Joos | Domino | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 276 Seiten

Joos Domino


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7562-8331-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 276 Seiten

ISBN: 978-3-7562-8331-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lisa, Domino, Hannes, Bernd und Jan. In den Achtzigerjahren bildeten sie eine der erfolgreichsten Indierockformationen des Landes. Ihre Band The Dominos hatte den Durchbruch geschafft. Mit grossem Plattenvertrag, international beachteten Konzertauftritten und einer stetig wachsenden, weltweiten Fangemeinde. Ihr kometenhafter Aufstieg schien nicht mehr zu bremsen bis zu jenem Tag, als das Unglück geschah und ihre charismatische Leadsängerin Domino Winter verstarb. Zwanzig Jahre später sind die vier verbliebenen Bandmitglieder in ihren unspektakulären Alltagsleben festgefahren. Lisa entschliesst sich drei Jahre nach ihrer Scheidung sogar zu einer Carfahrt, obwohl sie sich geschworen hatte, niemals in eine Werberaupe einzusteigen. Als Hannes, der frühere Bassist der Band, seinen ehemaligen Kollegen vorschlägt, den näheren Umständen ihres Scheiterns und dem ominösen Tod ihrer Frontfrau noch einmal gemeinsam nachzugehen, löst er damit eine Kette von Ereignissen aus, die alle Beteiligten zwingt, sich mit ihrer eigenen, nicht immer lupenreinen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Hermann Joos, geboren 1967 in der Schweizer Alpenstadt Chur, wo er auch aufwächst. Nach einer Ausbildung und mehrjähriger Tätigkeit in der Werbung, absolviert er ein Designstudium an den Hochschulen Luzern und Basel, welches er 1999 mit dem mit dem Diplom als Designer FH (Kommunikationsdesign) abschliesst. Ausbildungsgänge in analytischem und kreativem Schreiben sowie Literaturgeschichte bei Otto Marchi und Walter Hess an der Hochschule für Gestaltung Luzern. Es enstehen zahlreiche Kurzgeschichten, ein Kinderbuch und ein Jugendroman. 2019 erscheint der autobiografische Roman «HELDEN» und 2023 «DOMINO» Hermann Joos lebt seit 1996 in Basel und ist seit 2003 Inhaber der Designagentur wolke7-basel.ch
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7.


«Was haben Sie sich denn dabei gedacht? Wollten Sie wirklich in einer verregneten, stürmischen Nacht da von der Autobahnbrücke springen? Ich meine, was kann denn so schlimm sein, dass ein junger, gut aussehender Mann wie Sie seinem Leben ein Ende machen will?»

Hannes hörte die Stimme des Alten zum ersten Mal bewusst. Sie klang blechern und rau wie Sandpapier. Seltsamerweise war kein Vorwurf in den Worten auszumachen. Hannes fragte sich, ob dies mit der Stimmmodulierung, dem ruhigen, tiefen Grundton oder den leicht hochgezogenen Mundwinkeln seines Gegenübers zu tun hatte. Möglicherweise waren auch die Krähenfüsse in den Augenwinkeln für diese Irritation verantwortlich. Sie gehörten einem gutmütigen Menschen, dem man alles anvertrauen konnte, ohne vom schlechten Gewissen verzehrt zu werden. Hannes hörte dem Klanglaut dieser vom Leben gebeutelten Stimme nach und verstand etwas, was er nicht in Worte fassen konnte. Die Wortwahl als solche hätte eigentlich einen Vorwurf implizieren müssen, dieser war aber in der gesprochenen Formulierung irgendwie zwischen den Zeilen verschwunden. Was zurück blieb, war unerschütterliche Güte.

Hannes musterte den Alten, der ihm mit väterlicher Geste ein Handtuch über den Kopf legte. Hannes war vor einer Woche 43 Jahre alt geworden, aber in diesem Moment fühlte er sich wieder wie der neunjährige Junge, der zu spät vom Fussballtraining nach Hause kommt, während es draussen bereits dunkel geworden ist – so versunken im Spiel, dass der Regen an ihm abgeperlt war. Den Kopf voller Eindrücke eines lebenshungrigen Tages. Ingrid am Spielfeldrand, ein scheues Lächeln auf den Lippen, das ihn siedend heiss vom Haaransatz bis zu den Zehen erschauern liess.

