E-Book, Deutsch, 284 Seiten
Joos Helden
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7494-7668-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 284 Seiten
ISBN: 978-3-7494-7668-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hermann Joos wird am 24.7.1967 in der Schweizer Alpenstadt Chur geboren, wo er auch aufwächst. Nach einer Ausbildung und mehrjähriger Tätigkeit in der Werbung, absolviert er ein Grafikdesignstudium an den Hochschulen Luzern und Basel, welches er 1999 mit dem mit dem Diplom als Designer FH abschliesst. Während dem Studium absolviert er Ausbildungsgänge in analytischem und kreativem Schreiben sowie Literaturgeschichte und freundet sich schnell mit seinem Tutor, dem Schriftsteller Otto Marchi, an. Es enstehen zahlreiche Kurzgeschichten, ein Kinderbuch und ein Jugendroman. Hermann Joos lebt seit 1996 in Basel und ist seit 2003 Inhaber der Designagentur Wolke7.
Autoren/Hrsg.
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Fred
In der Pause war es unvermeidlich, den Poppern um Dominic aus dem Weg zu gehen. Seinen engsten Freundeskreis bildeten Lars die Locke, Harry Hellblau und Fred der Schugger. Ein «Schugger» war umgangssprachlich ein Polizist. Da Freds Vater ein Polizist war, der gerne Mofabussen wegen Geschwindigkeitsübertretung verteilte, erklärte sich der Name von selbst. Fred hatte einen schweren Stand in Dominics Clique. Mit einem Polizistenvater konnte er sein Mofa natürlich schlecht frisieren, was ihn automatisch zum Outsider stempelte. Da er mit seinen 30 km/h den anderen Poppern nur schwerlich folgen konnte, wenn diese mit wehenden Haaren ihre Präsentationsrundfahrten absolvierten, verblieb die geföhnte Clique mit Fred so, dass er sich zu einem vereinbarten Zeitpunkt an einem vereinbarten Ort einzufinden hatte und sie dort auf ihn warteten. Meistens zwecks Belagerung einer Parkbank oder dem Besuch einer Disco. Fred wirkte deshalb immer irgendwie zerknüllt und unglücklich. Obwohl auch er den obligaten Popperlook zur Schau trug, war er nicht mit Leib und Seele dabei. Er wagte es auch nie, uns zu beleidigen. Ich hatte häufig den Eindruck, dass er lieber ein Waver geworden wäre oder einfach etwas ganz anderes als er im Moment darstellte. Ein Ted, ein Mod oder was auch immer. Aber die Moden kamen und gingen in den frühen Achtzigern und was heute noch in Stein gemeisselt schien, zählte morgen schon nichts mehr. Viele Jahre später erfuhr ich, das Fred im Alter von 45 Jahren an Magenkrebs gestorben war. Da ich sein Leben nach meinem Weggang aus der Kleinstadt aber nicht verfolgt hatte, habe ich mich später oft gefragt, wie sein Leben verlaufen war. Welche berufliche Laufbahn hatte er eingeschlagen? War er glücklich geworden oder hatte er seine gebückte Haltung bis zu seinem frühen Tod mit sich herumgeschleppt?
