E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Jones Wilderness - Nicht die Wildnis wird dich töten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-99880-2
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-492-99880-2
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
B.E. Jones wurde in einem kleinen Dorf nördlich von Cardiff geboren. Bevor sie Autorin wurde, begann sie eine journalistische Laufbahn bei der Zeitung Trinity Mirror und anschließend als Rundfunkjournalistin bei BBC Wales Today. Dort arbeitete sie an allen Aspekten der Kriminalberichterstattung mit und produzierte Geschichten für Zeitungen und Live-TV. Später war sie als Pressereferentin für die Polizei von Südwales tätig und eng an kriminalpolizeilichen Ermittlungen und Sicherheitsoperationen beteiligt. Diese Erfahrungen mit wahren Verbrechen und Einsichten in die dunklen Seiten der menschlichen Natur fließen in ihre düsteren psychologischen Thriller ein.
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Phoenix, Arizona – Monument Valley, Utah
Gleich nach dem Frühstück in Phoenix trugen wir Sonnencreme auf und machten uns auf den Weg. Es war schon so heiß wie in einem Glutofen, und das grelle Sonnenlicht blendete. Will saß am Steuer, auf meinem Schoß lag die mit bunten Linien und orangefarbenen Kästchen überzogene Karte des »Great State of Arizona«. Wills Aufgabe war es, immer daran zu denken, dass hier Rechtsverkehr herrschte, meine bestand darin, die Strecke durch die Berge und Wüsten zu finden, vor allem wenn wieder einmal das Navi aussetzte. Wir befanden uns in der Landschaft, von der ich jahrzehntelang geträumt und die ich mir all die Zeit ausgemalt hatte. Nicht zu vergessen die Monate der Planung für unseren Trip.
Hätte ich in diesem Moment ein Lifestyle-Foto für einen Zeitschriftenartikel über den »Great American Road Trip« gemacht, dann wäre es mit Sicherheit perfekt geworden: Wir beide mit Sonnenbrille und lächelnd, das strahlende Weiß von Wills Abercrombie-Hemd, meine wehenden Haare vor dem endlosen Asphaltband der Straße.
Seht her, wie locker und aufregend unser Leben ist, hätte das Foto gesagt. Schaut euch Mr und Mrs Taylor an – verheiratet und glücklich, ineinander verliebt, eine Werbung für Abenteuerlust und eine dauerhafte Beziehung. Hier kommen wir, lachend, lächelnd.
Beinahe war es tatsächlich so – das Auto vollgetankt, Steaksandwichs und Mineralwasser in der Kühltasche. Wir waren gut ausgerüstet, wie Flüchtlinge aus der Ersten Welt es eben sind. Beim Davonlaufen vor unserer inneren Krise sollte es zumindest komfortabel zugehen. In unseren Rucksäcken steckten Nalgene-Wasserflaschen und vakuumverpacktes Studentenfutter, schnell trocknende Fleecejacken und Creme mit hohem Sonnenschutzfaktor, hochwirksames Insektenmittel und Antihistaminika – Amulette und Talismane für praktisch jede Eventualität. Als könnten diese Dinge uns vor dem schützen, was auf den Pfaden durch einsame Wälder oder hier bei uns im Auto lauerte, was uns auf jeder einzelnen Meile begleitete und sich schon gierig die Lippen leckte.
Während wir durch sandige Canyons nordwärts fuhren, schienen weit mehr als die vierundzwanzig Stunden vergangen zu sein, seit wir in Manhattan ein Taxi zum JFK-Airport genommen hatten, um in kürzester Zeit in der linken unteren Ecke der Vereinigten Staaten zu landen. Der Inlandsflug nach Phoenix hatte uns praktischerweise 2144 Meilen, acht Staaten und siebenunddreißig Stunden Autofahrt erspart. Wir würden also in aller Ruhe vom Rand des Grand Canyon aus in das größte Loch der Erde schauen können. Und vorher gemütlich durch den gelben Staub des Wilden Westens gondeln, vorbei an den rötlichen Tafelbergen, die in den Western Hollywoods so präsent waren wie der angespannte Kiefer John Waynes.
