E-Book, Deutsch, Band 2, 448 Seiten
Reihe: Die Jaipur-Trilogie
Joshi Der Geheimnishüter von Jaipur
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7499-0552-2
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 448 Seiten
Reihe: Die Jaipur-Trilogie
ISBN: 978-3-7499-0552-2
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Indien, 1969: Hennakünstlerin Lakshmi gelingt es, ihrem Schützling Malik eine Anstellung im königlichen Palast von Jaipur zu verschaffen. Malik ist die rosafarbene Stadt Indiens bestens vertraut. Auf den Straßen Jaipurs ist er groß geworden. Und er kennt die ungeschriebenen Gesetze, nach denen die Mächtigen Geld und Einfluss nur unter sich aufteilen. Doch Malik will aufsteigen. Für sich und für Nimmi, seine große Liebe. Also wendet er an, was er von seiner Lehrerin Lakshmi gelernt hat. Geschickt nutzt er die Informationen, die er im königlichen Palast aufschnappt, und erlangt so das Ansehen der richtigen Leute. Bis eine Tragödie alles verändert - und Malik beschließt, endlich die Wahrheit auszusprechen.
Alka Joshi wurde in Indien geboren und lebt seit ihrem neunten Lebensjahr in den USA. Sie hat in Stanford studiert und besitzt einen Master of Fine Arts vom California College of Arts. Mit 62 Jahren veröffentlichte Alka Joshi ihren Debütroman Die Hennakünstlerin. Der Roman stand monatelang auf der Bestsellerliste der New York Times und wird momentan als TV-Serie verfilmt.
Weitere Infos & Material
Prolog
Malik
Mai 1969
Jaipur
Heute Abend wird das Royal Jewel Cinema eröffnet, das so glänzend strahlt wie ein Edelstein. Tausende von Lichtern glitzern an der Decke der riesigen Lobby. Weiße Marmorstufen, die zur oberen Loge hochführen, reflektieren den Glanz Hunderter Wandleuchter. Ein dicker purpurroter Teppich dämpft den Klang Tausender Füße. Und innen im Kino ist jeder einzelne der tausendeinhundert Mohairsessel besetzt. Und noch mehr Menschen stehen entlang der Wände zur Premiere Schlange.
Dies ist Ravi Singhs großer Moment. Als leitender Architekt dieses Prestigeprojekts, das von Maharani Latika von Jaipur in Auftrag gegeben wurde, beweist das Royal Jewel Cinema, was moderner Einfallsreichtum und eine westliche Ausbildung alles erreichen können. Ravi Singh hat dafür das Pantages Theatre in Hollywood als Vorlage benutzt, achttausend Meilen weit entfernt. Und er hat dafür gesorgt, dass das Kino zu diesem feierlichsten aller Anlässe Jewel Thief zeigt, einen Film, der tatsächlich schon vor zwei Jahren auf die Leinwand gekommen ist. Vor ein paar Wochen hat Ravi mir erzählt, dass er sich den populären Film ausgesucht hat, weil er den Namen des Kinos widerspiegelt und zwei der derzeit berühmtesten indischen Schauspieler darin mitspielen. Er weiß, dass die Inder es lieben, ins Kino zu gehen, und sich denselben Film gewöhnlich mehrfach anschauen; die meisten Kinos wechseln ihr Programm nur alle paar Monate. Selbst wenn die Bewohner von Jaipur den Film schon damals gesehen haben, werden sie kommen, um ihn sich noch einmal anzuschauen. Ravi hat auch dafür gesorgt, dass die Filmstars Dev Anand und Vyjayanthimala ebenso wie Dipti Kapoor, eine der jüngeren Schauspielerinnen, bei dem großen Ereignis dabei sind. Die Presse ist ebenfalls anwesend, um über die Eröffnung des Royal Jewel Cinema und die gesamte Jaipurer High Society in ihrem juwelengeschmückten Glanz zu berichten und über die Stars und Sternchen aus Bollywood zu staunen.
Ich nehme die moderne Architektur, die plüschigen roten Samtvorhänge, die die Leinwand abschirmen, und die beinah mit Händen zu greifende Vorfreude in mich auf und bin beeindruckt von dem, was Ravi erreicht hat – auch wenn es andere Dinge an ihm gibt, die mir Unbehagen bereiten.