Sein neues Fahrrad mit dem wunderschönen goldenen Lack und dem Emblem eines schwarzen Mohren auf dem Steuerrohr. Mit aufgeworfenen, rotstrahlenden Lippen und rollenden, weissen Teetassenaugen starrte diese Ikone eines längst verflossenen Zeitalters über den Schriftzug Aus heutiger Sicht ein xenophobes Unding, für die ein Werber in der Gegenwart gesteinigt würde. Und dann der präzise Klang des Freilaufs, der mit den Regentropfen um die Wette trommelte. Das Licht im Vorgarten, als er sein Fahrrad die Auffahrt hochschob und dann Vaters schmächtige Gestalt, die im kegelförmigen Lichtschein der Aussenbeleuchtung erschien und ihm flüchtig zuwinkte – in der Hand ein Badetuch.

Wie lange war das her? Vater war bereits vor über dreissig Jahren gestorben. Rückblickend war sich Hannes nicht einmal mehr sicher, ob diese Erinnerungen wirklich real waren. Hatte sich dieser Tag wirklich so abgespielt? Oder wollte er sich diesen Tag einfach in Eigenregie in sein Gedächtnis einbrennen?

Das Handtuch verströmte einen blumigen Duft und schmiegte sich weich an seine Wangen. Ein Stück Heimat, verborgen im flauschigen Frotteestoff, aufgeladen mit dem Nachhall einer Geborgenheit, die entschwunden war und die er doch vermisste und begehrte. Die Sehnsucht schnitt Hannes tief ins Herz. Der Schmerz strahlte sternförmig bis in die äussersten Extremitäten. Pulsierend brandete der Schmerz gegen die Aussenwälle seines schutzlosen Körpers und plötzlich rannen Tränen. Hannes wurde gebeutelt von einer diffusen Kraft, die ihn packte und schüttelte. Seine Beine verweigerten ihren Dienst und er fiel schluchzend in die Arme des Alten, der ihn mit festem Griff auffing. Er fiel in einen bodenlosen Schacht und fühlte sich doch geborgen in diesen starken Armen, die ihn beschützten vor der dunklen Kraft, die in ihm innewohnte und immer mehr Besitz von ihm ergriff. Und dann umfing ihn der Schlaf – übermächtig, keinen Widerspruch duldend.

Als Hannes erwachte, fluteten bereits sanfte Sonnenstrahlen das Wohnzimmer. Der Alte hantierte in der offenen Küche, die durch eine Bar vom Wohnzimmer abgetrennt war. Töpfe klapperten und es roch nach frisch aufgebrautem Kaffee. Die Wände des gemütlichen Raums zierten viele stilvoll arrangierte Schwarzweissfotos. Offenbar Schauspielerinnen und Schauspieler einer älteren Ära. Theateraufnahmen, auf denen die Darsteller vor handgemalten Bühnenbildern posierten, lächelnde Gesichter, umgeben von Requisiten oder perfekt ausgeleuchtete Portaitaufnahmen, wie sie für Bewerbungsmappen erstellt werden.

Die vielen Graustufenbilder wirkten auf Hannes wie Fenster in eine andere Zeit. Die Abbilder schienen leicht zu flirren, sich unwirklich langsam zu bewegen. Und war da nicht auch ein leises Flüstern zu vernehmen? Ein verhaltenes Raunen vom Publikum aus den Zuschauerrängen? Ein gleichmässiger Grundton wie das Urrauschen des Weltalls, auch die kosmische Mikrowellen-Hintergrundstrahlung genannt. Biografien einer längst entschlafenen Epoche in Schwarzweiss gebannt. Sie weigerten sich zu schweigen, da sie ein Leben lang gesprochen, Worte von der Bühne geschleudert und das Publikum in ihren Bann gezogen hatten.

Hannes merkte, dass er ein frisches T-Shirt und Trainerhosen trug, konnte sich aber nicht mehr entsinnen, wann er in diese Kleidungsstücke geschlüpft war. Er setzte sich auf den Rand des Sofas und fuhr sich mit der rechten Hand durch sein Haar und über die Stoppeln seines Dreitagebarts.

Der Alte bemerkte, dass Hannes aufgewacht war und kam mit einem kleinen Tablett auf ihn zu.