Später wollten wir dann den langen Anstieg zu den von hohen Kiefern gesäumten Pässen der Sierras in Angriff nehmen und El Capitan im Yosemite Valley einen Besuch abstatten. Und von dort schließlich hinunter ins Death Valley fahren, ehe wir uns wieder auf den Rückweg machten. Ein nettes kleines Abenteuer: zwei blasse Briten in einem japanischen Mietwagen unter der Yankee-Sonne. Zwei Men-
schen von einer grauen, trüben Insel, die bis vor einem
Jahr unter den jegliche Dunkelheit vertreibenden Lichtern Londons gelebt hatten, wo sie ständig darauf gefasst sein mussten, jeden Moment einen Schirm aufspannen zu müssen.
Es fällt schwer, sich einen Begriff von der Größe des Landes zu machen, solange man es nicht mit dem Auto durchquert hat. Vor allem, wenn man von einer kleinen Insel kommt, die einmal über ein großes Empire geherrscht hat und sich noch heute aufbläht, als gehörte sie zu den großen Jungs. Erst wenn man begreift, dass das komplette Vereinigte Königreich in … sagen wir mal … die Westentasche von Arizona passt und dass South Wales, woher ich stamme, höchstens einen Taschentuchzipfel in dieser Tasche ausmacht, erst dann bekommt man ein Gefühl für die Möglichkeiten, im Guten wie im Schlechten. Ein Gefühl für all das, was einem zustoßen kann, wenn man nicht gut auf sich aufpasst. Ich schätze, dass Will und ich an jenem Morgen auf der Strecke ziemlich verschiedene Vorstellungen davon hatten, was das bedeutet.
Was ihn betraf, ging es um eine Chance zur Erholung vom Stress in New York und in seinem Beruf. Und um eine Chance für uns als Paar, wieder zusammenzufinden, die Romantik neu zu entdecken, zu heilen, zu wachsen, die Affäre hinter uns zu lassen. Sie wissen schon, all dieses Psychogequatsche und der Selbsthilfe-Blödsinn, mit denen die Leute versuchen, sich die Illusion von Kontrolle zu verschaffen.
Ich hatte etwas anderes im Sinn, etwas Strukturierteres – einen kleinen Test, dem ich ihn auf unserem Roadtrip unterziehen wollte. Mit der sich wandelnden Landschaft und dem Wegfall der Sicherheit und Ordnung des Alltags nahm dieser Test immer deutlicher Gestalt an. Man könnte sagen, dass ich ihm drei Chancen gab, sein Leben zu retten, unser gemeinsames Leben, ein für alle Mal. Was konnte für einen Mann, der so ernsthaft darauf beharrte, alles wiedergutmachen zu wollen, einfacher sein, als drei unkomplizierte Aufgaben zu erfüllen:
- Überrasch mich mit einer aufmerksamen
romantischen Geste. - Sei spontan, und stell dein Gespür für
den Anlass unter Beweis. - Bleib ruhig, wenn etwas schiefläuft,
und pass auf mich auf.
Klingt einfach, oder? Eigentlich kaum der Rede wert, keine schwerwiegende Sache. Aber ich kann Ihnen versichern, dass alles vom jeweiligen Kontext abhängt. Dann ergibt alles Sinn. Der Umstand zum Beispiel, dass ich Will von diesem Test nichts erzählt hatte. Er kannte weder die Regeln noch die drohenden Strafen.
Denn es ist ja nicht so, als hätten wir das Gespräch nicht schon früher geführt. Oder ähnliche Gespräche, damals in unserem Schuhkarton von Wohnung am Rand von Kensington. Wir hatten sie für die Hälfte des marktüblichen Preises von einem reichen Freund von Wills Mutter gemietet. Schon damals war dieselbe Grundmelodie angeklungen, die in unserem Eheleben alle paar Monate wiederkehren sollte und mich meist frustriert und in Tränen aufgelöst zurückließ. Jedes Mal dachte ich: Warum nimmst du mich immer für selbstverständlich?
