E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Jones Schamanenpass
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30719-3
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman. Ein Fall für Nathan Active (2)
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-293-30719-3
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stan Jones, geboren 1947 in Anchorage, lebt nach wie vor in Alaska. Er hat als Journalist für fast alle großen Zeitungen in Alaska gearbeitet, war als Nachrichtenchef bei Radio Kotzebue und hat etliche Journalistenpreise erhalten. Als Spezialist für Umweltpolitik und als begeisterter Buschpilot weiß Stan Jones genau, wovon er in seinen Romanen erzählt. Aus erster Hand gibt er Einblicke in die Kultur der Inupiat in der Person des eigenwilligen Polizisten Nathan Active und dessen Abenteuern in der Arktis.
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1
Soll ich das Ding herausziehen?«
Die Polizeisanitäterin von Chukchi ließ sich neben den sterblichen Überresten von Victor Solomon auf die Knie fallen und sah fragend hoch zu Nathan Active, dem Alaska State Trooper.
Active steckte die Schutzkappe auf das Objektiv seiner Nikon, schob die Kamera unter den Parka, zog den Reißverschluss hoch, streifte die Fäustlinge über und dachte über die Frage der Sanitäterin nach. Sein Blick schweifte über Victor Solomons Fischfanglager auf dem Eis der Chukchi Bay. Er hasste solche Augenblicke mehr als alles andere am Schauplatz eines gewaltsamen Todes. Der Instinkt sagte ihm, dass der Ernst der Stunde ein respektvolles Vorgehen gebot und jede Frage so tiefgründig sein sollte wie das Hinübergehen einer menschlichen Seele ins Jenseits, falls es denn ein solches gab.
Stattdessen lief es immer auf dieselbe Art von profanen Entscheidungen hinaus: Sollte man den Schaft, der etwa einen Meter zwanzig weit aus Victor Solomons Brust herausragte, an Ort und Stelle belassen? Dann konnte der Gerichtsmediziner, der die Autopsie durchführte, ihn persönlich entfernen und dabei alles festhalten, was in Bezug auf die Wunde und Victor Solomons Tod von Wichtigkeit sein mochte.
Oder sollte man ihn lieber herausziehen, um den Transport der Leiche mittels Schneemobil und Akhio von Victors Weißlachs-Camp über zwölf Kilometer Meereis bis zur Stadt Chukchi zu erleichtern? Active wandte sich um und blickte zurück. Der Ort war durch die milchige Luft undeutlich als eine Reihe dunkler Rechtecke am Horizont zu erkennen.
Vera Jackson, die Sanitäterin, deutete auf den Fiberglas-Akhio, der hinter ihrem Schneemobil angekoppelt war, ein Arctic Cat in den Farben Blau und Schwarz. »Da drauf wird die Leiche ziemlich herumholpern. Dabei könnte sich die Wunde vergrößern. Oder die Harpune könnte herausrutschen und verloren gehen.« Der Wind peitschte ihr die rabenschwarzen, mit eisgrauen Strähnen durchsetzten Haare in die glänzenden, dunklen Augen. Sie blinzelte und stopfte die Haare unter die Kapuze ihres Parkas zurück.
Active wandte sich wieder der Leiche auf dem Eis zu und betrachtete den Schaft der Harpune. Der obere Teil war aus dunklem, verwittertem Holz, allem Anschein nach sehr alt. Der Wind hatte ihn seit Victors Tod vor einer noch ungewissen Anzahl von Stunden mit Schnee überzuckert, aber es war noch deutlich zu erkennen, dass das Holz sorgfältig zu einem glatten und runden Schaft bearbeitet worden war.
Die untere Hälfte bestand aus Elfenbein und war mit einer Art handgearbeitetem, widerstandsfähig aussehenden Riemen am Holz befestigt – Rohleder oder Sehne wahrscheinlich. Der Teil aus Elfenbein verschwand direkt unter dem Brustbein in Victors Oberkörper.
Active stampfte mit seinen Sorel-Stiefeln auf dem schneebedeckten Eis, schlug die Fäustlinge gegeneinander und kehrte dem schneidenden, von Westen heranpfeifenden Wind den Rücken zu. Warum sollte jemand einen alten Mann wie Victor Solomon umbringen, und warum gerade mit einer antiken Harpune, falls es sich um eine solche handelte? Warum nicht etwas Schnelles und Sicheres verwenden, eine Pistole zum Beispiel?
Und warum nicht wenigstens an einem wärmeren Tag?
»Vielleicht könnten wir die Harpune direkt oberhalb des Elfenbeinteils zerlegen«, schlug Active vor. »Den Riemen durchtrennen, der die beiden Teile zusammenhält.« Er hoffte, dass auf diese Weise gleichzeitig das Beweismaterial erhalten und der Transport erleichtert würde. »Haben Sie eine Säge dabei, Vera?«
Die Sanitäterin erhob sich aus ihrer knienden Position neben Victor und rümpfte die Nase in der Inupiat-Geste für Nein. »Als ich gehört habe, dass er frei zugänglich neben seinem Weißlachs-Loch liegt, habe ich keine weitere Ausrüstung eingepackt. Wir nehmen nur dann eine Säge mit, wenn wir sie aus einem Auto oder Flugzeug herausschneiden müssen oder etwas in der Art.«
Active sah zu den beiden Zivilisten hinüber, die sich in Hörweite aufhielten, und hob fragend die Augenbrauen. »Habt ihr eine Säge dabei?«
Einer war ein Inupiat-Teenager namens Darvin Reed, der zum Weißlachsangeln hergekommen war. Er war es auch gewesen, der Victor tot auf dem Eis gefunden und per Handy die Polizeizentrale in Chukchi verständigt hatte. Active hatte ein leises Staunen nicht unterdrücken können, mitten auf dem Meereis ein Handy anzutreffen. Sicher, es gab keinen Grund, warum die Arktis oder die Inupiat für das Vordringen moderner Technologie weniger zugänglich sein sollten als der Rest der Welt. Oder weniger anfällig dafür. Und trotzdem.
