E-Book, Deutsch, 750 Seiten
Joshi H. P. Lovecraft - Leben und Werk 2
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-944720-54-8
Verlag: Golkonda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 750 Seiten
ISBN: 978-3-944720-54-8
Verlag: Golkonda Verlag
Format: EPUB
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Der Übersetzer Andreas Fliedner (* 1966) studierte Religionswissenschaft, Philosophie und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er übersetzt aus dem Französischen und Englischen, wobei ein Schwerpunkt seiner Arbeit auf der politischen Philosophie und Ideengeschichte liegt
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17. DAS WIEDERGEWONNENE PARADIES (1926)
Bereits in einem Brief an Arthur Harris von Ende Juli 1924 stellte Lovecraft fest: »Obwohl ich jetzt in New York bin, will ich eines Tages nach Providence zurückkehren. Denn die Stadt hat eine stille Würde, die ich nirgendwo anders gefunden habe, abgesehen von einigen Küstenstädten in Massachusetts.«1 Dies ist ein sehr frühes Zeugnis für Lovecrafts Wunsch heimzukehren, und ein Hinweis darauf, dass seine »Flitterwochen« mit New York kürzer waren, als man allgemein annimmt. Zu Lovecrafts Gunsten wollen wir davon ausgehen, dass eine solche Heimkehr auf die eine oder andere Weise auch Sonia miteinbezogen hätte. Doch Lovecrafts eigentliche Bemühungen, nach Providence zurückzukehren, begannen etwa im April 1925, als er an seine Tante Lillian schrieb:
Was Besuche anbetrifft … Ich könnte es nicht ertragen, Providence wiederzusehen, solange ich nicht für immer dort bleiben kann. Wenn ich wieder nach Hause komme, dann werde ich es mir dreimal überlegen, bevor ich auch nur einen Fuß nach Pawtucket oder East Providence setze, während der Gedanke, bei Hunt’s Mills die Grenze nach Massachusetts zu überschreiten, mir echtes Grauen einflößt! Aber ein flüchtiger Blick auf Providence würde mich in die Lage eines Schiffbrüchigen versetzen, der vom Sturm bis in Sichtweite seines Heimathafens gespült wird, nur um dann wieder hinaus in die grenzenlose Schwärze eines fremden Ozeans gerissen zu werden.2
Offensichtlich hatte Lillian vorgeschlagen, dass Lovecraft seiner Heimatstadt einen Besuch abstatten sollte, vielleicht um ihm aus der Mutlosigkeit und Depression herauszuhelfen, in die ihn Arbeitslosigkeit, bedrückende Wohnverhältnisse und der prekäre Zustand seiner Ehe gestürzt hatten. Lovecrafts Antwort ist bemerkenswert: Er schreibt nicht »falls«, sondern »wenn ich wieder nach Hause komme«, obwohl er wusste, dass seine finanziellen Verhältnisse eine sofortige Rückkehr nicht zuließen. Seine Bemerkung über den »fremden Ozean« ist ebenfalls bezeichnend: Dabei kann es sich nur um eine Anspielung auf New York handeln. Und trotz seiner unaufhörlichen Klagen über die »Fremden«, die die Stadt überfluteten, war es letztlich Lovecraft, der in New York ein Fremder blieb. 1927 schrieb er über seine New Yorker Zeit: »Ich war dort ein Fremder, dem es nicht gelang, sich anzupassen.«3 Ihm war vermutlich nicht klar, wie sehr er damit den Nagel auf den Kopf traf.
Als Lovecraft im November 1925 schrieb, dass sein »geistiges Leben sich eigentlich zu Hause in Providence« abspielte,4 war das keine Übertreibung. Während seines gesamten Aufenthalts in New York hatte er das PROVIDENCE EVENING BULLETIN abonniert und las sonntags neben der NEW YORK TIMES stets auch das PROVIDENCE SUNDAY JOURNAL. Lillian gegenüber verstieg er sich sogar zu der Behauptung, dass das BULLETIN »die einzige lesenswerte Zeitung ist, die ich kenne«.5 Auch auf andere Weise versuchte er, die geistige Verbindung mit Providence aufrechtzuerhalten, insbesondere, indem er so viele Bücher über die Geschichte seiner Heimatstadt las wie irgend möglich.6
Aber Bücher zu lesen, war Lovecraft offensichtlich nicht genug. Sonias spitze Bemerkung, dass Lovecraft mit »krankhafter Hartnäckigkeit« an seinen aus Providence mitgebrachten Möbeln hing, habe ich bereits erwähnt. Diese Möbel sind auch Gegenstand einer der bemerkenswertesten Passagen in Lovecrafts Briefen an seine Tanten, die zugleich eine präzise Momentaufnahme seiner Stimmung in der schwärzesten Phase seiner New Yorker Zeit bietet. Lillian hatte (vielleicht als Reaktion auf Lovecrafts langatmigen Bericht vom Kauf seines neuen Anzugs) in einem ihrer Briefe bemerkt, dass »Besitz eine Last« sei. Im August 1925 holte Lovecraft zu einer Antwort aus:
Jeder Mensch hat einen anderen Grund zu leben … d. h. für jeden Menschen gibt es eine Sache oder eine Gruppe von Dingen, die das Zentrum all seiner Interessen & den Kern all seiner Gefühle bilden & ohne die das bloße Überleben nicht nur keinerlei Bedeutung hat, sondern oft zu einer unerträglichen Last und Qual wird. Diejenigen, für die alte Erinnerungen & Besitztümer nicht dieses zentrale Interesse & diese zentrale Lebensnotwendigkeit sind, sollen ruhig salbungsvolle Predigten über die »Abhängigkeit von weltlichen Besitztümern« halten – solange sie ihre Ansichten nicht anderen aufzwingen.
