E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Josten Eine redliche Lüge
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8270-8037-0
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Lakonisch, humorvoller Gegenwartsroman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-8270-8037-0
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Husch Josten, geboren 1969, studierte Geschichte und Staatsrecht in Köln und Paris. Sie volontierte und arbeitete als Journalistin in beiden Städten, bis sie Mitte der 2000er-Jahre nach London zog, wo sie als Autorin für Tageszeitungen und Magazine tätig war. 2011 debütierte sie mit dem Roman »In Sachen Joseph«, der für den aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. 2012 legte sie den vielgelobten Nachfolger »Das Glück von Frau Pfeiffer« vor und 2013 den Geschichtenband »Fragen Sie nach Fritz«. 2014 erschien »Der tadellose Herr Taft« sowie zuletzt die Romane »Hier sind Drachen« (2017) und »Land sehen« (2018) im Berlin Verlag. Jüngst wurde ihr der renommierte Literaturpreis der Konrad Adenauer Stiftung (2019) verliehen. Husch Josten lebt heute wieder in Köln.
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VIER
Sofern es ihn gibt, wollte der Zufall, dass ich an Margaux und Philippe geriet. Bei ihnen beworben hatte sich meine so impulsive wie unzuverlässige Studienfreundin Amélie, die sich im Mai während eines Videovortrags in Deano verliebte, den Referenten aus Seal Rocks, Australien, der sie am Ende des Abends für einen Surf-Sommer auf Hawaii begeistern konnte. Ob sie stattdessen wirklich zwei Monate lang in der Normandie für fremde Leute kochen und Geschirr spülen solle, dies allerdings für einen unglaublichen Lohn, fragte sie mich, und das war selbstverständlich eine rhetorische Frage. Wie würden Sie entscheiden, hätten Sie die Wahl zwischen Arbeit in der Normandie mit ihrem ozeanischen Klima, dem Wechsel von Sonne und Regen, einer sommerlichen Durchschnittstemperatur von zweiundzwanzig Grad und im Gegensatz dazu wogender Verliebtheit im flirrenden, palmblätterraschelnden Tropentraum der hawaiianischen Inseln? Mir aber kam dieser Job wie gerufen. Nichts denken. Nichts reden. Kochen. Spülen. Putzen. Aufräumen. Den Kopf frei machen. Später habe ich gegrübelt, ob es Zufall oder eine durch mysteriöse Vorsehung inszenierte Ereigniskette war, die mich an Amélies Stelle in die Domaine geführt hatte, aber freilich führte alles Nachdenken darüber nirgendwohin. Sie wissen so gut wie ich, dass Zufälle Begleiter unseres Seins sind. Es gibt nichts, das nicht zufällige Elemente in sich trägt, und vielleicht ist es nur unsere Aufmerksamkeit, die ein Ereignis zur Fügung erhebt; möglicherweise sind es nur unsere Pläne, die den Zufall so wirkmächtig erscheinen lassen, weil er sie in kaltblütiger Gleichgültigkeit durchkreuzt. Eine andere Frage beanspruchte meine Gedanken daher bald mehr. Und zwar ob Amélie, wäre sie statt meiner in der Normandie gewesen, dasselbe erlebt oder ob für sie alles einen anderen Gang genommen hätte. Ob wir Anwesenden in rätselhafter Wechselwirkung das Geschehen verursacht hatten oder das Geschehen seinem undurchsichtigen Gesetz der Teilnahmslosigkeit gefolgt war. Sie werden lachen: Ich weiß es bis heute nicht. Natürlich nicht. Und ich nehme an, dass Ihnen schon die Frage müßig erscheint. Für mich war sie es nie.
