Jones | Verdammt in alle Ewigkeit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 960 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Jones Verdammt in alle Ewigkeit

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-403668-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 960 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-403668-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein weltberühmter Klassiker der amerikanischen Nachkriegsliteratur, der seinen Siegeszug um die Welt antrat und kurz nach Erscheinen verfilmt wurde. Erzählt wird die Geschichte des einfachen amerikanischen Soldaten Priwitt, der mit seiner Kompanie auf Hawaii stationiert ist. Weil er glaubt, auch als Soldat ein Anrecht auf eine menschliche Behandlung zu haben, beginnt eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Vorgesetzten. ?Verdammt in alle Ewigkeit? zeichnet ein schonungsloses Porträt der amerikanischen Armee auf Hawaii kurz vor der Katastrophe. Mit dem Fall japanischer Bomben auf Pearl Harbor tritt Amerika in den Zweiten Weltkrieg ein.

James Jones wurde am 6. November 1921 in Robinson, Illinois, geboren. Während seines Fronteinsatzes auf Hawaii las er Thomas Wolfe und begann selbst zu schreiben. Sein erster Roman »Verdammt in alle Ewigkeit« erschien 1951 und wurde der größte Bucherfolg der Nachkriegsjahre. Es folgten u. a. die Romane ?Die Entwurzelten? (1959), ?Die Pistole? (1959), ?Kraftproben? (1968), ?Der tanzende Elefant? (1962; deutsche Neuausgabe unter dem Titel ?Insel der Verdammten? 1979) und ?Das Sonnenparadies? (1974). Sein nachgelassener Roman ?Heimkehr der Verdammten?, der letzte Band der großen Kriegs-Trilogie, erschien 1979 in deutscher Übersetzung. James Jones starb am 9. Mai 1977 in Southampton, New York.
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Erstes Buch Die Versetzung


1


Als er mit Packen fertig war, wischte er sich den Staub von den Händen und ging hinaus auf die Veranda des dritten Stocks der Kaserne, ein sauber und etwas schmächtig wirkender junger Mann in seiner Sommeruniform, die noch die Frische des frühen Morgens an sich hatte.

Er legte seine Ellenbogen auf das Geländer und schaute durch die Fliegenfenster auf die ihm so bekannte Szene des Kasernenhofes unter ihm, umgeben von den dreistöckigen Gebäuden mit ihren dunklen Umgängen vor den hellen Betonwänden. Wie sehr er an dem guten Posten hing, den er aufgab, wurde ihm jetzt erst klar.

Unter ihm keuchte das Viereck des Kasernenhofes unter den Schlägen der Februarsonne, schutzlos, wie ein erschöpfter Boxer. Durch das Flimmern der Hitze und den feinen spätmorgendlichen Dunst des ausgetrockneten roten Staubes kam das gedämpfte Gewirr von Geräuschen: das Scheppern von stahlbereiften Karren, das Schlappen geölter Gewehrriemen, der schlürfende Takt verbrannter Schuhsohlen, die heiseren Flüche gereizter Unteroffiziere.

Irgendwann im Laufe deines Lebens sind diese Dinge zu deinem Besitz geworden. Mit jedem Ton, den du hörst, wirst du selbst gesteigert. Und du kannst sie nicht verleugnen, ohne mit ihnen den Zweck deiner eigenen Existenz zu leugnen. Trotzdem, so sagte er sich selbst, negierst du sie dadurch, daß du den Posten aufgibst, den man dir gegeben hat.

Auf dem ungepflasterten Platz in der Mitte des Quadrats quälte sich eine Maschinengewehrkompanie gelangweilt durch die Übungen des Ladedrills.

