E-Book, Deutsch, Band 2, 449 Seiten
Joss Des Todes heller Klang: Ein Fall für Selkirk und Poole
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96148-987-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der zweite Fall
E-Book, Deutsch, Band 2, 449 Seiten
Reihe: Ein Fall für Selkirk und Poole
ISBN: 978-3-96148-987-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Morag Joss wuchs an der Westküste Schottlands auf und studierte an der Londoner Guildhall School of Music. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter als freie Schriftstellerin in der Nähe von Bath im Süden Englands. Dieser mondäne Kurort ist auch Schauplatz ihrer Kriminalromane. Für ihren brillanten Spannungsroman »Des Hauses Hüterin« erhielt sie den Silver Dagger Award der Crime Writers' Association. Die Website der Autorin: moragjoss.com Morag Joss veröffentlichte bei dotbooks ihren preisgekrönten psychologischen Spannungsroman »Des Hauses Hüterin«. Außerdem erscheinen bei dotbooks ihre Krimi-Reihe um Detective Inspector Andrew Poole und die Cellistin Sara Selkirk: »Der Klage dunkles Lied« »Des Todes heller Klang« »Des Grabes stumme Melodie«
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KAPITEL 3
Es hat eine gewisse Ordnung, dachte Sara, wenn eine Frau den Abend allein mit einem Drink und den drei B – Bad, Bett und Buch – verbringt. Sie hatte vergessen, oder sich vielmehr gar nicht erst gemerkt, in welchem Stockwerk des Hotels sie sich befand. Möglicherweise besaß sie sogar ein Zimmer mit Aussicht, aber die konnte bis morgen warten. Sie brauchte nicht erst auf die taghell erleuchtete nächtliche Silhouette von New York hinabzublicken, um sich wie ein kleines menschliches Licht zu fühlen, und sie bezweifelte, daß die energiespendende Ausstrahlung der quirligen Metropole die dreifach verglaste Scheibe zu durchdringen vermochte, selbst wenn sie in der Stimmung gewesen wäre, ihre innere Antenne auf Empfang zu stellen. Sie stärkte sich mit einem kräftigen Schluck Whisky. Sie wußte, es ging ihr gut, solange der Fernseher nicht lief. Erst wenn sie ihn einschaltete und einen interaktiven Dialog mit ihm zu führen versuchte, war das ein sicheres Anzeichen dafür, daß sie sich einsam fühlte.
Sie hatte die Nase gestrichen voll von Hotels. Sie hatte es satt, viel zu große Räume zu betreten, hatte es satt, Ma'am genannt zu werden, sich mit strahlendem Lächeln bedanken und jemandem Trinkgeld geben zu müssen, der sich mit ihrem Gepäck abplagte. Vor allem aber hatte sie es satt, nachdem die Tür geschlossen war, wieder mit den furnierten Oberflächen der Möbel allein zu sein, die von tüchtigen Zimmermädchen auf Hochglanz poliert worden waren, und mit dem Teppichboden, in dem die Stille genauso schwer und übermäßig lastete wie in den wallenden Vorhängen und der farblich passenden Tagesdecke auf dem Bett. Es war kurz vor zehn an diesem Montagabend. Sie wartete darauf, daß die Wanne voll war, und dachte an die leere Konzerthalle in Seattle, wo sie am Samstag aufgetreten war.
Die Zuhörer, drei Stunden hinter der New Yorker Zeit zurück, würden sich nun zum Abendessen an den Tisch setzen. Oder sie lasen im Lokalblatt von Seattle die übertriebenen Lobeshymnen auf ihr Konzert und gestatteten sich, anderer Meinung als die Rezensenten zu sein: Manche Leute liebten es, aus Prinzip und mit diebischem Vergnügen, an ihrer Reputation zu kratzen (»Fanden Sie nicht auch, daß es ihrem Beethoven an Esprit mangelte?«). Aber an Beethoven gab es nichts herumzumäkeln, außer daß sie sich während der meisten Passagen hundsmiserabel gefühlt hatte, elend und wie benebelt. Erst später, nach dem erschöpfenden Geplauder, in das wohlmeinende Besucher sie an der Schwelle ihrer Garderobe verstrickt hatten, als sie mit ihrem Cellokasten, ihrem Kleid für das Konzert und der Reisetasche ins Freie zu flüchten versuchte, hatte sie der Müdigkeit und dem Anflug von Verdrossenheit nachgegeben, die sie nun spürte. Sie waren so schrecklich nett gewesen, diese Belagerer, und sie hatte sich mit ein paar auf Programmhefte gekritzelten Autogrammen und Antworten auf die vorhersehbaren Fragen freigekauft.