Freds Vater war der Obernazi unter den Kleinstadtordnungshütern. Da er den Nachnamen trug, nannten wir Ihn alle auch einfach so. «Pass auf, der Gurt ist unterwegs», war eine feste Wendung in unserem täglichen Sprachgebrauch. Wenn ein Mofafahrer bei einer Kontrolle mit überhöhter Geschwindigkeit geschnappt wurde, stellte das Gefährt auf eine Geschwindigkeitsmessrolle. Wenn die Nadel die 40 km/h überschritt, wurde das Fahrzeug eingezogen. Es wurde im Keller der Polizeiwache verwahrt bis der angeklagte Minderjährige mit seinen Eltern im Schlepptau am Schalter vorsprach und die Busse bezahlte. Zudem musste er innert Frist das Mofa in Originalzustand beim Polizeimechaniker vorführen und die Teile, welche die Geschwindigkeitssteigerung bewirkt hatten, auf der Wache abgeben. In regelmässigen Abständen wurden dann diese sündhaft teuren, edlen Teile in einem höhnischen Akt öffentlicher Zurschaustellung im Hinterhof der Polizeiwache vernichtet. Einmal durfte unsere ganze Klasse diesem schauerlichen Hinrichtungsprozess beiwohnen. Herr Gurt hatte unseren Lehrer mit der ganzen Klasse dazu eingeladen. Die beim Zuschauer hervorgerufenen schmerzlichen Traumata sollten prophylaktischen Charakter haben und das Abrutschen der Delinquenten in eine rabenschwarze Verbrecherzukunft verhindern. Einer der glücklichsten Momente meines Lebens erlebte ich an einem dieser Demonstrationstage. Als Dominics glänzender Doppelpfeifenauspuff mit lautem Knirschen in der Schrottpresse verschwand, lachte mein Herz laut auf und mein Körper wurde von Endorphinen schon beinahe orgastisch gebeutelt. Dominic stand zwischen seinen Kumpels und unterdrückte die Tränen. Ich wäre am liebsten um die Schrottpresse getanzt wie die Hexen um den Blocksberg und ich spürte, wie es Prinz, Tom und Jonas neben mir gleich erging.
Unglücklicherweise wurde Jonas’ Mofa zwei Wochen später auch eingezogen. Schlauerweise hatte er aber bei der Gefangenname weitsichtig gehandelt und falsche Personalien angegeben. Da er keinen Ausweis auf sich trug, war nicht in der Lage gewesen, die Richtigkeit von Jonas’ Angaben zu überprüfen. So wurde Jonas’ Gefährt mit dem Hinweis versehen und in den Tiefen des Polizeikellers verstaut. Jonas war ein grosser Verehrer des Malers Hans Holbein dem Jüngeren. Speziell die Totentanzholzschnitte hatten es ihm angetan. Grauslige Gerippedarstellungen, welche im frühen 16. Jahrhundert verdeutlichten, dass die Pest weder Stand noch Klasse kannte. kannte Hans Holbein den Jüngeren nicht. Wahrscheinlich hätte Jonas auch gefahrlos Leonardo da Vinci oder Pablo Picasso als Decknamen angeben können, doch er wollte sich nicht zu stark auf die Äste hinauslassen.
Nun ruhte Jonas’ fahrbarer Untersatz also im Polizeihades und kein Fährmann war bereit, uns gegen Abgabe eines entsprechenden Obolus, diese schaurigen Tiefen betreten zu lassen. Da konnte nur noch einer helfen, Fred. Jonas war ob dieser Idee ziemlich aufgebracht.
«Wie soll Fred uns helfen? Meinst du, er kann seinen Vater einfach überzeugen, dass er das Mofa freiwillig rausrückt? Ich zweifle, dass plötzlich zum Menschenfreund mutiert und uns das Teil mit Handkuss und roter Schleife übergibt. Vielleicht noch mit einer Schachtel Pralinen auf dem Gepäckträger?»
«Unsinn, ich habe alles genau durchgeplant. Es ist so simpel, dass kein Mensch, der auch nur halbwegs seine sieben Sinne beieinander hat, auf so eine einfache Lösung stossen würde.»
«Vielleicht solltest du deine sieben Sinne wieder einmal einer Generalüberholung unterziehen?», wandte Tom ein. Das wollte ich mir unter keinen Umständen gefallen lassen.
«Und du solltest dich besser gedanklich der Erweiterung deiner Garderobe widmen, anstatt blöde Einwände einzustreuen, wenn die Erwachsenen miteinander reden. Brauchst du nicht neue Schuhe oder sonst irgend so einen Schickimickischeiss?»