Hinter ihm in dem hohen Raume hing wie ein wehender Vorhang das gedämpfte Geräusch, das entsteht, wenn Männer gerade erwachen und anfangen, sich zu bewegen. Er lauschte auf diese Töne, hörte auch Schritte näher kommen, während er daran dachte, wie angenehm es für ihn als Mitglied des Musikzuges gewesen war, jeden Morgen lange schlafen zu können und sich erst von den Geräuschen der draußen exerzierenden Kompanie wecken zu lassen. »Du hast doch meine guten Schuhe nicht eingepackt?« fragte er die Schritte. »Die bekommen so leicht Kratzer.«

»Beide Paare stehen auf dem Bett«, sagte die Stimme hinter ihm. »Zusammen mit den sauberen Uniformen, die du nicht zerdrückt haben wolltest. Deine Feldstiefel hab ich im zweiten Sack verstaut.«

»Das ist dann wohl alles, glaube ich«, sagte der junge Mann. Er richtete sich auf und seufzte, wie man seufzt, wenn eine seelische Spannung nachläßt. »Gehen wir essen«, sagte er. »Ich hab noch eine Stunde Zeit, ehe ich mich bei der 6. Kompanie melden muß.«

»Ich denk noch immer, du machst einen schweren Fehler«, sagte der Mann hinter ihm.

»Ja, ich weiß, du hast’s mir gesagt. Zwei Wochen lang täglich. Du verstehst das einfach nicht, Red.«

»Vielleicht nicht«, sagte der andere. »Ich bin kein Gefühlsexperte. Aber eins weiß ich. Ich bin ein guter Hornist und bin stolz darauf. Aber an dich reiche ich nicht ran. Du bist der beste Hornist im Regiment. Vielleicht der beste in den Schofield-Kasernen überhaupt.«

Der junge Mann stimmte gedankenvoll zu. »Das stimmt.«

»Na ja, warum willst du’s dann aufgeben und läßt dich versetzen?«

»Ich will’s ja gar nicht, Red.«

»Aber du läßt dich doch versetzen.«

»O nein, ich laß mich nicht. Du vergißt. Ich werde versetzt. Das ist ein Unterschied.«

»Nu hör aber mal zu«, sagte Red hitzig.

»Hör du zu, Red. Gehen wir rüber zu Choys, und frühstücken wir was. Ehe die ganze Bande hinkommt und seinen Vorrat auffrißt.«

Er machte eine Kopfbewegung nach dem erwachenden Schlafraum hin.

»Du benimmst dich wie ein Kind«, sagte Red. »Du wirst genausowenig versetzt wie ich. Wenn du nicht hingegangen wärst zu Houston und dein Maul aufgerissen hättest, wäre gar nichts passiert.«

»Stimmt.«

»Vielleicht hat Houston dir wirklich seinen jungen Affen als ersten Hornisten vor die Nase gesetzt. Und wenn schon? Das ist eine Formalität. Du hast noch immer deinen Rang. Der Scheißkerl kann höchstens den Zapfenstreich bei Beerdigungen blasen, das ist alles, was er davon hat.«

»Das ist alles.«

»Es wäre anders, wenn Houston dich hätte degradieren lassen und dem Jüngling deine Stellung gegeben hätte. Dann würd ich dir keinen Vorwurf machen. Aber du hast ja noch immer deinen Rang.«

»Nein, den hab ich nicht mehr. Nicht mehr, seit Houston den Alten gebeten hat, mich zu versetzen.«

»Wenn du jetzt zum Alten gehst, wie ich dir’s sage, kostet es dich nur ein Wort, und du hast deinen Rang zurück. Mit und ohne Chefhornist Houston.«

»Stimmt. Und Houstons junger Affe wäre trotzdem noch erster Hornist. Außerdem sind die Papiere schon durch. Gelesen, genehmigt und unterschrieben.«

»Zum Teufel«, sagte Red angewidert. »Mit unterschriebenen Papieren kannst du dir, du weißt schon was, abwischen; mehr sind die nicht wert. Du kannst das Ding drehen, Prew.«

»Willst du mit mir essen«, sagte der junge Mann, »oder willst du nicht?«

»Ich bin pleite«, sagte Red.

