E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Josten In Sachen Joseph
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-492-97893-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-492-97893-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Husch Josten, geboren 1969, studierte Geschichte und Staatsrecht in Köln und Paris. Sie volontierte und arbeitete als Journalistin in beiden Städten, bis sie Mitte der 2000er-Jahre nach London zog, wo sie als Autorin für Tageszeitungen und Magazine tätig war. 2011 debütierte sie mit dem Roman »In Sachen Joseph«, der für den aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. 2012 legte sie den vielgelobten Nachfolger »Das Glück von Frau Pfeiffer« vor und 2013 den Geschichtenband »Fragen Sie nach Fritz«. 2014 erschien »Der tadellose Herr Taft« sowie zuletzt die Romane »Hier sind Drachen« (2017) und »Land sehen« (2018) im Berlin Verlag. Jüngst wurde ihr der renommierte Literaturpreis der Konrad Adenauer Stiftung (2019) verliehen. Husch Josten lebt heute wieder in Köln.
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Gegen Mittag
Der Traumdeuter, dreieinhalb Stunden später, ist von hünenhafter Statur und hat einen runden Kopf mit grauem, schulterlangem Haar zwischen schweren Schultern. In seinen Ohren stecken kaum sichtbare Hörgeräte. Am Ringfinger seiner rechten Hand ein breiter Goldring mit Gravuren; es ist nicht zu erkennen, ob es sich um römische Ziffern oder Runen handelt. Seine Fingernägel sind gepflegt und transparent lackiert, seine Hände die eines Schreibtischarbeiters. »Zum Beispiel …«, sagt er mit alemannischem Akzent und ausgefranster Stimme, obwohl ein Exempel derzeit nichts statuiert; eine Unterhaltung hat es noch nicht gegeben. Pause. Seine Worte als Ankündigung in der Luft, lehnt sich Kurt Fitzsimmons im Sessel zurück. Es ist ein kirschhölzerner Biedermeiersessel, das Polster mit schwarzer Taftseide bezogen. Seine Augen nicht dumm. Braun und bestechend. Über seinem schnurgeraden Mund – einer wie mit dem Lineal gezogenen, intensiven Horizontalen – liegt ein grauer Schnäuzer, gekämmt und unvergilbt. Kurt Fitzsimmons trägt ein blauweißes Blockstreifenhemd, einen tiefblauen Anzug und ein blaugelb-rotes Seidenhalstuch. Er hat nichts von einem Jahrmarktwahrsager, auch nichts von den Fernsehzeitungsastrologen, deren Foto auf der letzten Seite mitten in den Horoskopen abgedruckt ist. Gesicht und Gehabe erinnern eher an verarmten Landadel beim Wochenendeinkauf im Dorf. Besonderes Augenmerk auf ihn sein Selbstverständnis seit Generationen. Man hat ihn schon erwartet und seine Waren bereitgelegt. Seit Jahren das Gleiche: Milch, Butter, Klopapier. Keine Überraschungen. Er schreibt an und zahlt am Monatsende. Helen ist klar, dass sie Fitzsimmons keine Geschichte erzählen kann, die er nicht schon kennt. Was sie auch sagt: Er wird dergleichen schon gehört haben. Natürlich.
»Zum Beispiel kam einmal eine Frau«, fährt er fort, zuversichtlich, derart Helens Vertrauen zu gewinnen, »lange her ist das und sie saß auf dem Platz, auf dem Sie jetzt sitzen. Geträumt hat sie, in einem schwarzen Tauchanzug auf dem Boden eines Sees zu sitzen und von unten zu sehen, wie oben, über ihr, ein Kind ertränkt wurde.« Fitzsimmons kommt ihr vor wie ein Schweizer Großgrundbesitzer im gemachten Nest, der sich aus Langeweile in seinem alpenfreien Exil einen Spaß mit seiner Klientel erlaubt. Helen kann es ihm nicht verdenken. Fizzy fun, ein bisschen Grusel gegen Geld. Zum Weitererzählen. Ihr Part ist weitaus bedenklicher.