Und worin sieht Lovecraft dieses »Zentrum all seiner Interessen«?
Was mich betrifft, so ist das Einzige, was mir Vergnügen bereitet und wofür ich Interesse aufbringen kann, in meinem Geist vergangene und bessere Tage wiedererstehen zu lassen – denn offen gestanden, habe ich keine Hoffnung, jemals ein mir wirklich angemessenes Umfeld zu finden oder wieder unter zivilisierten Menschen zu leben, die die alten Erinnerungen an die Yankee-Geschichte pflegen. Also muss ich mich, um dem Wahnsinn zu entgehen, der zu Gewalttätigkeit & Selbstmord führt, an den paar Fetzen alter Zeiten und alter Sitten festhalten, die mir übrig geblieben sind. Daher soll niemand von mir erwarten, dass ich die sperrigen Möbel & Gemälde & Uhren & Bücher aufgebe, mit deren Hilfe ich weiterhin von der Angell Street 454 träumen kann. Wenn sie dahin sind, dann werde auch ich dahin sein, denn ohne sie wäre es mir unmöglich, morgens die Augen zu öffnen und einem weiteren bewusst erlebten Tag entgegenzusehen, ohne vor Verzweiflung zu schreien & den Kopf gegen Wand und Fußboden zu hämmern, in der Hoffnung, aus dem Albtraum, den wir Realität nennen, in meinem alten Zimmer in Providence aufzuwachen. Ja, solche Empfindlichkeiten kommen äußerst ungelegen, wenn man kein Geld hat, aber es ist einfacher, sie zu kritisieren, als sie zu heilen. Wenn ein armer Narr, der an ihnen leidet, sich aufgrund einer vorübergehenden perspektivischen Täuschung & Unkenntnis der Welt ins Exil begibt & auf die falsche Bahn gerät, dann ist das einzig Richtige, ihn so lange wie möglich an seinen armseligen Fetzen festhalten zu lassen. Sie sind sein ganzes Leben.7
In diesen herzzerreißenden Sätzen scheinen sich das ganze Elend und die Perspektivlosigkeit von Lovecrafts New Yorker Zeit zu verdichten. Keine Spur mehr von dem selbstbewussten »wenn ich wieder nach Hause komme«. Jetzt sieht Lovecraft »keine Möglichkeit« mehr, jemals in die Heimat zurückzukehren. Wie Lillian darauf reagierte, dass ihr einziger Neffe allen Ernstes – oder zumindest im Ton bittersten Sarkasmus – davon spricht, seinem Leben ein Ende zu machen und mit den Fäusten gegen die Wände zu schlagen, wissen wir nicht. Seltsamerweise scheint das Thema in den folgenden Briefen zwischen den beiden nicht mehr angesprochen worden zu sein.
Es gibt eine merkwürdige, von anderer Seite kolportierte Anekdote, die vielleicht in diesen Zusammenhang gehört. Winfield Townley Scott berichtet, dass Lovecraft, nach Aussage von Samuel Loveman, während der letzten Monate seiner New Yorker Zeit »immer eine Ampulle mit Gift bei sich herumtrug«, um seinem Dasein ein Ende zu machen, wenn seine Lage unerträglich würde.8 Um ehrlich zu sein, halte ich diese Geschichte für einigermaßen absurd. Ich glaube, dass Loveman sie schlicht und einfach erfunden hat. Es gibt jedenfalls keinerlei Bestätigung für den Wahrheitsgehalt dieser Anekdote, und sie wird auch sonst von keinem Freund oder Briefpartner Lovecrafts erwähnt – obwohl man eigentlich vermuten sollte, dass Lovecraft eine so persönliche Sache eher Frank Belknap Long als Loveman anvertraut hätte. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Lovecraft, selbst in einer so schwierigen Zeit seines Lebens, derart starke suizidale Tendenzen entwickelte. Sogar wenn man Passagen wie die oben zitierte miteinbezieht, ist der allgemeine Ton der Briefe an seine Tanten keineswegs durchgehend bedrückt oder schwermütig. Lovecraft tat alles, was in seiner Macht stand, um seinen Lebensumständen positive Seiten abzugewinnen, und seine historischen Erkundungen und die Gesellschaft enger Freunde bildeten ein echtes Gegengewicht zu seinen drückenden Problemen
Aber wie stand es um sein Verhältnis zu Sonia? Wenn Lovecraft in seinem oben zitierten Brief von »einer vorübergehenden perspektivischen Täuschung« und seiner »Unkenntnis der Welt« spricht, kann sich das eigentlich nur auf seine Ehe mit Sonia beziehen, die er damit für gescheitert erklärt. Etwa um dieselbe Zeit findet sich auch in einem der Briefe von George Kirk an seine Verlobte eine beiläufige Bemerkung, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: »Urteile nicht zu hart über Mrs. L. Wie schon gesagt, ist sie zurzeit im Krankenhaus. H. machte ziemlich deutlich, dass sie sich trennen werden.«9 Der undatierte Brief, aus dem dieses Zitat entnommen ist, stammt wahrscheinlich aus dem Herbst 1925. Unklar ist allerdings, worauf sich Kirks Bemerkung über Sonias Krankenhausaufenthalt bezieht. Weder in Lovecrafts Briefen an seine Tanten noch anderswo wird ein solcher in dieser Zeit erwähnt. Auch wenn Lovecraft von einer Rückkehr nach Neuengland sprach, war fast...