Das hatte gesessen und Tom strich beleidigt über das Revers seines Sakkos.
Ich fuhr mit meiner Erklärung fort.
«Der Polizeikeller hat doch einen Hintereingang zum Hof hin. Wir brauchen nur die Schlüssel zur Hintertüre. Dann schleichen wir uns abends rein. Alle Fenster der Polzeiwache sind zur Strasse hin ausgerichtet. Da bekommt echt keiner was mit. Wir schieben das Teil vorsichtig aus der Garage, verschliessen alles wieder sauber, geben Fred den Schlüssel zurück und verschwinden. Ob da noch ein Mofa mehr oder weniger rumsteht, merkt eh keiner. Jetzt müssen wir Fred nur noch davon überzeugen, dass es für ihn vorteilhaft wäre, ins Geschäft einzusteigen.»
Freds Begeisterung für unseren Plan hielt sich in Grenzen.
«Sag mal, seid ihr total hacke? Ich soll bei meinem eigenen Vater die Schlüssel zum Polizeikeller klauen und sie dann ausgerechnet euch geben, damit ihr dort einbrechen könnt? Wie komm ich denn dazu? Soviel ich weiss, sind wir keine Freunde. Und selbst wenn …»
In Freds Gesichtsausdruck lag Panik und Entsetzen.
«Und überhaupt, wenn das rauskommt, wandere ich wahrscheinlich in den Jugendknast oder sowas!»
«Quatsch, kein Mensch locht dich ein. Das gibt’s doch nur in Filmen. Du organisierst uns einfach den Schlüssel, wir holen Jonas’ Mofa still und leise aus dem Verliess und du hängst den Schlüssel wieder an den Haken. Bekommt doch kein Mensch mit», sagte ich.
Aber Fred war nicht leicht zu überzeugen.
«Ne, kommt nicht in die Tüte, vergiss es. Vergiss es einfach.»
«Warte. Hör dir doch zuerst mal an, was wir dir als Gegenleistung anbieten.»
«Und wenn es ein Sommerurlaub in einem Harem ist. Vergiss es.»
«Es ist kein Sommerurlaub in einem Harem. Es ist etwas viel Besseres.»
Fred hatte uns bereits den Rücken zugekehrt, jetzt hielt er kurz inne und warf noch einmal einen Blick zurück über die Schulter. «Ist mir egal, was es ist. Ich sag nur, das mach ich nicht. Und wenn du dich auf den Kopf stellst, Alter.»
«Ich sag nur: Dein Mofa wird fliegen. Ich sag nur: Nie wieder auf die anderen Popperjungs an irgendwelchen Treffpunkten warten, sondern mitfahren. Ich sag nur: Deine Mähne wird im Wind flattern. Damit fährst du sogar Dominic davon.
Und dein Vater wird nichts ahnen, weil er nie auf die Idee kommen würde, das Mofa seines eigenen Sohnes auszuchecken.»
Freds Augen wurden grösser. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. In seinem Kopf stritten sich Engel und Teufel um die Vorherrschaft. Seine Ohren nahmen eine rötliche Färbung an. Offenbar eine Folge der verstärkten Durchblutung durch die erhöhte Herzfrequenz.
«Nö, vergiss es. Ich bin nicht interessiert.»
«Ich bau dir die neue Übersetzung sogar selber ein. Damit wird dein Bock lockere 50 km/h schnell und du kannst mit deinen Kumpels problemlos mithalten. Und das Schönste daran: Von aussen ist nichts zu erkennen. Du wirst dabei sein, Alter. Kein Aussenseiter mehr. Mittendrin statt aussen vor.»
Freds Augenlieder begannen zu zucken. Seine Ohren glühten in strahlendem Karmesinrot. Er sah aus wie ein fleischgewordener Rothko.
Da mischte sich Jonas ein: «Mann, Fred, gib dir doch mal einen Ruck. Du bist doch der...