Sie weiß, wohin ein Buch gehört. Sie kategorisiert es, versieht es mit einer Signatur, bestimmt den Platz im Regal und die Links für die Internetrecherche. Es ist die Basis ihres Jobs, und mit Menschen verhält es sich nicht anders als mit Büchern. In welchem Kontext sie stehen, hat Bedeutung – Fitzsimmons’ Regal ist selbsterklärend. Aber Helen ist angeschlagen. Angegriffener von den nächtlichen Bildern, als ihr nachvollziehbar erscheint. »Meine Klientin tauchte auf«, fährt Fitzsimmons mit seinem Märchen fort. »Das tote Kind lag am Seeufer, sie deckte es zu mit Blättern und lief durch einen dunklen Park ins Haus, in dem sie den Mörder vermutete. Den Mörder wollte sie sehen. Im Haus alle Fenster offen, wehende Gardinen, Sie verstehen, das ganze Filmszenario. Sie läuft die Treppe des Palastes hoch …« – An dieser Stelle zweifellos freie Improvisation – »… und die verwandelt sich, während sie läuft, in die Treppe ihres Elternhauses. Verfremdet, aber erkennbar.« Wieder Pause. Gekonnt gesetzt, das muss Helen zugeben. Und dass er ihr ausgerechnet mit elterlichen Treppenhäusern kommt, ist unverschämt. Treppenhäuser kamen in nahezu allen Schreckensträumen vor. Aber Helen hört weiter zu, sich ihres desperaten Verlangens bewusst, zwischen den Zeilen Neues auszumachen. »Fürchterliches gab es an diesem Traum, in der Tat.« Fürchterliches klingt mit seinem Akzent recht fröhlich. »Zuvorderst die präzise Erinnerung meiner Klientin an jedes Detail noch Stunden nach dem Aufstehen. Sehr ungewöhnlich war das. Doch war ihr der Traum durch Mark und Bein gegangen. Eingebrannt hatte er sich regelrecht. Daher fürchtete die Klientin, es handele sich um eine Weissagung – für ihr eigenes Kind.«
Dass sie derart labiler, beklagenswerter Verfassung ist, sitzenzubleiben und dergleichen anzuhören, entbehrt vernünftiger Erklärungen und beschämt Helen. Sie versteht die Systematik seines Vorgehens und kennt die Belege seiner Gedanken. Daran ist nichts auszusetzen bislang, aber mehr ist freilich nicht zu erwarten. Die Angelegenheit, der Inhalt ihres Traumes, ist landläufig – typisch, in Freuds Worten –, der Rede nicht wert. Herrgott, als wüsste sie das nicht. Die Träume vom Tod teurer Personen. (Freud, Sigmund: »Die Traumdeutung«; Kapitel V, Abschnitt D unter ß. Inventarnummer KAM Di 7 1976 B.) »Kaum imstande war die Klientin, mir den Traum zu erzählen. Nicht aussprechen konnte sie es, so sehr fürchtete sie, ihr Traum würde wahr, wenn sie ihn laut wiedergäbe. Unsinn war das natürlich.« Fitzsimmons zieht den goldenen Ring mit den Runen auf den anderen Zeigefinger. Dann wieder zurück. »Ein Traum ist nicht deutbar als Ganzes, sein Inhalt lässt sich nicht gegen einen analogen, verständlichen eintauschen beziehungsweise in Einzelteile zerlegen und dann nach einem geheimen Schlüssel Begriff um Begriff erklären. Erklärbar wird ein Traum allein aus Lebensumständen und psychischer Verfassung des Träumers. Verworren bleibt manches. Ich erzähle Ihnen das, Helen, damit Sie den Mut finden, mir von Ihrem Traum zu erzählen. Fassen Sie sich ein Herz; nichts ist in der Wirklichkeit so schrecklich, wie es sich im Traum verkleidet hat. Ich warte gern, bis Sie so weit sind. So lange, wie es sein muss.«