»Hab ich dich darum gebeten, zu zahlen? Das geht auf meine Kosten. Ich werde ja versetzt, nicht du.«

»Du sparst besser dein Geld. Die können uns in der Küche was geben.«

»Ich hab keine Lust, diesen Dreck zu fressen, wenigstens nicht heute morgen.«

»Es gab Spiegeleier heute morgen«, verbesserte ihn Red. »Wir können sie noch heiß erwischen. Da, wo du hingehst, wirst du dein Geld brauchen.«

»Ja, ja, von mir aus«, sagte der junge Mann. »Aber laß mir doch den Spaß. Ich will einen ausgeben, weil ich weggehe. Weiter nichts. Willst du nu, oder willst du nicht?«

»Gut«, sagte Red angewidert.

Sie gingen die Treppen hinunter und dann den Fußweg, entlang der A-Kompanie, wo der Musikzug Quartier hatte, überquerten die Straße und gingen am Stabsgebäude vorbei zum Kaserneneingang. Die Sonnenhitze fiel über sie her und drückte sie nieder, als sie die Veranda verließen, und ebenso schnell verschwand sie, als sie den Tunnel betraten, der durch das Stabsgebäude ging und jetzt ›Ausfalltor‹ genannt wurde zur Erinnerung an alte Festungszeiten. Er war in den Farben des Regiments angestrichen und beherbergte in einem lackierten Kasten die größten Sporttrophäen des Regiments.

»Das ist mir ne dumme Geschichte!« sagte Red zögernd. »Du kommst noch in den Ruf, ein Bolschewik zu sein. Du machst unnötigen Ärger, Prew.«

Das Restaurant war leer. Choy Vater und Sohn klapperten hinter der Theke. Der weiße Bart und das schwarze Käppchen verschwanden sofort nach hinten in die Küche, und Choy junior, der junge Sam Choy, bediente sie.

»Hallo, Prew«, sagte Choy junior. »Ich hören, du gehen irgendwann bald auf andere Seite Straße, wie?«

»Genau«, sagte Prew. »Heute.«

»Heute!« Choy junior grinste. »Versetzung heute?«

»Jawohl«, sagte er brummend. »Heute.«

Choy junior, noch immer grinsend, schüttelte traurig seinen Kopf. Er schaute Red an. »Verrückter Hund. Will richtigen Dienst tun, statt Trompete blasen.«

»Hör mal«, sagte Prew, »was hältst du davon, uns unser Essen ranzuschaffen?

»Gut, gut.« Choy junior grinste. »Bringen sofort.«

Er ging hinter die Theke zu der Schwingtür, die in die Küche führte.

Prew sah ihm nach. »Scheiß-Chinese«, sagte er.

»Choy junior ist in Ordnung«, sagte Red.

»Sicher. Auch Choy senior ist in Ordnung.«

»Will nur helfen.«

»Natürlich. Wie andere auch.«

Red zuckte verlegen mit den Schultern, und schweigend saßen sie in der dämmerigen Kühle, lauschten auf das faule Summen des elektrischen Ventilators hoch oben an der einen Wand, bis Choy junior die Eier und den Schinken und den Kaffee brachte. Durch die Flügeltür wehte eine schwache Brise die verschlafen regelmäßigen Glockentöne gleichmäßig bewegter Gewehrschlösser herein, der Ladedrill der Kompanie, ein geisterhafter Vorgeschmack, der Prew den Genuß daran verdarb, während des Morgendienstes anderer zu faulenzen.

»Du prima Nummer«, sagte Choy junior, als er grinsend und seinen Kopf traurig schüttelnd zurückkam. »Du Kapitulantenmaterial.« Prew lachte. »Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich bin ein ›Dreißigender‹!«

Red war dabei, ein Ei zu zerschneiden. »Was wird deine Wahina sagen, dein Hawaii-Mädchen? Besonders, wenn sie rausbekommt, daß du deine Tressen loswirst durch die Versetzung?«

Prew schüttelte den Kopf und begann zu kauen.

»Alles stellt sich gegen dich«, sagte Red vernünftig, »selbst deine Wahina.«

»Ich wollte nur, sie tät’s, grad jetzt in diesem Augenblick richtig gegen mich gepreßt«, grinste Prew.