»Ja, es stimmt, ich fliege morgen nach New York, um mich am Montag mit Herve Enescu zu treffen. Ja, ein neues Werk für Cello, Keyboard und Percussion, der Rest kommt vom Band. O ja, eine große Herausforderung. Ja, eigens für mich komponiert – nein, ich habe ihn in Prag kennengelernt, vor ein paar Wochen. Nur eine kurze Begegnung, aber dieses Mal werden wir uns seine ursprünglichen Konzepte für das neue Stück genauer ansehen. Nein, ich habe noch nicht viele zeitgenössische Werke in meinem Repertoire. Ja, er ist in der Tat genial. Nein, ich werde meine Klassiker nicht aufgeben. Ja, schrecklich spannend. Richtig, danach werde ich nach England zurückkehren. Enescu wird später nachkommen.«
Sie war Herve in Prag begegnet, Anfang August, in der dritten Tournee-Woche. Sie hatte mit Robin, ihrem Agenten und Manager, eine geschlagene Stunde an ihrem Tisch im Old Town Square gewartet, bevor er geruhte, zu der Verabredung zum Mittagessen zu erscheinen. Im Schlepptau hatte er eine deutlich jüngere Frau, die viel Bein gezeigt, aber wenig zur verbalen Unterhaltung beigetragen hatte. Ob sie der englischen Sprache nicht mächtig war oder schlicht nichts zu sagen hatte, wurde nie klar, denn Herve ließ sie links liegen, nachdem er sie kurz vorgestellt hatte, außer wenn er sich anschickte zu rauchen. Dann fischte er eine Zigarette aus dem Päckchen, hob die Hand an die Lippen und drehte sich halb zu ihr um, die Augen unbeirrt auf die gegenüberliegende Seite des Tisches gerichtet. Sie zündete prompt und genauso unbeirrt ein Streichholz an, mit einem unterwürfigen Lächeln, das Herve geflissentlich übersah und in Sara den Wunsch weckte, ihr den Kragen umzudrehen.
»Ich habe gehört, Sie gefallen mein Werk?« war das erste, was er zu Sara sagte, die in Robins Augen die Warnung las Reiß dich zusammen. Sie widerstand der Versuchung zu antworten, ihr Werk habe ihm hoffentlich genauso gefallen, und ihm eine Entschuldigung abzuringen, weil er nicht zu ihrem Dvorák-Konzert für Cello mit den Prager Symphonikern erschienen war. Vermutlich hatte er alle Hände voll mit Miss Stummbein zu tun gehabt, überlegte Sara und fühlte sich wie eine verkniffene alte Jungfer. Sie hatte auch mit keiner Silbe erwähnt, daß sie von Robin gedrängt worden war, bei der Uraufführung des neuen Werks von Enescu mitzumachen, eine Auftragsarbeit, die ihr auf den Leib geschneidert werden sollte. (Das wird dein Image aufpeppen, und du könntest darüber nachdenken, mehr zeitgenössische Stücke in dein Programm aufzunehmen. Und vergiß nicht, er gehört zu den ganz Großen.) Es wäre ohnehin für die Katz gewesen, den Mund aufzumachen, denn der Zweck des Treffens war, soweit es Herve betraf, seinen Zuhörern Nachhilfeunterricht über seine eigene werte Person zu erteilen.