Die Küche, sozusagen die Zentrale der Domaine de Tourgéville, teilte ich in den ersten Tagen mit einer Fliege, die ich Thusnelda taufte. Sooft ich ihr den Weg in die Freiheit wies, so oft verweigerte sie ihn oder nahm ihn aus Dummheit nicht. Sie zog ihre Kreise durchs Haus, diesen Bau so rund wie eine Burg, brauste dumpf an den vier Fenstern der Küche entlang, schlug sich die Nase an der Scheibe (ich habe es tatsächlich nie nachgelesen: Haben Fliegen eine Nase?), setzte sich wie benommen ab, holte Luft (wie also atmen Fliegen?), krabbelte ratlos ein Stück über das Glas und brauste weiter. Sie landete sogar dann wieder am Küchenfenster, wenn sie zwischenzeitlich das gesamte Erdgeschoss durchflogen hatte: von der Küche ins Esszimmer ins Wohnzimmer ins Kaminzimmer in die Bibliothek, zur Haustür und wieder in die Küche. Zimmer nenne ich sie … tatsächlich war all das ein einziger Raum. Sie müssen sich die Domaine vorstellen, wie sie damals war. Es gab keine Wände zwischen den Bereichen. Das runde Haus war dem Stil der Normandie verpflichtet: wettergegerbtes Holz, heller Stein, Fachwerk im Obergeschoss, bodentiefe Fenster im Erdgeschoss, rotbraune Terrakotta-Schindeln auf dem Dach. In der Mitte des Hauses ein Swimmingpool, nach oben offen, der wie ein Schwimmreifen einen in seinem Zentrum gelegenen Turm umschloss. Von den glasummantelten Räumen im Erdgeschoss, die mit Sandstein ausgelegt waren, war der Pool durch eine flache Mauer und wiederum große Fenster getrennt. Alle Wohnbereiche der Domaine schauten so einerseits in die Landschaft, andererseits auf den Pool, der mich, abends beleuchtet, an einen überdimensionalen tiefblauen Donut erinnerte. In seiner Mitte, dem überdachten Turm und kleinsten Rund des Hauses, befand sich die Wendeltreppe zum oberen Stockwerk. Ein gewölbter Brückengang führte unten über das Wasser in den Turm und ein zweiter oben wieder in einen Flur, von dem rundherum die Schlafräume und Bäder abgingen. Seufzerbrücke nannte Margaux diesen Übergang, denn nach den ausgelassenen Essen und Festen, von denen sie und ihr Mann mindestens zwei pro Woche ausrichteten und von denen ich nur die schildern werde, die aufgrund der Gäste und Gesprächsthemen mit dem Ende jenes Sommers zu tun haben, empfand sie es als traurig, im nun wieder stillen Haus zu Bett zu gehen. Übrigens sei schon hier erwähnt, dass Sie sich die Namen all der Besucher, von denen ich später erzählen werde, keineswegs merken müssen. Es wären allzu viele. Die wenigen Personen von Bedeutung für meine Geschichte werden Sie sofort erkennen.
Mein Zimmer, das direkt über der Haustür lag, befand sich neben dem von Margaux und war eingerichtet wie jeder der anderen sechs Schlafräume im Haus: ein rundes, weißes Bett, das mich in den ersten Nächten unbeholfen liegen ließ, ein weißer Sessel, ein Tischchen aus Birkenholz, eine Sitzbank unterm Fenster, von der aus ich über die Wiese bis zum Meer blicken konnte. Dazu ein kleines Bad mit eingebautem Kleiderschrank, ein Waschtisch aus Holz, eine – natürlich – runde Badewanne, eine Toilette unter einem der Dachbalken. Wenn ich nach dem Aufräumen spät nach oben kam, sah ich durch den Türschlitz meist noch Licht in Margaux’ Zimmer, in dem Philippe, soweit ich es beurteilen konnte, nur ab und zu mit übernachtete. Oft erkannte ich das Flimmern des Fernsehers, manchmal hörte ich sie baden oder leise telefonieren. Trotzdem war Margaux morgens die Erste, die in Shorts und Hemd unten auf dem großen, mit einem mir nie zuvor untergekommenen weißen Kunstfellsamt bezogenen Sofa saß, Kaffee trank und Zeitung las. Kam ich dazu, stand sie auf und machte mir Kaffee. Wir saßen zusammen im Wohnbereich, an kühleren Morgen vor dem Kamin, besprachen den Tag und die anstehenden Arbeiten im Haus, an dem ich mich zwar nicht sattsehen