Red ließ sich nicht zum Lachen bringen. »Private Liebchen wachsen nicht auf Bäumen«, sagte er. »Huren sind in Ordnung. Im ersten Jahr. Für Anfänger. Aber ein gutes Privatliebchen ist schwer zu finden. Zu schwer, als daß man riskieren könnte, es zu verlieren. Du wirst nicht mehr jede Nacht nach Hawaii gehen können, wenn du gewöhnlichen Dienst in einer Infanteriekompanie tust.«

Prew starrte auf seinen runden Schinkenknochen, ehe er ihn in die Hand nahm und das Mark aussaugte. »Ich denke, sie wird sich selbst entscheiden müssen, Red. Wie jeder Mensch es schließlich tun muß. Du weißt, diese Sache lag schon lange in der Luft. Nicht nur, weil Houston seinen kleinen Engel als ersten Hornisten über mich gesetzt hat.«

Red studierte sein Gesicht. Houstons Vorliebe für junge Männer war allgemein bekannt, und Red fragte sich, ob Houston vielleicht versucht hatte, mit Prew vertraulich zu werden. Das konnte es aber nicht sein. Prew würde ihn halb totgeschlagen...


Jones, James
James Jones wurde am 6. November 1921 in Robinson, Illinois, geboren. Während seines Fronteinsatzes auf Hawaii las er Thomas Wolfe und begann selbst zu schreiben. Sein erster Roman 'Verdammt in alle Ewigkeit' erschien 1951 und wurde der größte Bucherfolg der Nachkriegsjahre. Es folgten u. a. die Romane ›Die Entwurzelten‹ (1959), ›Die Pistole‹ (1959), ›Kraftproben‹ (1968), ›Der tanzende Elefant‹ (1962; deutsche Neuausgabe unter dem Titel ›Insel der Verdammten‹ 1979) und ›Das Sonnenparadies‹ (1974). Sein nachgelassener Roman ›Heimkehr der Verdammten‹, der letzte Band der großen Kriegs-Trilogie, erschien 1979 in deutscher Übersetzung. James Jones starb am 9. Mai 1977 in Southampton, New York.

James JonesJames Jones wurde am 6. November 1921 in Robinson, Illinois, geboren. Während seines Fronteinsatzes auf Hawaii las er Thomas Wolfe und begann selbst zu schreiben. Sein erster Roman 'Verdammt in alle Ewigkeit' erschien 1951 und wurde der größte Bucherfolg der Nachkriegsjahre. Es folgten u. a. die Romane ›Die Entwurzelten‹ (1959), ›Die Pistole‹ (1959), ›Kraftproben‹ (1968), ›Der tanzende Elefant‹ (1962; deutsche Neuausgabe unter dem Titel ›Insel der Verdammten‹ 1979) und ›Das Sonnenparadies‹ (1974). Sein nachgelassener Roman ›Heimkehr der Verdammten‹, der letzte Band der großen Kriegs-Trilogie, erschien 1979 in deutscher Übersetzung. James Jones starb am 9. Mai 1977 in Southampton, New York.

James Jones wurde am 6. November 1921 in Robinson, Illinois, geboren. Während seines Fronteinsatzes auf Hawaii las er Thomas Wolfe und begann selbst zu schreiben. Sein erster Roman »Verdammt in alle Ewigkeit« erschien 1951 und wurde der größte Bucherfolg der Nachkriegsjahre. Es folgten u. a. die Romane ›Die Entwurzelten‹ (1959), ›Die Pistole‹ (1959), ›Kraftproben‹ (1968), ›Der tanzende Elefant‹ (1962; deutsche Neuausgabe unter dem Titel ›Insel der Verdammten‹ 1979) und ›Das Sonnenparadies‹ (1974). Sein nachgelassener Roman ›Heimkehr der Verdammten‹, der letzte Band der großen Kriegs-Trilogie, erschien 1979 in deutscher Übersetzung. James Jones starb am 9. Mai 1977 in Southampton, New York.



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