Meine Gastgeber, Manu und Kanta Agarwal, wurden dazu eingeladen, mit den Singhs und den Sharmas zusammen in der Loge zu sitzen, den teuersten Plätzen im Haus. Als ihr Gast sitze ich bei den Agarwals (sonst würde ich unten Platz nehmen, näher an der Leinwand, wo es billiger ist; ich bin schließlich nur ein einfacher Lehrling im Palast von Jaipur). Kinder sind hier oben in der Loge zugelassen, aber Kanta hat ihren Sohn Niki zu Hause bei ihrer Saas gelassen. Als ich vorhin bei den Agarwals eintraf, um sie zur Eröffnung zu begleiten, konnte ich sehen, wie niedergeschmettert Niki war.
»Es ist das Ereignis des Jahrhunderts! Warum darf ich nicht mit? Alle meine Freunde gehen hin.« Nikis Gesicht war rot vor Wut. Mit seinen zwölf Jahren ist er in der Lage, seine ganze Empörung über diese Ungerechtigkeit in seinen Worten zum Ausdruck zu bringen.
Manu, der angesichts des aufbrausenden Temperaments seines Sohns und seiner Frau immer die Ruhe bewahrt, sagte: »Tatsächlich war die Unabhängigkeit unseres Landes das Ereignis des Jahrhunderts, Nikhil.«
»Damals habe ich aber noch nicht gelebt, Papaji. Aber jetzt lebe ich! Und ich verstehe nicht, warum ich nicht mitkommen darf.« Er sah seine Mutter hilfesuchend an.
Kanta blickte ihrem Ehemann in die Augen, als wollte sie fragen: Wie lange noch können wir unseren Sohn von gesellschaftlichen Ereignissen fernhalten, bei denen die Singhs anwesend sind? Niki ist inzwischen so alt, dass er wissen will, warum er bei manchen Anlässen dabei sein darf und bei anderen nicht. Kanta warf mir einen Blick zu, als wollte sie meine Meinung hören: Malik, was hältst du davon?
Ich bin geschmeichelt, dass ihnen wohl dabei ist, solche Unterhaltungen vor mir zu führen. Ich bin kein Blutsverwandter von ihnen, sondern nur dadurch mit ihnen verbunden, dass mein früherer Vormund Lakshmi (oder Tante Boss, wie ich sie nenne) eine enge Freundin ist. Ich kenne die Agarwals, seit ich ein kleiner Junge war, deshalb weiß ich auch von Nikis Adoption, auch wenn Niki selbst nichts davon weiß. Und ich weiß, dass die Singhs in dem Moment, wenn sie seine blaugrünen Augen sehen – so völlig ungewöhnlich in Indien –, sich an die Unbesonnenheiten ihres eigenen Sohns erinnert fühlen werden; Radha, die Schwester von Tante Boss, war nicht das erste Mädchen, das Ravi schwängerte, bevor er Sheela heiratete. Sich der Schwächen ihres Sohnes bewusst zu sein, ist eine Sache, aber in Fleisch und Blut damit konfrontiert zu werden, würde sowohl Samir als auch Parvati Singh aus der Fassung bringen.
Am Ende brauchten die Agarwals meine Hilfe nicht, um die Sache zu entscheiden, was mich erleichterte. Manus Mutter, die mit ihrem Rosenkranz aus Sandelholz beschäftigt war, beendete die Diskussion. »Weil all dieses Tanzen und Singen in Filmen die Menschen verdirbt! Komm, Niki, hilf mir hoch. Wir gehen in meinen Tempel.« Nikhil stöhnte. Er war ein höfliches Kind; eine Anordnung seiner Großmutter wurde nicht infrage gestellt.
Jetzt betritt unter ohrenbetäubendem Applaus Maharani Latika – die dritte und jüngste Ehefrau und jetzt Witwe des Maharadschas von Jaipur – im Royal Jewel Cinema die Bühne, um all die Kinobesucher willkommen zu heißen. Dies ist das erste größere Projekt, das sie seit dem Tod ihres Ehemanns geleitet hat; sie ist Manus Chefin; keine der anderen Ehefrauen des Maharadschas wollte die Verwaltung der Finanzen übernehmen. Manu kümmert sich als leitender Direktor um die Liegenschaften des Palastes von Jaipur und leitet Bauprojekte wie dieses hier, und Tante Boss hat mich zu ihm geschickt, damit ich sein Handwerk lerne.