Wir hatten »das Gespräch« erneut geführt, an jenen Winterabenden, als alles auf Messers Schneide stand, nachdem ich ihn zurückgenommen hatte. Ich hatte ihm erklärt, was er tun müsse, um mein Vertrauen zurückzugewinnen. Aber letztlich sind es eben die unausgesprochenen Dinge, die in einer Ehe zählen, nicht wahr? Der Instinkt. Das gegenseitige Verständnis. Was man für den anderen aufgibt.
Natürlich kann das zu Enttäuschungen führen. Als wir nun durch Landstriche voller Kakteen fuhren, wie sie die Etiketten von Tequilaflaschen zieren – die Arme zum Gruß hochgereckt –, empfand ich die Möglichkeit, dass er den Test nicht bestehen könnte, als ziemliche Belastung. So wie er vermutlich mächtig unter Druck stand, aus dem Urlaub etwas ganz Besonderes zu machen. Denn was würde es wirklich bedeuten, wenn in Las Vegas, in zehn Tagen also, der Schlusspfiff ertönte? Wenn der Schiedsrichter sein Urteil fällte und keine Nachbesserung, keine Gnadenfrist mehr möglich war? War das Spiel für uns dann aus? Für ihn?
Ehrlich gesagt, erlaubte ich es mir einfach nicht, alles wirklich bis zum Ende zu durchdenken. Ich beließ es bei der Vorstellung, dass ich jederzeit einen Schlussstrich unter alles ziehen konnte – unter die Reise, unter den Test, unter unsere acht Ehejahre. Dann musste ich mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, dass die häufigste Todesursache in den US-Nationalparks das Ertrinken ist, dicht gefolgt von tödlichen Autounfällen, Stürzen und Fehltritten.
Meine Onlinerecherchen (für den Kasten mit Touristentipps, der meinen geplanten Artikel begleiten sollte) hatten ergeben, dass diese banalen Erklärungen auf dem Totenschein von jährlich hundertsechzig Menschen auftauchten. Erklärungen für Unfalltode, bei denen es keine Verantwortlichen oder gar Schuldigen gab. Dazu kamen noch einzelne Todesfälle aufgrund von Dehydrierung, Unterkühlung und Angriffen wilder Tiere. Wie auch immer, das alles musste nichts zu bedeuten haben. Er war kein schlechtes Omen, kein Wink des Schicksals, kein versteckter Hinweis.
Mein Plan, was diverse Möglichkeiten betraf, war zu diesem Zeitpunkt noch vage, geboren in den verschwommenen, tief betrübten Winterstunden, in denen ich mir auf dem Sofa Schwarz-Weiß-Filme angeschaut und Bourbon aus der Flasche getrunken hatte, um mich später in den Schlaf zu weinen. Bis zur allerletzten Sekunde, im Regen, im Sturm, war es nicht mehr als eine Fantasie, die mich auf den langen, heimlichen, nächtlichen Wanderungen durch das frostglitzernde New York begleitet hatte. Damals, als ich mit verhülltem Gesicht von Straßenecken aus beobachtet und in beleuchtete Fenster geblickt hatte, voller Vorstellungen, Fragen, Sehnsüchte …
… hatte ich mir das Geräusch vorgestellt, wenn eine Faust Knochen bricht …
… hatte ich mir gewünscht, in diesem Land, das auf sein Recht zum Waffenbesitz pocht, selbst eine dabeizuhaben …
… hatte ich mich nach einer Gewissheit gesehnt, die so klar und eindeutig war, dass ich nicht mehr das Beste hoffen und das Schlimmste befürchten musste – mit anderen Worten: dass es kein Zurück mehr gäbe.
Ich nehme an, die Idee, die sich später zum ultimativen Ultimatum konkretisiert hat, war für mich einfach ein Weg, die Kontrolle ein Stück weit zurückzugewinnen, denn die hatte ich verloren, als Will beschlossen hatte, unser Leben zu...




