuchernden Wasserpflanzen zu befreien suchte. Er vertäute den Kahn am Stamm einer Trauerweide, die ein paar Strähnen ihrer biegsamen Zweige in den Fluß tauchte.
»Wie bitte?«
O Gott! stöhnte er in sich hinein und fragte sich ernsthaft, weshalb er seinen Atem an sie verschwendete. »Wordsworth. Eine Zeile aus Resolution and Independence.«
»Was Sie nicht sagen!«
Wie hatte er sich nur so weit hinreißen lassen können, ohne zu bemerken, daß er zu tief ins Glas geblickt hatte? Er nahm sich vor, Gerald am Morgen nicht zu verschweigen, daß sein Geschmack, was Frauen anbelangte, entschieden ... zu wünschen übrig ließ!
In den frühen Morgenstunden verließ sie ihn, und der einzige Grund, weshalb er sich etwas deprimiert fühlte, war, daß er nun ohne diese, zugegeben angenehme Zerstreuung über den Tag kommen mußte. Ihre Schuhe in einer Hand kletterte sie die Uferböschung empor und war verschwunden. Er kannte nicht einmal ihren Namen.
Die Morgendämmerung löschte den letzten Stern aus, und der Gesang der Vögel ließ Lewis eindösen. Träge trieb der Sonntagmorgen an seinen zufriedenen Sinnen vorüber. Als die Sonne ihren Zenit bereits überschritten hatte, löste das sanfte, doch beharrliche Zerren der Strömung das flüchtig geknüpfte Seil vom Stamm der Trauerweide, und der Kahn trieb flußabwärts. Zögernd, beinahe widerstrebend löste er sich vom Ufer und gewann ganz allmählich an Fahrt. Doch dann erfaßte ihn die Strömung, drehte ihn mehrmals um die eigene Achse und riß ihn mit sich fort – direkt vor den Bug eines Flußdampfers.
Lewis bemerkte nicht, in welcher Gefahr er schwebte. Erst als ihn heisere Stimmen, die er im Traum zunächst für das zänkische Gekrächz von Raben hielt, aus seinem wohligen Schlummer rissen, hob er widerstrebend den Kopf über den Rand des Kahns und wünschte, er wäre an einem weniger frequentierten Ort eingenickt. »La, la, Monsieur! Oh, bon Dieu... qu’est-ce que cet imbecile fait dans son bateau? Monsieur, attention, s’il vous plaît!« Zwar noch völlig benommen, begriff er doch sogleich, in welch großer Gefahr er sich befand – was angesichts des hoch über ihm aufragenden Bugs des Flußdampfers, der ihn selbst und den fremden Kahn jeden Augenblick in Grund und Boden zu bohren drohte, keine allzu große Gedankenarbeit erforderte. Mit einem wilden Satz sprang er kopfüber in den Fluß; nur schemenhaft nahm er das Mädchen in dem weißen Spitzenkleid wahr, das es ihm gleichtat – nur daß sie rückwärts vom Deck der Belle Dame Sans Merci in den Fluß stürzte. Ehe das eiskalte Wasser der Themse über ihm zusammenschlug, zuckte ihm die Frage durch den Kopf, ob er den Namen des Schiffes etwa nur geträumt habe.
»Oh, oh, Monsieur! Ich kann nicht schwimmen!«
Lewis kämpfte mit aller Kraft gegen die klammernden Arme des Mädchens, gegen die Strömung und gegen seine eigene Schwäche. Sie wollte ihn einfach nicht loslassen; wie eine Klette hing sie an seinem Hals und zog ihn immer wieder unter Wasser. Er geriet in ein dichtes Feld von Wasserpflanzen, deren Stengel seine Beine umschlangen, als versuche eine Armee von Kraken, ihn auf den Grund des Flusses zu ziehen. Er schluckte jede Menge Wasser, während vom Sonnendeck des Flußdampfers die Teilnehmer der Flußpartie ihm kluge Ratschläge zur Technik der Lebensrettung zuriefen. Doch keiner dachte daran, ins Wasser zu springen und ihm zu helfen. Dies brachte Lewis nur noch mehr in Rage, als er es bereits war, und der plötzliche Adrenalinschock, der durch seinen Körper flutete, machte in ihm ungeahnte Kräfte frei. Es gelang ihm, die Arme des wild um sich schlagenden Mädchens zwischen seinen und ihren Leib zu pressen. Ohne seinen Griff zu lösen, drehte er sie auf den Rücken, wobei er darauf achtete, daß ihr Gesicht nicht unter Wasser geriet, und paddelte mit dem freien Arm wie ein Hund ans Ufer. Lewis würgte einen Schwall lehmigen Wassers hervor und ließ sich neben dem Mädchen ins Gras fallen.