Der andere Zivilist war Darvins Anglerfreund, ein weißer Junge. Er hieß Willie Samuels. Active hatte die beiden gebeten zu warten, und sie beobachteten die Vorgänge von den Sitzen ihrer Schneemobile aus. Beide schüttelten verneinend den Kopf, als Active nach einer Säge fragte.
Ein halbes Dutzend weiterer Zuschauer hielt sich in etwa fünfzig Meter Entfernung auf. Ein paar davon waren schon bei Actives und Vera Jacksons Eintreffen am Tatort gewesen. Der Rest war nach und nach eingetrudelt. Active hatte sich ihre Namen und Telefonnummern notiert – oder die Hausnummern, wenn sie kein Telefon hatten – und sie dann weggescheucht, als sich herausstellte, dass Darvin und Willie die eigentlichen Entdecker der Leiche waren.
Active überlegte, ob er bei den Gaffern nach einer Säge herumfragen sollte, als Willie ein Klappmesser herauszog und es öffnete. »Sie könnten es damit versuchen, wenn Sie wollen.«
Active begutachtete das Messer. Die Klinge war mehr als zehn Zentimeter lang, viel länger als die des Leathermans an seinem Gürtel. Er sah Vera an.
»Ich glaube, wenn wir es mit dem Messer da versuchen, rütteln wir so an der Harpune herum, dass wir gleich alles so lassen können, wie es ist. Die Riemen sehen mir sehr nach Ugruk-Haut aus. Extrem zäh.« Sie betrachtete Victor. »Aber ich könnte versuchen, sie herauszuziehen. Ganz langsam und vorsichtig. Vielleicht kann ich sie lockern, ohne dass die Wunde zu sehr aufgerissen wird.«
»Ist sie nicht festgefroren?«, fragte Active.
Vera schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, höchstens ein bisschen um das Loch herum. Er ist noch nicht sehr angefroren, wegen der warmen Kleidung. Es muss letzte Nacht passiert sein, würde ich sagen.«
Active erwog ein paar Sekunden lang das Für und Wider. »Versuchen Sie, den Schaft nicht mehr zu berühren als unbedingt nötig«, sagte er schließlich. »Wir müssen ihn noch nach Fingerabdrücken untersuchen.«
Darüber machte er sich allerdings keine allzu großen Sorgen. Wenn man bedachte, dass die Temperatur momentan bei etwa minus fünfzehn Grad lag und es in der Nacht noch ein paar Grad kälter gewesen war, schien es höchst unwahrscheinlich, dass der Mörder die Harpune mit bloßen Händen geführt hatte. Fingerabdrücke waren nur eine entfernte Möglichkeit.
Vera nickte und kniete sich wieder neben der Leiche hin. Sie öffnete einen Koffer, den sie zuvor neben Victor abgestellt hatte, streifte die Handschuhe ab und nahm eine Schere heraus. Der Reißverschluss von Victors schwerem Parka hatte offen gestanden, als die Harpune in seine Brust gedrungen war, aber Vera musste trotzdem noch durch eine Daunenweste, ein kariertes Wollhemd und ein Unterhemd schneiden, die alle mit gefrorenem Blut durchtränkt waren, bis sie die Eintrittswunde freigelegt hatte.
Sie legte die Schere beiseite, zog die Handschuhe wieder an, packte den Schaft mit beiden Händen und ruckelte leicht daran. »Sieht so aus, als würde die Spitze festsitzen«, sagte sie. »Muss glatt durch ihn durchgegangen sein und am Rücken eine Rippe erwischt haben. Oder das Rückgrat.«
Sie rüttelte abermals am Schaft, machte dann eine leichte Drehbewegung und schon ging es. Überraschend leicht glitt der Schaft mit einem feuchten Schmatzen aus Victors Brust. Vera taumelte nach hinten, fing sich aber schnell wieder. Dann sahen sie sich die fünfundzwanzig oder dreißig Zentimeter blutbeschmiertes Elfenbein an.
Mit einem Ausdruck der Überraschung deutete Vera auf die Spitze, die überhaupt keine Spitze war, sondern ein gleichmäßig abgeschrägter Kegelstumpf, der aussah, als würde er in eine dazu passende Aufnahmehülse gehören. »Ich vermute, die Spitze ist in ihm stecken geblieben.«
Active hörte das Brummen eines näher kommenden Motorschlittens und machte sich darauf gefasst, einen weiteren neugierigen Zivilisten verscheuchen zu müssen. Aber nein. Als er sich umdrehte, erkannte er den roten Parka und die breite, nicht mehr ganz junge Gestalt von Jim Silver, dem Chef der Stadtpolizei von Chukchi.
Der Polizeichef hielt an, stellte sein Schneemobil ab und trat zu Victor Solomons Leiche. Er deutete auf die Harpune in Veras Hand. »Darf ich mal einen Blick drauf werfen?«
Active musterte einen Moment lang das pockennarbige Gesicht seines Gegenübers. »Sicher. Aber wir sind hier außerhalb der Stadtgrenze.«
Silver grinste. »Immer mit der Ruhe, Nathan. Ich weiß, dass ihr Trooper hier draußen zuständig seid, aber ich hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als ich von der Harpune hörte.«
»Harpune? Aber wie …«
»Bei dem Museumsdiebstahl ist eine verschwunden«, sagte Silver. »Das wissen Sie doch, oder?«
Active starrte erst den Polizeichef an, dann die Harpune. »Nein, das wusste ich...