»1969 ich mache Meister in Bukarest. Für Komposition, Analyse, formalisierte Musik. Dann Köln und Darmstadt, zwei Jahre Arbeit mit Cage, Xenakis, Stockhausen und Ligeti.« Er blies eine lange, schlappe Rauchwolke über den Tisch, als wollte er unterstreichen, wie ermüdend die Anfänge waren. »Sie kennen Opus 11, Ultimatives Kosmos in auftauchendes Plasma, für neun Cellos? Ist aus diese Periode.«
Sara versuchte, mit hochgezogener Augenbraue ein O-ja-natürlich zum Ausdruck zu bringen. Herve beugte sich vor. »Sie kennen doch, oder? Mit 4170-Klangprozesse in 45 Spektralkomponenten von C-Grundakkord eingebaut – Emanation der Emanation!«
»Ähm ... o ja, das meinen Sie! Das liebe ich«, erwiderte sie und blickte ihn durchdringend an. Robins Lippen zuckten. »Zweifellos finden Sie, sozusagen als federführender Reformer der musikalischen Sprache unseres Jahrhunderts, das neue Forum für junge, begabte Komponisten in Europa ... ähm spannend«, hatte sie die Unterhaltung mit ernster Miene fortgesetzt. Robins Augen hatten sie von der anderen Tischseite angeblitzt und die Frage signalisiert, worauf sie in Dreiteufelsnamen hinauswollte. Sie trat ihm unter dem Tisch gegen das Schienbein. »Natürlich wissen wir alle, daß sich wahres Genie auch ohne einen solchen Karriere-Steigbügel durchsetzt«, fuhr sie mit einer einschmeichelnden Geste in Herves Richtung fort, »aber es stünde einem Mann mit Ihrem Format gut zu Gesicht, aufstrebende Talente zu fördern.«
Herve lächelte und wandte sich wieder mit einer Zigarette zwischen den Lippen Miss Stummbein zu. Er inhalierte einmal, dann nahm er die Zigarette aus dem Mund und fuchtelte damit herum. »Dauernd ich Mekka für Menschenmassen. Jünger, Pilger, alle strömen in mein Studio. Rat, Unterricht, ich gebe alles. Geben, geben, geben.«
Sara kramte in ihrer Handtasche und reichte ihm eine Visitenkarte. »Ich hatte gehofft, daß Sie das sagen, Meister. Diese Leute – da steht der Name und die Anschrift – brauchen jemanden, der eine Opera buffa für sie schreibt. Eine Art komische Oper, die in Bath spielt. Unter Umständen kennen Sie ja jemanden, der diesen Auftrag übernehmen würde, einer Ihrer Schüler vielleicht. Jemand, der in der Lage ist, Musik zu schreiben, die sich singen läßt, und ein paar Monate in Bath zu wohnen. Es wäre eine ehrenvolle Aufgabe, auch wenn nicht viel Geld dabei herausspringt – aber es geht ja nicht ums Geld, nicht wahr?«
Herve betrachtete mit zusammengekniffenen Augen die Visitenkarte, die sie ihm in die Hand gedrückt hatte. »Wunderbar«, sagte Sara schnell. »Ich überlasse Sie Ihnen zu treuen Händen. Vielen Dank, Herve, die Veranstalter werden Ihnen unendlich dankbar sein.« Sie nahm die Speisekarte in die Hand und sah sich mit strahlendem Lächeln am Tisch um. »Hat sonst noch jemand Hunger? Mir knurrt bereits der Magen.«
Im nachhinein mußte Robin zugeben, daß er ihre Kaltblütigkeit bewunderte. Aber sie bereitete ihm auch Kopfzerbrechen. Herve war ein Mann, den es ernst zu nehmen galt. Sollte sie sich nicht lieber ein bißchen mehr auf seine Musik konzentrieren? Sie hatte ihm hoch und heilig versprochen, aufrichtig und von ganzem Herzen zu versuchen, Herves Komposition positive Seiten abzugewinnen, ohne zuzugeben, daß es ihr gewiß leichtfallen würde. Denn es war ihr nur allzu leicht gefallen, ihn, wenn schon nicht zu mögen, so doch von seinem aufgeblähten, unwiderstehlichen Ego beeindruckt zu sein. Beeindruckt auch davon, daß er groß und im interessanten Alter um die Fünfzig war und diese schmerzlich intelligenten Augen besaß, in denen eine Mischung aus menschlicher Tragödie, Scharfsinn und sexueller Verheißung lag, die sie für ein spezifisches, unwiderstehliches Merkmal der Osteuropäer hielt. Er würde einen perfekten enteigneten Schachweltmeister mit vier Mätressen in einem Schwarzweißfilm abgeben, aber sie hatte pflichtschuldigst mit Robin darin übereingestimmt, daß Herve ein außergewöhnlicher Mann war und daß es nur an der Wirkung seines...