Sie lag auf dem Rücken, die blaugeäderten Lider fest geschlossen. Ein gurgelndes Keuchen entrang sich ihrer Brust, dann war sie verdächtig still. Er hob den Kopf und warf einen Blick in ihr Gesicht. Sie atmete nicht, und ihr Gesicht lief blau an. Ihre Augen waren jetzt geöffnet und starrten unverwandt in den Himmel empor. Ohne zu überlegen, schlug Lewis ihr die Faust in die Magengrube und begann mit hektischen Wiederbelebungsversuchen. Zitternd vor Kälte, mühsam beherrschter Erregung und den Nachwirkungen des Schocks, kniete er über ihr und flehte sämtliche Götter an, das Mädchen nicht unter seinen Händen sterben zu lassen.
Der Flußdampfer war inzwischen dicht ans Ufer gekommen, doch man hatte Schwierigkeiten, mit der Landungsbrücke festen Grund zu erreichen. Die Leute gingen ihm mit ihren idiotischen Bemerkungen und ihren nutzlosen Ratschlägen allmählich gehörig auf die Nerven. Wütend registrierte er, mit welchen Dummköpfen er aneinandergeraten war. Die kritische Situation war vorüber, als sie ihm endlich zu Hilfe kamen.
Das Mädchen erbrach einen Schwall Flußwasser über seine Manschetten und gurgelte: »Seien Sie nicht so ungeschickt! Sie tun mir weh ...«
Lewis stieß einen zitternden Seufzer der Erleichterung aus und hörte zu pumpen auf. »Ich wollte Ihnen nicht weh tun«, knurrte er heiser und fügte dann, um seine Erleichterung zu verbergen, schroff hinzu: »Ich werde Sie lehren, ohne Schwimmweste auf Deck herumzurennen. Wer um alles in der Welt war dieser Idiot am Ruder?«
Sie ließ sich wieder auf den Rücken rollen und starrte aus grauen, ausdrucksvollen Augen zu ihm empor. Ihr nasses Kleid klebte an ihrem Körper, und durch den dünnen Stoff konnte er ihre festen, kaum entwickelten Brüste erkennen. Er schätzte sie auf dreizehn oder vierzehn, und ihre kecke Bemerkung erweckte in ihm den Verdacht, daß sie ihm entweder etwas vorgespielt hatte, um die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen, oder er in seiner ersten Panik die ganze Situation falsch eingeschätzt hatte.
»Wie kommen Sie dazu, mir Vorschriften machen zu wollen? Schließlich sind Sie nicht mein Vater!« Sie sprach bemerkenswert gut englisch, allerdings mit einem Akzent, den er sofort als russisch erkannte. Russische Adlige sprachen untereinander häufig französisch, und Lewis vermutete, daß dies der Grund war, weshalb sie ihn in Französisch aus seinem Schlummer gerissen hatten; Französisch ging ihnen offenbar leichter von der Zunge als ihre Muttersprache.
»Sie erholen sich verblüffend schnell, mein Fräulein. Und wäre ich tatsächlich Ihr Vater, ich hätte Sie zu Hause gelassen«, schnaubte Lewis wütend. Allmählich wich der Schock von ihm, und er verspürte den brennenden Wunsch, dieser ganzen Schiffsladung von Idioten gehörig seine Meinung zu sagen. »Sie und Ihre ganze Sippschaft sind eine Gefahr für jedes zivilisierte Sonntagsvergnügen. Der Fluß ist doch viel zu schmal für ein Schlachtschiff wie dieses ... dieses Monstrum dort, das auf dem besten Weg ist, sich selbst zu versenken. Und wer um alles in der Welt war dieser Idiot, der Sie über das Deck gejagt hat?«
»Das war Kirsten, mein Bruder. Und ich glaube, Sie sind zu jung, um mein Vater zu sein.«
»Ach ja?« Finster blickte er auf sie hinab und betrachtete sie zum ersten Mal genauer. Mit ihrem langen, kastanienroten Haar sah sie aus wie eine zerzauste Meerjungfrau. Wenigstens kam allmählich wieder etwas Farbe in ihr Gesicht. Nun erst, da sie außer Gefahr war, dachte er daran, sich selbst genauer in Augenschein zu nehmen. Die Hose seines Abendanzugs war hoffnungslos verdreckt und voller Grasflecken; das Jackett, das er zusammengerollt und als Kissen benutzt hatte, dürfte inzwischen mitsamt dem Kahn wohl längst irgendwo jenseits des Abingdon-Wehrs treiben. Das Mädchen traf von allen Beteiligten wohl die wenigste Schuld an der Kollision, und sein Ärger konzentrierte sich auf den kurzsichtigen Freizeitkapitän und den Rest der ganzen Gesellschaft. Das Klappern von hohen Absätzen auf der Landungsbrücke, die nach mehreren...