Sie sitzen im zweiten Stock eines gelben Zuckerbäckerhauses in der Fußgängerzone und Fitzsimmons sagt nichts, das ihr neu wäre. Aber Helen ist bereit, Zwischentöne zu suchen. Heute. Einen Hinweis. Eine revolutionäre Interpretation vom Traumtod teurer Personen; etwas, das ein wenig Aufruhr in die Freud-Forschung brächte. Das Zimmer ist licht, klar, aufgeräumt. Wenig Möbel: die obligate schwarze Ledercouch, ein runder, weißer Tisch mit vier Thonet-Stühlen, neben der Tür ein Sideboard mit Wasserkaraffe und vier Gläsern. Der Biedermeiersessel, in dem er sitzt. Ein baugleiches Modell, in dem Helen sitzt. Dann und wann knackt das helle Parkett unterm Sonnenlicht, Helen vermutet Birke oder geweißte Eiche. Durchs Fenster Kaffeegeruch aus der altmodischen Rösterei im Erdgeschoss, wo es neben Kaffeebohnen auch allerlei Backwaren und Schokoladen zu kaufen gibt. Ein Mondrian an der Wand, darunter ein halbhohes Bücherregal aus weißem Lack über die gesamte Wandlänge. Allerlei unverfängliche Bildbände in Sichtweite, ein paar Reiseführer nebst Frisch und Roth (Philip). Der Traumdeuter, alterslos zwischen sechzig und fünfundsiebzig, ist jetzt, nach seinem kurzen Vortrag, wieder ganz ohne Eile. Seine großen, schwerhörigen Ohren kommen ihr angeklebt vor, als würden sie nicht zum Schädel gehören. Er sitzt entspannt im Gutsherrenfauteuil. Wartet, dass Helen die Schilderung ihres Traums beginnt. Dabei, er kann das nicht wissen, geht es nicht um Mut. Ihr Traum ist selbstverständlich allein durch die Verkettung sämtlicher Umstände der letzten Tage zustande gekommen. Kinderzimmer. Küche. Alte Muster. Ergebnis einer Zeitreise durch Rituale, Edelstahlspülen und Samtsofas. Nicht erstaunlich. Nichts als der schlichte Beweis, dass die eigene Vergangenheit jedem zu mindestens einem Alptraum gereicht.
Doch dass Joseph im Sarg liegt – zweimal hintereinander Joseph im Sarg liegt –, bleibt beängstigend. Ein Fingerzeig.
Und überhaupt hat Melanie es geschickt angefangen mit Fitzsimmons. Nachdem sie sich mit den Kollegen aus der Museumsbibliothek weidlich an Helens neuem Verehrer abgearbeitet hat, an dessen Eierschlacht im Fernsehen und seiner Hymne auf die schöne Helena, am Screenshot seiner Sendung in der Morgenzeitung und der Überschrift Man nehme Helen; nachdem sie alle ihrer Chefin also keine Möglichkeit gelassen haben, Pacos Schau als zufällige Namensgleichheit darzustellen, kam Melanie in Helens Büro. So blass bist du nicht wegen des kleinen Dampfgarers. Doch war Melanie mit ihren überspannten Gefühlen für Joseph die falsche Adressatin für Helens Traum. Hätte Helen Einzelheiten geschildert, gar Josephs Tod erwähnt, wären die Folgen weitreichend und von unabsehbarer Aufregung gewesen. Folglich beließ sie es bei Stichworten zu ihrem desolaten Zustand, von denen das Wort Alptraum eines war. Und darauf rutschte – erstaunlich, was Menschen in ihren Taschen bevorraten, was sie tagein, tagaus mit sich herumtragen – die Visitenkarte auf Helens Schreibtisch: Kurt Fitzsimmons. Psychotherapie. Traumdeutung.
Zuerst hatte Helen abgewinkt. So beunruhigend sei der Traum auch wieder nicht gewesen. Und davon war sie am Morgen auch überzeugt gewesen: dass seine Wiederholung lediglich Ergebnis des ersten Schreckens war. Doch waren ihr bei der Zubereitung des Frühstücks zunehmend Zweifel gekommen, sodass ein Anruf bei Joseph schließlich unvermeidlich war.
»Guten Morgen! Hast du dir gestern Abend deinen Sohn angesehen?«
»Mit großem Vergnügen! Guten Morgen, Liebe! Was macht dein Vater? Ich habe dich gestern Abend sofort angerufen, aber du hast nicht abgenommen. Kein Wunder – dein Menelaos hat ja auch wunderbar aufgedreht, wie hättest du dich losreißen können? Ich habe mich prächtig amüsiert.«
»Freut mich.«
»Wo bleibt dein Humor, schöne Helena? Komm schon: Seine Griechen-Interpretation fürs Kochfernsehen war nicht ohne Witz.«
»Ich hoffe, du hast erkannt, wie ähnlich er dir ist.«
»Das ist eine Beleidigung, Helen....