»Heute Abend feiern wir das großartigste Kino, das es in Rajasthan je gegeben hat, das Royal Jewel Cinema.« Die Maharani wartet, bis der Applaus verklungen ist, bevor sie fortfährt. Ihre Ohrringe aus Rubinen und Diamanten und der goldbestickte Pallu ihres seidenen roten Banarasi-Saris schicken ein tausendfaches Funkeln in das Publikum, während sie den Blick über den vollen Saal gleiten lässt, ein seliges Lächeln im Gesicht. »Es ist ein historischer Moment für Jaipur, Heimat von weltberühmten Architekten, blendenden Textilien und Juwelen und natürlich Rajasthans Dal Batti!« Die Menge bricht in vergnügtes Gelächter aus, als sie das berühmte lokale Gericht erwähnt.
Ihre Hoheit würdigt Manus Aufsicht über das Projekt, beglückwünscht die Architekten von Singh-Sharma zu ihrer guten Arbeit und begrüßt zum Schluss ihrer Rede die Schauspieler aus dem Film auf dem Podium. Anand und Vyjayanthimala folgt unter lautem Pfeifen und »Waa! Waa!«-Rufen die kholäugige Kapoor in einem paillettenbesetzten Sari. Das Publikum überschüttet alle drei mit Rosen, Frangipani und Chemali und applaudiert ihnen im Stehen. In unserer Kindheit war Radha, die Schwester von Tante Boss, der größere Filmfan von uns beiden. Aber heute Abend bin selbst ich von der fiebrigen Aufregung, dem donnernden Beifall und dem Pfeifen des Publikums ergriffen.
Schließlich öffnet sich der Vorhang, und Stille legt sich über die Menge, während der Vorspann über die Leinwand läuft und der Film beginnt. Selbst die Rikscha-Wallas und Schneider auf den billigen Plätzen in den ersten Reihen verfallen in Schweigen.
Indische Filme sind lang, sie dauern fast drei Stunden, manchmal auch vier, mit einer Unterbrechung dazwischen. Während der Pause verlassen wir zusammen mit der Mehrheit des Publikums das Gebäude, um uns draußen Erfrischungen zu besorgen. Die Händler haben ihre Stände vorbereitet. Sie sind zu beiden Seiten der Straße vor dem Kino in Stellung gegangen. Das Aroma von gerösteten Chilierdnüssen, Panipuri, Zwiebel-Pakoras und Kartoffel-Samosas ist praktisch unwiderstehlich. Ich kaufe kleine Gläser Tee für alle und reiche sie herum. Samir kauft einen großen Teller voll Kachori und Aloo Tikki für unsere Gruppe.
Es ist Mai in Jaipur und bereits drückend heiß. Das Kino hat eine Klimaanlage, aber die Luft draußen ist frischer als der Geruch von tausend dicht aneinandergedrängten Körpern im Gebäude. Ravis Frau Sheela lehnt den Chai und das Essen ab und behauptet, es sei zu heiß. Ihre neugeborene Tochter ist an ihrer Schulter eingeschlafen. Sheela windet sich unter der Wärme des kleinen Körpers. Sie bläst die Wangen auf und geht zu einem Stand hinüber, der Khus-Khus-Fächer verkauft. Eine Schweißperle rollt ihren Hals hinunter und verschwindet im tiefen Ausschnitt ihrer fuchsiafarbenen Seidenbluse. Ich zwinge mich wegzuschauen.
Parvati präsentiert den Damen der Gesellschaft, die gekommen sind, um sie zu begrüßen, stolz ihre vierjährige Enkelin Rita. »Tumara naam batao, Bheti.«
Kanta plaudert fröhlich mit Freunden. Samir und Manu lassen sich von der Elite Jaipurs, die zur Gala gekommen ist, zu ihrer Arbeit am Kino beglückwünschen. Ich sehe mich nach Ravi um, der vorhin noch bei ihnen war, und frage mich, warum er sich die Gelegenheit entgehen lässt, im Rampenlicht zu stehen. Das sieht ihm nicht ähnlich.
So wie immer schaue ich hin und höre zu – was Tante Boss mir so gut beigebracht hat. In meinem nächsten Brief an sie und Nimmi in Shimla werde ich ihnen erzählen können, was die Kinobesucher von der Frisur der...