«Schön, dass Sie wach sind, junger Mann. Sie sehen schon viel besser aus, nachdem Sie nun ausgeschlafen sind.»

«Wie... wie lange habe ich geschlafen?», flüsterte Hannes.

Der Alte räusperte sich, ohne dass dies seine Stimme klarer machte: «Nun, es werden wohl acht Stunden gewesen sein. Das hat Ihnen ganz offensichtlich gut getan. Sie waren etwas verwirrt und erschöpft gestern Abend.»

Hannes nickte, griff nach den Keksen auf dem Tablett und nippte an dem heissen Kaffee. Erneut blickte er auf zu den tausend Gesichtern, die von den Wänden aus ungeniert zurückstarrten.

«Wer sind all diese Leute? Schauspieler? Kannten Sie die alle?», erkundigte sich Hannes halblaut.

Verträumt liess auch der Alte seinen Blick über die Portaitwand schweifen: «Ja, ich kannte sie alle. Einige schreiben mir von Zeit zu Zeit noch oder besuchen mich – wenn auch selten. Viele davon leben schon lange nicht mehr. Ich durfte mit all diesen grossartigen, talentierten Menschen zusammenarbeiten, als Schauspielagent.»

Hannes musterte den Alten, der liebevoll zu seinen ehemaligen Schützlingen aufsah wie ein Herbergsvater.

«Was macht ein Schauspielagent?», erkundigte sich Hannes vorsichtig.

«Die Arbeit des Agenten umfasst viele Bereiche. Die Zusammenarbeit zwischen den Schauspielern und deren Produktionspartnern, die Herstellung von Kontakten, die individuelle Karriereberatung, die Vermittlung von Aufträgen, Termindisposition, Vertragsverhandlung und Vertragsausarbeitung. Und – abgesehen von den vielen organisatorischen Aufgaben – häufig auch die Position eines Ansprechpartners, eines Freundes, eines Vaters. So habe ich das auf jeden Fall immer gesehen. Meine Tochter würde diese Haltung als schwächlich, unprofessionell und emotional verlachen.»

Er deutete auf ein Bild im Zentrum der Galerie, ein Bild, das nicht wirklich aus den anderen Bildern herausragte. Es war so monochrom wie die anderen Bilder und zeigte eine junge, hübsche Frau, die sich lächelnd an den Kotflügel eines Sportwagens lehnte. Das Bild schien genauso alt zu sein wie die anderen, auch wenn die Dame bei genauerem Hinsehen moderne Kleidung und Schuhe trug. Da das zweiteilige Kostüm aber derart schlicht war, reihte es sich widerstandslos in den Reigen der alten Fotografien ein.

Hannes nickte und liess seinen Blick über das hübsche Mädchen in dem perfekt arrangierten Bild wandern: «Sie ist sehr schön, ihre Tochter», flüsterte er andächtig.

Der Alte erhob sich langsam und begab sich gemächlichen Schrittes zurück in die offene Wohnküche. Er setzte beim Gehen vorsichtig einen Fuss vor den anderen, als ob der Boden aus dünnem Glas bestünde und dieser bei falscher Gewichtsverlagerung sofort zerbrechen könnte. Hinter der Durchreiche verschanzte er sich wie in einem Schützengraben und begann mit einem Schwamm die Ablage zu reinigen.

«Ja, sie ist schön. Aber wir sind selten einer Meinung», sinnierte er nachdenklich. «Sie wollte mich gestern Abend besuchen, aber es ist was dazwischen gekommen, was Geschäftliches, sie ist nicht gekommen. Der Flieger hatte Verspätung. Sie hatte ein Meeting in London, also hat sie ihren Besuch kurzerhand auf den nächsten Tag verschoben. Tja, da hab ich also das Nachtessen in den Kühlschrank gestellt, bin raus und habe mir ein wenig die Beine vertreten. Ich spaziere gerne im Regen, das regt die Gedanken an und reinigt die Sinne. Und auf der Brücke habe ich dann dich gesehen. Wer weiss, was passiert wäre, wenn ich nicht zur richtigen Zeit vorbeigekommen wäre.»

Hannes musterte den Alten eindringlich. Seine grauen Schläfen, die welke Haut, die schmalen, geschickten Hände. Wie alt mochte er sein? Hannes war nie besonders begabt gewesen im Schätzen des Alters anderer Menschen....



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