konnte, das mir bei aller Offenheit aber verschlossen blieb. In ihrer Perfektion und Glätte wirkte die Domaine wie das Werk eines viel gebuchten Innendekorateurs oder wie eine Galerie. Museal wäre allerdings der falsche Begriff, zumal die Bilder an den Wänden weniger künstlerischen als dekorativen Anspruch hatten, so kostbar die Originale Vassilieffs vermutlich waren: Rötelzeichnungen gefeierter Filmdiven von Greta Garbo bis Jean Harlow, die lasziv und großformatig auf ihre Betrachter herabschauten. Als Margaux einmal meinen Blick auf Marlene Dietrich bemerkte, erklärte sie, Philippe und sie hätten das Haus vom Vorbesitzer und Erbauer, einem Regisseur, gekauft, wie es war, und so gut wie nichts verändert. Sicher: Es hätte mich stutzig machen müssen. Damals aber kam mir nicht in den Sinn, wie vollständig man in einem fremden Leben verschwinden kann. Damals hielt ich ihre Erklärung für charmant und unkompliziert: wie nett, die Bilder als Hommage an den Bauherrn an ihrem Platz zu lassen. Und wie unerheblich war es, dachte ich, was in einem solch besonderen Haus an den Wänden hing. Einladend, freundlich, wehrhaft lag diese Festung auf einer großen Wiese, schaute in den Wald, auf Felder, einen kleinen Teich, Spazierwege, das Meer. Zu jeder Tageszeit genoss ein anderer Bereich des Hauses das schönste Licht. Alles, selbst die Zeit, schien im Rund der Domaine in einen fließenden Zustand zu geraten, das Thusnelda sich zu ihrem Ausflugsterrain erwählt hatte: ein barrierefreies Flugfeld für unentschlossene Fliegen wie sie. Fett war sie. Schwarz. Flink. Nach acht Tagen lag sie tot in der Spüle, eines natürlichen Todes gestorben.
Und dann kam Sébastien. Autor. Im Brotberuf Kanzleiassistent eines gehbehinderten Rechtsanwalts in Paris. Zwanzig Stunden pro Woche. Als Gegenleistung durfte er im Apartmenthaus des Anwalts unterm Dach ein Zimmerchen bewohnen, das ich mir, es lag angesichts dieser wenigen Eckdaten und auch Sébastiens nachlässiger Kleidung wegen allzu nahe, als schäbige Abstellkammer mit Blumentapete und braunen Wasserflecken ums Fenster herum vorstellte. Wie er Margaux und Philippe kennengelernt hatte, erzählte er nicht. Wohl aber, dass er die beiden nur flüchtig kannte, sie ihm trotzdem zu seinem Erstaunen großherzig zwei Wochen Schreiburlaub angeboten hatten, damit er ungestört in schöner, ruhiger Umgebung Inspiration finden konnte. Sébastien, ein nicht allzu großer, bärtiger Mann von circa dreißig Jahren und einer unerträglichen Ernsthaftigkeit, mit schwarzem, dichtem Haar und dunklen Augen, immer in aufgekrempelten, ungebügelten Hosen und ausgeleierten Shirts, hatte eine höfliche, zugleich verlegen-überhebliche Attitüde, mit der er der Welt zu verstehen geben wollte, dass er mit seiner Geistesarbeit über den Dingen stand, während er in seiner zweiten Nacht in der Domaine völlig unvermittelt vor meinem Bett auftauchte, nichts sagte und wir übereinander herfielen, als hätten wir jahrelang auf diesen Moment gewartet. Ich hatte mir nicht vorgestellt, wie es sein würde. Zwischen uns hatte es keine Phase der Anbahnung gegeben, während derer man sich ausmalt, was passieren und wie es sich anfühlen könnte. Er überraschte mich also. Mit seinem Duft, seinem schmalen, kräftigen, muskulösen Körper sowie der Gleichzeitigkeit von Bestimmtheit und Zartheit in seinen Bewegungen. Es passierte alles so selbstverständlich wie das angenehme Gespräch mit dem Sitznachbarn im Zug. Als ich ihm am darauffolgenden Mittag das Frühstück aufs Zimmer brachte (ein Sandwich mit Wurst und Remoulade, ein hart gekochtes Ei, Café au Lait), sah er mich lange an, bedankte sich fürs Essen und versank wieder in seine Arbeit, was ich wunderbar fand. Es gab nichts zu sagen, und so behielten wir unser schnörkelloses Ritual für den Rest seines...




